Berliner Datenschützer will XP-Rechner abschalten

Davon betroffen sind angeblich mehr als 28.000 Rechner. Heute endet der verlängerte XP-Support, für den die Berliner Stadtverwaltung 300.000 Euro an Microsoft überwiesen hat. Offiziell hatte der Hersteller den Support für das 14 Jahre alte XP im April 2014 eingestellt.

Windows XP (Screenshot: ZDNet)Nach Meinung des Berliner Datenschutzbeauftragten Alexander Dix gefährden die circa 28.000 XP-Rechner die Daten der Berliner Bürger. Notfalls sollen die XP-Rechner abgeschaltet werden. Gegenüber dem Informationsradio des RBB erklärte Dix: „Ich halte die Gefahr von Hackerangriffen für erheblich. Es sind Hackerangriffe auf die Rechner der öffentlichen Verwaltung permanent zu beobachten und das Risiko ist ja schon seit mehr als einem Jahr bekannt. Wir haben jetzt erneut nachgefragt, welche Maßnahmen ergriffen worden sind, aber die Verwaltung reagiert äußerst schwerfällig. Wir haben bis jetzt noch keinen Überblick, wie die Situation der Umstellung tatsächlich ist, aber wir werden den Online-Betrieb von Rechner mit Windows XP ab Mittwoch beanstanden. Das ist die einzige Möglichkeit, die wir haben. Das ist ein unverantwortliches Risiko, dem die Bürgerdaten hier ausgesetzt werden.“

Seit 8. April vergangenen Jahres bietet Microsoft keine Unterstützung mehr für Windows XP. Obwohl Microsoft das Support-Ende bereits frühzeitig angekündigt hatte, laufen in der Berliner Stadtverwaltung noch immer 28.902 Rechner von insgesamt 70.223 Windows-Systemen mit dem ausgedienten Betriebssystem. Diese Zahlen geben den Stand vom 31. Oktober 2014 wider. Bekannt wurde diese Zahl durch eine Antwort des Innenstaatssekretär Andreas Statzkowski (CDU) auf eine schriftliche Anfrage des Grünen Abgeordneten Thomas Birk. Demnach sind etwa 38 Prozent aller PC-Arbeitsplätze in Berlin noch mit Windows XP ausgestattet.

300.000 Euro hatte das landeseigene IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) für die Verlängerung des Supports für die knapp 29.000 Rechner durch Microsoft bezahlt, weil die Umstellung der PCs auf ein neueres System nicht fristgerecht umgesetzt werden konnte. Bis Ende 2015 gewährt das ITDZ darüber hinaus noch einen Virenschutz des Hersteller McAfee für die betroffenen Rechner.

Laut einer weiteren Antwort des Stadtsenates sind vor allem die Finanzverwaltung und die Justizabteilung von dem XP-Problem betroffen: 9097 XP-Rechner sollen es in der Finanzverwaltung sein. 2146 Rechner mit Windows XP seien im Justizbereich im Einsatz. Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport hatte noch 1708 PCs mit Windows XP im Einsatz. Sogar in der Senatskanzlei gibt es noch zwei Rechner, die noch nicht migriert werden konnten. In den Bezirksämtern Friedrichshein-Kreuzberg, Pankow und Tempelhof-Schöneberg sind jeweils noch mehr als 1500 XP-Rechner im Einsatz, wie aus der Anfrage des Piraten Simon Weiß hervorgeht. Auch weitere Bezirksämter arbeiten noch im erheblichen Umfang mit XP.

Zuständig für die Pflege der Rechner sind in Berlin jeweils die Bezirks- oder Senatsverwaltungen selbst. Aufgrund der dezentralen Organisation sind die einzelnen Behörden und Einheiten jeweils selbst für die Aktualisierung der Hardware und Software zuständig, sofern sie nicht den standardisierten IT-Arbeitsplatzservice des ITDZ Berlin nutzten. Dix wisse daher auch nicht, wie viele Rechner in der Berliner Stadtverwaltung tatsächlich aktuell noch mit Windows XP laufen.

In der Antwort des Innensenators heißt es zu der Gefährung, die von den XP-Rechnern ausgeht: „Konkret bestehen für Verwaltungen, die zu diesem Termin noch nicht auf ein aktuelles Betriebssystem gewechselt haben mögliche Sicherheitsrisiken für alle mit dem Betriebssystem Windows XP betriebenen Arbeitsplatz-PC (APC) und für die verbundenen Datennetze. Die größte Gefahr liegt in der Verbindung der XP-Rechner mit dem Internet. Betroffene Arbeitsplatzcomputer sollten sich nicht mehr mit dem Internet verbinden. Ist das aus dienstlichen Gründen nicht möglich, sollten technische und organisatorische Maßnahmen zur Absicherung umgesetzt werden.“

Für den Grünen Thomas Birk ist dieses „Sicherheitsdebakel“ eine Steilvorlage, die er dafür nutzt, um für den Einsatz von Linux und einer einheitlichen IT-Strategie mit zentralem Controlling für die IT der Stadtverwaltung stark zu machen. Ansonsten stehe die Stadt beim Support-Ende von Windows 7 wieder vor den gleichen Problemen. Der Extended-Support für Windows 7 endet 2020.

Auch im Deutschen Bundestag sind noch Rechner mit Windows XP im Einsatz. Im Dezember wurde bekannt, dass der Deutsche Bundestag 119.000 Euro an Microsoft zahlt, um weiterhin Support für das offiziell nicht mehr unterstützte Windows XP zu erhalten. Laut Informationen des Handelsblatt kommt das 14 Jahre alte Betriebssystem noch in erheblichem Umfang auf den insgesamt rund 7300 Rechnern in Bundestag und Bundestagsverwaltung zum Einsatz.

Doch nicht nur hierzulande kommt XP noch bei Behörden zum Einsatz. Die Regierungen aus England und den Niederlanden hatten 2014 Verträge mit Microsoft geschlossen und sich Support bis 2015 für XP-Rechner garantieren lassen. Auch Banken sollen weiterhin von Microsoft Unterstützung erhalten. Angeblich werden Bargeldautomaten, die mit XP betrieben werden, noch bis 2019 mit Patches versorgt.

Windows XP: Testen Sie Ihr Wissen über Microsofts erfolgreiches Betriebssystem mit 15 Fragen auf silicon.de.

[Mit Material von Martin Schindler, silicon.de]

Themenseiten: Microsoft, Windows XP

Fanden Sie diesen Artikel nützlich?
Content Loading ...
Whitepaper

ZDNet für mobile Geräte
ZDNet-App für Android herunterladen Lesen Sie ZDNet-Artikel in Google Currents ZDNet-App für iOS

Artikel empfehlen:

Neueste Kommentare 

3 Kommentare zu Berliner Datenschützer will XP-Rechner abschalten

Kommentar hinzufügen
  • Am 14. April 2015 um 6:26 von Frank Furter

    Die Schere zwischen immer knapper werdenden Mitteln der öffentlichen Haushalte und dem IT-Markt…
    Das sind dann die Folgen, wenn man sich einem quasimonopolistischen Marktführer ausliefert, der, um die kontinuierliche Verbesserung der Gewinnsteigerung sicherzustellen, spätestens alle drei Jahre ein „neues“ Betriebssystem auf den Markt bringen muss.
    Bei allen Kostenvergleichen zwischen MS-Arbeitsumgebungen und Open Source sollte diese Problematik(für den Kunden) bei langfristigen Planungen mit berücksichtigt werden.
    Denn für die Zukunft ist nicht zu erwarten, dass sich die Unternehmenspolitik von MS ändern wird.
    (Warum sollten sie auch…)

    • Am 14. April 2015 um 8:31 von Sorry

      , aber diese Aussage zur Unternehmenspolitik von Microsoft ist doch nur Geschwurbel.

      Jedes Desktop-Betriebssystem von MS der letzten Zeit wurde ~10 Jahre++ supportet. Ergo: Genügend Spielraum selbst für die trägste öffentliche Behörde ein aktuelles System zu nutzen und zu pflegen, welches dem Stand der Technik entspricht. Ist ja nicht so, dass das Supportende von XP schon lange im Voraus bekannt war.

      In dem Kontext würde ich ja nur zu gerne sehen, welches Unternehmen von Open Source Lösungen einen besseren Langzeitsupport bietet. SuSE Enterprise? RedHat? Canonical? Niemand kommt an die Supportzeit von Microsoft ran.

      Übrigens ist diese Problematik schon lange von öffentlichen Trägern erkannt worden – warum wohl wechseln Ministerien oder Stadtverwaltungen wieder von Linux-Lösungen auf Microsoft?

  • Am 14. April 2015 um 11:15 von Reto

    Nicht der Betrieb von XP-Rechner ist die Gefahr, sondern deren Vernetzung.
    Und jegliches vernetzte Betriebssystem ist eine Gefahr, wenn man nicht konsequent die Kommunikation kontrollieren kann. Aber dass neuere Betriebssystem da wirklich sicherer seien, ist ein Mythos. Da sind die Risiken aufgrund ihrer Komplexität und Ausrichtung auf Netzwerkbetrieb genau so gross, aber noch nicht so bekannt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *