Graue Internet Welt

Die Anwälte und Betriebswirte haben den Cyberspace geentert

KOMMENTAR – Ernüchtert sind sie, die Jungunternehmer, die sich auf der Internet World in Berlin präsentieren. Die Kurse sind seit vergangenem März ins Bodenlose gefallen, das Selbstvertrauen der neuen Firmen hat einen schweren Knacks bekommen. Der E-Mail-Dienst GMX etwa verzichtete gleich ganz auf den für heute vorgesehenen Börsengang.
Zur CeBIT Ende Februar war die Online-Welt doch noch in Ordnung: Die Kurse sprossen wie Bambus, die Betriebswirtschaftler schürften im Cyberspace nach ganz realem Gold. Was ist also falsch gelaufen?

Die Krise ist hausgemacht: Als das Internet Mitte der 90er Jahre zu seinem Siegeszug ansetzte, waren die Triebkräfte der neuen Bewegung Phantasie, Zuversicht und der Wille, eine bessere, andere und komplett neue Welt zu schaffen. Jaron Lanier (kennt den heute überhaupt noch jemand?) etwa stellte uns eine Art Wunderland für Millionen von Alices in Aussicht. Die Online-Kontinente sollten per Datenbrille erkundet und über einen Handschuh bewegt werden können. Dort wäre Fliegen und durch-Wände-gehen möglich. Howard Rheingold hieß uns, im Rudel in die Cyberweiten aufzubrechen und versprach einen neuen Tribalismus anstelle vereinsamter Hacker.

„Eine konsensuelle Halluzination, täglich erlebt von Milliarden Berechtigter in allen Ländern, von Kindern zur Veranschaulichung mathematischer Begriffe – Unvorstellbare Komplexität. Lichtzeilen in den Nicht-Raum des Verstandes gepackt, gruppierte Datenpakete. Wie die fliehenden Lichter einer Stadt“ So visionierte John Perry Barlow 1995 die künftige Online-Erfahrung. Tatsächlich kann man sich heute Kleider an Avataren ansehen – mehr aber auch nicht. Und natürlich kann man diese Kleider kaufen.

Im Laufe der Zeit musste ich aber immer mehr mit Begriffen wie E-Commerce (1995 noch völlig unbekannt) oder Business-Solution hantieren – die Betriebswirtschaftler sahen und sehen in dem neuen prosperierenden Medium Internet eine neue Masche, dem Kunden Geld aus der Tasche zu ziehen. Rheingolds Community konnte man ja als Dreingabe anbieten – wenn’s denn sein muss. Das versprochene Wunderland von Lanier und Barlow ist zu einem Versandhauskatalog degeneriert.

Neunutzer des Web erleben es als alten Wein in neuen Schläuchen – warum also sollen sie online gehen? Nur weil das Medium Informationen zumeist schneller – dafür aber oft in zweifelhafter Qualität – liefert, als dies Zeitungen und sogar Fernsehen vermögen? Weil es angeblich bequemer ist, von zuhause aus einen neuen Rechner zu kaufen?

Der eigentliche Auftrag des Internet – gerade, wenn er von Anarchisten wie etwa Timothey Leary formuliert wurde – lautete: Mehr Spaß für alle. Er hieß nicht: Mehr Geld für wenige (Firmen). Die Betrachtung des Cyberspace aus rein ökonomischer Sichtweise hat das Internet zu dem gemacht, als was es sich gerade in Berlin präsentiert: Ein Tummelplatz profitorientierter Anzugträger.

Das Internet ist zur Verlängerung der wirklichen Welt der Betriebswirte und Juristen geworden. Letztere portieren dabei fleißig die Regeln der globalen Ökonomie in den rechtsfreien Raum der Netzwerke. Damit fungieren sie als die eigennützigen Helfershelfer von Großkonzernen wie Disney oder AOL Time Warner. Diese wollen für eine Mickey Maus oder einen Bugs Bunny Dollars sehen – das Vergnügen soll sich schließlich rentieren. Damit töten sie aber allen Spaß und – schlimmer noch – die Entwicklungsmöglichkeiten des Internet.

Das WWW ist ein postmodernes Medium – hieß es. Durch neue Copyright- und Patentschutzgesetze ist ein beliebiges und experimentelles Verwenden bereits vorhandener Bausteine aber nicht mehr möglich: Den Künstlern und Visionären wird der Boden entzogen, auf dem sie virtuelle Kathedralen des menschlichen Geistes errichten könnten.

Vielleicht wird das Internet erst zu einem wirklich neuen Medium, nachdem sich die Buchhalter und Winkeladvokaten wieder daraus zurückgezogen haben – dazu braucht es aber erst einen wirklich bösen Börsen- und Firmen-Crash. Vielleicht erleben wir ja gerade den Anfang davon, auch wenn sich dies niemand wirklich wünschen kann. Doch wie gesagt: Die Krise ist hausgemacht.

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