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Lumia 950: Continuum in der Praxis

Continuum ist eine interessante neue Funktion der Lumia-950-Produkte: Mit dem 109 Euro teurem Display Dock lässt sich das Smartphone an ein Display anschließen und mit Maus und Tastatur bedienen. Auf den ersten Blick vermittelt die Lösung den Eindruck, als ob man vor einem Windows-10-Rechner säße. Tatsächlich lassen sich Anwendungen wie der Edge-Browser, Word oder die Foto-Applikation ziemlich gut nutzen.

Das Display-Dock ist ein kleiner Kasten, der zusammen mit einem Lumia 950 oder 950 XL die Continuum-Funktion möglich macht (Bild: Microsoft).

Die Parallelen enden allerdings, wenn man mehr als eine App öffnen möchte: Die mobile Windows-Version stellt auch mit Continuum nur ein einziges Fenster im Vollbildmodus dar. Der Wechsel zwischen den Anwendungen verläuft aber recht zügig.

Continuum kann problemlos mehrere Apps öffnen und flüssig betreiben. Allerdings startet jede Anwendung im Vollbildmodus, parallel lassen sich keine Apps anzeigen (Screenshot: Moritz Jäger).

Für Continuum sind Universal-Apps aus dem Windows Store geeignet. Diese sind so optimiert, dass sie auch auf größeren Bildschirmen gut dargestellt werden. Zur Optimierung von Apps für Continuum hat Microsoft ein eigenes Blog geschrieben, das wertvolle Informationen für Entwickler bereitstellt. Noch sind nur sehr wenige Anwendungen verfügbar, die für Continuum geeignet sind. „Normale“ mobile Applikationen werden einfach groß angezeigt, was etwa beim App Store so aussieht, als würde ein Großteil des Bildschirms ignoriert.

Continuum in der Praxis

Sobald am Display-Dock Display (wahlweise per HDMI oder DisplayPort) und ein Lumia Smartphone angeschlossen ist, wird Continuum automatisch aktiv. Im ersten Schritt bietet der Assistent an, den Bildschirm einzurichten, im Test war dies aber nicht nötig. Anschließend läuft noch ein kurzes Einführungsfilmchen, danach kann man direkt arbeiten.

Die Kartenansicht ist auf dem Display deutlich übersichtlicher als auf dem kleinen Smartphone (Screenshot: Moritz Jäger).

Die bereits angepassten Applikationen funktionieren in der Praxis sehr gut. Über den Edge-Browser lassen sich Web-basierte Anwendungen einfach nutzen, Surfen geht sowieso recht zügig. Und auch Office enttäuscht nicht: Mit Word lassen sich Dokumente erstellen oder bearbeiten, Excel-Tabellen kann man am großen Bildschirm in Ruhe durchgehen und auch das Arbeiten mit PowerPoint klappt gut. Die Bedienung geht erstaunlich flüssig von der Hand, vor allem da bekannte Tastenkürzel wie Alt-Tab auch in Continuum funktionieren.

Nicht alle Apps lassen sich in Continuum nutzen, der Amazon Store etwa will nicht im Vollbildmodus starten (Screenshot: Moritz Jäger).

Besonders gut gefallen hat die Unterstützung für externe Geräte und Speichermedien. Es reicht, einen USB-Stick einzustöpseln oder eine Tastatur anzuschließen. Eine Maus braucht es nicht zwingend, das Lumia wird im Continuum-Modus zu einem digitalen Touchpad – sehr praktisch. Microsoft hat auch beim Ton mitgedacht: Wenn das HDMI-Gerät einen Lautsprecher besitzt, wird dieser für die Tonausgabe genutzt, was etwa die Wiedergabe von Filmen oder Musik deutlich vereinfacht. Alternativ kann man auch weiterhin Kopfhörer verwenden. Oh, und das Dock lädt das Smartphone, Batterieprobleme sind also keine zu erwarten. Vorsicht ist beim Verschieben von Daten gefragt: Im Test wurde scheinbar der USB-Stick zu früh entfernt, sodass eine Reihe von Screenshots nicht übertragen wurde respektive defekt waren.

Bei der Darstellung ist man etwas beschränkt: Continuum arbeitet optimal mit Full-HD-Auflösung (1920 x 1080 Pixel), darüber wirkt das Bild teilweise etwas unscharf, darunter kann es zu Problemen bei der Darstellung kommen. Das könnte vor allem bei älteren Projektoren oder Monitoren der Fall sein, die meisten TV-Geräte dürften allerdings genau im „Sweet-Spot“ liegen.

Besonders praktisch ist, dass sich das Smartphone während der kompletten Continuum-Nutzung weiter normal verwenden lässt. Anrufe werden weiter durchgestellt, Kurznachrichten und E-Mails kommen weiter an und auch die lokale Musik lässt sich problemlos abspielen.

USB-Geräte werden problemlos erkannt, neben Tastaturen und Mäusen klappt das auch mit Speichermedien. Das ist enorm praktisch, um Daten schnell auszutauschen (Screenshot: Moritz Jäger).

Fazit

Continuum bietet zwar einige sehr interessante Ansätze, leidet aber noch an den hohen Erwartungen an ein Desktop-Windows und die verfügbaren Anwendungen. Es lässt sich aktuell am besten mit einem Windows Surface RT vergleichen, das in seinem beschränkten Funktionsumfang ziemlich gut nutzbar war, allerdings fehlten eben der Zugriff auf den riesigen Softwarekatalog für Windows. Dazu kommt, dass das Windows-App-Ökosystem noch immer deutlich hinter Android oder iOS zurückbleibt. Die Universal Apps könnten das ändern, aber nur, wenn Microsoft es für die Entwickler möglichst einfach macht, bestehende Applikationen zu portieren.

Der Windows App Store zeigt ein Problem von Continuum: Sind Apps nicht optimiert, wird viel Platz verschenkt (Screenshot: Moritz Jäger)

Aktuell erfüllt Continuum eine sehr kleine Nische, vor allem da man eine Tastatur braucht, um wirklich effektiv arbeiten zu können (und wer sein Lieblingskeyboard mitschleppt, hat normalerweise auch Platz für einen Laptop). Allerdings tun sich einige sehr interessante Szenarien auf, etwa wenn das Smartphone via VPN direkt im Firmennetz eingewählt ist und man sensible Dokumente öffnen, ansehen und bearbeiten kann, ohne dass diese Daten je das Smartphone verlassen und auf einem möglicherweise weniger sicheren privaten Rechner kopiert werden müssen.

Es wäre zu einfach, Continuum als Totgeburt und Spinnerei abzutun, die Technik hat in jedem Fall Potential. Sie steht und fällt allerdings mit der Unterstützung von App-Entwicklern und mit der Weiterentwicklung durch Microsoft. Nur wenn beide Faktoren vorhanden bleiben, kann Continuum eine praktische Alternative zum Reiselaptop werden.

Kai Schmerer

Kai ist seit 2000 Mitglied der ZDNet-Redaktion, wo er zunächst den Bereich TechExpert leitete und 2005 zum Stellvertretenden Chefredakteur befördert wurde. Als Chefredakteur von ZDNet.de ist er seit 2008 tätig.

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