Firmen fühlen sich mit der Verwaltung der von ihnen eingesetzten Lizenzen häufig überfordert. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm. Die Software-Initiative Deutschland sieht die Schuld dafür vor allem bei den Herstellern und deren komplexen Lizenzprogrammen - deren Einhaltung immer häufiger überprüft wird.
Auf der Grundlage einer aktuellen Umfrage zu Lizenzierungsfragen kommt die Software-Initiative Deutschland[1] zu dem Schluss, dass der deutschen Wirtschaft 2010 alleine durch nicht korrekt lizenzierte Software ein Schaden von bis zu dreißig Milliarden Euro entstehe. "Da stellt sich natürlich sofort die Frage, woran es liegt, dass Unternehmen entweder zu viele Lizenzen einkaufen oder zu wenige", so Jens Orhanovic, Geschäftsführer der LIS.TEC GmbH[2] und Vorsitzender des Deutschen Forums für Softwarelizenzierung in der Initiative.
Im Rahmen der Umfrage wurde auch dieser Frage nachgegangen. Über ein Drittel der Befragten sieht die Hauptverantwortung beim Gesetzgeber. Mittlerweile gebe es so viele Bestimmungen, dass sowohl Hersteller als auch Kunden den Überblick verloren hätten. Für 28 Prozent sind die Unternehmen selbst schuld. Sie nähmen Falschlizenzierungen bewusst in Kauf. Die einen gingen auf Nummer sicher und kauften mehr Lizenzen als benötigt, die anderen wollten Geld sparen und nutzten daher mehr Lizenzen als sie bezahlen.

Jens Orhanovic, Geschäftsführer der LIS.TEC GmbH und Vorsitzender des Forums für Softwarelizenzierung in der Software-Initiative Deutschland (Bild: LIS.TEC GmbH).
Ein gutes Viertel sieht die Schuld dagegen bei den Softwareherstellern. Sie würden "ihre Kunden verwirren statt aufzuklären" und ließen sie bei Unklarheiten "im Regen stehen." Lediglich zehn Prozent gaben zu Protokoll, dem Thema werde generell zu wenig Beachtung geschenkt und es mangele schlicht an Spezialisten, die sich – ob nun auf Hersteller- oder auf Anwenderseite – ausschließlich um die Lizenzierungsproblematik kümmerten.
"Das lässt den Umkehrschluss zu, dass die Falschlizenzierung in deutschen Betrieben durchaus bekannt ist und trotzdem kaum jemand aktiv dagegen vorgeht", sagt Orhanovic. "Dabei können die Folgen sowohl in rechtlicher als auch in finanzieller Hinsicht fatal sein."
Die Studie bestätigt damit einmal mehr, was man eigentlich schon wusste: Lizenzierung ist für viele ein lästiges, aber leider nun mal notwendiges Übel. Das Thema frisst auf Grund seiner Komplexität viel Zeit und Ressourcen und keiner fühlt sich im Betrieb so richtig dafür zuständig. Eine äußerst stiefmütterliche Behandlung ist die logische Folge. ZDNet hat mit Jens Orhanovic darüber gesprochen, warum das ein Fehler ist.ZDNet: Sie sagen, die deutsche Wirtschaft wird 2010 alleine durch nicht korrekt lizenzierte Software einen Schaden von bis zu dreißig Milliarden Euro erleiden. Wie ist das genau zu verstehen? Sind das Ausfälle, die Softwareanbieter durch Unterlizenzierung haben, sind das Mehrkosten, die Firmen durch zu viel erworbene Lizenzen entstehen oder beides?
Orhanovic: Ich muss nochmal darauf hinweisen, dass es hier um Schätzungen geht und darum, überhaupt einmal einen Richtwert nennen zu können. Den exakten wirtschaftlichen Schaden zu ermitteln dürfte schwierig sein, da die Unternehmen diesbezüglich keine Zahlen offenlegen. Um auf die Frage zu antworten: Es geht schon um beides, also um den Schaden, den Hersteller aufgrund der Unterlizenzierung haben und - quasi umgekehrt - auch denjenigen, den die Anwender durch zu viele Lizenzen haben.
ZDNet: Der rechnerische finanzielle Schaden für die Gesamtwirtschaft hebt sich doch wenigstens zum Teil dadurch wieder auf, dass des einen Vorteil des anderen Nachteil ist.
Orhanovic: Ein Gleichgewicht entsteht meiner Meinung nach hier nicht. Zum einen stehen sich die Fälle der Überlizenzierung und der Unterlizenzierung nicht im gleichen Maß gegenüber, sondern in einem Missverhältnis. Das spiegelt auch das Ergebnis der Umfrage wider, in der nur 16 Prozent der Befragten sagten, dass es mehr überlizenzierte Unternehmen gibt, 44 Prozent aber davon ausgehen, dass die unterlizenzierten Betriebe in der Mehrheit sind. Diese Einschätzung stimmt übrigens. Aber selbst wenn es ein Gleichgewicht zwischen über- und unterlizenzierten Unternehmen gäbe, käme es doch niemals zu einem finanziellen Ausgleich. Kunde A hat beispielsweise 1000 Lizenzen zu wenig erworben, Kunde B dagegen 50 zuviel.
Ferner müssen Sie auch bedenken, dass gerade unterlizenzierte Anwender deutlich mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um eine Nachlizenzierung vorzunehmen. Rabatte kommen für ihn dann nicht mehr in Frage und er muss zum Listenpreis kaufen. Kommt es gar zu einer strafrechtlichen Verurteilung - in Form einer Geldstrafe - hat auch der Hersteller nichts davon. Insgesamt dürfte der Teil, in dem sich der finanzielle Schaden für die Gesamtwirtschaft "aufhebt", in der Tat sehr gering sein.
ZDNet: Über ein Drittel der Befragten sieht die Hauptverantwortung beim Gesetzgeber. Welche dieser Bestimmungen wirken sich denn direkt auf die Lizenzierungspraxis aus? Oder zeigt sich bei den Befragten nur eine lediglich "gefühlte" Einmischung der Behörden?
Orhanovic: Ihre Vermutung ist richtig. An dieser Stelle handelt es sich in der Tat um eine "gefühlte" Schuld des Staates. Mich hat die Zahl derjenigen, die diese Antwort gaben, selbst etwas überrascht. Tatsächlich trägt der Gesetzgeber im Rahmen der ganzen Lizenzierungsproblematik - wenn überhaupt - nur eine geringe Verantwortung. Der einzige Punkt, in dem sich dem Gesetzgeber ein Vorwurf machen lässt, ist dieser: Es fehlt an einer Klarstellung, was eigentlich passiert, wenn ein Kunde mit dem Lizenzmodell oder den Lizenzbestimmungen nicht zurechtkommt und dies gegebenenfalls auch noch auf die falsche Beratung seitens des Herstellers oder des Lieferanten zurückzuführen ist.
Das geschieht nun einmal - auch wenn ich hier niemandem Absicht unterstellen möchte. Da kommen wir in den Bereich der Compliance[3] und wie mit dieser umgegangen wird. Die Bedeutung der IT im Rahmen der Compliance hat stark zugenommen – eine Tendenz, die sich in Zukunft fortsetzen wird.
ZDNet: Wer ist Ihrer Ansicht nach wirklich am Lizenzierungsschlammassel schuld?
Orhanovic: Die Verantwortung liegt klar auf Seiten der Hersteller, die momentan mit ihren Lizenzbestimmungen für Verwirrung sorgen. Vor allem dadurch, dass diese sehr häufig geändert werden. Noch einmal: Absicht unterstelle ich an dieser Stelle niemandem, aber die Hersteller müssen selbst schon Personal beschäftigen, das sich ausschließlich um Lizenzfragen kümmern – um den Überblick zu behalten.ZDNet: Die Software-Initiative weist auch darauf hin, dass die Folgen von Unterlizenzierung sowohl in rechtlicher als auch in finanzieller Hinsicht fatal sein können. Abgesehen einmal von Raubkopien kommen doch die Anbieter den Nutzern bei entdeckten Unterlizenzierungen oft weitgehend entgegen. Haben Sie konkrete Beispiele dafür, was passieren kann beziehungsweise passiert ist? Oder ist das Fehlen konkreter Fälle eine Erklärung für die sorglose Haltung vieler Befragter?
Orhanovic: Das "Entgegenkommen" mag im Einzelfall zutreffend sein, allerdings wohl eher im Hinblick auf grundsätzlich mögliche Schadensersatzklagen beziehungsweise strafrechtliche Konsequenzen. Fakt ist: Wer unterlizenziert ist, muss nachlizenzieren. Fehlende Lizenzen müssen dann zum Listenpreis erworben werden. Das kann unter Umständen und abhängig von der Menge für den Anwender sehr teuer werden.
Teilweise werden ja Rabatte in Höhe von vierzig Prozent ausgehandelt. Die in den meisten Fällen zuvor - und vielleicht auch aufgrund der guten Geschäftsbeziehungen - vereinbarten Preisnachlässe kommen nicht mehr zum Tragen. Sie müssen dann auch an den Reputationsverlust des Kunden denken, der sich, wenn auch eventuell erst in der Zukunft, ebenfalls in einem finanziellen Schaden niederschlagen kann. Gegen das "Entgegenkommen" spricht auch die Zunahme der so genannten externen Audits. Hersteller beauftragen Wirtschaftsprüfer vermehrt damit, die korrekte Lizenzierung zu prüfen - ohne vorherige Ankündigung.
ZDNet: Worauf ist Ihrer Meinung nach dann das Desinteresse der Unternehmen zurückzuführen?
Orhanovic: Ich persönlich sehe ganz andere Ursachen für die von Ihnen angesprochene "Sorglosigkeit". Eine davon ist die Unternehmensmentalität, die häufig anzutreffende Einstellung, dass "es schon gut gehen wird". Erst wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und entweder finanzielle sowie eventuell juristische Konsequenzen drohen, fängt doch das Gejammer an. Vergleichen Sie das einmal mit dem Thema IT-Security: Alle reden wir seit Jahren, ja beinahe Jahrzehnten davon - trotzdem unternehmen die meisten Betriebe viel zu wenig, um sich hinreichend zu schützen. Zumindest bis der Supergau eintritt, dann werden die meisten hektisch und aktiv. Oft ist es dann aber zu spät. Ganz ähnlich sieht es beim Lizenzmanagement aus.
ZDNet: Können mittelständische Firmen die Aufgabe überhaupt bewältigen?
Orhanovic: Selbst die Hersteller beschäftigen Personal, das sich ausschließlich um das Lizenzthema kümmert. Nehmen Sie auf Anwenderseite dazu im Vergleich einen kleineren mittelständischen Betrieb - dieser kann es sich doch gar nicht leisten, extra Leute dafür abzustellen. So hat nicht nur kaum jemand, sondern tatsächlich niemand den Überblick. Wenn man diesen Überblick aber im Zusammenhang mit den Lizenzen nur einmal kurz verliert, ufert das Ganze aus und lässt sich nur noch schwerlich wieder in Ordnung bringen.
Und es ist auch eine zutiefst menschliche Eigenschaft, ein Thema, bei dem man gar nicht weiß, wo man es überhaupt greifen, an welcher Stelle man anfangen soll, erst einmal gar nicht anzupacken. Das ist nicht richtig so, aber die Realität. Schließlich fehlt in vielen Betrieben auch einfach die Zeit, da sie ja das tägliche Geschäft voranbringen müssen.
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