Office Communications Server: das Ende der TK-Anlage?

(http://www.zdnet.de/magazin/41531309/office-communications-server-das-ende-der-tk-anlage.htm)

von Folker Lück, 3. Mai 2010

Mit dem "Office Communications Server 14" will Microsoft den Markt für Business-TK-Lösungen aufrollen. Die im Mittelstand etablierten VoIP-Anbieter bleiben jedoch ruhig. ZDNet erklärt, warum sie sich nicht vor Microsoft fürchten.

Ein Jahrzehnt ist es jetzt her, als die Marburger Firma Tedas AG auf der CeBIT die Besucher dazu aufforderte, althergebrachte Telefonanlagen mit dem Vorschlaghammer zu zertrümmern: Die Anlagentechnik sei veraltet und proprietär, hieß es damals. Zeitgemäß seien Softwarelösungen, die man mit jedem herkömmlichen PC oder Server nutzen könne. Der Voice-over-IP-Pionier stieß bei den Anwendern jedoch auf massive Skepsis: Das Marburger Unternehmen existiert längst nicht mehr.

Inzwischen hat sich der Markt zwar tatsächlich hin zur IP-Telefonie verändert, aber die klassische Telefonanlage ist trotzdem noch längst nicht ausgestorben. Geändert hat sich, dass heute kein Mittelständler mehr eine reine ISDN-Telefonanlage anschafft, die nicht zumindest für den Einsatz im IP-Zeitalter nachgerüstet werden kann. Zudem ist das Thema Unified Communications (UC) in aller Munde. Vor allem in den Chefetagen hofft man damit auf Effizienzsteigerungen, Analystenhäuser wie Gartner[1] und Berlecon[2] unterstützen diesen Trend mit positiven Prognosen.


"Aktuell bestehen die meisten UC-Projekte von Microsoft aus einer Kombination von UC-Plattformen klassischer Anbieter und dem Microsoft OCS-Server", sagt Avaya-Geschäftsführer Andreas von Meyer zu Knonow (Bild: Avaya).

Server- oder softwarebasierte Lösungen haben Marktanteile erobert, stoßen teilweise aber noch immer auf Vorbehalte. "Die herkömmliche Telefonanlage hat einen Riesenvorteil", erläutert der Geschäftsführer eines Systemhauses aus dem Ruhrgebiet: "Sie arbeitet auch dort absolut zuverlässig, wo das Netzwerk nicht auf dem neuesten Stand ist."

Da viele Unternehmen in den letzten Jahren bei den IT-Ausgaben gespart haben, sind Netzwerkadministratoren und externe Berater oft vorsichtig, wenn es um die Integration einer VoIP-Lösung geht. "Und das zu Recht", sagt der IT-Berater Mathias Hein[3]. Ein Firmennetzwerk müsse vor dem Umstieg auf IP-Telefonie gründlich analysiert werden. "Vielfach tauchen Schwachstellen und Sicherheitsmängel auf, die erst einmal behoben werden müssen."

Der Markt bewegt sich langsamer, als es die Hersteller gerne hätten

Kurzum: Der Markt für geschäftlich genutzte Telekommunikationslösungen bewegt sich sehr viel langsamer hin zu IP- und Software-Lösungen, als viele Hersteller es gerne hätten. Denn auch wenn die Telefonanlage nicht billig ist, fürchten Unternehmen nichts mehr, als deren Ausfall.

Mit dem für Ende dieses Jahres erwarteten Update[4] des "Office Communications Server" - derzeitiger interner Codename "14" – will Microsoft[5] stärker in den Markt für Business-Telekommunikationslösungen vordringen. Zielgruppe sind mittelständische und große Unternehmen.

Diesen Markt teilen sich derzeit vor allem etablierte Anbieter wie Siemens[6], Cisco[7], Avaya[8] und Alcatel-Lucent[9]. Aktuelle Marktanalysen - etwa von MZA[10]- zeigen allerdings auch, dass softwarebasierte Lösungen wie beispielsweise "Swyxware" des Dortmunder Unternehmens Swyx[11], an Boden gewinnen. Warum sollte hier in diesem Segment also nicht auch Microsoft expandieren können?

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Microsofts Office Communications Server "14"[12]

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Microsoft setzt mit dem "Office Communications Server" auf eine integrierte Unified-Communications-Lösung, die auf den hauseigenen Grundlagen Active Directory und Exchange Server aufsetzt. Alle Funktionen sind aus einer Oberfläche heraus nutzbar und in das Office-System aber auch in SharePoint oder Microsofts CRM-Lösung integriert.

"Unified Communications ist ein Topthema bei den Kunden, denn Sie erwarten sich mit dem Einsatz der Lösung auf der einen Seite Effizienzsteigerungen und Prozessbeschleunigung, auf der anderen Seite auch Kosteneinsparungen etwa bei Hardware, Reisekosten und Telefonkosten", so Microsoft-Sprecher Frank Mihm-Gebauer.


"Die Kommunikationslösung aus Redmond ist für 'Nicht-Großkonzerne" unattraktiv", sagt Swyx-Vorstand Ralf Ebbinghaus (Bild: Swyx).

Gurdeep Singh Pall, Vice President von Microsofts Office Communications Group, nennt das konkrete Ziel, das der Softwareriese mit der neuen Kommunikationslösung erreichen will: "Das Produkt ist jetzt soweit, als die einzige Telefonielösung für Unternehmen zu dienen", so Pall.

Um größere Marktanteile zu erobern, wird der Konzern zweifelsohne viel Werbegeld investieren. Hierzulande verfügt das Unternehmen zudem über eine breite Basis bei Systemhäusern und Systemintegratoren, die vielfach Kunden aus dem Mittelstand betreuen. "Für die Einführung des neuen OCS-Releases werden die Microsoft Partner bereits heute auf den Betaversionen trainiert, um zur Produktverfügbarkeit jeden Kunden kompetent unterstützen zu können", sagt Mihm-Gebauer.

Müssen die etablierten Telefonanlagenhersteller also mit einem Großangriff des Windows-Konzerns rechnen? "Wir sehen Microsoft sowohl als Partner, als auch als künftigen Wettbewerber", sagt Andreas von Meyer zu Knonow, Geschäftsführer und Leiter des Geschäftsbereichs Mittelstand, Mietlösungen und Managed Services bei Avaya. Mit OCS 14 trete Microsoft an, die PBX-Telefonanlage abzulösen. "Inwieweit das realistisch, ist, wird sich zeigen." Aktuell bestünden die meisten UC-Projekte von Microsoft noch aus einer Kombination von UC-Plattformen klassischer Anbieter und dem OCS-Server aus dem eigenem Hause.

Dass Microsoft die etablierte Telefonanlagen-Konkurrenz technisch schnell überholt, stellt der Avaya-Mann in Abrede: "Viele heute gängige Kommunikationsfunktionen und ausgefeilte Contact-Center-Funktionalitäten haben sich über Jahre entwickelt. Dies lässt sich nicht in kurzer Zeit aufholen." Allerdings biete Microsofts Lösung interessante Presence-, Instant Messaging- und Collaboration-Funktionen. "Die können jedoch auch mit vorhandenen TK-Anlagen genutzt werden", schränkt von Meyer zu Knonow ein.

Zudem bezweifelt man bei Avaya, dass Microsoft-Partner dem Thema technisch tatsächlich gewachsen sind. "Microsoft wird versuchen, die Lösungen über das vorhandene Partnernetzwerk zu vermarkten. Allerdings fokussieren sich aktuell nahezu alle Microsoft-Partner auf IT-Themen. Die Echtzeitkommunikation ist für viele ein vollkommen neues Terrain", sagt von Meyer zu Knonow. Nach Einschätzung des Avaya-Geschäftsführers müssen Partner für Unified Communications-Projekte sowohl über klassische TK-Qualifikationen als auch IT-Kenntnisse verfügen, da beide Bereiche eng verzahnt sind.

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Unified Communications in deutschen Firmen[13]

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Kleinere Hersteller, etwa Funkwerk Enterprise Communications[14] (FEC), sehen den Angriff aus Redmond dagegen mit deutlich gemischten Gefühlen: "Derzeit spüren wir OCS in unserem bis circa 50 Ports reichenden Marktsegment nicht. Wir sind uns aber darüber im Klaren, dass Microsoft langfristig zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber werden könnte. Das hängt sehr stark von der Marketingstrategie und der Channel-Ansprache ab", sagt FEC-Produktmanager Theo Mossdorf.

Der Dortmunder Anbieter Swyx, dessen Kommunikationslösung auf Windows-Servern basiert, befürchtet hingegen keinen Angriff der Amerikaner im Mittelstandssegment: "Selbstverständlich ist ein Unternehmen wie Microsoft immer ernst zu nehmen. Fakt ist jedoch, dass nicht nur der Telekommunikationsmarkt in Europa anders als in den USA funktioniert, sondern auch das Benutzerverhalten insgesamt anders ist. Wenn Microsoft beim Thema OCS in den vergangenen drei Jahren im zweistelligen Prozentbereich gewachsen ist, dann liegt das sicherlich auch an dem geringen Volumen bisher", meint Swyx-Vorstand Ralf Ebbinghaus.


"Wir sind uns darüber im Klaren, dass Microsoft langfristig zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber werden könnte", sagt Funkwerk-Produktmanager Theo Mossdorf (Bild: FEC).

Auch eine klare Ausrichtung auf die Bedürfnisse von mittelständischen Unternehmen sei bei Microsoft bisher überhaupt nicht erkennbar. "Das betrifft Themen wie Fax- oder DECT-Integration, lückenhafte Endgeräteunterstützung, Fokussierung ausschließlich auf PC-Telefonie, keine Unterstützung von SIP-Endgeräten, sowie hohe Anforderungen an System- und Applikationsinfrastruktur", so Ebbinghaus. All diese Punkte würden die Kommunikationslösung aus Redmond für "Nicht-Großkonzerne" unattraktiv oder unmöglich machen.

Auch für den Ecotel[15]-Vorstand Achim Theis wird vor allem im Mittelstand das meiste nicht so heiß gegessen, wie es in Amerika gekocht wird. "Unsere Kunden kommen ganz überwiegend aus dem Mittelstand. Hier machen wir bisher die Erfahrung, dass vor allem ISDN-Anschlüsse und damit verbunden konventionelle Telefonanlagen gefragt sind. Die ISDN-Technologie ist ausgereift und absolut zuverlässig - und bei uns stark nachgefragt. Obwohl der IP-Telefonie sicherlich die Zukunft gehört, gehen wir aktuell noch nicht davon aus, dass softwarebasierte IP-Telefonielösungen hierzulande in absehbarer Zeit einen großen Nachfrageboom erleben werden".

Eine aktive Vermarktung der Microsoft-Lösung könnte das teilweise ändern. Profitieren würde davon aber nicht nur Microsoft. Bei Swyx würde man ein größeres Marketingegegement von mcirosoft in diesem Bereich etwa "durchaus begrüßen": Dies sei hilfreich, um die Akzeptanz für softwarebasierte UC-Lösungen weiter zu steigern.

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VoIP als Service[16]

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URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.gartner.com
[2] = http://www.berlecon.de
[3] = http://www.tellnetworks.ch/AboutUs/Team/Mathias.html
[4] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_telekommunikation_microsoft_zeigt_neuen_office_communications_server_story-39001023-41529617-1.htm
[5] = http://www.microsoft.de
[6] = http://www.siemens.de/
[7] = http://www.cisco.de/
[8] = http://www.avaya.de/
[9] = http://www.alcatel-lucent.com/de
[10] = http://www.mzaconsultants.com/
[11] = http://www.swyx.de
[12] = http://www.zdnet.de/galerie/41529885/microsofts-office-communications-server-14.htm#sid=41531309
[13] = http://www.zdnet.de/galerie/41005180/unified-communications-in-deutschen-firmen.htm#sid=41531309
[14] = http://www.funkwerk.com/funkwerk_de/enterprise-communication/enterprise_communication.php
[15] = http://www.ecotel.de/
[16] = http://www.zdnet.de/galerie/41526734/voip-als-service.htm#sid=41531309