Pixelpark bekommt Betriebsrat

Gewerkschaftsschutz für Internet-Kreative / Connex.av bezeichnet sich selbst als Chaotenhaufen

Der einst makellose Glanz lockender Aktienoptionen bei den Unternehmen der New Economy ist verblasst. Angesichts dramatisch fallender Börsen-Kurse und spektakulärer Pleiten in der Branche stehen die traditionell gewerkschaftsfeindlichen Dotcoms jetzt auch in Deutschland vor dem Umbruch: Viele Mitarbeiter der Branche fordern Sicherheit statt leere Aktien-Versprechungen.

Die Berliner Multimedia-Vorzeigefirma Pixelpark wird nun einen Betriebsrat bekommen, der die Interessen der Mitarbeiter gegenüber der Unternehmensleitung vertreten soll. Damit wird Pixelpark-Chef und Unternehmensgründer Paulus Neef bei den geplanten Umstrukturierungen, mit denen die seit Jahren defizitären Ergebnisse gewendet werden sollen, erstmals ein Verhandlungspartner aus den Reihen der organisierten Belegschaft gegenüberstehen.

Die Neuentdeckung der Gewerkschaften schwappt aus der US-Wirtschaft nach Europa. Nachdem in Übersee die Aktienkurse der Internet-Glücksritter zwischen Ost- und Westküste eingebrochen sind und Entlassungen anstehen, wächst bei den Beschäftigten der Start-Ups nicht nur im Silicon Valley die Sehnsucht nach einer Arbeitnehmervertretung. Die für Ende April oder Anfang Mai erwartete Gründung des Pixelpark-Betriebsrates in der Bundeshauptstadt geht am Freitag mit der Wahl eines Wahlvorstandes in die erste Runde. Sie ist auch für die etablierten deutschen Gewerkschaften völliges Neuland.

Connexx.av ist der Name der gewerkschaftlichen Vertretung für Medienschaffende, die sich bei Pixelpark nun auch in die Branche der Internet-Kreativen vorwagt. „Wir sind auch ein Chaotenhaufen, der von den etablierten Gewerkschaften skeptisch beobachtet wird“, räumt Wille Barz von Connexx.av ein, der den Pixelpark-Betriebsrat initiierte. Connexx.av warb bei Pixelpark mit einem Massenmailing via Internet für die Betriebsratsgründung. „Die Pixels sind ein ganz anderer Schlag von Menschen“, erzählt der branchenerfahrene Barz. Die Kreativen haben grundsätzliche Berührungsängste gegenüber einem Betriebsrat, der eine klar organisierte Struktur darstellt. „Und sie befürchten, sie könnten ihre Gehälter nicht mehr individuell aushandeln“, nennt Barz weit verbreitete Vorurteile gegen jede Form von Gewerkschaftsarbeit bei den Dotcoms.

Die bisherigen Ansätze organisierter Mitarbeitervertretung in Unternehmen der New Economy sind nicht eben ermutigend. Betriebsratsgründungen in Callcentern scheiterten. Mitarbeiter, die sich offen für eine Gewerkschaftstätigkeit interessiert hatten, hielten nur wenige Stunden nach dem Outing die Kündigung in den Händen. „Wir distanzieren uns von einem solchen Vorgehen“, betont aber Pixelpark-Sprecherin Sabine Heymann. „Grundsätzlich sind wie ein junges und weltoffenes Unternehmen, dass einem solchen Thema offen gegenübersteht.“ Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit wird der Wahlvorstand im Vorfeld der Betriebsratswahl sofort austesten. Um feststellen zu können, wer überhaupt wahlberechtigt ist, soll die Geschäftsführung eine vollständige Liste aller Mitarbeiter vorlegen, deren Zahl für Deutschland je nach Betrachtung zwischen gut 400 und über 700 angegeben wird.

Erstes Ziel von Connex.av ist eine Überstundenregelung. Bislang gebe es bei Pixelpark nicht einmal eine ordentliche Arbeitszeiterfassung, sagt Barz. Er sieht darin nur den Anfang einer nicht aufzuhaltenden Entwicklung: „Die Betriebsratswahl bei Pixelpark hat weit über die Grenzen Berlins hinaus Auswirkungen.“ Bundesweit gebe es bereits „zahlreiche Anfragen aus weiteren Firmen der New Economy“.

Kontakt:
Pixelpark, Tel.: 030/349813 (günstigsten Tarif anzeigen)

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