Internet verschreckt deutsche Musikindustrie

Anders als der Vorstandschef des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, Thomas Stein (in einer weiteren News des heutigen Tages bei ZDNet), sieht der Verbandssprecher Hartmut Spiesecke im Internet eine Bedrohung für den Umsatz der Musikindustrie. Daher läutete der Verband heute eine neue Runde im Kampf gegen den Musikklau ein: Mit Schnüffelprogrammen und Zugangsblockaden soll dem Problem ein Riegel vorgeschoben werden.

Zehn Millionen Menschen gingen in Deutschland im vergangenen Jahr erstmals ins Netz. Damit stieg die Zahl der Internet-Nutzer auf 28 Millionen. "Zusammen mit immer schnelleren Zugängen über ISDN und DSL hat das massiven Einfluss auf die Branche", sagt Spiesecke.

Immer mehr Menschen verfügten über die Möglichkeit, "Musik einfach durch die Gegend zu schicken". Für 1999 beklagte die Industrie hier zu Lande bereits Lizenzverluste in Höhe von 140 Millionen Mark. Angesichts der jüngsten Entwicklung dürfte dieser Wert für 2000 laut Spiesecke "deutlich höher liegen".

Mit zur Misere der Anbieter tragen kostenlose Musiktauschbörsen wie Napster bei. "Allein im November wurden über Napster 1,8 Milliarden Musiktitel heruntergeladen", sagt Spiesecke. "Wenn nur fünf Prozent davon illegal waren, verdeutlicht das den Schaden, der weltweit entsteht." Napster war deshalb zunächst auch Hauptziel der Abwehrbemühungen der Branche.

In einer Art "Umarmungsstrategie" hat sich der Bertelsmann-Konzern als eines der größten Musikunternehmen der Welt bei dem kalifornischen Start-up eingekauft und wird die Gratis-Tauschbörse nun in ein kostenpflichtiges Angebot ummodeln. Damit ist aber nur eine der populärsten Sites aus dem Rennen. Andere Angebote wie Scour oder Newtella sind weiter im Netz, auch wenn ihnen die Industrie mit Schadenersatzdrohungen zusetzt.

Zum Problem wird aber auch der Boom bei Musik-Websites, auf denen Privatleute ihre heimische CD-Sammlung zum Herunterladen zur Verfügung stellen. 800 Abmahnungen verschickte die deutsche Musikindustrie im vergangenen Jahr allein an die Besitzer von Websites im Inland. Ein eigenes Fahndungsteam spürt im Auftrag der Branche nach illegalen Angeboten. Doch gegen alles, was aus dem Ausland kommt, sind die heimischen Anbieter machtlos. "Es macht keinen Sinn, die Abmahnung eines deutschen Rechtsanwalts nach Ghana zu schicken", sagt Spiesecke.

Gegen die Klangkaskaden aus dem Ausland kann die Musikindustrie nur wirksam vorgehen, wenn sie die Online-Anbieter ins Boot holen kann. Die hielten sich bislang bedeckt und verwiesen auf hohen Aufwand und Kosten, die es mit sich bringen würde, die Schwarzen Schafe auszusortieren. Die Musikindustrie greift deshalb zur Selbsthilfe und wird den Providern ein fertiges System liefern, das den Zugriff auf unzulässige Angebote unterbindet.

Das so genannte Rights Protection System (RPS) ist im Wesentlichen ein Suchprogramm, das Musiktitel im Netz aufspürt. Wird ein Titel illegal angeboten, landet seine Web-Adresse auf einer "Negativliste" bei den Online-Providern. Versucht ein Online-Kunde, diese Adresse anzusteuern, wird der Zugriff automatisch verhindert. Noch in diesem Monat sollen erste Gespräche mit den Internet-Providern aufgenommen werden. Diese bleiben skeptisch. Viele Anbieter fürchten bei Blockadelösungen den Zorn ihrer Kunden, die ihre unbegrenzte Surffreiheit beschnitten sehen könnten. America Online (AOL) hält die Zugangsbeschränkung zudem nur für durchsetzbar, wenn sich alle Anbieter daran beteiligen. "In dem Moment, wo es Schlupflöcher gibt, macht das keinen Sinn", sagt AOL-Deutschland-Sprecher Stefan Michalk und fordert eine "globale Lösung".

ZDNet bietet die neuste Napster 2.0 Beta 9-Version zum Download an. Darüber hinaus hat ZDNet ein Napster-Special erstellt.

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