Das einst als Megatrend ausgerufene Thema "Green-IT" drohte bereits mehrmals zu scheitern. An Förderprogrammen und Marketing mangelt es zwar nicht, aber die Hersteller sind schon beim nächsten Hype - und KMUs sehen kein Potenzial.
Auch 2010 lockt die CeBIT[1] mit dem Schwerpunktthema Green-IT. Die Organisatoren wollen sich sogar als Leitmesse für das Thema positionieren. An Angeboten fehlt es nicht: Sie sind größtenteils im gut 2000 Quadratmeter belegenden Forum "CeBIT Green IT[2]" in Halle 8 zusammengefasst. Es wird gemeinsam von Bitkom[3], Bundesumweltministerium[4] und der Deutschen Messe[5] organisiert.
Den Auftakt bildet am 2. März ab 13 Uhr eine Konferenz unter dem Motto: "Green IT Strategies and Practices for a Sustainable Europe", zu der unter anderem Vertreter der Europäischen Kommission und Dennis Pamlin vom WWF[6] erwartet werden. Am 3. März nimmt der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer[7] an einer Podiumsdiskussion teil und am 5. März richtet der Bitkom gemeinsam mit Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt[8] die Konferenz "Perspektive: Green through IT[9]" aus. Zu der haben auch der derzeitige Bundesumweltminister Norbert Röttgen[10] und SAP-Mitgründer Henning Kagermann zugesagt.

"Schon mit einfachen Maßnahmen lassen sich 40 Prozent der Energieausgaben einsparen", sagt Andreas Zilch von der Experton Group (Bild: Experton Group).
Die Gesellschaft für Informatik[11] und der VDE[12] legen am 5. März bei ihrem Forum auf der CeBIT den Schwerpunkt auf Energieeffizienz in der Informations- und Telekommunikationsbranche. Die Organisatoren rechnen in den nächsten zehn Jahren mit einer Erhöhung des Energieverbrauchs durch IT und Telekommunikation um 16 bis 20 Prozent pro Jahr. Eine Podiumsdiskussion im Convention Center (Saal 13/14) soll klären, wie sich IT und TK künftig möglichst energieffizient einsetzen lassen.
Was kaum einer weiß: Es gibt sogar schon einen europäischen Leitfaden für Energieeffizienz im Rechenzentrum[13]. Ludger Ackermann vom Dienstleister Mansystems[14] referiert über diese freiwillige Selbstverpflichtung zum Energiesparen auf EU-Ebene im Rahmen der Green-IT-Konferenz des Umweltbundesamtes[15] am 3. März. Er stellt dabei auch Methoden zur Effizienzmessung in Rechenzentren und vor.
"Den grünen Hebel der IT zeigen"
Dem EU-Verhaltenskodex können sich Unternehmen anschließen, die freiwillig den Energieverbrauch ihrer Produkte oder Rechenzentren im Rahmen vereinbarter Ziele senken möchten. Zudem präsentiert T-Systems im Rahmen der Veranstaltung sein "DataCenter 2020[16]", ein Testlabor für grüne Rechenzentren, und das Borderstep Institut beschäftigt sich auf Grundlage einer aktuellen Untersuchung für Deutschland mit dem Thema "Materialeffizienz von Rechenzentren".
"Im Business-Bereich kommt es darauf an, den enormen 'grünen Hebel' der IT zu zeigen. Die Bedeutung der Informationstechnologie für die Senkung des CO2-Ausstoßes in verschiedenen Industrien ist nicht zu unterschätzen - beispielsweise durch intelligentere Prozesse oder ressourcenschonend gesteuerte Produktion", sagt Martin Jetter, Mitglied des Bitkom-Präsidiums. Seiner Ansicht nach biete Green-IT bietet gerade in Krisenzeiten Unternehmen eine hervorragende Möglichkeit, Kosten zu reduzieren.
"Doch es geht nicht nur ums Geldsparen. Mit innovativen ITK-Technologien kann der Klimawandel auch auf der Verbraucherseite eingedämmt werden. Durch konkrete Anregungen zur Verhaltensänderung können wir hier zu einer grüneren Nutzung der ITK kommen." Über Green-IT gesprochen wird also genug. Fraglich ist, ob der Motor des vermeintlichen Dauerbrenners auch ausreichend Sprit hat, um reibungslos zu laufen. "Sicherlich hat die IKT-Wirtschaft einiges für Green-IT getan", sagt Wolfgang Scheide, Geschäftsführer der Green-IT GmbH[17]. Die Bemühungen haben sich vor allem auf die Verbrauchsoptimierung von Produkten konzentriert: Energieeffiziente Server und CPUs, sparsame Drucker und Desktops sowie Rechenzentrumsoptimierungen. "Das ist gut und sinnvoll."
Green-IT sei aber ein Querschnittsthema, das nicht auf das Rechenzentrum beschränkt sei, sondern alle Bereiche eines Unternehmens betreffe. "IT steuert Produktionsstraßen, Materialwirtschaft und Logistik", so Scheide. "Ein konsequenter Einsatz neuer Technologien kann den gesamten Energie- und Materialverbrauch eines Unternehmens erheblich senken." Das hätten bisher aber nur die wenigsten Hersteller - und Anwender - erkannt.

"Konsequenter Einsatz neuer Technologien kann den gesamten Energie- und Materialverbrauch eines Unternehmens erheblich senken", sagt Wolfgang Scheide, Geschäftsführer der Green-IT GmbH (BIld: Green-IT GmbH).
Der Anfangsschwung der Industrie, in energieeffiziente Produkte zu investieren, scheint inzwischen verbraucht zu sein. "Bei IBM und Fujitsu hat Green-IT nicht mehr oberste Priorität", sagt Andreas Zilch, Vorstand des Marktforschungsunternehmens Experton Group[18]. Aber auch andere Server-Anbieter - etwa HP und Dell - gehörten nicht mehr zu den treibenden Kräften. "Offensichtlich sind die Hersteller frustriert, dass sich das Geschäft nicht wie erwartet entwickelt, oder aber sie sind schon auf der Suche nach neuen Hypes wie Smarter Planet, Dynamic Infrastructures und Cloud Services."
Zilchs größte Kritik gilt den Vertriebspartnern, die nur zögerlich das Thema zu ihren Kunden trügen. "Die meisten haben noch nicht verstanden, dass es dabei nicht allein um ein positives Image geht, sondern vor allem darum, dass sich ein energieeffizientes Rechenzentrum für die Unternehmen rechnet, und zwar innerhalb kürzester Zeit", sagt der Experton-Mann.
Und die Unternehmen? Vorreiter sind derzeit Großbetriebe. Allen voran die Bundesagentur für Arbeit, die Leitz GmbH & Co KG und Bosch Siemens Hausgeräte, die alle 2009 den "Green-CIO-Award" der Experton Group gewannen. Kleinere und mittelständische Unternehmen hinken dagegen noch weit hinterher.
"Ignoranz und Vorurteile prägen das Bild", sagt Zilch. Nicht selten höre er Argumente wie "Strom ist nicht mein Budget[19], das interessiert mich nicht" oder "so einen Öko-Quatsch brauchen wir nicht." Selbst bei einfachen Maßnahmen[20] wie der Einteilung des Rechenzentrums in warme und kalte Flure sowie der physischen Trennung von warmen und kalten Zonen winkten viele ab.

Sunita Patel, Geschäftsführerin Innovation und Umwelt bei der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee (Bild: IHK Hochrhein-Bodensee).
"Dabei sind die Investitionen für solche Maßnahmen überschaubar", sagt Zilch. Wirksam sei als erster Schritt beispielsweise die Server-Virtualisierung, gekoppelt mit dem Austausch alter x86-Stromfresser. Danach empfiehlt er eine moderne, neu dimensionierte Klimaanlage. "So lassen sich 40 Prozent der Energieausgaben einsparen."
An öffentlichen Förderprogrammen für modernes Energiesparen mangelt es nicht. Seit einem Jahr können sich insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen (KMUs) über das Green-IT-Beratungsbüro[21] des Bitkom bei der Umsetzung von Projekten Rat, Tat und vor allem Geld holen.
Eine Energieberatung bezuschusst der Bund mit bis zu 80 Prozent, für konkrete Maßnahmen bekommen die KMUs besonders günstige Kreditkonditionen bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW[22]). Doch leider: "Die Nachfrage nach Fördermitteln ist schleppend", bilanziert Florian König, Projektmanager Kommunikation beim Green-IT-Beratungsbüro. "Die Unternehmen, die sich melden, sind schon recht aktiv: Server-Virtualisierung, Energiemanagement-Software, bauliche Reorganisation von Rechenzentren sowie Klimatisierung sind nur einige Maßnahmen. Der Kreis der Nicht-Handelnden und Unwissenden ist aber nach wie vor sehr groß."
Sunita Patel, Geschäftsführerin Innovation und Umwelt bei der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee[23], zeigt Verständnis für die zögerliche Haltung der KMUs. "Die Unternehmen wissen um die Einsparpotenziale durch neuere Technologien wie beispielsweise RFID zur Steuerung und Überwachung des Fuhrparks", sagt Patel. "Aber diese Projekte umzusetzen, kostet Geld."
Geld, das diese Unternehmen derzeit nicht hätten. Hinzu komme, dass bislang nur große Unternehmen den Nutzen dieser Technologien aufgezeigt hätten. Bei den kleinen fehle ein konkretes Anwendungsbeispiel. Und: "Das Rechenzentrum ist für die meisten eine heilige Kuh, die am besten überhaupt niemand anrühren darf, schon gar nicht ein Nicht-ITler." Der Motor von Green-IT – IT- und Telekommunikationsanbieter sowie -anwender – stottert derzeit kräftig, auch wenn sich Bitkom, Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt bemühen, dass er nicht abgewürgt wird.
Dennoch: "Green-IT hat das Zeug zum Dauerbrenner", ist sich Professor Tobias Kretschmer, Vorstand des Instituts für Kommunikationsökonomie[24] an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sicher. "Jedoch nur, wenn darunter ein Konzept für die generelle Ressourceneinsparung durch IT-Nutzung verstanden wird. Ist es aber bloß die Verbreitung von ressourcenschonender Hardware, dann bin ich weniger optimistisch."
Das aber ist ein zweischneidiges Schwert: So lange die Hersteller ihre Server als umweltfreundlcih bewerben können und darauf hoffen, dem Wettbewerb Marktanteile abzujagen, ist die Welt in Ordnung. Geht es aber darum, mit Green-IT weniger IT einzusetzen, schneiden sie sich ja ins eigene Fleisch. Dann ist die Bereitschaft darüber zu sprechen deutlich geringer.
Einen Ausweg bieten derzeit noch wenig verbreitete Themen wie Videokonferenzen oder Kollaborationslösungen, um CO2-Emission durch Reisen zu reduzieren. Damit wirbt derzeit vor allem Cisco, aber auch HP und IBM entdecken den Aspekt. Die Schwierigkeik dabei: Das Thema wird erst richtig an Fahrt gewinnen, wenn die CO2-Reduktion von außerhalb vorgeschrieben wird - so wie das demnächst in Großbritannien geschieht[25].
In einem Land, in dem gerade die Förderung für Solaranlagen gekürzt wurde, ist das aber in nächster Zeit nicht wahrscheinlich. Bis dahin bleibt Green-IT ein Thema für einige wenige, engagierte Firmen. Nutzen sie die angebotenen Förderprogramme geschickt - was bisher aber nur wenige tun[26] -, können sie sie einsetzen, um in die Jahre gekommene Infrastrukturen mit vergleichsweise geringen eigenen Investitionen zu erneuern. Und das ist ja auch schon etwas.

Ein Beispiel[27] für solche Fördermaßnahmen ist der noch bis 31. Mai 2010 laufende Technologiewettbewerb "Energieeffiziente Informations- und Kommunikationstechniken für Mittelstand, Verwaltung und Wohnen - IT2Green[28]" (PDF) des Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi[29]). Der Wettbewerb zielt darauf ab, intelligente Lösungen für Informations- und Kommunikationstechnologien zu fördern, die weniger Energie verbrauchen
Das BMWi stellt für den Technologiewettbewerb bis zu 30 Millionen Euro bereit, mit denen mindestens die gleiche Summe an Eigenmitteln mobilisiert werden soll. Projektskizzen[30] können ab sofort bis zum 31. Mai 2010 eingereicht werden. Der Wettbewerb ist auch Bestandteil des auf dem 3. Nationalen IT-Gipfel im November 2008 beschlossenen Aktionsplans "Green IT - Pionier Deutschland[31]".
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