Europäisches Projekt will den Cyberspace für Fußgänger erschließen

Institute aus München, Tübingen, Rom und Zürich arbeiten zusammen

Fliegen ist einfacher als Laufen – zumindest in Computerwelten. Nun sollen Menschen mit eigenen Füßen und ohne Joystick durch virtuelle Landschaften und Räume laufen können. Dieses Ziel verfolgen fünf Institute aus München, Tübingen, Rom und Zürich im Projekt „Cyberwalk“. Die Europäische Union fördert es mit 1,7 Millionen Euro.

Das geplante Lauf-System ist nicht nur für Computer-Spiele gedacht: Bauherren könnten durch Gebäude schlendern, die es nur in Architektenplänen gibt. Bislang sind Maus und Joystick die Fortbewegungsmittel in virtuellen Welten. Sie haben aber ihre Tücken: „Mit dem Joystick verliert man die Orientierung und weiß nicht mehr, ob man zweimal oder dreimal links abgebogen ist. Man spürt die Bewegungen nicht, die man sieht. Das führt zu einem Gefühl, das viele mit einer Seekrankheit vergleichen“, sagt Patrick Rößler von der Universität Karlsruhe. „Cybersickness“ nennen Computerspieler diesen Effekt.

Cyberwalk soll Abhilfe schaffen. Der Nutzer sieht die künstliche Landschaft auf kleinen Monitoren, die er sich vor die Augen schnallt. Kameras erfassen, wohin er seine Füße bewegt, und sagen dem Rechner, ob er die Kunstlandschaft nach links, rechts, vorne oder hinten verschieben muss. So läuft der Nutzer virtuell genauso weit wie real. Der Haken: „Um sich durch ein Labyrinth zu bewegen, bräuchte man da schon eine Turnhalle“, sagt Matthias Harders vom Institut für Bildverarbeitung an der Technischen Hochschule Zürich. Weil so viel Platz in der Regel fehlt, sorgt eine spezielle Laufplattform dafür, dass der Läufer de facto auf der Stelle tritt. „Wir müssen die Person so zurückbewegen, dass sie es nicht merkt“, sagt Harders. Dazu könnte sie auf kleinen Fahrzeugen stehen, die sie bei jedem Schritt unmerklich zurückrollen.

Auch andere Forschungsgruppen versuchen sich am Laufen durch Kunstwelten. So hat ein Institut im japanischen Tsukuba bereits ein System mit vier fahrbaren Plattformen entwickelt. Das Institut für Technische Informatik an der Universität Karlsruhe will dagegen ohne aufwändige Hardware auskommen. Dabei machen sich die Informatiker zu Nutze, dass der Mensch seine eigene Bewegung nicht exakt spürt: „Wenn man die Augen schließt und versucht, gerade aus zu gehen, läuft man automatisch eine leichte Kurve“, sagt Rößler. Mit den richtigen Bildern im Monitor-Helm bringen die Karlsruher den Nutzer dazu, anstelle von Geraden besonders starke Kurven zu laufen. Das System gaukelt dem Nutzer vor, er sei die ganze Zeit geradeaus gegangen – tatsächlich läuft er aber ständig nur in einem Kreis von etwa zehn Metern Durchmesser herum.

Dies reicht Marc Ernst vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik (griechisch für „Steuermannskunst“) nicht. Er will erforschen, wie sich ein Mensch in einer Stadt zurechtfindet und auf das reagiert, was er sieht. Bei den Systemen aus Tsukuba und Karlsruhe merke der Nutzer möglicherweise, dass er sich nicht natürlich bewege. „In der Forschung können wir das nicht einsetzen.“ Deshalb brauche man den Cyberwalk.

Außerhalb der Institute winken viele Anwendungen. „Das US-Militär interessiert sich für diese Technik“, meint Dietmar Gude von der Universität Dortmund. Soldaten könnten in simulierte Schlachten geschickt werden. Auch die Bundeswehr prüft die Technik für die Infanterie-Ausbildung. Cyberwalk und Co. könnten auch den Einsatz von Robotern erleichtern. Dirk Wollherr von der TU München denkt etwa an ein Reaktorunglück: Mit Cyberwalk hätte der Roboterfahrer das Gefühl, selbst durch die Trümmer zu klettern. „Die Steuerung sollte daher so intuitiv wie möglich sein.“

Natürlich kann Cyberwalk auch einfach nur unterhalten. Computerspieler könnten auf eigenen Füßen durch ihre künstliche Welt laufen. „Entscheidend sind aber der Preis und die Stellfläche, die die Anlage beansprucht“, sagt ein Sprecher des Spieleherstellers Ubisoft. Chancen sieht er eher für einfache Systeme wie die „Eye-Toy“-Kamera von Sony: Sie erkennt die Bewegungen des Nutzers und steuert die Spielkonsole entsprechend. Allerdings fehlt ein Laufband, das für ein wirkliches Geh-Gefühl sorgen würde.

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