Der stille Vormarsch: ERP auf Open-Source-Basis

(http://www.zdnet.de/magazin/41536511/der-stille-vormarsch-erp-auf-open-source-basis.htm)

von Jakob Jung, 6. September 2010

In der öffentlichen Diskussion um Software für Enterprise Resource Planning spielen Open-Source-Lösungen kaum eine Rolle. Für den Mittelstand sind sie aber eine interessante Alternative. ZDNet gibt einen Überblick.

Heimlich, still und leise haben sich Open-Source-Software-Lösungen für Enterprise Resource Planning (ERP[1]) im Markt etabliert. Laut den Analysten von IDC[2] setzen bereits neun Prozent[3] der mittelständischen Unternehmen in Westeuropa ERP auf Open-Source-Basis ein.

Zwar muss dabei berücksichtigt werden, dass solch ein Einsatz oft nur auf eine Fachabteilung oder ein Projekt beschränkt ist, aber dennoch sind neun Prozent im stark fragmentierten ERP-Markt eine ordentliche Hausnummer - kommt doch selbst SAP nur auf einen Anteil von knapp unter 30 Prozent. Für die Kunden ist das eine gute Nachricht: Weil Open-Source-Lösungen kostengünstig sind, wächst der Preisdruck auf die anderen Hersteller.

Die quelloffenen Warenwirtschaftssysteme sind im Allgemeinen lizenzkostenfrei, üblicherweise wird nur der Support berechnet, wenn das Wissen der Community nicht mehr ausreicht. Auch die Implementierung sollte man normalerweise einem erfahrenen Systemhaus überlassen. Kleinere Firmen mit kompetenten IT-Mitarbeitern können sich aber auch für die komplett kostenlose Variante entscheiden.

Allerdings fehlt den Open-Source-ERP-Anbietern im Moment eines: ein starker Sponsor. Bei den Betriebssystemen wird Linux von IBM, Oracle und HP unterstützt, die Microsoft keine Lizenzgebühren zahlen wollen. In ähnlicher Weise finden sich auch bei OSS-Middleware und -Datenbanken Unterstützer, die ihren Konkurrenten eine lange Nase drehen wollen. Das ist bei den klassischen Unternehmensanwendungen, also ERP und CRM nicht der Fall, so der Gartner-Analyst Brian Prentice[4].

Auch darf nicht vergessen werden, dass ERP die Königsklasse der Anwendungen ist, das heißt, Komplexität und Breite der Anforderungen sind sehr groß. Dennoch versuchen viele Hersteller von quelloffener Software mehr oder weniger, SAP zu imitieren. Dabei stoßen sie oft an Grenzen. Klaus Röder, Geschäftsführender Gesellschafter der Novabit Informationssysteme GmbH[5], kritisiert das bisherige Vorgehen: "Bisher waren die meisten OSS-ERP-Systeme zu detailverliebt, zu komplex oder nicht passend." Mit seiner eigenen Software Nuclos[5] propagiert Novabit jetzt einen anderen Ansatz, nämlich ein Baukastensystem, das sich schnell einrichten lässt.

Die aktuelle Version 2.5 des kostenlosen Open-Source-ERP-Baukastens kann auf nahezu beliebigen Betriebssystemen und SQL-Datenbanken betrieben werden. Es unterstützt die Integration in bestehende Systemlandschaften über generische Web-Services. Nuclos ist für kleine Unternehmen ab fünf Mitarbeitern geeignet, wird aber sogar in DAX-Konzernen eingesetzt. Beispielsweise verwenden die Telekommunikationsanbieter E-Plus, O2 und T-Mobile Nuclos für ihr Vertragsmanagement.

Eine Hauptsorge der Kunden, die sich den Einsatz von OSS ERP überlegen, ist die Qualität des Supports und die Zukunftssicherheit. Hier glaubt sich Röder auf der sicheren Seite: "Unsere 50 fest angestellten Mitarbeiter in Düsseldorf und München stehen für professionelle Arbeit."

Ebenfalls eine solide Basis als IT-Tochter eines börsennotierten Konzerns (KAP AG) bringt das Systemhaus IT-Novum[6] mit. "Seit über fünf Jahren beschäftigen wir uns mit dem Thema Open Source", berichtet Christoph Steinhauer von IT-Novum.

Allerdings wählt das Systemhaus eine andere Herangehensweise und verbindet SAP als ERP-Kernkomponente mit verschiedenen Open-Source-Erweiterungen. Es hat zu diesem Zweck eine eigene Schnittstelle entwickelt, um etwa die Kundenverwaltung SugarCRM[7] und die Dokumentenverwaltung von Alfresco[8] anzuschließen: "Wir als SAP-Partner und Implementierer oder Hoster kennen die Prozesse in SAP und unsere Schnittstelle belässt die Stärken beider Systeme. Wir tasten zum Beispiel keine buchhalterischen Prozesse in SAP an, sondern triggern diese mit Daten aus SugarCRM", erklärt Steinhauer.

Ein weiterer deutscher Anbieter ist die Synerpy GmbH[9] aus Bayreuth. Deren Produkt AvERP ist ein Warenwirtschaftssystem für den Mittelstand mit bis zu 500 Mitarbeitern. Benutzerprogramm, Datenbank, Online-Hilfe und Administrationsprogramme sind kostenlos in der Vollversion enthalten. Lizenzgebühren oder Folgekosten fallen nicht an.

AvERP unterstützt aktuell Maschinenbauer mit über 200 Mitarbeitern und kleinere Dienstleistungsunternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern. Synerpy kann zwölf deutsche Kunden als Referenz vorweisen. AvERP stellte sich im Mai einem Vergleichstest der MQ Result Consulting AG[10] und der Ulmer Gesellschaft zur Prüfung von Software[11]. Im Feld waren ebenfalls die ERP-Systeme ABAS, AP-Plus und SAP All-in-One. Das Gesamtergebnis wurde nicht publiziert. Synerpy hat jedoch die Bewertungen für sein System auf der eigenen Homepage veröffentlicht[12] (PDF).

Die Coburger Seat1 GmbH[13] bietet das Produkt IntarS an. IntarS 5.1 ist nach Moebel2000, seat-1 ERP und IntarS 4.0 die vierte Generation. IntarS läuft auf Debian Linux im Intranet und Internet. Ein handelsüblicher PC als Server verkraftet zehn Benutzer gleichzeitig. Eine Besonderheit ist die jüngst vorgestellte Möglichkeit mit der IntarS Mobile Application die Software auch auf Apples iPad zu nutzen. In der ersten Ausbaustufe sind darin Funktionen zur Unterstützung der im Außendienst operierenden Vertriebsmitarbeiter enthalten.

Das Hauptmenü von AvERP (Screenshot: Synerpy).
Das Hauptmenü von AvERP (Screenshot: Synerpy).

Die Cloppenburger BIG Consulting GmbH hat aufbauend auf OpenERP[14] das System OpenBIG[15] entwickelt. OpenBIG liefert vorkonfigurierte Starterpakete für OpenERP. Inzwischen sind mehr als 350 Module für OpenERP verfügbar. Vier schweizerische Firmen treten als Referenzkunden auf.

Seit einem Jahr ist die ERP-Lösung auch als virtuelle Maschine verfügbar. Die besteht aus einem Ubuntu Server 8.04 based JeOS, vorkonfiguriert mit Open ERP, der Datenbank PostgreSQL 8.3 und einigen Erweiterungen. Um die Datenbanken ansteuern zu können, reichen ein Browser oder ein Open-ERP-Desktop-Client. Die komplette Datenbankinfrastruktur läuft auf der virtuellen Maschine.

Auf eine Basis von insgesamt 130 zahlenden Kunden und insgesamt 1,8 Millionen Downloads kann das kürzlich von Consona[16] übernommene Compiere[17] verweisen. Consona ist bisher mit bereits sieben ERP-Produktlinien vor allem für Fertiger am Markt. Referenzkunden für Compiere stammen vor allem aus Frankreich, der Schweiz und Dänemark. Aktuell ist die Version 3.6.1 der Software. Mit ihr wurden laut Anbieter Skalierbarkeit und Schnelligkeit verbessert. Neu ist auch ein überarbeiteter visueller Editor für Berichte.

Fast genauso viele Downloads wie Compiere, nämlich 1,7 Millionen, kann OpenBravo[18] verbuchen. Referenzkunden in Deutschland gibt es nicht, aber unter den mehr als 100 zahlenden Kunden sind immerhin zwei größere Unternehmen aus den Niederlanden. Das ERP-System von OpenBravo beruht auf einem einzigen integrierten Datenbankmodell. Dieses soll alle grundlegenden Anwendungsbereiche eines kompletten Unternehmens-Managementsystems abdecken. Dazu gehören nach dem OpenBravo-Selbstverständnis auch Business Intelligence und der Point of Sale.

Die ERP-Lösung IntarS (Bild: Seat1 GmbH).
Die ERP-Lösung IntarS der Coburger Seat1 GmbH gibt es auch für das iPad (Bild: Seat1 GmbH).

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/artikel_zum_thema_erp_thema-39002356-39001597o0o0-1.htm
[2] = http://www.idc.com/germany
[3] = http://www.idc.com/getdoc.jsp?sessionId=&containerId=prDK21897909&sessionId=FBBC965E86D5257BA3D83A60F037A556
[4] = http://blogs.gartner.com/brian_prentice/2009/11/03/open-source-business-apps-is-there-a-disconnect/
[5] = http://www.nuclos.de/
[6] = http://www.it-novum.com/startseite.html
[7] = http://www.sugarcrm.com/crm/de
[8] = http://www.alfresco.com/de/
[9] = http://www.synerpy.de/
[10] = http://www.mqresult.com/
[11] = http://www.gps-ulm.de/
[12] = http://www.synerpy.de/images/PDF/2010_ERP-Contest_Feedback.pdf
[13] = http://www.sieht.de/ERP/Unternehmen/wir%20und%20Open%20Source%20ERP.html
[14] = http://openerp.com/
[15] = http://www.openbig.org/
[16] = http://www.consona.com/
[17] = http://www.compiere.com/
[18] = http://www.openbravo.com/de/