Spitze eines Eisbergs: Oracles Java-Klage gegen Google

(http://www.zdnet.de/magazin/41536336/spitze-eines-eisbergs-oracles-java-klage-gegen-google.htm)

von Peter Marwan, 16. August 2010

Sun war immer stolz auf Java, hat es aber nie wirklich gewinnbringend vermarktet. Oracle hat offenbar andere Pläne. Dem Datenbank-Konzern geht es aber nicht nur um Geld: Java könnte sich auch als probates Druckmittel gegen den Wettbewerb erweisen.

Logo von Java

Oracle[1] hat wegen Patent- und Urheberrechtsverletzungen gegen Google[2] geklagt. Der Vorwurf lautet, Google habe mit Android "wissentlich, direkt und wiederholt Oracles geistiges Eigentum an Java" verletzt, das Oracle Anfang des Jahres Kaufs von Sun Microsystems[3] erworben hatte.

Der Klage zufolge verstoßen unter anderem die in Android enthaltene Dalvik Java Virtual Machine[4], das Android Software Development Kit[5] sowie Geräte, auf denen Googles Mobilbetriebssystem läuft, gegen Oracle-Patente. Laut Oracle sei Java ein mit Android konkurrierendes Mobilbetriebssystem und Google nutze auf Java basierende Technologien ohne Lizenz.

Sun und Open Source

Jonathan Schwartz, der ehemalige CEO von Sun Microsystems, konnte die Bedeutung von Open Source[6] für die Zukunft seines Unternehmens gar nicht oft genug betonen. Das schien logisch: Nach dem Kauf von MySQL[7] war sein Unternehmen neben Red Hat[8] wahrscheinlich der wichtigste Open-Source-Anbieter - IBM[9] und HP[10], für die sich die Bedeutung von Open Source nur schwer einschätzen lässt, einmal beiseitegelassen.

Aber nicht alles, was bei Sun wie Open Source aussah, war auch tatsächlich Open Source. Einiges, zum Beispiel RPC oder NFS war sehr offen und wurde wirklich umsonst unters Volk gebracht. Anderes dagegen war ein bisschen Open Source, oder wie der Experte Sonali Shah es einmal ausdrückte "gated Source" - zwar frei verfügbar, aber nur in einem gewissen Rahmen. Etwa wie ein Pferd auf dem Ponyhof, das zwar von jedermann auf die Koppel geführt, aber von niemand zu einem Ausritt mitgenommen werden darf.

Klage ist keine echte Überraschung

Dass Oracle sich das Treiben auf dem Ponyhof Sun nicht lange anschaut, war eigentlich schon bei der Übernahme klar. "Das ist die wichtigste Software, die wir je übernommen haben", sagte Larry Ellison damals[11] in einer Konferenzschaltung über Java. Und Oracle hat schon viel Software übernommen. Eine echte Überraschung ist die Klage also nicht.

Vor etwas über einem Jahr hat Sun für Java weltweit auf mehr als 6,5 Millionen Entwickler, über 800 Millionen Desktop-Computer und über sechs Milliarden Geräte mit Internetanbindung verwiesen. Tendenz steigend, da die Nachfrage nach sogenannten Rich-Interactive-Applications 2009 stark anzog. Mit Java FX positionierte sich Sun als eines der Unternehmen, das die Entwicklung solcher Applikationen auf verschiedenen Plattformen ermöglicht.

Aber obwohl die Rechte bei Sun lagen, konnte oder wollte der Konzern sie nie gewinnbringend vermarkten[12]: Im zweiten Quartal seines Geschäftsjahres 2009 wies Sun beispielsweise für Java lediglich Einnahmen in Höhe von 67 Millionen Dollar aus. Legt man das auf die Zahl der Geräte um, die Java nutzen, bleiben lediglich Cent-Beträge übrig. Dass Oracle dagegen den Willen und die Möglichkeiten hat, die Rechte aus dem Sun-Software-Zoo zu Geld zu machen, hat das Unternehmen schon bewiesen. Ein Beispiel ist ein bis dato kostenloses Plug-in, das Oracle seit April[13] nur noch für 90 Dollar pro User abgibt.Vor rund zehn Jahren hatte Sun mit Microsoft schon einmal über ähnliche Vorwürfe gestritten, wie sie jetzt Oracle gegen Google erhebt. Das war damals eine langwierige und in den Medien breit ausgetretene Affäre. Irgendwann ging es dem Management der beiden Firmen wahrscheinlich einfach um´s Prinzip und darum, das Gesicht zu wahren. Als sich herausstellte, dass sich die Waagschale zu Gunsten von Sun neigt, hat Microsoft dann doch nachgegeben und bezahlt.

Bei Oracle gegen Google ist die Lage ähnlich: Beide haben genug Geld und genug Anwälte, um sich jahrelang zu beharken. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch, dass Google eigentlich keine Zeit hat. Die Klage kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt - gerade als Android genug Schwung[14] geholt hat, um den Markt aufzurollen. Eine langwierige Klage, die vielleicht weniger die Endanwender, aber sicherlich die Smartphone-Hersteller verunsichern wird, könnte den Höhenflug abrupt beenden. Davon profitieren würden Apple, wenn denn das nächste mobile Betriebssystem aus Redmond etwas taugt[15] auch Microsoft und vielleicht sogar HP mit seinen Plänen für WebOS.

Google: Ein Hans-Guck-in-die-Luft

Wie konnte das passieren? Wurde Google von der Sun-Übernahem kalt erwischt? Oder hat es, wie bei so vielen seiner anderen Projekte, einfach losgelegt und die im Verteilungskampf der Konzerne immer wichtiger werdenden, rechtlichen und finanziellen Fragen so beiseite gewischt, wie die international völlig unterschiedlichen rechtlichen Regelungen bei seinen Angeboten im Bereich Suche, Anzeigen und Datenerfassung? Letzteres wäre zwar etwas amateurhaft, ist aber wahrscheinlich. Google kann derzeit vor Kraft kaum noch gehen, da stellt sich schnell auch eine gewisse Überheblichkeit ein.

Geht es Oracle wirklich nur darum, seine Patente gegen Google zu verteidigen? Oder ist die jetzt eingereichte Klage nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Prozessen? In der Berichterstattung und in der Kommunikation durch Oracle wird die Übernahme von Sun heute meist als Versuch beschrieben, ein integriertes Portfolio aus Hard- und Software am Markt zu platzieren. Damit hat Oracle einen der ursprünglichen als wichtigsten angegebenen Beweggründe - Suns enormes Portfolio an Patenten und Rechten – elegant im Hintergrund verschwinden lassen.

IBM und SAP sollten nachdenklich werden

Die Betroffenen wurden dadurch in trügerischer Sicherheit gewiegt. Schließlich untermauert Java nicht nur Oracles eigene Unternehmenssoftware, sondern auch einen guten Teil der von IBM und ist inzwischen auch für den Oracle-Erzrivalen SAP äußerst wichtig. Zahlreiche Beobachter schätzen die Summe, um der es bei dem Streit zwischen Oracle und Google geht, als vergleichsweise gering ein. Auf keinen Fall ist sie so hoch, dass dadurch Googles Geschäftsmodell rund um Android gefährdet wird. Das Schlauste wäre es also für Google, einfach zu bezahlen und den Betrag als Lehrgeld abzuschreiben.

Für andere, von Java abhängige Firmen, wird das schwieriger sein. SAPs CTO Vishal Sakka hatte schon beim Kauf von Sun durch Oracle gefordert, dass die Kontrolle über Java in die Hände einer unabhängigen Organisation gelegt werden müsse. Er sah das als Voraussetzung für fairen Wettbewerb und hielt es im Sinne aller Kunden und der gesamten Branche für wichtig, die nur so von einer lebendigen und innovativen Developer-Community profitieren könne. Aber vielleicht sind Oracle die Wünsche und Forderungen des SAP-CTOs nicht nur völlig gleichgültig, sondern sogar Anlass, genau das Gegenteil zu tun?

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.oracle.de
[2] = http://www.google.de
[3] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_oracle_schliesst_sun_uebernahme_ab_story-39001020-41526371-1.htm
[4] = http://www.dalvikvm.com/
[5] = http://developer.android.com/sdk/index.html
[6] = http://blogs.sun.com/jonathan/entry/the_value_of_distribution_java
[7] = http://www.zdnet.de/itmanager/kommentare/0,39023450,39160902,00.htm
[8] = http://www.redhat.de
[9] = http://www.ibm.de
[10] = http://www.hp.com/de
[11] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_oracle_exerziert_konsolidierung_vor_story-11000006-41003132-1.htm
[12] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_verzockt_sich_sun_beim_open_source_geschaeft_story-11000006-39199166-1.htm
[13] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_oracle_verlangt_fuer_odf_plug_in_9000_dollar_story-39001022-41530862-1.htm
[14] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_gartner_smartphone_absatz_hat_sich_im_zweiten_quartal_2010_verdoppelt_story-39002364-41536163-1.htm
[15] = http://www.zdnet.de/news/mobile_wirtschaft_microsoft_kein_natives_flash_auf_windows_phone_7_story-39002365-41535515-1.htm