CeBIT 2010: Messegesellschaft blickt positiv in die Zukunft

(http://www.zdnet.de/magazin/41528525/cebit-2010-messegesellschaft-blickt-positiv-in-die-zukunft.htm)

von Peter Marwan, 7. März 2010

Die Besucherzahlen stabilisierten sich. Technologisch war nahezu überall von Evolution statt Revolution die Rede. 2011 ist die Unterteilung in vier Plattformen geplant: :"CeBIT pro", "CeBIT gov", "CeBIT lab" und "CeBIT life".

Da dachte man gerade, die CeBIT[1] hätte sich nach dem Trauerspiel 2009[2] in diesem Jahr endlich gesundgeschrumpft, da kommen aus Hannover ganz andere Töne: Die CeBIT 2010 habe die Voraussetzungen für neues Wachstum geschaffen. "Die vergangenen Tage waren der beste Beweis, wie stark die CeBIT ist. Wir werden mit einem ausgebauten Konzept 2011 wachsen", versprach Ernst Raue, Vorstand der Deutschen Messe AG.

Gelingen soll das durch eine klarerer Struktur und die Ansprache neuer Zielgruppen. Etwas konkreter: Die Messe bündelt Themen der ITK-Branche in vier, aus Sicht der Anwender, nicht der Aussteller geordneten Plattformen: "CeBIT pro" soll professionelle Anwender von Informationstechnologie und Telekommunikation ansprechen, "CeBIT gov" die Anwender aus Behörden und öffentlichen Einrichtungen, das "CeBIT lab" sich als Anlaufpunkt für internationale Forschungsinstitute und Universitäten etablieren und die "CeBIT life" als Plattform für Hightech-begeisterte Verbraucher.

Das klingt zunächst nicht verkehrt, ist aber ohne Details nicht wirklich zu bewerten. Fest steht, dass so letztendlich vier parallel stattfindende Messen entstehen, von denen sich zwei zumindest schwer tun werden. Offen ist derzeit noch, wer den Forschungseinrichtungen und den Universitäten ihre CeBIT-Auftritte in der "CeBIT lab" bezahlen wird, ob ausreichend viele dazu selbst in der Lage sind oder ob das Ganze vielleicht nur ein neuer Name für den "Future Parc" und bisherige Halle 9 mit den Auftritten von allerhand Organisationen, Behörden und Forschungseinrichtungen ist.

Eine IFA für Hannover?

Offen ist auch, ob sich "CeBIT life" – wohl so etwas wie eine IFA für Hannover - gegenüber der etablierten Konkurrenz in Berlin behaupten kann. Denn unterm Strich hat Berlin eben über drei Millionen Einwohner, Hannover dagegen nur etwas über 500.000.

Aber zurück ins Hier und Jetzt. Der Messe muss zugutegehalten werden, dass sie 2010 die Erwartungen der meisten Unternehmen übertroffen hat. Nach Angaben der Organisatoren kamen an den fünf Tagen 334.000 Besucher auf das Messegelände. "Die CeBIT 2010 hat aus Wachstumshoffnungen konkrete Geschäfte gemacht. Die Branche lässt jetzt die Krise hinter sich und startet durch", sagt Messechef Raue – der für seine Bescheidenheit aber noch nie berühmt war.

Ein paar Zahlen zeigen jedoch, woher er diesmal seinen Optimismus nimmt. An der CeBIT 2010 hatten sich 4157 Unternehmen aus 68 Ländern beteiligt, gut 130 weniger als 2009. Bis zum Freitagabend stieg nach Angaben der Messe die Zahl der Besucher aber im Vergleich zum Vorjahr im Tagesdurchschnitt um drei Prozent. Das war auf der Messe auch spürbar: Dadurch, dass die Aussteller etwas zusammengerückt waren - wenigstens vier noch 2009 benutzte Hallen blieben dieses Jahr leer - verschwanden die deprimierenden Freiflächen, die Gänge waren voller, die Gesichter der Aussteller zufriedener[3].

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CeBIT-Seitenblicke 2010[4]

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Die im vergangenen Jahr wohl am heftigsten und kontroversesten diskutierten beiden übergreifenden Themen der IT – Software as a Service und Cloud Computing – schlugen sich auf der Messe weitaus weniger nieder als erwartet.

Zwar arbeiten viele Anbieter an entsprechenden Konzepten, doch scheint die Zeit noch nicht reif zu sein, den Schritt auf breiter Front zu gehen. In Teilbereichen dagegen hat sich das neue Bereitstellungsmodell bereits etabliert. Ein Blick auf zwei ausgewählte Segmente soll das verdeutlichen.

Der von SAP[5] lang erwartete Durchbruch der eigenen SaaS-Lösung Business by Design bleibt derzeit noch aus. Immerhin, es geht langsam voran, konnte der Softwarekonzern doch einige echte mittelständische Kunden nennen[6], die die On-Demand-Lösung einsetzen.

Der im Vergleich zu SAP wie ein David wirkende Schweizer Hersteller Abacus[7] hat in seinem Heimatland dagegen schon 1000 Kunden für seine seit zwei Jahren als SaaS-Lösung angebotene Finanzbuchhaltungssoftware. Den gesamten Rest seines Standardsoftwareportfolios – von CRM bis ERP – mit dem sich alle Anforderungen mittelständischer Unternehmen abdecken lassen, hat er in den vergangenen fünf Jahren SaaS-ready gemacht und will damit nun auch hierzulande Kunden gewinnen.

Rainer Kaczmarczyk, Geschäftsführer von Abacus Business Solutions in Deutschland weist aber auch darauf hin, dass sein Unternehmen Anbieter von Standardsoftware sei. Das heißt: Wenn Anforderungen auftreten, die über die bereits vorgesehenen Anpassungen und das mögliche Customizing hinausgehen, muss er eben passen. Da allerdings käme so oft gar nicht vor – und wenn, könne man eben diese Kunden nicht bedienen. Ohne Standardsoftware aber sei SaaS schlichtweg nicht möglich – zumindest aber nicht wirtschaftlich.

Mitbewerber Sage[8] sieht das ähnlich. Man habe zwar bereits einige On-Demand-Angebote, etwa Sage CRM[9] oder Einfach Lohn[10]. Mit der gerade überarbeiteten ERP-Lösung für den gehobenen Mittelstand, Sage ERP X3[11] habe man aber derzeit keine vergleichbaren Pläne – ganz einfach, weil die Notwendigkeit nicht bestehe.

SaaS anbieten - oder vom Markt verschwinden

Anders sieht es bei einem Bereich der Unternehmenssoftware - Dokumentenmanagement - aus. Zwar halten sich da die meisten Anbieter derzeit mit SaaS-Angeboten noch zurück, aber Jürgen Biffar, Vorstand von Docuware[12], ist überzeugt: "In fünf bis zehn Jahren wird die größte Zahl der DMS-Lösungen als Software-as-a-Service angeboten." Da inzwischen auch IT-Riesen wie IBM und Microsoft das Thema forcieren würden, sei es einfach nicht mehr aufzuhalten. "Wer SaaS nicht mitmacht, wird irgendwann einfach vom Markt weg sein."

Docuware hat daher erst kürzlich einen eigenen Bereich geschaffen, um die Entwicklung webbasierter DMS-Lösungen voranzutreiben und dafür bis Ende 2011 eine Million Euro bereitgestellt. Denn, so Biffar, SaaS sei keineswegs so trivial, wie das oft dargestellt werde. Es reiche eben nicht, die eigene Software ins Netz zu stellen und über eine Browseroberfläche bedienbar zu machen. Es gelte auch die unterschiedlichen Gegebenheiten in Bezug auf die verfügbare Bandbreite zu berücksichtigen, im Rechenzentrum Ressourcen zu schonen, um wirtschaftlich arbeiten zu können, die Möglichkeiten des Clients auch im SaaS-Modell mitzunutzen und das alles, ohne Funktionen aufzugeben.

Fazit dieser CeBIT zum Thema SaaS und Cloud Computing: Auch hier wird lange nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Dennoch lohnt es sich, die bereits verfügbaren oder geplanten Angebote anzuschauen. Es könnte durchaus etwas dabei sein – wenn man bereit ist, sich einer gewissen Standardisierung zu unterwerfen. Bei näherer Betrachtung finden sich aber sicher viele Geschäftsbereiche, in denen das durchaus möglich ist, ohne Wettbewerbsvorteile zu verlieren. Torschlusspanik braucht aber noch niemand zu haben.

2010 konnte die CeBIT erstmals einen – kleinen aber vergleichsweise feinen – "OS X Business Park" vorweisen. Dessen Plus war vor allem, dass sich zwar vieles, aber eben zum Glück nicht alles um das iPhone[13] drehte. Hauptzielgruppe bei den Besuchern waren Entscheider und IT-Verantwortliche aus kleinen und mittleren Unternehmen. Unter anderem waren Anbieter von CRM, ERP, Finanzbuchhaltung, Office-Software, Server- und Speicherlösungen, Systemadministration und Virtualisierung für die Mac-Plattform vor Ort.

Der "OS X Business Park" war strategisch günstig gleich in Halle 2 positioniert – dort, wie die meisten Besucher noch ausgeruht und voller Interesse sind. Und er befand sich neben dem dieses Jahr zwar nicht zum ersten Mal stattfindenden, aber zum ersten Mal so prominent platzierten Open-Source-Forum. Diese konnte sich daher ebenfalls über einen ansehnlichen Besucherstrom freuen.

Die Botschaft dort war allenthalben, dass Open-Source-Lösungen endgültig in den Unternehmen angekommen sind – auch wenn sie aufgrund der Verteilwege von quelloffener Software meist im Markt nicht so sichtbar sind. Dass es Linux auf dem Desktop immer noch nicht in nennenswertem Maße geschafft hat, sah kaum jemand als dramatisch an. Das sei ein Nebenkriegsschauplatz, bei Unternehmenssoftware hätten Open-Source-Angebote vielfach bewiesen, dass sie den Vergleich zu herkömmlichen Produkten nicht zu scheuen brauchten.

Blick in die Halle 2 der CeBIT 2010 mit dem stets gut besuchten Open-Source-Bereich (Bild: ZDNet).
Blick in die Halle 2 der CeBIT 2010 mit dem stets gut besuchten Open-Source-Bereich (Bild: ZDNet).
Die CeBIT hatte auch 2010 wieder Themen, die Politiker und selbst ernannte oder fremd definierte Branchenprominenz angezogen, und damit für Medienpräsenz gesorgt haben: Die Broadband World in Halle 13 trommelte einmal mehr für den Breitbandausbau, zeigte auch einige Lösungsszenarien und Vorteile, blieb aber die meisten Fragen nach der konkreten Umsetzung und Finanzierung vorerst schuldig. Nahezu dasselbe gilt – leider auch dieses Jahr - für das Green-IT-Forum in Halle 9. Da wäre in beiden wieder mal mehr drin gewesen.

In der Webciety wurde auch 2010 fleißig darüber diskutiert, wie Internet und neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern. Noch brät die Webciety aber zu sehr im eigenen Saft: Über echte Trends muss man nicht diskutieren, sie passieren einfach, vor allem in der Welt der Verbraucher. Die angebliche Avantgarde dagegen lädt sich ständig selbst gegenseitig ein, followt sich und verfacebookt sich gegenseitig um sich dann auf all diesen Wegen gegenseitig dazu zu beglückwünschen, wie innovativ sie ist. Das ist natürlich auch ein Geschäftsmodell – aber eben ein begrenztes.

Diese Kritik soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in dem Webciety-Bereich durchaus interessante Dinge zu sehen gab – wobei die spannendsten allerdings von so einem alteingesessenen und scheinbar langweiligen Konzern wie der Telekom stammten. Deren Tochter T-Mobile Multimedia Systems hatte nicht nur den aufsehenerregendsten Stand, der ständig von Amateurfotografen umlagert war, sondern auch spannende Einblicke in die nahe Zukunft zu bieten.

Das Messekonzept für 2010 klingt gut. De facto ändern wird es wahrscheinlich aber nicht viel: Nur wenige, die dieses Jahr in Halle 22 die Intel Extreme Masters besuchten und bei der CeBIT Sounds musikalischen Nachwuchshoffnungen lauschten, werden sich ernsthaft für die Geldzählmaschinen in Halle 11, Standardsoftware in Halle 5 oder die Werbebemühungen Ägyptens als Outsourcing-Standort in Halle 3 interessiert haben.

Diese Besucherströme in CeBIT pro und CeBIT life zu unterteilen, ist daher nur logisch. Dann muss sich auch der eine oder andere Aussteller nicht mehr anpöbeln lassen, weil er auf die freche Forderung von Passanten nach "hochwertigen Give-aways" nur mit einem Kugelschreiber reagieren kann. Wie gesagt: Das Konzept klingt gut. Jetzt kommt es darauf an, dass es auch gut umgesetzt wird – und vielleicht etwas zügiger als dieses Jahr, wo viele Programmpunkte erst in letzter Minute feststanden.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/specials/cebit/
[2] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_cebit_2009_um_25_prozent_weniger_aussteller_als_2008_story-39001020-41000745-1.htm
[3] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_cebit_veranstalter_sind_mit_bisherigem_messeverlauf_zufrieden_story-39001020-41528493-1.htm
[4] = http://www.zdnet.de/galerie/41528243/cebit-seitenblicke-2010.htm#sid=41528525
[5] = http://www.sap.de
[6] = http://www.sap.com/germany/about/press/archive/press_show.epx?ID=4558
[7] = http://www.abacus.ch/
[8] = http://www.sage.de/
[9] = https://www.sagecrm.com/
[10] = http://www.einfachlohn.de/
[11] = http://www.sageerpx3.com/ger
[12] = http://www.docuware.de
[13] = http://www.zdnet.de/artikel_zum_thema_iphone_thema-39002356-39001022o0o0-1.htm