Das Dilemma der Zensur

Verordnete Medienkompetenz oder juristische Schritte: Die Landesregierung NRW und die Befürworter der freien Rede ringen um Maßnahmen gegen rechtsradikale Sites

Die Zensur des Internets? Ist sie sinnvoll? Ist sie machbar? Oder ist sie selbst kriminell? Anlässlich der Medientage München am Rande der Systems 2002 trafen sich auf Betreiben des Vogel-Verlages Andy Müller-Maguhn, Vertreter gleichsam der ICANN und des Chaos Computer Clubs (CCC), Oliver Süme, Vorstand des eco-Verbandes, Jürgen Büssow, SPD-Landesvorstand NRW und Präsident des Regierungsbezirks Düsseldorf, sowie Gerhard Schweiger, Professor für Kommunikationssysteme und Direktor des Rechenzentrums der Uni Freiburg, um über diese Frage zu diskutieren. Büssow hatte Anfang Februar so genannte Sperrungsverfügungen an rund 80 Internet-Provider in NRW geschickt. Darin wurde den Zugangs-Anbietern auferlegt, bestimmte rechtsextreme Seiten von US-Serviceprovidern zu sperren. Daraufhin kam es zu landesweiten Protesten, so etwa im April in der Düsseldorfer Innenstadt durch rund 150 Mitglieder von Internet-Initiativen.

„Wir sind hergegangen und haben das erst einmal einfach gemacht. Die Sites, die wir aus dem Netz genommen haben, sind unstrittig rechtswidrig. Aktuell befassen sich fünf Gerichte in NRW mit unserer Maßnahme. Sie können uns also nicht mit Nordkorea oder China vergleichen – ich sage immer: In China gibt es keine Verwaltungsgerichte“, hielt Büssow seinen Kritikern zu Beginn der Diskussion entgegen.

„Egal wie die Gerichte entscheiden, es stellt sich die neue Frage: Wie soll’s weiter gehen? Sollen die Provider jedes Mal einen Antrag bei Gericht stellen, um eine möglicherweise illegale Site sperren zu lassen? Da ist die PR-Kampagne für diese Site gleich mit dabei. Das zeigt, dass Sperrverfügungen keine Lösung darstellen, zumal das ganze juristisch zumindest fragwürdig ist“, hielt ihm Süme entgegen.

„Selbst wenn wir Sperrverfügungen erlangen – und auch wenn sie in bester Absicht verfügt wurden – ist es aus technischer Sicht unmöglich, eine Site zu blockieren. Es wird immer einen Weg geben, bestimmte Daten von einem Server abzurufen. Wer mit dem Vorsatz ins Netz geht, bestimmte Sites aufzurufen, wird das mühelos hinbekommen. Für ISPs wäre es nötig, DNS-Sperren zu installieren. Diese sind aber ganz einfach zu umgehen. Man kann einem Datenbit nicht ansehen, zu welcher Informationseinheit es gehört, was es also transportiert“, gab Professor Schneider zu bedenken.

„Es ist ein ungeheuerlicher Populismus mit der Aussage verbunden, man wolle gegen rechtsradikale Sites vorgehen. In Deutschland ist ja klar, dass bestimmte Inhalte nicht verbreitet werden dürfen. Aber: Wenn ich ein globales Netz vorliegen habe, darf dann der Staat auf ausländische Sites zugreifen? Wir werden die Rechten, das sind ja reale Menschen in einer realen Welt, nicht dadurch abschaffen, dass wir ihre Sites verbieten. In Düsseldorf dürfen Nazis auf der Straße demonstrieren, aber ihre Sites sollen nicht abrufbar sein – genau das ist der entscheidende Punkt: Wir können die Sites unter anderem auch technisch nicht verhindern, also sollten wir in die Schulen gehen, und mit den Usern diskutieren. Hier stellt sich eher die Frage der Medienkompetenz. Es würde eher der Ideologie der Nazis entsprechen, bestimmte Inhalte zu verbieten. Außerdem: Nach den rechten Sites kommen die Linken, und danach die Sites der

Themenseiten: Software

Fanden Sie diesen Artikel nützlich?
Content Loading ...
Whitepaper

ZDNet für mobile Geräte
ZDNet-App für Android herunterladen Lesen Sie ZDNet-Artikel in Google Currents ZDNet-App für iOS

Artikel empfehlen:

Neueste Kommentare 

2 Kommentare zu Das Dilemma der Zensur

Kommentar hinzufügen
  • Am 1. Januar 2004 um 6:29 von Jürgen Peter Tessarz

    Rechts muß nicht Rechts sein es kann auch Widerstand sein!
    Was die BRD/NRW-Regierung vor hat, wissen wir! Sie wollen die Kritiken an sich selber verbieten. Zuerst muß einmal das Eigentum des Internet untersucht werden! Das gehört nicht der BRD! Auch nicht NRW. Die BRD hat keinerlei Hoheitsgebiet und ist ein Landloses Staatsgebilde und hat nach internationlem Recht keinerlei Anspruch auf Verbote! Zu dem maßt sich die BRD an, in einem besetztem Land, Deutsches Reich, das Denken und das Äußern von Meinungen und das Veröffentlichen von eigenen Produkten zu verbieten! Internet heißt nicht nur Datenübertragung, es ist auch ein Zugriff auf erlaubte Informationen von jedermanns Hompage, Page und Datenmaterial! Da ist jeder selber ein privater Nutzer des Angebotes! Wenn die BRD das Nutzen des Internets verbieten will, grenzt sie sich auch selber aus, wie die Chinesen! Es ist nur die Frage, wie lange diese Regierung noch amtieren darf! Auch ist die Frage, ob den Providern nichts einfällt, Ihr Recht durchzusetzen das Internet international zu lassen! Sonst könnte ja jeder Staat und jede Regierung kommen und Informationen verbieten. Im Übrigen wissen wir um Demokratie, denn die Deutschen hatten nie eine eigene Wahl, weder zur Regierung noch zu Europa! Siehe Gründung der BRD, die Abgeordneten in der ersten Regierung und der nach der Teilvereinigung unterliegen noch der Besatzung der Siegermächte! (Schaef-Gesetze)

  • Am 3. Oktober 2008 um 9:22 von Jürgen Peter Tessarz

    Deutschland – oder BRD
    Heute ist angesagt, was ich sagte – es ist ein Krieg!
    Gott sei Dank, es werden nur gute Menschen überleben!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *