Open Source in Kommunen: tot oder vor dem Durchbruch?

(http://www.zdnet.de/magazin/41534565/open-source-in-kommunen-tot-oder-vor-dem-durchbruch.htm)

von Peter von Bechen, 12. Juli 2010

Nach erheblicher Aufregung vor einigen Jahren um Open Source in der kommunalen Verwaltung ist es jetzt scheinbar ruhig geworden. Aber das täuscht: Der Kampf geht im Stillen weiter. ZDNet fasst die aktuelle Lage zusammen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt versucht so manche öffentliche Einrichtung sich aus der Abhängigkeit vom Anbieter des "bestehenden Marktstandards" zu befreien. Aus gutem Grund ist das aktueller denn je: Die hoch verschuldeten öffentlichen Haushalte können nur konsolidiert werden, wenn nachhaltig gespart wird, insbesondere in den Verwaltungen. Hier sieht man schon seit mehr als zehn Jahren langfristige Potenziale, wenn auf "Free/Libre Open Source Software" (FLOSS[1]) umgestellt wird.

Allerdings hörte man in letzter Zeit wenig Neues zu diesem Thema. Es entsteht sogar der Eindruck, dass es eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung gibt. Grund genug, an dieser Stelle einen Überblick über die derzeitige Situation zu geben - allerdings ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Schon vor etwa zehn Jahren empfahl der Bundesrechnungshof öffentlichen Verwaltungen die FLOSS-Einführung. So beurteilte man 2002 in einer 40-seitigen Prüfmitteilung an das Bundesinnenministerium, dass Linux und andere im offenen Quellcode verfügbare Applikationen "ohne Wenn und Aber reif für die Verwendung in den Büros der Verwaltungsmitarbeiter" seien. In allen wichtigen Anwendungsgebieten seien mit alternativer Open Source-Software Lösungen auf vergleichbarem Niveau bezüglich der Benutzerfreundlichkeit und Leistung vorhanden.

Darüber hinaus sei der Einführungs- beziehungsweise Migrationsaufwand für Makros und Schulungen im Office-Bereich "annähernd gleich" zu bisherigen Lösungen. Außerdem biete Open Source[2] mehr Herstellerunabhängigkeit. Insgesamt rechne man mit "Einsparungen von bis zu 200 Millionen Mark" (nur für das Innenministerium) und empfahl, zukünftig Microsoft- und Open-Source-Lösungen mittels Wirtschaftlichkeitsberechnungen genau zu vergleichen, sowie ein Forum zum Erfahrungsaustausch einzurichten.

Fünf Jahre später rügte der Bundesrechnungshof[3] (PDF), dass auf über 300.000 PC-Arbeitsplätzen der Bundesverwaltung regelmäßig auf eine neuere Version der Betriebssystem- und Bürosoftware "des etablierten Herstellers" mit einem Marktanteil von 90 Prozent gewechselt worden sei. Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen hätte es "nur vereinzelt" gegeben und Open-Source-Alternativen wären nur in Einzelfällen in Erwägung gezogen worden.

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Zarafa: Open-Source-Alternative zu Exchange[4]

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Am häufigsten in der Presse, auch in Publikumsmedien, und deshalb wohl am bekanntesten in der Öffentlichkeit ist die Entscheidung der Stadt München für Open Source. In der Bayerischen Landehauptstadt stand man 2001 vor der Frage, wie es mit der damals vorhandenen Windows-NT-4-Landschaft weitergehen sollte. Es handelte sich immerhin um 14.000 PC-Arbeitsplätze an 51 Standorten.

Nach Diskussionen im Stadtrat und kritischen Äußerungen des Bayerischen Obersten Rechnungshofes bezüglich der Kosten der Microsoft-Lizenzen sowie der Nachteile der Abhängigkeit von nur einem Hersteller, ließen die IT-Verantwortlichen die Möglichkeiten vom Systemhaus Unilog vergleichen. Das Ergebnis[5] (PDF) war ein ungefährer Gleichstand der Alternativen.

Ungeachtet dessen entschied sich der Stadtrat[6] im Frühsommer 2003 für die Lösung, die größere Unabhängigkeit von nur einem Hersteller, mehr Wettbewerb im Softwaremarkt und besseres Erreichen der strategischen Ziele versprach. Man beschloss, auf den Arbeitsplatzrechnern zukünftig nur noch freie Software zu verwenden und Client-Server-Anwendungen nur noch als Webanwendungen zu implementieren.

Spektakulär in diesem Zusammenhang war, dass Microsoft-Chef Steve Balmer im April 2003 eigens nach München anreiste, um diese Entscheidung mit Oberbürgermeister Christian Ude zu diskutieren. Offensichtlich hatte das Treffen aber keinen entscheidenden Einfluss auf die weitere Entwicklung, die unter dem Namen "LiMux – die IT-Evolution" ihren Lauf nahm.

Obwohl während der Umstellungsphase immer wieder Nachrichten lanciert wurden, dass es unüberwindliche Probleme geben solle, die das Projekt scheitern lassen, sind inzwischen 15.000 Arbeitsplatzrechner auf freie Software umgestellt. Und seit Anfang 2010 ist das OpenDocument-Format offiziell Norm für den Dokumentenaustausch der Stadt München.

Projektleiter Florian Schießl berichtete[7] auf der CeBIT 2010[8] von seinen Erfahrungen. Nach seiner Ansicht war die Office-Umstellung der Schlüssel für die Unabhängigkeit bei der Wahl des Betriebssystems. Er empfiehlt die frühzeitige Umstellung der Fach-Applikationen. Dazu müssten von den jeweiligen Herstellern die offenen Schnittstellen und Formate eingefordert werden. Seine abschließende Einschätzung ist "Wir würden es wieder so machen!"

Ausführliches Interview von Simon Tretter, Bauhaus-Universität Weimar, mit dem Münchner Linux-Projektleiter Florian Schießl.

In anderen Städten waren die Umstellungsprojekte auf FLOSS in den letzten Jahren zwar weniger von der Öffentlichkeit beachtet, aber deswegen nicht weniger erfolgreich. So zum Beispiel die 37.000 Einwohner zählende Stadt Schwäbisch Hall: Als eine der ersten deutschen Kommunen setzt die Stadtverwaltung schon seit 2001[9] konsequent auf Open-Source-Software.

Damals endete der Support für die bisherigen Microsoft Windows- und Office-Versionen. Ein Wechsel zu aktuellen Microsoft-Lösungen hätte eine kostenintensive Modernisierung der vorhandenen EDV-Hardware erforderlich gemacht. Ein weiterer Auslöser für die Entscheidung war ein drastischer Rückgang des Gewerbesteueraufkommens. Er führte dazu, dass kostengünstigere Alternativen zu der bislang lizenzpflichtigen Software gefunden werden mussten.

Inzwischen ist die städtische Verwaltung nahezu flächendeckend mit Open-Source-Arbeitsplätzen ausgestattet. Selbst komplexe Reformvorhaben, beispielsweise die Europäische Dienstleistungsrichtlinie, werden in Schwäbisch Hall mit Hilfe von Open Source effektiv umgesetzt[10].

Horst Bräuner, CIO der Stadt Schwäbisch Hall, berichtet im Interview mit ZDNet im November 2007 von den ersten Schritten der Stadt mit Open Source.Eine komplette Übersicht der erfolgreichen aktuellen Open-Source-Projekte in Kommunen und öffentlichen Verwaltungen würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Deshalb seien hier nur kurz wenige weitere Beispiele genannt: Mühlheim an der Ruhr mit etwa 2000 PC-Arbeitsplätzen hatte bis 2009 etwa die Hälfte der Windows-Server auf Linux umgestellt. In Münster liefen Ende vergangenen Jahres 140 der 360 städtischen Server unter Linux. Die Städte Isernhagen, Leonberg, Böblingen sowie der Landkreis Friesland mit acht Gemeinden befassen sich ernsthaft mit Linux und Open Source.

Auch im Ausland gibt es umfangreiche Projekte. Beispielsweise schickt sich Siemens IT Solutions and Services gerade an, für die italienische Provinz Caserta eine vollständig auf Open-Source- und Web-2.0-Technologie basierende Multi-Channel-Plattform zu entwickeln. Das System soll sowohl als externes Portal, über das Bürger und Unternehmen Informationen und Services beziehen können, als auch als interne Plattform für die durchgängige elektronische Vorgangsbearbeitung dienen und bis zum Frühjahr nächsten Jahres umgesetzt sein - einschließlich der Entwicklung und Integration sämtlicher Applikationen.

Typisch in allen diesen Fällen ist der frühzeitige Einsatz von Linux sowie Freier/Open-Source-Software auf den Servern. Auf dem Desktop werden zunächst die Standardkomponenten wie Browser, in der Regel Mozilla Firefox, und Mailclient, zum Beispiel Thunderbird, umgestellt. Als zentrale Komponente wird das Office-Paket, in der Regel Open Office, gesehen.

Diese Lösungen sind heute bezüglich ihres Funktionsumfangs und der Bedienoberfläche ausgereift und werden von den Anwendern schnell akzeptiert. Ziel ist es, die entsprechenden Produkte des "bestehenden Marktstandards" zu ersetzen, um Lizenzkosten einzusparen.

Einige Kommunen und Behörden verfolgen eine langfristige, komplette Linux-Strategie, andere beschränken sich erst einmal auf Office-Anwendungen und gehen schrittweise vor. Je nach Fachanwendungen wird dann später zu einem Linux-Desktop gewechselt. Nicht migrierbare Fachverfahren werden über zentrale Terminalserver-Lösungen angeboten. Beliebt sind plattform- und browserunabhängige Web-Anwendungen. Auf jeden Fall wird bei Dokumenten- und Webformaten bevorzugt auf offene Standards gesetzt.

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Berlin als Open-Source-Hauptstadt[11]

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Eines der größten Hindernisse bei der Einführung von Alternativen zum Marktstandard ist offensichtlich die Tatsache, dass es in der Bundesrepublik (oder in Europa) zwar Empfehlungen, aber keine zentralen verbindlichen Vorgaben gibt und die Verantwortlichen ihre fachlichen IT-Entscheidungen in öffentlichen Einrichtungen oft als "Einzelkämpfer" gegen alle möglichen Widerstände durchsetzen müssen. Dabei spielen nicht immer nur wirtschaftliche und technische Argumente eine Rolle, sondern auch die Rücksichtnahme auf parteipolitische Präferenzen.

Aktuelles Beispiel: Im Mai dieses Jahres scheiterte der Antrag von Bündnis 90/Die Grünen im sächsischen Landtag, der zum Ziel hatte, in der Landesverwaltung FLOSS einzuführen. Die Begründung war auch hier, dass sich die laufenden IT-Kosten reduzieren ließen und dass man monopolartige Abhängigkeiten künftig vermeiden wolle.

MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis:
MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis: "Um global wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir unsere Kräfte in Europa bündeln." (Bild: MFG)

Die ablehnende Antwort[12] (PDF) auf die Anfrage kam in Form eines 29-seitigen Papiers von Sachsens Justizminister Jürgen Martens (FDP). Die kurze Zusammenfassung: "Die Förderung des Einsatzes von FLOSS oder die Umstellung auf FLOSS bei öffentlichen Einrichtungen auf Landesebene ist derzeit nicht vorgesehen." Offensichtlich sieht die sächsische Landesregierung keine Veranlassung, sich von den "bestehenden Marktstandards" zu trennen.

Blick über den Tellerrand

Um den Erfahrungsaustausch zwischen IT-Verantwortlichen öffentlicher Einrichtungen zum Thema Open Source zu fördern, gibt es inzwischen verschiedene Initiativen. Sinnvollerweise geschieht das über regionale und nationale Grenzen hinweg. Dieses Ziel verfolgen beispielsweise das Open-Source-Netzwerk Lisog[13] sowie MFG Baden-Württemberg[14] zusammen mit zwölf europäischen Partnern. Gemeinsam organisieren sie regelmäßige Vor-Ort-Besuche und Workshops.

Zu diesen Treffen werden auch Experten aus den verschiedenen Regionen - interessierte Firmen oder Vertreter aus öffentlichen Verwaltungen -eingeladen. Im Juni gab es in Stuttgart einen ersten Kooperationserfolg: Dort stellte die Agorum Software GmbH[15] aus Ostfildern den europäischen Experten ihr Dokumentenmanagementsystem auf Open-Source-Basis vor - mit positivem Ergebnis: Die belgische Stadt Schoten wird diese Lösung zukünftig anwenden und plant bereits eine niederländische und französische Übersetzung der Software.

"Wichtig ist der Blick über den Tellerrand. Open Source in öffentlichen Verwaltungen und Kommunen kann nur dann vorangetrieben werden, wenn sich die Anwender im Sinne des Open-Innovation-Gedankens über erfolgreiche Lösungen austauschen", so MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://de.wikipedia.org/wiki/Free/Libre_Open_Source_Software
[2] = http://www.zdnet.de/artikel_zum_thema_open_source_thema-39002356-39000804o0o0-1.htm
[3] = http://www.bundesrechnungshof.de/veroeffentlichungen/bemerkungen-jahresberichte/bemerkungen-2007.pdf
[4] = http://www.zdnet.de/galerie/41530628/zarafa-open-source-alternative-zu-exchange.htm#sid=41534565
[5] = http://www.muenchen.info/pia/clientstudie_kurz.pdf
[6] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_linux_auf_dem_durchmarsch_story-11000015-2138268-1.htm
[7] = http://www.techcast.com/events/cebit10/fr01-schiessl/
[8] = http://www.zdnet.de/specials/cebit/
[9] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_open_source_und_virtualisierung_gehen_hand_in_hand_story-11000015-39159192-1.htm
[10] = http://www.giua.de/downloads/giuaoffenbachhorstbraeuneross.pdf
[11] = http://www.zdnet.de/galerie/41004192/berlin-als-open-source-hauptstadt.htm#sid=41534565
[12] = http://www.gruene-fraktion-sachsen.de/fileadmin/user_upload/Grosse_Anfragen/5_Drs_372_-1_1_37_.pdf
[13] = http://www.lisog.org
[14] = http://www.mfg.de
[15] = http://www.agorum.com