E-Mail-Dienst läuft aus: die Auswirkungen auf Ciscos Collaboration-Strategie

Cisco will seinen Cloud-E-Mail-Dienst nicht länger anbieten und überlässt IBM, Google und Microsoft das Feld. Kunden sähen E-Mail als frei verfügbares Tool und nicht als Element ihrer Kollaborationsstrategie. Die anderen Anbieter behaupten jedoch das Gegenteil.

Verantwortliche für IT-Infrastruktur und IT-Betrieb zeigen in Umfragen regelmäßig ein enormes Interesse an Möglichkeiten, die Cloud zu nutzen, um Angestellten E-Mail und Kollaborationsdienste zur Verfügung zu stellen. Bei einer kürzlich durchgeführten Forrester-Studie gaben beispielsweise fast die Hälfte der Befragten an, E-Mail ausgelagert zu haben oder dies zu planen. Die Gründe sind einfach: In der Regel sind Cloud-Lösungen deutlich günstiger und bieten eine größere Flexibilität. Außerdem ist E-Mail – obwohl es für Nutzer eine Alltagstechnologie ist – für Administration und Support in Firmen immer noch eine aufwändige und teilweise knifflige Sache.

Dominiert wird der Markt bislang von vier großen Anbietern: Cisco, Google, IBM und Microsoft. Jetzt hat Cisco beschlossen, sich allmählich aus dem Geschäft mit E-Mail zurückzuziehen. Cisco Mail war früher WebEx Mail. Davor wurde der Dienst von PostPath betrieben, ein Unternehmen, das Cisco 2008 mit der Absicht übernommen hat, den erfolgreichen WebEx-Service zu vervollständigen. Was ist passiert? Warum wird das Engagement für den Dienst zu einem Zeitpunkt beendet, an dem alle Welt von der Cloud und ihren Vorteilen spricht?

Im vergangenen Jahr hat Cisco die wichtigsten Vorteile einer vernetzten Kollaboration aus Sicht deutscher Anwender ermittelt (Grafik: Cisco).
Im vergangenen Jahr hat Cisco die wichtigsten Argumente für vernetzte Kollaboration aus Sicht deutscher Anwender ermittelt (Grafik: Cisco).

Die Erklärung, die Debra Chrapaty, Senior Vice President und General Manager der Collaboration Software Group, in einem Blogeintrag gibt, ist mager: Kunden sähen E-Mail als ausgereiftes und frei verfügbares Tool – und nicht als festes Element ihrer Kollaborationsstrategie. Da hört man von anderen Anbietern genau das Gegenteil. Sie propagieren gerade die Einbindung von E-Mail in andere Werkzeuge als Trend der Zukunft. Die Forrester-Analysten TJ Keitt, Ted Schadler, und Art Schoeller und Chris Voce geben sich mit der Erklärung daher auch nicht zufrieden. Sie vermuten andere Hintergründe.

Schwierige Ausgangslage

Cisco ist zu einem Zeitpunkt in den Wettbewerb eingestiegen, als IBM, Google und Microsoft sich bis aufs Messer bekämpften. Ursprünglich richtete sich Cisco mit seinem Angebot an kleine und mittelständische Unternehmen, bei denen weltweit gesehen Microsoft sehr erfolgreich war und Google sich als beliebte Alternative etablierte. Außerdem gibt es eine ganze Reihe lokaler Anbieter mit sehr gutem Zugang zu dieser Kundengruppe.

Viele Kunden standen bereits in Beziehung zu einem Anbieter, wodurch einerseits technische Abhängigkeiten existierten, andererseits aber auch Möglichkeiten, im Vertrieb durch attraktive Bundles die Preise für den E-Mail-Dienst zu reduzieren oder zumindest zu verschleiern. All das machte es für einen neuen Anbieter außerordentlich schwierig, Terrain zu gewinnen. Auch die Möglichkeit, Microsoft Outlook zu integrieren, um eine „Exchange-ähnliche“ Nutzung zu bieten, half da nicht viel.

Für Cisco erfolgreichere Segmente

Der Ausstieg aus dem E-Mail-Dienst wirft auch Fragen nach der Zukunft der anderen Kollaborationsangebote von Cisco auf. Das Unternehmen übernahm 2007 mit WebEx den Marktführer bei Online-Konferenzen. Mit der der Entwicklung sogenannter Telepresence-Lösungen und der milliardenschweren Übernahme von Tandberg verschaffte sich der Netzwerkausrüster eine hervorragende Position, um im Videokonferenzbereich eine führende Rolle zu spielen. Cisco hat alle Komponenten und Möglichkeiten durchgängige Lösungen vom Desktop bis zu den Highend-Konferenzsystemen anzubieten – am besten natürlich alles mittels Routern und Switches von Cisco vernetzt.

Andere Kollaborationswerkzeuge, etwa Online-Team-Arbeitsplätze, Social-Software-Plattformen und Instant-Messaging-Apps sind dagegen ein komplett anderes Feld. Sie haben nicht denselben Alltagsstatus wie E-Mail erreicht, werden aber von den großen Anbietern gut abgedeckt – die damit auch schon jahrelange Erfahrung haben. Cisco hat zwar den Instant-Messaging-Anbieter Jabber übernommen und die Arbeit an der Kollaborationsplattform Quad nahezu abgeschlossen, aber vergleichbare Ergebnisse, wie sie bei Web- und Videokonferenzen erreicht wurden, stehen noch aus.

Fazit

Auch wenn man 215 Millionen Dollar auf den Tisch blättert, wie Cisco das für PostPath getan hat, ist der Erfolg nicht garantiert – vor allem nicht, in einem so umkämpften und dicht besetzten Marktsegment. Andererseits ist der Misserfolg für Cisco sicher ärgerlich, richtig weh tut er dem Konzern angesichts mehrerer Milliarden an Barreserven jedoch sicherlich nicht.
Für Firmen, die prüfen, welche Optionen sie zur Umsetzung ihrer Pläne bei Unified Communications haben, wirft das langsame Ende von Cisco Mail zwar einige Fragen auf – ist aber kein Ausschlußkriterium. Kunden, die über die Unified-Messaging-Lösung Cisco Unity nachdenken, empfehlen die Forrester-Analysten parallel dazu den Einsatz von Exchange oder anderen Angeboten zu prüfen, etwa Avaya Modular Messaging.

Themenseiten: Analysen & Kommentare, Cisco, E-Mail, IT-Business, Messenger, Mittelstand

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