„Open Source und Virtualisierung gehen Hand in Hand“

Horst Bräuner, CIO der Stadt Schwäbisch Hall, hat die komplette Verwaltungs-IT mit mehreren Hundert angeschlossenen Mitarbeitern auf eine Open-Source-Basis gestellt. Neueste Virtualisierungstechnologien helfen ihm, selbstgestrickte Fachanwendungen in die neue Umgebung zu überführen. Die Probleme dabei waren eher psychologischer Natur.


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Herr Bräuner, Sie sind CIO der Stadt Schwäbisch Hall und als solcher tatsächlich sehr innovativ: Sie haben die komplette IT der Stadt auf Linux beziehungsweise Open Source migriert. Wie sah die IT-Infrastruktur denn davor aus?

Ich begleite die IT der Stadt Schwäbisch Hall bereits seit 1987 oder 1988. Damals gab es einen PC – das war meiner. Wir haben dann die klassische Entwicklung durchgemacht: Irgendwann kam das Netzwerk, flächendeckend PCs und alles Mögliche, was so mit der Zeit empfohlen wurde.

Der Dreh hin zu Open Source passierte 1996 oder 1997, als wir in der EDV mit Linux in Berührung kamen. Ich hab das serverseitig eingesetzt. Als dann unsere Gewerbesteuer einbrach, habe ich vorgeschlagen, das Thema aus Kostengründen intensiver anzugehen. Da auch unser Verwaltungschef sehr innovativ ist, hat er grünes Licht gegeben, die komplette Verwaltung auf Open Source zu migrieren.

2003 ging es richtig los, mittlerweile haben wir das zu 85 Prozent abgeschlossen. Aktuell sind wir mit der Migration von Office und Groupware sowie Fachanwendungen beschäftigt.

Wie muss man sich das im Falle von Fachanwendungen vorstellen? Werden die neu geschrieben?

Teilweise ja. Das Ratsinformationssystem haben wir beispielsweise selbst geschrieben. Nun wurde es in Open Source überführt und unter einer Open-Source-Lizenz zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, dass jede andere Verwaltung oder Institution es ebenfalls nutzen kann.

Das nenne ich vorbildlich! Wie viele Mitarbeiter sind in der Verwaltung beschäftigt?

Unsere Verwaltung hat eine Konzernstruktur. Da gibt es das Rathaus, wo von der Hunde- bis zur Gewerbesteuer alles gemacht wird. Gleichzeitig verfügen wir über Töchter, beispielsweise die Stadtwerke für Abwasserversorgung oder Energie, die als GmbHs geführt werden. Darüber wurde eine eigene GmbH gesetzt – es handelt sich also um eine Holding-Struktur.

Die klassische Verwaltung ohne Kindergärten und Werkhöfe hat so 300 bis 350 Mitarbeiter. Der Gesamtkonzern hat natürlich wesentlich mehr. Die Stadt selbst verfügt über rund 36.000 Einwohner.

Und die Endbenutzer haben auf dem Client Linux – oder können die noch weiter mit Windows arbeiten?

Nein, die haben wirklich Linux auf dem Desktop. Ausnahme ist nur das Archiv, weil da eine Applikation zum Einsatz kommt, die auf einer proprietären Plattform läuft. Diese Applikation werden wir wahrscheinlich bald ablösen, insofern verschwindet auch dieses Problem.

In einem Vortrag auf der Systems in München haben Sie gesagt, dass Virtualisierung als Thema für Sie sehr wichtig ist. Könnten Sie im Falle eines Einsatzes von Virtualisierungstechnologien nicht auch Windows einsetzen?

Es gibt Applikationen, die sind uns vorgeschrieben, etwa per Gesetz. Das Ausstellen von Reisepässen ist beispielsweise bundeseinheitlich geregelt. Dafür wird eine proprietäre Plattform zwingend vorausgesetzt. Daher müssen wir virtualsisieren. Dabei wird die Anwendung samt dem darunter liegenden Betriebssystem und den benötigten Geräten wie Fingerabdrucksscanner oder Drucker in eine virtuelle Maschine gepackt. Die wird dann auf dem Linux-Desktop dargestellt.

Das kann man nicht nativ darstellen, weil diese Anwendungen oft eigenartige Spezifikationen haben, die sich untereinander nicht vertragen. Nur als Beispiel könnten Reisepässe und SAP, wenn sie gleichzeitig laufen, zu ungewollten Interaktionen führen. Dank Virtualisierung kann jeder Mitarbeiter seine Fachanwendung problemlos nutzen.

Was war das größte Problem während der Migration?

Widrigkeiten gehören zu einer Migration dazu, das hat Wien genauso wie München oder wir selber erlebt. Das größte Problem ist psychologischer Natur. Es gibt Mitarbeiter, die sich gegen alles neue sperren. Das ist nicht nur in der EDV so, das haben Sie bei jedem Wechsel von Prozessabläufen.

Man könnte das Problem aussitzen, was ich nicht so gut finde, oder man überzeugt die Mitarbeiter proaktiv. Wir haben Grundschulungen angeboten. Das Programm läuft verfeinert bis heute weiter. Zunächst ging es um die Textverarbeitung, demnächst offerieren wir Spezialkurse beispielsweise zum Thema Serienbrief. Dabei geht es weniger um die Frage Open Source oder proprietär. Vielmehr haben wir es auch früher versäumt, unsere Mitarbeiter spezifisch zu schulen. Technische Probleme hatten wir dagegen so gut wie keine.

Was ist das eigentlich für ein Linux, das bei Ihnen zum Einsatz kommt?

Wie setzen im Moment Suse Linux Enterprise Desktop ein, demnächst den Novell Enterprise Desktop. Im Moment experimentieren wir mit kompletten Open-Source-Distributionen, etwa Ubuntu. Das ist sowohl auf dem Server als auch auf dem Client eine Alternative, über die wir ernsthaft nachdenken. Im Support kommen viele Mittelständler zum Einsatz, weil wir den fördern wollen.

Abschließende Frage: Welches Projekt wollen Sie als nächstes angehen?

Das nächste Thema wäre Open-Source-Telefonie. Nachdem wir den Desktop und die Büro-Umgebung auf Open Source überführt haben, wollen wir nun auch die nächste proprietäre Technologie durch Open Source ersetzen. Ich persönlich kenne mich da nicht aus, aber gerade deswegen reizt mich dieses Thema.

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