Windows 8: So will Microsoft sein OS weiterentwickeln

(http://www.zdnet.de/magazin/41534460/windows-8-so-will-microsoft-sein-os-weiterentwickeln.htm)

von Joachim Kaufmann, 8. Juli 2010

Windows 8 ist eines der am strengsten gehüteten Geheimnisse in Redmond. Über das OS war bislang kaum etwas bekannt. Kürzlich aufgetauchte Dokumente vermitteln einen umfassenden Eindruck, welche Konzepte Microsoft verfolgt.

Microsoft spricht bislang nur hinter verschlossenen Türen über Windows 8. Kürzlich aufgetauchte Dokumente zeigen erstmals, in welche Richtung die Planungen in Redmond gehen. ZDNet gibt einen Ausblick.

Verschärftes Wettbewerbsumfeld

Trotz des unpopulären Vista und anderer Pannen hat Microsoft seine dominante Stellung auf dem PC-Desktop verteidigt. Auch mittelfristig dürfte sich daran kaum etwas ändern. Mit Windows 7 feiert das Unternehmen schließlich große Verkaufserfolge. 150 Millionen Lizenzen wurden mittlerweile abgesetzt. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Redmonder vor großen Herausforderungen stehen.

Zwar installieren Anwender meist kein anderes Betriebssystem auf ihrem PC. Wenn sie bereit sind, für einen neuen Rechner etwas mehr auszugeben, greifen sie aber immer häufiger zum Mac. Noch ist der Anteil von Apple am Gesamtmarkt eher gering, dem Problem muss sich Microsoft aber so schnell wie möglich widmen.

Das für Herbst angekündigte Chrome OS von Google wird den Markt zwar nicht über Nacht umkrempeln, aber auf leistungsschwachen Geräten wie Netbooks könnte sich das OS zu einer Alternative entwickeln. Man darf davon ausgehen, dass der Suchriese nicht so schnell locker lassen wird. Der Erfolg und das hohe Innovationstempo von Android sollte den Redmondern eine Warnung sein.

Im jetzt offenbar anspringenden Tablet-Markt spielt Microsoft keine Rolle, da sich das seit Jahren verfolgte Konzept mit Stifteingabe nicht durchgesetzt hat. Derzeit wird der Bereich von Apple dominiert und androidbasierte Geräte dürften sich schnell verbreiten.

Diese Trends bezieht Microsoft bei der Entwicklung von Windows 8 ein.
Diese Trends bezieht Microsoft bei der Entwicklung von Windows 8 ein.

Bildergalerie

Geheimsache Windows 8: Microsoft arbeitet am Cloud-Desktop[1]

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Seit einigen Jahren taucht regelmäßig der Name Midori[2] auf. Dabei handelt es sich um ein Betriebssystem-Forschungsprojekt, bei dem große Teile als Managed Code implementiert sind. Immer wieder wird darüber spekuliert, dass Midori die Mitte der Neunziger eingeführte NT-Codebasis ablösen könnte.

Ob Microsoft den Schritt zu Midori tatsächlich macht, ist aber nach wie vor ungewiss. In letzter Zeit scheint es um das Projekt wieder etwas ruhiger geworden zu sein. Die größten Hürden für die Einführung einer neuen Codebasis sind Inkompatibilitäten zu bestehender Hardware und Software. Das müsste langfristig und gründlich geplant werden.

Man kann stattdessen davon ausgehen, dass die bestehende NT-Codebasis weiter optimiert wird, ähnlich wie das bei der Entwicklung von Windows 7 geschehen ist. Microsoft arbeitet schon seit Jahren daran, die Abhängigkeiten der Subsysteme zu verringern. Das erleichtert die Pflege des Systems und den Austausch von Komponenten.Eine der populärsten Verbesserungen von Windows 7 gegenüber dem Vorgänger ist das deutlich bessere Antwortverhalten. Microsoft will in Windows 8 weitere Fortschritte erzielen.

Mit Caching-Mechanismen und Systemoptimierungen soll der Bootvorgang (Kaltstart) beschleunigt werden. Standby- und Sleep-Modi sollen auf der Oberfläche prominenter platziert werden und zuverlässiger funktionieren. Durch die Zusammenarbeit mit PC-Herstellern wollen die Entwickler die Zeit bis zum Start des Betriebssystems verkürzen.

Windows 8 soll Funktionen enthalten, die bislang nur in Tools von Drittherstellern zu finden sind. In der Systemsteuerung könnte künftig ein Applet darüber informieren, welche Anwendungen den Startvorgang wie lange verzögern. Dem Nutzer wäre es möglich, sie einfach zu deaktivieren.

Ein Rechner mit Windows wird mit der Zeit immer langsamer, da das Betriebssystem von Anwendungen zugemüllt wird. Es gibt keine saubere Trennung von Anwendungen, Nutzerdaten und OS. Das will Microsoft mit Windows 8 ändern. Ein Reset-Button könnte das OS in den Auslieferungszustand zurücksetzen. Dateien und Einstellungen des Anwenders blieben dabei erhalten.

Mit Windows 8 will Microsoft USB-3.0- und Bluetooth-3.0-Unterstützung einführen. Bislang braucht man dafür Treiber von Drittanbietern. Wie die Zukunft von Firewire unter Windows aussieht, wird in Redmond derzeit diskutiert.

Windows-Anwender könnten künftig mehr Kontrolle über das Startverhalten ihres Rechners erhalten.
Windows-Anwender könnten künftig mehr Kontrolle über das Startverhalten ihres Rechners erhalten.
Da Windows eine sehr breite Nutzerschaft hat, sind revolutionäre Änderungen an der Oberfläche nicht zu erwarten. Zu groß wären die Hürden für den Umstieg.

Einige Neuerungen sind aber wahrscheinlich: Der größte Bedarf für eine umfangreiche Renovierung besteht bei der Windows-Systemsteuerung. Derzeit stellt sie ein Sammelsurium unterschiedlicher Bedienkonzepte dar, die in den letzten Windows-Releases immer wieder nur neu gruppiert wurden. Auch die Möglichkeit, die wichtigsten Applikationen prominenter zu platzieren, wird geprüft.

Da die GUI-Überarbeitungen in Windows 7 gut ankamen besteht Aussicht, dass sich die Redmonder weiterhin um das Thema kümmern. Mit Julie Larson-Green[3], unter deren Federführung bereits die Office-GUI (Office 2007) und die Windows-Taskleiste modernisiert wurden, ist dieses Arbeitsgebiet prominent besetzt.

So stellt sich Microsoft einen modernen Rechner vor.
So stellt sich Microsoft einen modernen Rechner vor.
In Windows 7 hat Microsoft eine Plattform zur Integration von Sensoren eingeführt. Dazu zählen GPS-Module, Helligkeitsmesser und NKameras. Der Nachfolger Windows 8 soll dieses Thema weiter vorantreiben.

Die Unterlagen beschreiben ein Szenario, in dem ein Rechner im Standby einen in den Raum kommenden Anwender erkennt. Der PC wacht auf und ermöglicht per Gesichtserkennung den Log-in. Verlässt der Nutzer den Rechner, wechselt dieser wieder in den Standby. Wenn man sich ansieht, was Microsoft mit der Kinect-Technologie im Herbst für die Xbox auf den Markt bringt, ist ein solches Szenario durchaus vorstellbar.

Auch Ortsinformationen sollen eine große Rolle spielen: Ein Notebook könnte so beispielsweise erkennen, dass es nicht sinnvoll ist, mitten auf der Straße ein Backup zu starten. Microsoft will einen Location-Service einführen, der auf Basis von WLAN-Hotspots und IP-Lookup Ortsinformationen liefert.

Ortsinformationen sollen unter Windows 8 eine größere Rolle spielen.
Ortsinformationen sollen unter Windows 8 eine größere Rolle spielen.
Über eine zu geringe Auswahl an Anwendungen können sich Windows-Anwender wahrlich nicht beklagen. Suche, Auswahl und Installation könnten aber komfortabler sein. Daran will Microsoft arbeiten: Unter dem Namen Windows Store plant das Unternehmen eine eigene Downloadplattform.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein solches Angebot tatsächlich kommt. Schließlich sind Apple und Google mit ihren Stores sehr erfolgreich.

Das Windows-Store-Konzept sieht für jeden Nutzer ein Konto vor, das die heruntergeladenen Anwendungen sowie die zugehörigen Einstellungen speichert. So könnten Programme mit denselben Einstellungen auf mehreren Rechnern, beispielsweise dem Desktop und dem Tablet, genutzt werden.


Microsoft überlegt, für Windows 8 einen App Store einzuführen.
Mehr als die Hälfte der Windows-Anwender nutzt Microsoft-Studien zufolge regelmäßig mehr als einen PC. Das soll Konsequenzen für die Benutzerkonten haben.

Künftig könnte es möglich sein, die wichtigsten Einstellungen zwischen mehreren Rechnern zu roamen. Sie wären dann im Internet abgelegt. Diskutiert wird auch eine Verbindung mit dem Windows Store. Jeder Rechner soll sich schnell mit den eigenen Applikationen bestücken lassen.

Für den Windows-Log-in setzt Microsoft bei Windows 8 auf eine Gesichtserkennung. Einige Notebooks werden schon heute mit einer solchen Zusatzsoftware ausgeliefert.

Die wichtigsten Einstellungen sollen sich unter Windows 8 im Web ablegen und auf mehreren Rechnern nutzen lassen.
Die wichtigsten Einstellungen sollen sich unter Windows 8 im Web ablegen und auf mehreren Rechnern nutzen lassen.
Apples iPad hat dem Tablet-Formfaktor zum Durchbruch verholfen. Das Unternehmen hat in wenigen Monaten mehr als drei Millionen Exemplare verkauft. Erste Geräte auf Android-Basis sind schon auf dem Markt, mit guten Erfolgsaussichten.

Microsoft ordnet Tablets als einen von mehreren Formfaktoren ein, die Windows 8 bedienen soll. Damit gehen die Redmonder einen anderen Weg als Apple, das den Markt nicht mit einem Desktop-OS angeht, sondern mit einem Mobilbetriebssystem.

Da das bisherige Konzept, klassische Applikationen mit Handschrift und Touch zu erweitern, gescheitert ist, muss sich Microsoft etwas neues einfallen lassen. Denkbar wären Skins, die beim Einsatz des OS auf einem Tablet die klassische GUI ersetzen.

Windows 8 soll es Microsoft ermöglichen, seine Präsenz im Tablet-Markt auszubauen. Bisherige Konzepte der Redmonder sind gescheitert.
Windows 8 soll es Microsoft ermöglichen, seine Präsenz im Tablet-Markt auszubauen. Bisherige Konzepte der Redmonder sind gescheitert.
Microsoft will in Windows 8 eine verbesserte Codecunterstützung bieten. Eine erweiterte Hardwarebeschleunigung soll den Energieverbrauch bei der Wiedergabe von Filmen senken.

Auch die Unterstützung der DNLA[4]-Technik (Digital Living Network Alliance), die herstellerübergreifend die Interoperabilität von Mediengeräten ermöglicht, soll ausgebaut werden. Microsoft will das PlayTo-Feature künftig auch für HTML-5-Videos anbieten und Entwicklern über APIs Zugriff auf die Funktionen bieten. Lange Zeit hat Microsoft mit den Media Center Extendern versucht, seinen Einfluss auch auf Geräte der Unterhaltungselektronik auszudehnen - weitgehend erfolglos. Ob das Extender-Konzept künftig über die XBox 360 hinaus weiterverfolgt wird, ist fraglich.

Windows 8 soll von Haus aus Funktionen zur Videonachbearbeitung bereitstellen. Damit könnte beispielsweise der Videostream einer Webcam oder ein auf einem Handy aufgenommener Clip von störenden Einflüssen befreit werden.

Windows 8 soll verbesserte Codec-Unterstützung mitbringen.
Windows 8 soll verbesserte Codec-Unterstützung mitbringen.
Unternehmensnahme Kreise berichten, dass die Markteinführung von Windows 8 für 2012 vorgesehen ist, drei Jahre nach Windows 7. Auch Topmanager des Konzerns haben sich auf diesen Zeitraum festgelegt. Wenn das tatsächlich zutrifft, ist die erste Beta in rund zwölf Monaten zu erwarten.

Größere Verzögerungen sind bei so komplexen Projekten zwar möglich, der für die Entwicklung verantwortliche Steven Sinofsky ist aber für seine Termintreue bekannt. ZDNet.com-Bloggerin Mary-Jo Foley[5] mit gewöhnlich guten Kontakten zu Microsoft-internen Quellen berichtet derweil, dass die Entwicklung von Windows 8 Milestone 1 erreicht hat. Der offizielle Entwicklungsprozess hat also begonnen.

Welche der genannten Features tatsächlich im Endprodukt zu finden sein werden, steht indes in den Sternen. Die kürzlich geleakten Informationen zeigen keine festgezurrten Pläne, sonder nur, worüber man in Redmond derzeit nachdenkt. Zudem können Features bis kurz vor der Auslieferung noch gestrichen werden.

So will Microsoft die Entwicklung von Windows 8 angehen.
So will Microsoft die Entwicklung von Windows 8 angehen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/galerie/41534057/geheimsache-windows-8-microsoft-arbeitet-am-cloud-desktop.htm#sid=41534460
[2] = http://www.zdnet.de/sicherheits_analysen_midori_nimmt_formen_an_das_ende_von_windows_ist_besiegelt_story-39001544-41003020-1.htm
[3] = http://www.microsoft.com/presspass/exec/julielar/default.aspx
[4] = http://de.wikipedia.org/wiki/Dlna
[5] = http://www.zdnet.com/blog/microsoft/