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Enterprise Cloud Index 2020: Deutsche Anwender migrieren langsamer auf Hybrid Cloud

Zum dritten Mal wurde vom Marktforschungsunternehmen Vanson Bourne im Sommer 2020 der Enterprise Cloud Index erhoben. An der Untersuchung nahmen rund 3400 IT-Entscheider aus beiden Teilen des amerikanischen Kontinents, EMEA, und dem asiatisch-pazifischen Raum teil. Sie stammten aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmens-Größenklassen.

Wichtigste Erkenntnis: Am Weg zur Hybrid Cloud als Leitinfrastruktur für die vorhersehbare Zukunft – idealerweise verstanden als einheitlich verwaltete und durchgängig kommunikationsfähige Infrastruktur aus einer oder mehreren Private und Public Clouds – hat sich nichts geändert. Allerdings ist die Überzeugung, Hybrid Cloud sei mittelfristig das Richtige, mit 75 Prozent Zustimmung bei den deutschen Umfrageteilnehmern etwas weniger verbreitet als global (87 Prozent).

Derzeit dominieren gemischte Infrastrukturen

Hierzulande besonders verbreitet sind im Unterschied zu vielen anderen Ländern und auch dem globalen Durchschnitt sogenannte gemischte Infrastrukturen, in denen weitgehend unverbunden klassische On-Prem-Datacenter, Public und Private Clouds nebeneinander existieren. 52 Prozent der Befragten aus Deutschland gaben an, eine solche Infrastruktur zu betreiben (Welt: 26 Prozent)

Das ist weit mehr als andere Varianten: Ausschließlich Private Cloud verwenden 18 Prozent (Welt: 22 Prozent), ein traditionelles Rechenzentrum 17 Prozent (Welt: 18 Prozent), eine echte hybride oder Multicloud neun Prozent (Welt: 12 Prozent), mehrere unverbundene Public-Cloud-Infrastrukturen drei Prozent (Welt: 12 Prozent) und nur ein Prozent der Befragten verlässt sich ausschließlich auf einen einzigen Public-Cloud-Provider (Welt: 10 Prozent).

Damit befindet sich Deutschland weltweit am unteren Ende. Zum Vergleich: Die höchste Durchdringung mit Infrastrukturen, die sich nur auf einen Public-Cloud-Provider stützen, findet sich in Thailand (38 Prozent), die meisten Einrichtungen mit lediglich einem traditionellen Rechenzentrum in Serbien (50 Prozent) und der ausschließliche Gebrauch einer Hybrid/Multicloud ist in Taiwan mit 60 Prozent besonders verbreitet.

Sicherheitsbedenken gegen Hybrid Cloud bestehen weiter

Welche Gründe bewegen einen so hohen Anteil der Anwender, weiterhin gemischte Infrastrukturen mit traditionellen Rechenzentren zu betreiben? Der wohl wichtigste Grund, Hybrid-Cloud-Investments nicht zu überhasten, sind noch immer Sicherheitsbedenken der deutschen Anwender (59 Prozent). Das gilt aber etwas weniger ausgeprägt auch für den EMEA-Durchschnitt (52 Prozent) und weltweit (51 Prozent). Auch Data Governance und Compliance halten 42 Prozent der deutschen Anwender noch für problematisch (EMEA: 39 Prozent, Welt: 37 Prozent).

Workload-Management in unterschiedlichen Umgebungen wird in Deutschland dagegen mit 31 Prozent eher seltener als Problem empfunden (EMEA/Welt: 39 Prozent) genau wie Applikationsmobilität und -bereitstellung mit 28 Prozent (EMEA: 34 Prozent, Welt: 35 Prozent). Das könnte allerdings auch daran liegen, dass die befragten deutschen Organisationen dieses Problem durch Beibehaltung gemischter Infrastrukturen schlicht vermeiden, bis die Management- und Governance-Werkzeuge für hybride/Multiclouds ausgereifter sind als heute.
Denn überzeugend ist Cloud-Technologie an sich für deutsche Anwender genauso wie für andere. So nannten 71 Prozent der deutschen Befragten flexiblere Unterstützung des Kerngeschäfts als wichtigstes Argument für Hybrid/Multicloud (EMEA/Welt: 55 Prozent), schnellere Reaktionsfähigkeit folgte mit 61 Prozent (EMEA: 50 Prozent, Welt 51 Prozent). Weltweit wird dagegen mehr Kontrolle über die Ressourcen mit 58 Prozent der Nennungen als wichtigster Cloud-Motor gesehen (Deutschland: 48 Prozent, EMEA 51 Prozent).

So werden sich die Infrastrukturtypen 2025 weltweit und in Deutschland verteilen (Bild: Nutanix).

Gut vorbereitet auf Corona

Besonders wichtig nehmen die befragen deutschen Anwender mit 58 Prozent (EMEA: 42 Prozent, Welt: 46 Prozent) der Nennungen, dass das Arbeiten aus dem Hintergrund, zum Beispiel im Home Office, durch ihre Infrastruktur gut unterstützt wird. Das könnte unter anderem mit verstärktem Nachhaltigkeitsdenken und dem Drang, überfüllte Verkehrsmittel oder Straßen zu vermeiden, zusammenhängen.
Denn es zeigte sich, dass diese Arbeitsform auch vor der COVID-19-Pandemie in Deutschland schon weiter verbreitet war als im Rest der Welt: Während weltweit 27 Prozent der Befragten angaben, dass 2019, also vor COVID-19, keine Mitarbeiter im Home Office arbeiteten, waren es in Deutschland nur 10 Prozent. Immerhin 22 Prozent der deutschen Befragten gaben an, bereits alle IT-Tools fürs Remote-Working eingesetzt zu haben, bevor die Pandemie begann (EMEA/Welt lediglich 8 Prozent!). Dafür spricht auch, dass für 6 Prozent der deutschen Organisationen die Eignung einer Infrastruktur fürs Arbeiten von woanders ein wichtiges Entscheidungskriterium ist, in anderen Regionen und weltweit liegen die Werte etwa bei der Hälfte.

Dennoch investierten wegen COVID-19 46 Prozent der deutschen Befragten in neue IT-Werkzeuge oder Lösungen für Kommunikation und Zusammenarbeit, in anderen Regionen sind diese Werte aber deutlich höher (EMEA: 54 Prozent, Welt: 58 Prozent). Deutlich seltener investierten deutsche Organisationen zudem COVID-19-induziert in Produktivitätstools wie Projektsoftware (Deutschland: 26 Prozent, EMEA: 38 Prozent, Welt: 40 Prozent), in Cloud-Filestorage (Deutschland 24 Prozent, EMEA 29 Prozent, Welt 42 Prozent), Business Continuity und DR (Deutschland: 18 Prozent, EMEA 29 Prozent, Welt 33 Prozent) und Identitäts- sowie Zugriffsmanagement (Deutschland: 18 Prozent, EMEA 28 Prozent, Welt 34 Prozent).

Ähnliche Befunde liefern auch die Daten dazu, ob Cloud-Investitionen durch COVID-19 erforderlich wurden. Immerhin 27 Prozent der deutschen Befragten verneinten das (EMEA 12 Prozent, Welt 10 Prozent). Gleichzeitig gaben aber investierten viele Anwender in allen Regionen einschließlich Deutschland in eine oder mehrere der Cloud-Varianten, wobei in Deutschland wie in anderen Regionen die Hybrid/Multicloud mit 38 Prozent (EMEA 42 Prozent, Welt 46 Prozent) vorn lag.

Keine Eile bei der Cloud-Migration von Anwendungen

Bei Anwendungsmigrationen in die Cloud hatten die Deutschen im Zeitraum 2019/2020 keine Eile: 26 Prozent sagen, dass Applikationen am selben Ort laufen wie bisher (EMEA 10 Prozent, Welt 9 Prozent). Und 38 Prozent der deutschen Organisationen geben an, dass sich ihre Anwendungsstrategie zwischen 2019 und 2020 nicht geändert hat (EMEA 22 Prozent, Welt 20 Prozent). Es gab weniger mit 25 Prozent weniger Public-Cloud-Migrationen als anderswo (EMEA 33 Prozent, Welt 34 Prozent), Private-Cloud-Migrationen nannten weltweit ähnliche Anteile der Befragten (Deutschland 29 Prozent, EMEA 30 Prozent, Welt 31 Prozent).

Dennoch wollen im kommenden Jahr 35 Prozent der befragten deutschen Anwender Apps in die Public Cloud migrieren (EMEA 39 Prozent, Welt 42 Prozent), auf eine Private Cloud 33 Prozent (EMEA 35 Prozent, Welt 33 Prozent). On-Premises ist für deutsche Anwender in Bezug auf App-Migrationen dagegen auch im Vergleich zu anderen Regionen der deutliche Verlierer: Nur 5 Prozent der Befragten wollen dort im kommenden Jahr mehr Applikationen betreiben (EMEA 16 Prozent, Welt 15 Prozent). Das beweist: Der 2018/19 konstatierte Trend, Applikationen aus Cloud-Infrastrukturen wieder „nach Hause“ zu holen, ist inzwischen zum Stillstand gekommen.

On-Prem-Apps: Wichtigstes Argument Sicherheit

Die Gründe für On-Prem-Migrationen entsprechen dem üblichen Bild: Sicherheit und Compliance sind dabei für die Deutschen das absolut gewichtigste Argument mit 66 Prozent der Nennungen ( EMEA 54 Prozent, Welt 59 Prozent), gefolgt von schnellerem Datenzugriff mit 49 Prozent Nennungen. Die bessere Kontrolle von Anwendungen spielt bei der Remigration On-Prem für deutsche Anwender mit 32 Prozent Nennungen eine weit geringere Rolle als anderswo (EMEA 47 Prozent, Welt 51 Prozent) genau wie die Kosteneffizienz (Deutschland 30 Prozent, EMEA 37 Prozent, Welt 38 Prozent), fehlende Public-Cloud-Kapazitäten (Deutschland 26 Prozent, EMEA 33 Prozent Welt 37 Prozent) oder bessere Integration mit Legacy-Applikationen (Deutschland 26 Prozent, EMEA 41 Prozent, Welt 40 Prozent).

Die Zugewinne und Verluste diverser Infrastrukturtypen weltweit und in Deutschland zwischen 2020 und 2025 (Bild: Nutanix).

Man kann letztlich schlussfolgern, dass deutsche Anwender lieber auf sichere Pferde setzen und neue Technologien eher ausreifen lassen, bis sie sie schließlich mit der gleichen Überzeugung und Konsequenz einsetzen wie Organisationen in anderen Ländern. Sicherheit und Compliance sind allerdings überall der wichtigste Entscheidungsfaktor für eine Infrastruktur (Deutschland/Welt 21 Prozent, EMEA 20 Prozent).

Nachhaltigkeit spielt für deutsche Anwender eine wichtige Rolle bei der Infrastrukturauswahl

Gleich danach folgen in Deutschland Kriterien, die eine langfristige, nachhaltige Nutzung der Technologie ermöglichen. Zweitwichtigstes Kriterium ist nämlich Skalierbarkeit mit 13 Prozent (EMEA 6 Prozent, Welt 5 Prozent), man will also lieber die bestehende Infrastruktur erweitern als sie schleunigst durch eine neue ersetzen, wenn die Kapazitäten knapp werden. Ebenfalls viel wichtiger als anderswo ist deutschen Anwendern mit 11 Prozent der Nennungen, ob man eine Infrastruktur mit dem bestehenden IT-Skillset betreiben kann (EMEA/Welt 5 Prozent) – angesichts der knappen Ressourcen auf dem deutschen Personalmarkt sicher eine weise Einstellung.

Kosteninduzierte Aspekte spielen dagegen eher eine geringere Rolle. Während in EMEA 17 Prozent Kostenvorteile als Motiv fürs Deployment einer Infrastruktur angeben und weltweit 18 Prozent, sind es in Deutschland nur 12 Prozent. Auch die Budget-Verfügbarkeit wird in Deutschland mit 6 Prozent Nennungen geringer gewichtet (EMEA: 10 Prozent, Welt: 9 Prozent) – das kann allerdings auch auf die relativ gute finanzielle Ausstattung deutscher Unternehmen zurückgeführt werden.

Hybride/Multicloud gewinnt

Wie sieht die Infrastrukturverteilung 2025 aus? Die schon heute eher seltener vertretenen Infrastrukturtypen bleiben selten oder nehmen ab. Reine Private Clouds – heute bei 18 Prozent der befragten deutschen Anwender als einzige Infrastrukturform im Einsatz – finden sich 2025 noch bei 15 Prozent der befragten Anwender. Multiple Public Clouds ohne Integration bleiben mit drei Prozent unter den Nennungen deutscher Anwender marginal genau wie eine Infrastruktur, die sich auf einen Public-Cloud-Provider beschränkt (1 Prozent).
Letztlich gibt es auch für die Mehrheit der deutschen Anwender keinen Zweifel daran, dass die Reise meist in die Hybrid Cloud/Multicloud führt.

Denn bis 2025 wollen die befragten deutschen Anwender zu 36 Prozent Hybride oder Multiclouds bereitstellen– heute nutzen diesen Infrastrukturtyp erst neun Prozent, was ein gewaltiges Plus von 27 Prozent bedeutet. Hinter der weltweiten Nutzung (49 Prozent) liegt Deutschland dann allerdings immer noch etwas zurück.

Dem stehen zwei deutliche Verlierer gegenüber. 2025 wollen gegenüber heute 52 Prozent aber nur noch 34 Prozent der befragten deutschen Anwender gemischte Infrastrukturen nutzen (Welt 18 Prozent), ein Minus von 18 Prozent. Der zweite große Verlierer der nächsten fünf Jahre ist in Deutschland wie überall das traditionelle Datacenter, das zwischen heute und 2025 gemäß den Angaben deutscher Anwender von 17 auf 4 Prozent zurückfällt – ein Verlust von 13 Prozentpunkten. Diese Daten zeigen einmal mehr die langfristige Überzeugungskraft des hybriden Ansatzes gegenüber allen anderen Infrastrukturtypen, die dazu führt, dass sich die hybride Multicloud weltweit als Leitinfrastruktur durchsetzt.

Kai Schmerer

Kai ist seit 2000 Mitglied der ZDNet-Redaktion, wo er zunächst den Bereich TechExpert leitete und 2005 zum Stellvertretenden Chefredakteur befördert wurde. Als Chefredakteur von ZDNet.de ist er seit 2008 tätig.

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