Foxconn übernimmt Sharp für 5,66 Milliarden Euro

Der Kaufpreis liegt knapp eine Milliarde über dem im Januar kolportierten Wert. Sharps Aufsichtsrat hat dem Angebot bereits zugestimmt. Laut Wall Street Journal gibt es aber noch Unklarheiten über eine erst kürzlich aufgetauchte Liste mit möglichen Kosten aus ungeklärten Rechtsstreitigkeiten.

Hon Hai Precision Industry, besser bekannt unter seiner Marke Foxconn, will den japanischen Elektronikkonzern Sharp für 700 Milliarden Yen (5,66 Milliarden Euro) übernehmen. Damit liegt der Kaufpreis knapp eine Milliarde über dem im Januar kolportiertem Wert. Der Aufsichtsrat von Sharp hat dem Angebot des taiwanischen Unternehmens bereits zugestimmt, wie Nikkei.com berichtet.

Laut Wall Street Journal hat Foxconn die Übernahmevereinbarung jedoch noch nicht unterzeichnet, weil jüngst eine Liste mit möglichen Kosten aus ungeklärten Rechtsstreitigkeiten aufgetaucht ist. Die Verbindlichkeiten sollen sich auf insgesamt 350 Milliarden Yen summieren. Dass der Deal aufrund dessen noch platzt, erscheint aber unwahrscheinlich, weil sich beide Firmen bereits weitgehend geeinigt haben. Vermutlich hängt er nun nur noch an einigen Modalitäten und der Höhe der Zahlungen. Außerdem könnte der von einem Betrugsversuch nur schwer zu unterscheidende Fauxpas einige Sharp-Manager ihren Posten kosten.

Foxconn will Sharp kaufen (Bild: Foxconn/Sharp).Sollte der Kauf wie geplant über die Bühne gehen, müssen Versuche der von der japanischen Regierung unterstützten Innovation Network Corp of Japan als gescheitert betrachtet werden, Sharp durch eine Finanzspritze in Höhe von 300 Milliarden Yen und Kreditzusagen in Höhe von weiteren 200 Milliarden Yen zu sanieren. Die Bemühungen sollten verhindern, dass ein ausländisches Unternehmen die Kontrolle über einen der großen japanischen Elektronikkonzerne und dessen geistiges Eigentum übernehmen kann. Foxconn hatte bereits 2012 einmal offiziell Interesse an Sharp bekundet. Damals scheiterten die Gespräche aber an unterschiedlichen Vorstellungen über die Zusammensetzung der Führungsebene.

Seitdem hat sich allerdings die Verhandlungsposition für die Japaner deutlich verschlechtert. Die seitdem aufgehäufte Gesamtverschuldung des Konzerns liegt inzwischen bei über 800 Milliarden Yen. Sie ist auf die schlechten Geschäfte von Sharp in den vergangenen vier Jahren zurückzuführen, in denen das Unternehmen Verluste von insgesamt rund 1,1 Billionen Yen geschrieben und dadurch auch seine zuvor vorhandenen Barreserven aufgebraucht hat. Die Schuld an der Misere geben Beobachter der immer stärker werdenden Konkurrenz aus China und Südkorea.

Tatsächlich dürfte der Grund aber Sharps Unfähigkeit sein, angemessen darauf zu reagieren. Das räumt das Unternehmen inzwischen teilweise auch selbst ein. Es spricht unter anderem von fehlenden Restrukturierungsmaßnahmen und mangelndem Anpassungsvermögen an sich rasch wechselnde Marktgegebenheiten insbesondere beim LCD-TV-Geschäft in Amerika, führt aber auch den Preisverfall und die stagnierende Nachfrage im Solargeschäft als Begründung an.

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Für Foxconnn ist die Übernahme ein wichtiger Erfolg. Das als Auftragsfertiger für Firmen wie Apple und HP groß gewordenen Unternehmen bemüht sich schon seit Jahren, sich zu einem breiter aufgestellten Konzern weiterzuentwickeln. Sharp passt gut zu Foxconn, da es nicht nur Fernseher, Drucker, Küchengeräte und Kassensysteme entwickelt und fertigt, sondern auch zu den wichtigsten Herstellern von Displays für Smartphones und Tablets zählt. Insbesondere an diesem Bereich soll Foxconn Beobachtern zufolge interessiert sein, könnte es damit doch Kunden wie Apple, Amazon und Xiaomi eine größere Fertigungstiefe anbieten.

Sharp-Gründer Tokuji Hayakawa (rechts) beim Test von Radiogeräten Mitte der Zwanziger Jahre. Der Erfinder hatte zuvor einen stets scharfen mechanischen Stift (daher der Firmenname Sharp) entwickelt und auf den Markt gebracht, ehe er das Geschäft als erster Anbieter von Radios in Japan auf den Elektronikbereich ausweitete (Bild: Sharp).Sharp-Gründer Tokuji Hayakawa (rechts) beim Test von Radiogeräten Mitte der Zwanziger Jahre. Der Erfinder hatte zuvor einen stets scharfen mechanischen Stift (daher der Firmenname Sharp) entwickelt und auf den Markt gebracht, ehe er das Geschäft als erster Anbieter von Radios in Japan auf den Elektronikbereich ausweitete (Bild: Sharp).Know-how und Technologie von Sharp in diesem Bereich wird voraussichtlich in zwei Foxconn-Werke in Zhengzhou in Mittel-China beziehungsweise Guizhou in Südwest-China einfließen. Sie werden derzeit geplant beziehungsweise eingerichtet und sollen 2018 respektive 2017 mit der Serienproduktion kleiner und mittelgroßer LCD-Panel mit LTPS-Technologie (Low Temperature Polysilicon) beginnen. Diese Technik benötigt weniger Energie, bietet aber bessere Auflösung und mehr Farbbrillianz als TFT-LCDs.

Allerdings will sich Foxconn offenbar nicht nur die für es selbst wertvollsten Rosinen herauspicken und den Rest von Sharp abwickeln. Stattdessen hat es sich mit dem Sharp-Management bereits auf Pläne für eine Neuorganisation (PDF) auch anderer Bereiche geeinigt. Neben Investitionen von 200 Milliarden Yen in Serienfertigung und Vermarktung von OLED-Produkten sowie 100 Milliarden Yen für Forschung und Entwicklung bei der Display-Sparte sind weitere 4,5 Milliarden Yen für die Weiterentwicklung von Dies und Formen im Bereich Unterhaltungselektronik und IoT-Geräte sowie 12 Milliarden Yen für Verbesserungen in der Produktion bei Sharps Geschäft im Segment Automotive und Internet der Dinge eingeplant.

Nochmals 50 Milliarden Yen sollen aufgewendet werden, um das Geschäft mit Druckern, insbesondere Multifunktionsgeräten, wieder anzuschieben. Diesbezüglich ist aber vor allem der Ausbau von Vertrieb und Lösungsgeschäft anvisiert. Außerdem soll von dem Betrag ein Teil in zukunftsträchtige Geschäftsfelder wie Robotik gesteckt werden. Möglicherweise stellt Sharp aber das Geschäft – zumindest mit einzelnen Produktkategorien – in Europa noch einmal auf den Prüfstand. Die gut 32 Milliarden Yen, die für Werbung und Verbesserung der Markenbekanntheit eingeplant sind, sollen nämlich schwerpunktmäßig in Japan, China und weiteren asiatischen Ländern investiert werden.

[mit Material von Peter Marwan, ITespresso.de]

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