Öko-Label für Rechenzentren: Umsetzung wird schwierig

(http://www.zdnet.de/magazin/41536556/oeko-label-fuer-rechenzentren-umsetzung-wird-schwierig.htm)

von Markus Reppner, 31. August 2010

Seit Juni können Unternehmen den Energy Star der US-amerikanischen Enviromental Protection Agency für ihr Rechenzentrum beantragen. Das lobenswerte Ziel ist eine höhere Energieeffizienz. Aber braucht es dazu ein Zertifikat?

Die US-amerikanische Umweltbehörde Enviromental Protection Agency (EPA[1]) ist hierzulande vor allem durch die Vergabe des von Monitoren und Druckern vertrauten Labels Energy Star[2] bekannt. Seit kurzem bietet sie genau diese Auszeichnung auch für Rechenzentren[3] an. Um den Öko-Stern zu bekommen müssen Unternehmen nachweisen, dass die Effizienz ihres Rechenzentrums unter den Top-25-Prozent innerhalb der eigenen Branche liegt.

Ob ein Rechenzentrum diesen Anforderungen genügt, prüft ein unabhängiger, lizenzierter Fachmann. Dieser legt seinen Bericht der EPA vor. Ziel der Zertifizierung: Die Förderung effizienter IT-Infrastruktur, damit Unternehmen ihre Bemühungen um Green-IT nachweisen können.

"Die EPA setzt damit konsequent ihren Energieeffizienz-Weg fort", sagt Giorgio Nebuloni, Senior Research Analyst bei IDC. Bürogeräte wie Drucker, Rechner oder Notebooks sind bereits seit längerer Zeit zertifizierbar. Seit Mai 2009 gibt es den Stern auch für Server. Die Effekte sind nicht unerheblich. Laut EPA ließen sich pro Jahr schätzungsweise 800 Millionen Dollar an Energiekosten einsparen, wären alle in den USA verkauften Server Energy-Star-fähig.

Einsparungspotenziale

Bei Rechenzentren sieht die Organisation ein ähnliches Potenzial. Für den Betrieb ihrer Rechenzentren geben Unternehmen in den USA jährlich 4,5 Milliarden Dollar aus und nutzen 1,5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in den USA.

Aus EPA-Sicht ist das Einsparungspotenzial enorm. Würde - nach den letzten Zahlen - die Energieeffizienz der Rechenzentren in den USA um nur zehn Prozent steigen, könnten mehr als sechs Milliarden Kilowattstunden Strom weniger verbraucht werden. Das entspricht einem Elektrizitätsbedarf von mehr als 350.000 Haushalten und einem Wert von rund 450 Millionen Dollar.

Das EPA-Label gilt sowohl für eigenständige Rechenzentren als auch für Gebäude, in denen sich große Datenzentren befinden. Als Maßstab dient die Einheit "Power Usage Effectiveness" (PUE), die die Energieeffizienz eines Rechenzentrums ausdrückt. Der PUE-Wert setzt die verbrauchte Energie im Rechenzentrum ins Verhältnis mit der Energieaufnahme der IT. Darunter zählt der Industrieverband "Green Grid[4] alle Geräte wie Rechner, Speicher, Netzkomponenten sowie Switches, Monitore und die Arbeitsstationen zur Überwachung und Kontrolle des Rechenzentrums. Nähert sich das Verhältnis der Zahl 1, arbeitet das Rechenzentrum äußerst effizient. Ein PUE-Wert von 1,3 ist bereits ausgezeichnet. Er bedeutet aber, dass immerhin noch 30 Prozent der eingesetzten Energie verlorengehen.

"Der PUE-Wert hat zwar eine eingeschränkte Aussagekraft und kann verdreht werden", gibt Simon Mingay, Vize-Präsident für den Bereich Forschung bei Gartner[5], zu bedenken. Dennoch spiele der Wert in der Maßstab-Diskussion eine wichtige Rolle.

Kritisiert wird vor allem, dass die Berechnung nicht die klimatische Umgebung des Rechenzentrums berücksichtigt. Denn die Kühlung spielt bei den Kosten eine wichtige Rolle. Die Branche ist sich schon lange einig, dass ungefähr die Hälfte der Energieausgaben für ein Rechenzentrum auf das Konto der Klimaanlage geht. Es macht daher schon einen Unterschied, ob das Rechenzentrum in Alaska oder in Texas steht.

Beim Stichwort "Kühlung" gibt es noch einen weiteren heiklen Punkt: Eine wesentliche EPA-Anforderung ist die Nutzung von sogenannter freier Kühlung. Das sind Maßnahmen zur Wärmereduktion, die nicht die Klimaanlage betreffen. "Das ist eine recht hohe Anforderung", konstatiert Wolfgang Schwab, Senior Advisor und Programm Manager Efficient Infrastructur bei der Experton Group[6]. "Die kann über die Hälfte aller bestehenden Rechenzentren kurzfristig gar nicht umsetzen."

Ob sich der Energy-Star für Rechenzentren in naher Zukunft auf breiter Basis durchsetzen wird, ist allerdings fraglich. "Rechenzentren sind häufig sehr groß und komplex", sagt Experton-Analyst Schwab. "Diese Komplexität auf einen Nenner zu bringen ist sehr schwierig." Zudem sei der Druck, sich zertifizieren zu lassen, hierzulande derzeit kaum vorhanden. Ob das Rechenzentrum nun besonders "grün" sei und eine Zertifizierung habe, spiele für Geschäftsbeziehungen derzeit eine eher untergeordnete Rolle.

Wolfgang Schwab (Bild: Experton Group).
Wolfgang Schwab (Bild: Experton Group).

Dass stromhungrige Branchen wie die Aluminiumherstellung oder die Chemie ihr schlechtes Image mit dem Engergy Star für das Rechenzentrum aufpolieren wollen, hält Schwab eher für unwahrscheinlich.

Ein Argument kann seiner Meinung nach allerdings überzeugen: Wenn der Preis für die angebotene IT-Dienstleistung aufgrund mangelnder Energieeffizienz zu hoch und damit nicht wettbewerbsfähig ist. Das könnte schneller geschehen, als man glaubt: Greenpeace geht davon aus, dass sich der Energieverbrauch von Rechenzentren[7] bis 2020 weltweit verdreifacht.

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Augenblicklich ist die Anzahl sparsamer und energieeffizienter Rechenzentren noch überschaubar. Es gibt beispielsweise Projekte von Yahoo und Microsoft[9], neue Rechenzentren mit Außenluft zu kühlen. Yahoo setzt dies bei einem Komplex in Buffalo im US-Bundesstaat New York um, Microsoft in der irischen Hauptstadt Dublin.

Ein im Aufbau befindliches Facebook-Rechenzentrum[10], IBM in Zürich[11], ein Rechenzentrum in London[12] und eines in Helsinki[13] nutzen die unvermeidliche Abwärme, um umliegende Gebäude oder gar ganze Wohnviertel zu heizen. In Deutschland hat etwa 1&1 mit einem "grünen Rechenzentrum" ausgerechnet in einer ehemaligen Brennelementefabrik in Hanau für Aufsehen gesorgt.

All das sind aber noch Vorzeigeprojekte und erste Gehversuche. "In Zukunft wird der Druck aber zunehmen", ist sich Gartner-Experte Mingay sicher. "Dann werden beide Geschäftspartner von einem Label wie dem Energy Star profitieren. Sie dokumentieren damit, dass sie ihre Bemühungen um Energieeffizienz ernst nehmen." Auch gegenüber internen und externen Interessengruppen kann das Zertifikat dann Glaubwürdigkeit demonstrieren.

Auch IDC-Analyst Giorgio Nebuloni ist überzeugt, dass Initiativen wie der Energie Star in Zukunft mehr Kraft bekommen werden. In Großbritannien sind Rechenzentren schon vom Carbon-Reduction-Commitment-Gesetz (CRC) betroffen. Das CRC schreibt seit April dieses Jahres verbindlich Energieeinsparungen und Reduzierung der Kohlenstoffemissionen vor. Die Diskussion in Deutschland ist dazu noch nicht angelaufen. Die Betonung liegt aber auf "noch".

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.epa.gov/
[2] = http://www.energystar.gov/index.cfm?c=home.index
[3] = http://www.energystar.gov/index.cfm?c=prod_development.server_efficiency
[4] = http://www.thegreengrid.org/home
[5] = http://www.gartner.com
[6] = http://www.experton-group.de
[7] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_greenpeace_stromverbrauch_von_rechenzentren_steigt_bis_2020_um_faktor_drei_story-39001020-41529895-1.htm
[8] = http://www.zdnet.de/galerie/39137720/bildergalerie-strato-rechenzentrum.htm#sid=41536556
[9] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_yahoo_baut_klimafreundliches_rechenzentrum_story-39002364-41006039-1.htm
[10] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_facebook_baut_energieeffizientes_rechenzentrum_story-39001020-41526087-1.htm
[11] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_ibm_heizt_gebaeude_mit_fluessiggekuehlten_supercomputern_story-39001020-41531838-1.htm
[12] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_londoner_rechenzentrum_beheizt_umliegendes_wohnviertel_story-39001020-41003055-1.htm
[13] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_finnen_bauen_weltweit_energieeffizientestes_rechenzentrum_story-39001020-41523847-1.htm