Nach der Klage von Oracle gegen Google wegen Android und Java spekuliert die IT-Branche über die Auswirkungen: Die Java-Nutzergruppen beklagen Oracles Schweigen, die Open-Source-Gemeinde fürchtet weitere Schritte und die javanutzenden Hersteller grübeln über die Auswirkungen für ihr Geschäft. ZDNet fast die Stimmen zusammen.
Die Klage von Oracle gegen Google wegen Android und Java[1] hat für erhebliches Aufsehen[2] gesorgt - vor allem weil zunächst völlig unklar war, was Oracle damit bezwecken will und was sie für Java-Anwender und -Nutzer bedeutet. Zur Verunsicherung beigetragen hat, dass Oracle selbst sich dazu nicht äußern will.
"Technisch gesehen ist Oracle im Grundsatz der Streitsache im Recht. Es scheint eine Veränderung der Software vorzuliegen, und gemäß den Bedingungen der Lizenz muss Google diese Veränderungen veröffentlichen und als Open Source zugänglich machen", so die Einschätzung von John Newton, Chairman und CTO beim Open-Source-Unternehmen Alfresco.
"Allerdings bin ich vom Standpunkt und Verhalten von Oracle enttäuscht. Der Wert des Produktes Java liegt nicht im geistigen Eigentum, sondern in der Community, die es repräsentiert. Indem Oracle die Prozesskeule schwingt, bewirkt das Unternehmen nur eine Schwächung dieses Produktes. Google sollte seinerseits ebenfalls auf ein besseres Verhalten im Hinblick auf Open Source achten. Oft ist Geben besser als Nehmen."
Ähnlich äußert sich gegenüber ZDNet[3] auch Ubuntu-Linux-Gründer und Open-Source-Verfechter Mark Shuttleworth: "Oracle hat die Beziehungen zur Open-Source- und Entwickler-Community nachhaltig beschädigt. Vielleicht wirkt sich das unmittelbar auf die Gewinne aus, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall wird es echte Probleme bei der schnellen Verbreitung von Oracle-Schlüsseltechniken wie Java und MySQL hervorrufen. Diese Techniken wurden bisher immer von der Basis aus vorangetrieben. Die Entwickler waren bis jetzt die treibende Kraft für die Verbreitung der Open-Source-Plattformen, und genau sie werden Plattformen meiden, die wie eine Patentfallgrube aussehen."
Michael Wiedeking, Geschäftsführer des Erlanger Softwarehauses Mathema[4] und Leiter der Java User Group der Metropolregion Nürnberg, hält die Klage an sich weder für ungewöhnlich noch besonders überraschend. Schließlich habe ja auch Sun bereits für die mobile Java-Variante Lizenzkosten verlangt und es sei klar gewesen, dass Oracle dies zumindest beibehalten wird. "Allerdings hilft die Klage natürlich nicht, das Vertrauen, das die Java-Community in Sun hatte, auch auf Oracle zu übertragen. Mangelndes Vertrauen könnte aber zu einem Technologiewechsel führen, und das wäre eigentlich schade."
Schließlich sei Java mit dem Anspruch "write once, run anywhere" an den Start gegangen und habe so viele Programmierer für sich begeistert. Und inzwischen sei Java zu einer außergewöhnlich mächtigen Plattform geworden, deren Möglichkeiten jedoch von vielen immer noch unterschätzt oder zumindest in ihrer Fülle nicht ganz wahrgenommen würden.
Ein gehöriger Schrecken fuhr bei Bekanntwerden der Klage auch vielen Firmen in die Glieder, die ihre Unternehmenssoftware mit Hilfe und unter Nutzung von Java erstellen. Droht ihnen über kurz oder lang dasselbe Schicksal wie Google?
Die Antwort ist kurz und einfach: Man weiß es nicht. Und das stört. Die im Interessenverbund der Java User Groups e.V. (iJUG) zusammengeschlossenen deutschen Java-Anwender empfinden die Informationspolitik seitens Oracle sowieso seit der Sun-Übernahme schon als unbefriedigend. Auf den vergangenen Veranstaltungen sei von Oracle zum Thema "Java" praktisch nichts zu erfahren gewesen und viele der bekannten Blogs und Twitter-Accounts veröffentlichten deutlich weniger Informationen. "Der Java-Community fehlt insbesondere eine klare Roadmap für die kommenden Jahre mit konkreten Fakten", sagt Fried Saacke, Vorstandsvorsitzender des iJUG.
Für problematisch hält der Verbund auch, dass Aussagen von Oracle hinsichtlich der Trennung beziehungsweise dem Zusammenspiel von Open Source und den kommerziellen Varianten der Produkte wie GlassFish fehlen. "Es wird immer behauptet, es handele sich um die gleichen Produkte mit anderer Lizenz", so Oliver Szymanski, Vorstandsmitglied des iJUG und Leiter der Java User Group Erlangen/Nürnberg. "Ein Beweis dafür steht allerdings noch aus." Auch der Umgang mit dem OpenJDK7 und die Zukunft vom JDK7 seien unklar.
Es wird sogar schon darüber nachgedacht, ob die Community das Schicksal der JVM selbst in die Hand nehmen sollte. "Man könnte sich zum Beispiel viel stärker auf eine Weiterentwicklung des OpenJDK einigen", sagt Tobias Frech von der Java User Group Stuttgart. "Auch JavaFX will die Community ja als Open Source, um es weiterentwickeln zu können.
Ähnlich wie Frech denkt auch Kristian Rink von der Java User Group Saxony: Für JVM und JDK sollte nach seiner Meinung die bisherige Sun-Implementation als produktionstaugliche Implementation durch eine Oracle-externe, offene und firmenunabhängige Einheit wie Apache oder Eclipse erfolgen. Die könnte neben langfristiger Gewährleistung der Verfügbarkeit beider Technologien für Entwicklung und Produktivbetrieb auch die Interessen aller Beteiligten in technischen Details berücksichtigen und umsetzen, ohne allzu sehr durch die eigene Produkt- und Projektplanung belastet zu sein.
"Wir geben Oracle noch Zeit bis zur JavaOne im September", so iJUG-Sprecher Fried Saacke. "Falls dort nichts Befriedigendes kommuniziert wird, werden wir alternative Strategien überlegen."
Nicht nur Java als Plattform ist groß und mächtig, auch die Java-Community ist groß. Zahllose kommerzielle und nicht nichtkommerzielle Organisationen haben ihre Geschäfte, Projekte und Aktivitäten auf Java aufgebaut. Der ERP-Anbieter Abacus[5] gehört auch dazu: Die Software des Unternehmens[6] ist komplett auf Java aufgebaut. Dennoch bleibt Geschäftsführer Rainer Kaczmarczyk ruhig: "Sun und Oracle verteilen Java bisher kostenlos. Wir halten uns an die vorgegebenen Regeln und befürchten daher nichts. Die Klage gegen Google sehen wir als speziellen Fall und gehen davon aus, dass wir weder direkt noch indirekt davon betroffen sind."
Die ganz großen Anbieter halten sich bedeckt. IBM, dass wegen seines IBM JDK wahrscheinlich am meisten zu befürchten hätte, will sich zu Rechtsstreitigkeiten anderer Firmen nicht äußern. SAP ist für Netweaver und Business ByDesign sowie für viele seiner mit Business Objects erworbenen Business-Intelligence-Produkte auf Java angewiesen. Außerdem sind die Walldorfer Oracle ohnehin ein Dorn im Auge.
Der deutsche Konzern ist jedoch ebenfalls zurückhaltend. Schließlich habe man die eigene Programmiersprache ABAP, die Herz- und Kernstück der eigenen Software sei. Java komme zwar zum Einsatz, aber man beachte die Vorgaben.
SAP-CTO schlägt Java Foundation vor
Im Übrigen verweist SAP auf einen Blogbeitrag seines CTOs Vishal Sikka[7] vom November 2009. Darin stellt er klar, dass Java zwar eine bemerkenswerte und für das 21. Jahrhundert wichtige Programmiersprache sei. Aber die Fähigkeit der Softwarehersteller, ihre eigenen Java-Implementierungen zu schaffen und diese in ihren Software-Stack zu integrieren, sei ein wichtiges Erfolgskriterium geworden. Sikka anerkennt zwar die Investitionen, die Sun in Java getätigt hat, betont jedoch, dass es lediglich so erfolgreich geworden sei, weil dahinter das Versprechen eines fairen und offenen Ökosystems stehe.
Das allerdings sah er durch die Kompatibilitätstests und Zertifizierungsansprüche von Java schon bedroht. Sun habe nämlich in die Prozesse in der Community, um die Gesundheit des Java-Ökosystems zu gewährleisten, einige Kontrollpunkte eingebaut und habe damit das recht verknüpft, die Lizenzbedingungen der Kompatibilitätstests zu bestimmen. Diese Kontrollen seien - damals noch von Sun - gegen die Interessen des Java-Ökosystems gerichtet worden. "Zum Beispiel soll unserer Ansicht nach der Zertifizierungsprozess die Kompatibilität zu den Java-Standards belegen, aber stattdessen scheinen die Lizenzbedingungen des Kompatibilitäts-Test-Kits dazu genutzt zu werden, den Zugang zu Java- Standards zu beschränken und so die Möglichkeiten eines Unternehmens im Markt mitzuhalten einzugrenzen."
Das ist interessant, da es in Erinnerung ruft, dass Sun auch schon vor der Übernahme durch Oracle nach Wegen gesucht hat, das 2006 in einem mühsamen Prozess[8] Open Source gemachte Java wieder etwas mehr zu kontrollieren. Außerdem scheint es in den definierten Prozessen entsprechende Möglichkeiten zu geben, die sich Oracle zunutze machen kann.
Wenn SAP die Implementierung eines Java-Standards eines anderen Unternehmens nutze, werde es die dafür anfallenden Lizenzgebühren erwerben - sofern diese fair und vernünftig seien, so Sikka weiter. Wenn man die quelloffene Implementierung eines Java-Standards nutze, werde man sich am Verbesserungsprozess beteiligen und so der Community wieder etwas zurückgeben.
Im Übrigen hält Sikka es für das Beste, wenn Java von einer unabhängigen Java Foundation kontrolliert werde. Damit findet der SAP-CTO bei vielen im Markt Zustimmung. Allein die Tatsache, dass ein SAP-Manager das für das Beste hält, wird aber bei Oracle Widerstände dagegen auslösen.
Der deutsche CMS-Spezialist E-Spirit[9] setzt für seine Produkte ebenfalls auf Java. CEO Jörn Bodemann beobachtet aber nicht nur die Entwicklung bei Java sondern auch Googles Bemühungen um Android bereits seit einigen Monaten mit gemischten Gefühlen.
"Wir begrüßen es, dass Google mit Android eine freie, Community-basierende Plattform für mobile Geräte entwickelt hat. Apple ist doch sehr restriktiv und nimmt viel Einfluss auf den Content, der auf seine Geräte kommt." Andererseits habe - was viele nicht wirklich wüssten - Google mit Dalvik eine eigene Virtual Machine geschaffen und könne damit Änderungen einbringen, ohne sich im Rahmen des JCP (Java Certification Process) abzustimmen.
Das führe dazu, dass die Idee einer einheitlichen Java-Plattform untergraben werde – und damit wiederum ist Bodemann nicht einverstanden. "Etwas Ähnliches hat IBM vor einigen Jahren gemacht, um aus seiner Hardware das Optimale herauszuholen. Dieses Ziel wurde zwar erreicht, allerdings traten dann Fehler auf, die nur beim IBM-JDK zu finden waren. Das ist natürlich ärgerlich. Interessanterweise wird durch die Klage vielleicht vielen Entwicklern erstmals bewusst, dass Google nie den Anspruch erhoben hat, mit Dalvik eine Java-Plattform geschaffen zu haben."
Außerdem habe Sun den allergrößten Teil von Java Open Source gestellt und der Community viel zurückgegeben. "Lediglich für die Java Micro Edition wurde ein Lizenzbetrag verlangt. Dass sich Google mit Dalvik darum zu drücken versucht, finde ich persönlich nicht gut."
Neben diesen technischen und lizenzrechtlichen Fragen hat Bodemann aber auch zwei strategische Bedenken zur jüngeren Entwicklung bei Java. "Oracle ist sicher weniger kalkulierbar als Sun es war. Es besteht die Gefahr, dass Oracle weniger in Open Source investieren wird, als Sun dies getan hat. Schließlich hat Oracle jetzt auch Open Solaris aufgegeben[10]." Es könne sein, dass Oracle systematisch Open Source vom Markt verschwinden lasse - und das hielte Bodemann für eine negative Entwicklung.
Darüber hinaus drohe Java in letzter Zeit gegenüber .Net an Image zu verlieren: "Die Java Virtual Machine hat ein Qualitätsproblem", so Bodemann. "Die JVM kann derzeit mit der Entwicklung im Hardwarebereich nicht ausreichend mithalten, zum Beispiel gibt es Probleme mit der Speicherverwaltung bei vielen Prozessoren und mit viel RAM. Bei .Net wird dagegen vergleichsweise massiv investiert, um den Veränderungen bei der Hardware stärker Rechnung zu tragen."
Eine Zunahme der Qualitätsprobleme sieht Michael Wiedeking, Geschäftsführer des Erlanger IT-Dienstleisters Mathema[11] seit der Übernahme von Sun durch Oracle nicht. Der Leiter der Java User Group der Metropolregion Nürnberg hält eines der in der Klageschrift erwähnten Patente für besonders wichtig: Das, in dem es um einen Mechanismus für die Just-in-Time-Kompilierung geht, ohne den der Nachbau einer effizienten virtuellen Maschine für Java praktisch unmöglich ist.
"So ein Patent wäre in Europa wahrscheinlich gar nicht durchsetzbar", meint Wiedeking. Aber diese Frage stehe eigentlich erst an zweiter Stelle. Wie einige der anderen Beobachter hält auch er ein langwieriges Verfahren, das erhebliche Unsicherheit schafft, für das eigentliche Problem. Denkbar wäre etwa, dass sich Mobilfunkprovider in Zukunft gut überlegen, ob sie Android-Smartphones ausliefern und sich damit vielleicht der Gefahr aussetzen, irgendwann eine Klage von Oracle einzuhandeln.
Als Programmierer schätzt Wiedeking Java wegen der vielfältigen Möglichkeiten zwar, er hält es aber nicht für unersetzbar. "Wenn Oracle irgendwann tatsächlich Geld für weitere Java-Komponenten verlangt, ist es beispielsweise für Linux-Implementierungen nicht mehr tragbar. Es gibt aber inzwischen viele neue Programmiersprachen und -Umgebungen, die sich durchaus dafür eignen, Java abzulösen. Dass sich diese zunehmender Beliebtheit erfreuen zeigt vielleicht schon, dass die Zeit dafür reif ist und Java seinen Zenith überschritten hat."
Der ehemalige Sun-Mitarbeiter Charles Nutter beschreibt[12] in seinem Blog die verzwickte Situation der zahlreichen Java Virtual Machines und auch die Probleme die Google wegen Android bereits mit Sun hatte, ausführlich. Außerdem prüft er, was jedes einzelne Patent tatsächlich schützt und ob es überhaupt berührt wird. Daraufhin kommt Nutter zu dem Schluss: "Die Sammlung von Patenten, die in der Klageschrift genannt wird, erscheint mir recht lächerlich. Wenn ich Google wäre, wäre ich nicht besonders besorgt."
Nutter hat den Eindruck, dass sich eine Gruppe von Sun-Ingenieuren mit einer Gruppe von Anwälten zusammengesetzt und auf Teufel-komm-raus ein paar Patente herausgesucht haben, die von Google möglicherweise verletzt worden sein könnten – allerdings ohne viel über Android oder Dalvik zu wissen. Java-Entwicklern, die sich nicht mit Android befassen, empfiehlt Nutter, sich durch die Klage nicht den Schlaf rauben zu lassen. Bis die Details auf dem Tisch liegen dauere es sicher Monate und sie seien aller Voraussicht nach nicht davon betroffen.
Java-Vater James Gosling, der Oracle im Frühjahr verlassen hat[13], führt die Klage teilweise darauf zurück, dass man sich bei Sun anfänglich gar nicht um Patente gekümmert, nach dem ersten Streit mit Microsoft aber nahezu alles patentieren habe lassen - selbst die trivialsten Dinge.
Weiter schreibt Gosling in seinem Blog[14] ebenso wie Nutter, dass schon Sun und Google über Zahlungen verhandelt haben. "Wir wollten eine gewisse Kompensation für die enormen Beträge, die wir für Entwicklung aufbringen mussten. Google hatte ein Geschäftsmodell, von dem sie selbst profitierten (über das sie aber nichts verraten wollten). Teilweise planten sie Einnahmen durch Werbung zu erzielen, aber in erster Linie wollten sie Apples Pläne durchkreuzen und Apples bevorstehenden Eintritt in den Werbemarkt abwehren."
Der Grund dafür sei folgender gewesen: Wenn mobile Geräte tatsächlich die meistgenutzte Computing-Plattform für Verbraucher werden funktionieren Googles Werbemodell und damit seine Haupteinnahmequelle nicht mehr. "Man braucht nicht unbedingt eine Kristallkugel um zu sehen, wohin sich Apple entwickelt, und die Aussichten sind weder für Google oder irgendjemand anderen besonders schön", so Gosling weiter.
"Dieses Scharmützel geht eigentlich nicht um Patente oder Prinzipien oder Programmiersprachen. Die Klage hat vielmehr vor allem mit Ego, Geld und Macht zu tun", so Gosling. Und wo jetzt schon einmal schmutzige Wäsche gewaschen wird: Insider berichten, dass Steve Jobs vor einigen Jahren bei der Hochzeit von Larry Ellison die Fotos geschossen hat – die beiden sich also wesentlich näher stehen, als gemeinhin bekannt ist. So gesehen, wäre die Klage gegen Google nicht mehr als eine kleine Gefälligkeit unter Freunden.
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