Mobile Anwendungen: Von Angebot und Nachfrage

Die Situation wird weiter durch die Tatsache kompliziert, dass bei der Entwicklung von mobilen Anwendungen ein ziemliches Chaos herrscht. Das Fehlen eines vorherrschenden Standards bedeutet, dass Entwickler sich mit der Bewertung von Chancen und Risiken einer Unmenge von Architekturen herumschlagen müssen: Inhalte für Microbrowser können mit WML, xHTML und HTML bereitgestellt werden, Content zum Download mit J2ME oder BREW. Und für Messaging-Content gibt es SMS/EMS und MMS/IM.

Aber die Schwierigkeiten sind noch lange nicht überwunden, wenn man sich für die Standards entschieden hat. Die viel gepriesene Fähigkeit von Java des „Write Once, Run Anywhere“ trifft auf mobile Geräte nicht zu, da hier Unterschiede in der Hardware einen maßgeschneiderten Programm-Code verlangen. Hinzu kommen noch die Probleme mit Zertifizierung und Kompatibilitätstests sowie bisher nicht gelöste Fragen in Bezug auf Sicherheit und Netzwerk-Verfügbarkeit.

Wie sollen die Nutzer also wissen, was sie wollen, wenn sich die Entwickler nicht einmal selbst im Klaren sind, welche Optionen sie haben? Ken Dulaney, Vice President bei Gartner Research, beharrt darauf, dass das größte Hindernis für mobile Anwendungen in fehlenden Konzepten von Seiten der Entwickler liegt und nicht in der Nachfrage. Dulaney gibt dafür ein anschauliches Beispiel: „Wenn Sie unterwegs sind und herausfinden wollen, ob Ihr Flug Verspätung hat, um gegebenenfalls umbuchen zu können, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie können zum Handy greifen, auf die WAP-Site der Fluglinie gehen, herausfinden, ob Ihr Flug Verspätung hat. Wenn ja, gehen Sie auf eine andere Seite und buchen selbst um. Oder Sie erhalten einfach eine SMS, die Sie darauf hinweist, dass Ihr Flug verspätet ist, wobei gleich ein Link enthalten ist, über den Sie die Umbuchung vornehmen können.“

Die zweite Möglichkeit ist natürlich bei weitem die attraktivere. Aber nur die erste ist derzeit verfügbar.

„Das Browsen mit einem Handy sollte verboten werden“, so Dulaney. Aber irgendwie ist das bei den Entwicklern noch nicht angekommen. Dulaney sagt voraus, dass mehr als 50 Prozent der mobilen Anwendungen, die Anfang 2002 auf den Markt kamen, Ende 2002 schon wieder von der Bildfläche verschwunden sein werden.

Dieses ganze Durcheinander führe letztlich zum Problem der „Nachfrage“. Dulaney sagt außerdem voraus, dass „das Fehlen von ausreichend nützlichen und benutzbaren Anwendungen im Jahr 2002 das größte Hindernis auf dem Weg zur Akzeptanz durch die Verbraucher sein wird.“

Und wie reagiert die Branche darauf? Sie harrt aus und wartet auf die ersehnte Killer-Anwendung, die die Anwender in Massen in die Arme der neuen Technologie treiben wird. Das Problem mit der schönen neuen mobilen Welt ist, dass sie vielleicht gar nicht existiert.

E-Mail ist die offensichtlichste Option für eine Killer-Anwendung. Nach der Studie der Yankee Group gaben 80 Prozent der Unternehmen an, dass E-Mail die entscheidende Anwendung für drahtlose Datenübertragung sei. Aber die Aussichten, damit Gewinn zu machen, sind eher düster, was die meisten Unternehmen davon abhält, sich ausgerechnet im Bereich E-Mail hervorzutun, besonders in wirtschaftlich schweren Zeiten.

„Die Gewinne aus E-Mail-Anwendungen sind nicht so deutlich zu erfassen, wie die aus vertikalen Anwendungen“, so Eugene Signorini, Analyst der Yankee Group. „Man kann die höhere Produktivität der Mitarbeiter nicht wirklich messen, obwohl es theoretisch durchaus Vorteile gibt“, fügte er hinzu. Bei der Studie der Yankee Group stuften die Firmen „spezielle Daten/Anwendungen für das Unternehmen“ knapp vor E-Mail-Anwendungen als wichtigsten Antrieb für Lösungen zur mobilen Datenübertragung ein.

Also kümmern sich die Unternehmen um ihre vertikalen Lösungen und entwickeln Nischen-Anwendungen. Coca Cola und Federal Express sind nur einige Beispiele für Firmen, die sich in diese Richtung bewegen. Doch was machen die breite Anwenderschar und alle Unternehmen, die nach horizontalen Anwendungen Ausschau halten? Es gibt zwar eine Handvoll Software-Hersteller, die daran arbeiten, den Übergang mithilfe von Middleware zu erleichtern, wie z.B. IBM, AvantGo, Brience, Broadbeam und Air2Web, doch die Analysten sagen, dass dies nicht die Lösung sein kann.

Es gibt bei dem ganzen Spiel nur einen Mitspieler, der für einen Waffenstillstand sorgen könnte: der Netzwerk-Betreiber. „Es liegt in der Hand der Betreiber, wie das Ganze ausgehen wird“, sagte Jackson. „Es muss eine gemeinsame Bemühung geben, den Entwicklungsprozess zu vereinfachen, konkrete Zielvorgaben festzulegen und Pläne für die Einrichtung der Netzwerke zu erstellen“, fügte er hinzu. „Die Betreiber haben die Kontrolle über die Umgebung und damit Einfluss auf die Content Provider in ihrem Netzwerk. Wenn sie das Problem nicht bald lösen, ist es zu spät“, so Dulaney.

AT&T gab nun bekannt, dass sie ihre Telefone mit Java ausstatten wollen. Davon verspricht sich das Unternehmen neue Einnahmequellen, da Spiele angeboten werden sollen oder der Zugriff per Handy auf Unternehmensnetzwerke möglich sein soll. „Na und?“, so Dulaney von Gartner dazu. „Das zeigt doch nur, wie rückständig diese Leute in ihrem Denken immer noch sind.“

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