Interview: Deutschland trödelt beim Glasfaserausbau

(http://www.zdnet.de/magazin/41536391/interview-deutschland-troedelt-beim-glasfaserausbau.htm)

von Peter Marwan, 20. August 2010

Während viele Deutsche noch von VDSL träumen, sind die meisten anderen europäischen Ländern schon wesentlich weiter. Viele setzen konseqent auf Glasfaser bis in jeden Haushalt. ZDNet sprach mit Hartwig Tauber vom FTTH Council Europe über Stand und Perspektiven des Glasfaserausbaus hierzulande.

Die Kupferdoppelader bis in die Haushalte, auch als Teilnehmeranschlussleitung (TAL) oder letzte Meile bekannt, gehört in Deutschland nach wie vor der Telekom. Andere Provider müssen die TAL mieten. Die Höhe des Preises ist ein Dauerthema in der Branche. Während die Telekom ihre Kosten nicht gedeckt sieht, streben Konkurrenten eine Senkung an, um den erwünschten Wettbewerb zu fördern. Die Entscheidung fällt die Bundesnetzagentur, die es aber keiner der Parteien recht machen kann.

Neben dem Aufbau einer zukunftsfähigen TK-Infrastruktur sind es daher vor allem ökonomische Gründe, die Netzbetreiber zu Investitionen in eine eigene Infrastruktur motivieren. Denn selbst regional oder nur lokal agierende Unternehmen überweisen der Telekom dafür jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge. Die - so die Rechnung - ließen sich besser in eigene Anlagen investieren. Um den Angeboten des Branchenriesen auch langfristig etwas entgegensetzen zu können, reicht es aber vielfach nicht aus, dasselbe Paket lediglich günstiger zu vermarkten. Differenzierungsmerkmale sind gefragt. Dafür bieten sich Glasfaserkabel an. Um der Konkurrenz der Kabelnetztbetreiber paroli zu bieten, beginnt aber auch die Telekom inzwischen mit der Installation von Glasfaserleitungen.

Ein Glasfaseranschluss für jedes Haus soll mehr als ausreichende Ressourcen für Telefon, Internet, Radio und Fernsehen bereitstellen - so zumindest das Ziel des FTTH Council Europe[1]. In dem Verband haben sich mehr als 130 Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche zusammengeschlossen. Sie sehen Fibre to the Home (FTTH[2]) und Fibre to the Basement (FTTB[3]) als einzigen Weg zum integrativen Kommunikationsnetz der Zukunft. ZDNet sprach mit Professor Hartwig Tauber, Director General beim FTTH Council Europe, über den Stand und die Perspektiven des Glasfaserausbaus in Deutschland.

ZDNet: Zur CeBIT hatten sich Messegesellschaft, Bitkom und Politik zum Breitband-Gipfel[4] getroffen. Dabei - oder in dessen Umfeld - waren auch einige Zusagen für den Breitbandausbau[5] in Deutschland gemacht worden. Sind das nur Absichtserklärung oder steckt wirklich etwas dahinter?

Hartwig Tauber: Es gibt derzeit viele Ankündigungen und Pläne betreffend Breitbandausbau in Europa. Viele davon haben sich im Rückblick als reine Marketingmaßnahmen herausgestellt. Auch bei FTTH-Netzwerken kommt dies immer wieder vor, wir haben dafür sogar einen eigenen Terminus entwickelt: FTTPR - Fiber to the Press Release.

Inwiefern die Ankündigungen in Deutschland nun tatsächlich zu Ausbaumaßnahmen führen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Wir als FTTH Council Europe würden uns natürlich wünschen, dass besonders die Pläne für den Glasfaserausbau - inklusive jener, die die Deutsche Telekom im März angekündigt hat - auch tatsächlich umgesetzt werden.

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Ausbau des Glasfasernetzes in München[6]

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ZDNet: Breitband ist ja nicht gleich Breitband. Wie schätzen Sie die derzeit am Markt vorhandenen Technologien ein?

Hartwig Tauber: Wir sehen Glasfaser als die einzige Breitbandtechnologie an, die in der Lage ist, die Bandbreitenanforderungen der Endanwender tatsächlich zu erfüllen. Die diversen DSL-, Kabel- und Funklösungen haben kritische Schwächen, unter denen die Endkunden schon heute leiden. Dazu gehört, dass Bandbreiten immer nur "bis zu" angeboten werden - die tatsächliche Geschwindigkeit, die der Kunde erhält, liegt in den meisten Fällen deutlich darunter. Eine unabhängige britische Studie hat festgestellt, dass im Falle von Mobilfunk-Breitband der Kunde überhaupt nur 20 Prozent der beworbenen Geschwindigkeit tatsächlich erhält.

Professor Hartwig Tauber, Director General beim FTTH Council Europe (Bild: FTTH Council Europe).
Professor Hartwig Tauber, Director General beim FTTH Council Europe (Bild: FTTH Council Europe).

Eine weitere Schwäche der heute eingesetzten Technologien ist der langsame Upload. Die Geschwindigkeit, mit der Daten in das Internet hochgeladen werden können, ist heute meist im niedrigen einstelligen Megabit-Bereich. Damit ein HD-Urlaubsvideo auf Youtube zu laden oder eine Firmenpräsentation vom Home Office auf den Firmenserver zu kopieren ist schon jetzt eine Zumutung.

ZDNet: Jetzt könnte man einwenden, dass Sie als Sprecher eines Verbandes, dessen Mitglieder sich aus Anbietern von Glasfasertechnologien rekrutieren, diese Technologie natürlich bevorzugen muss ...

Hartwig Tauber: Andererseits sprechen auch die puren Fakten für Glasfaser. Angebote mit garantierten 100 MBit/s für Endkunden sind heute auf Glasfaserbasis bereits vielfach verfügbar - und in Asien sogar günstiger als mancher lahmende DSL-Anschluss in Deutschland. Es ist deshalb wenig verwunderlich, wenn uns heute nahezu alle Experten und die Netzbetreiber selbst zustimmen, dass Glasfaser die einzige langfristige Lösung für Breitbandtelekommunikation ist. Als FTTH Council Europe ist es unsere Aufgabe darauf zu drängen, dass die Entscheidungen für Glasfasernetze so schnell wie möglich gefällt werden. Denn deren Implementierung wird sowieso einige Jahre in Anspruch nehmen. Es ist zu spät, erst dann mit dem Bau zu beginnen, wenn die Bandbreiten bereits dringend benötigt werden.

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Ausbau des Glasfasernetzes in Köln[7]

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ZDNet: Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Hartwig Tauber: Bezogen auf Glasfaser ist Deutschland ein Schlusslicht. Während in Ländern wie Schweden, Norwegen oder Slowenien bereits mehr als 10 Prozent der Haushalte FTTH nutzen, ist es in Deutschland weniger als ein halbes Prozent. Damit liegt die Bundesrepublik auch weit hinter Frankreich oder den Niederlanden. Ganz zu schweigen vom Vergleich mit Asien[8]: Dort haben Länder wie Südkorea, Japan oder die Stadt Hongkong bereits mehr als ein Drittel der Haushalte auf Basis von Glasfasertechnik angeschlossen.

ZDNet: Welche sind die Ihrer Ansicht nach am weitesten fortgeschrittenen Städte und Regionen in Deutschland?

Hartwig Tauber: In Deutschland sind es vor allem die Initiativen von Energieversorgern und alternativen Anbietern, die den Ausbau von Glasfasernetzen vorantreiben. Dazu gehören Hansenet in Hamburg, MNet im Münchner Raum, NetCologne in Köln sowie die Stadtwerke Schwerte, die Stadtwerke Sindelfingen oder das Wilhelm.tel-Projekt der Stadtwerke Norderstedt.

ZDNet: In Städten und Ballungszentren ist die Versorgung mit Breitband überwiegend ganz ordentlich. Es hakt nach dem Gefühl der Anwender vor allem in der Fläche. Dort liegt viel Hoffnung auf drahtlosen Technologien, etwa dem gerade in der Erprobung befindlichen LTE oder der Digitalen Dividende.

Hartwig Tauber: Die digitale Dividende oder LTE versprechen eine schnelle Linderung der Versorgungsprobleme in ländlichen Gebieten. Doch sollte auch hier nicht vergessen werden, dass die dadurch möglichen Bandbreiten weit hinter den möglichen Geschwindigkeiten von Glasfasernetzen in den Städten herhinken. Deshalb sind diese Lösungen nur kurzfristig tragbar. Langfristig wird auch auf dem Land nur FTTH die notwendigen Geschwindigkeiten bieten können.

In vielen Fällen ergibt sich dafür jedoch nicht sofort ein entsprechender Business-Case. Hier wäre es seitens der Politik und der Entscheidungsträger wichtig, geeignete Maßnahmen zu setzen, um die Kosten für den Ausbau zu reduzieren. Alleine ein koordiniertes Vorgehen, bei dem bei jeder Grabearbeit in einer ländlichen Gemeinde ein Leerrohr oder Glasfaser mit verlegt werden, kann bereits wahre Wunder wirken. Andererseits relativiert sich die Kostendiskussion wenn man weiß, dass einige deutsche Provider kürzlich mehr als drei Milliarden Euro nur für das Recht ausgegeben haben, Funkfrequenzen nutzen zu dürfen. Für diese Summe könnte man viele Glasfaseranschlüsse bauen …

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Eine Fahrt im "LTE Connected Car"[9]

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ZDNet: Besteht nicht auch beim Ausbau mit Glasfaser wieder die Gefahr, dass sich die Anbieter auf die bereits jetzt besser vorsorgten, weil lukrativeren und günstiger zu erschließenden städtischen Zentren konzentrieren?

Hartwig Tauber: Tatsächlich ist dies bereits heute oft der Fall. Allerdings zeigen Beispiele in Schweden, Finnland oder Österreich, dass kluge und aktive Bürgermeister hier bereits dafür sorgen, dass auch am Land Glasfaser ausgebaut wird. Dies sind allerdings noch Einzelfälle von engagierten Entscheidungsträgern.

In den baltischen und den skandinavischen Ländern ist der prozentuale Anteil der mit Glasfaser erschlossenen Haushalte (blau) und Gebäude (grau) besonders hoch (Grafik: FTTH Council Europe, Stand Dezember 2009).
In den baltischen und den skandinavischen Ländern ist der prozentuale Anteil der mit Glasfaser erschlossenen Haushalte (blau) und Gebäude (grau) besonders hoch (Grafik: FTTH Council Europe, Stand Dezember 2009).

ZDNet: Inwieweit sehen Sie die Politik in der Pflicht?

Hartwig Tauber: Es wäre die Pflicht der Politik, sinnvoll einzugreifen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die einen Glasfaserausbau auch auf dem Land möglich machen. Die bedeutet nicht unbedingt sofort, dass umfangreiche Fördergelder fließen müssen - wie erwähnt können auch intelligente Koordinierungsmaßnahmen bereits sehr positive Auswirkungen haben.

Die Europäische Kommission hat hier den Politikern mit der Digitalen Agenda klare Ziele vorgegeben: Bis 2020 sollen alle Haushalte in Europa mit 30 MBit/s versorgt sein und die Hälfte der Haushalte sogar mit mehr als 100 MBit/s. Um das zu erreichen, ist schon heute entsprechendes Handeln gefragt.

ZDNet: Wie ist das Verhältnis der Kosten, zum Beispiel bei der Erschließung einer Region mit VDSL oder alternativ mit Glasfaser?

Hartwig Tauber: Es ist nahezu unmöglich, hier echte Kostenvergleiche anzustellen. Denn natürlich bedeutet der Ausbau einer Infrastruktur bis zum Haushalt höhere Erstinvestitionskosten als wenn Teile des bestehenden Kupfernetzes verwendet werden. Dafür zeigt die Praxis, dass die laufenden Kosten für Betrieb und Wartung bei Glasfasernetzen deutlich niedriger sind. Und wenn man bei der Rechnung berücksichtigt, dass mittelfristig sowieso auf Glas bis zum Haushalt aufgerüstet werden muss, sieht die Kalkulation für Glasfaser noch besser aus. Einige Analysten berechnen auch die Kosten pro MBit/s pro Haushalt, was noch günstiger für FTTH ausfällt: Heute sind 1000 MBit/s für einen Haushalt auf Glasfaserbasis möglich, dagegen nur 50 MBit/s bei VDSL.

Das Problem, das wir heute sehr oft sehen ist, dass zwar Jedermann weiß, dass es sich bei FTTH um den Aufbau einer Infrastruktur handelt. Dennoch wird der Business Case oft nur sehr kurzfristig - manchmal sogar im Monatsbereich angesetzt. Und dies ist selbstverständlich nicht sinnvoll. Und bei der Konzentration auf Zwischenlösungen für den kurzfristigen "Shareholder-Value" geht viel zu oft der Blick auf die Gesamtlösung unter. Erst im Nachhinein erkennt man dann unter Umständen, dass eine sofortige Umsetzung einer langfristigen Lösung viel günstiger wäre als viele teure Zwischenschritte.

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Verlegung eines Unterseekabels zwischen Afrika und Europa[10]

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ZDNet: Welcher Preispunkt muss denn aus Ihrer Sicht erreicht werden, damit Haushalte das Angebot annehmen?

Hartwig Tauber: Als FTTH Council Europe können wir natürlich den Betreibern und Service-Anbietern keine Preise vorschreiben. Allerdings haben wir dieses Jahr zusammen mit Pyramid Research die Preismodelle von verschiedenen FTTH-Anbietern analysiert. Dabei wurde festgestellt, dass die Kunden zunächst vor allem an der höheren Bandbreite interessiert sind. Für diese wird auch ein entsprechender Aufpreis bezahlt - wobei dieser meist nicht in direkter Relation zum Geschwindigkeitsgewinn steht. So zahlen Kunden beispielsweise um 15 Prozent höhere monatliche Kosten im Vergleich zu ihrem bisherigen Internet-Anschluss. Sie bekommen dafür aber um 100 Prozent mehr Geschwindigkeit.

ZDNet: FTTH heißt zwar Fiber-to-the-Home, ist aber dennoch nicht nur ein Thema für private Kunden. Welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach der flächendeckende Glasfaserausbau für Firmen?

Hartwig Tauber: Für Unternehmen ist eine schnelle Telekommunikationsanbindung unerlässlich. Deshalb ist FTTH aus wirtschaftlicher Sicht ein Faktor, der die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe beeinflussen wird. Schon heute zeigt sich, dass Regionen mit Glasfaserversorgung von positiven wirtschaftlichen Effekten profitieren. Die schwedische Stadt Hudkisvall konnte beispielsweise ein Ansteigen der Betriebsansiedlungen um bis zu 14 Prozent jährlich verzeichnen, nachdem 2004 ein Glasfasernetz in Betrieb genommen wurde. Darunter waren auch zwei große Industriebetriebe, für die die Breitbandversorgung ein Standortkriterium war.

Besonders kleine udn mittelgroße Betriebe außerhalb der Ballungszentren profitieren von schnellen Datenanbindungen. Im Umkehrschluss bedeutet es für diese Unternehmen, dass eine Nichtverfügbarkeit von Glasfaseranschlüssen existenzbedrohend sein kann. Und gerade für Unternehmen sind langsame Zwischenlösungen auf Funkbasis mittelfristig nicht tragbar. Der Glasfaserausbau ist deshalb auch hier das Gebot der Stunde.

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Wie Unterseekabel verlegt werden[11]

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URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.ftthcouncil.eu
[2] = http://de.wikipedia.org/wiki/FTTH#Fibre_To_The_Home
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/FTTH#Fibre_To_The_Basement
[4] = http://www.zdnet.de/cebit_broadband_world_mit_ueber_100_mbit_s_ins_internet_story-39002476-41527847-1.htm
[5] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_telekommunikation_breitbandausbau_telekom_will_auch_2010_mit_kommunen_zusammenarbeiten_story-39001023-41525597-1.htm
[6] = http://www.zdnet.de/galerie/41536502/ausbau-des-glasfasernetzes-in-muenchen.htm#sid=41536391
[7] = http://www.zdnet.de/galerie/41536403/ausbau-des-glasfasernetzes-in-koeln.htm#sid=41536391
[8] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_telekommunikation_asien_fuehrend_bei_glasfaser_internetzugaengen_story-39001023-39194063-1.htm
[9] = http://www.zdnet.de/galerie/41526120/eine-fahrt-im-lte-connected-car.htm#sid=41536391
[10] = http://www.zdnet.de/galerie/41525762/verlegung-eines-unterseekabels-zwischen-afrika-und-europa.htm#sid=41536391
[11] = http://www.zdnet.de/galerie/39189838/wie-unterseekabel-verlegt-werden.htm#sid=41536391