Seit Wochen gehen Gerüchte von einer möglichen SAP-Übernahme durch die Wirtschaftsblätter. Doch ob das einzige namhafte deutsche Softwarehaus wirklich seine Freiheit verlieren kann, ist weniger eine Frage der Finanzen als vielmehr des Managements.
Das Thema der Übernahme hat SAP[1]-Mitgründer und -Aufsichtsratschef Hasso Plattner selbst angestoßen: "Auch unsere Firma muss wachsen, sonst passiert uns das, was Opel 1929 passiert ist: dass die Firma einen neuen Besitzer bekommt", war in der Januarausgabe des Manager Magazins zu lesen. Die von Plattner bewusst geschürte Furcht vor einer möglichen Übernahme zieht sich wie ein roter Faden durch den Artikel "Tief über Walldorf" des Wirtschaftsmagazins.
Davon angeregt, setzte sich auch die Wirtschaftswoche unter dem martialischen Titel "Kampf um die Ikone" mit dem Thema auseinander. Doch kann SAP wirklich übernommen werden und danach sinnvoll mit seinen Angeboten und Inhalten am Markt weiterleben? Ich behaupte: Nein. SAP muss schon selbst die Karre wieder flott bekommen - oder langsam untergehen.

SAP - hier das Hauptquartier in Walldorf - ist für jeden Kaufinteressenten eine Nummer zu groß - trotz gegenteiliger Gerüchte (Bild: SAP).
Eine SAP-Übernahme ist keine Finanzfrage, sondern erfordert die Auseinandersetzung mit Fragen des Unternehmertums, des Managements und der Machbarkeit. Als mögliche SAP-Käufer nennt das Manager Magazin, Google[2], IBM[3], Hewlett-Packard[4] und Microsoft[5]. Die Wirtschaftswoche hat in ihrer "Tabelle der Konkurrenten" außer Google dieselben Firmen aufgelistet, aber korrekter Weise auch den direkten Konkurrenten Oracle[6] hinzugenommen.
Dazu muss gleich bemerkt werden, dass nur Microsoft und Oracle wirkliche Konkurrenten sind. Google spielt in einer ganz anderen Liga. IBM und HP dagegen sind trotz des enormen Software-Umsatzes beider Firmen, eher Hardware-Partner. Analysieren wir also zunächst einmal die beiden Softwarehäuser als mögliche Käufer.
Oracle-Chef Larry Ellison hat seit einer Reihe von Übernahmen der vergangene Jahre inhaltlich alles an Bord, was er als Anbieter auf dem IT-Markt braucht - seit dem Kauf von Sun[7] sogar Hardware und Prozessoren. Motiv für eine Akquisition von SAP wäre also lediglich die Vernichtung eines Konkurrenten. Das ist sowohl kartellrechtlich undenkbar als auch gegenüber dem weltweiten Kundenstamm von SAP nicht verantwortbar. Oracle könnte weder die Mammutaufgabe bewältigen, diese Kunden auf seine Business-Produkte zu migrieren, noch die SAP-Produkte ernsthaft weiter bedienen.
Auch eine Übernahme durch Microsoft wäre ein Fall für die Kartellbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks. Steve Ballmer könnte SAP zwar theoretisch gut in seinem bereits heute etwas überfüllten Portfolio gebrauchen, kann aber mit Software für größere Unternehmen nicht wirklich etwas anfangen. Microsoft ist in der Welt der Personal Computer und PC-Server sowie in der Consumerwelt zu Hause. Corporate Computing gehört nicht dazu. Kleinere und mittlere Unternehmen zu bedienen, ist schon Aufgabe genug. Beispiel: Bisher wurde die Übernahme des dänischen Softwarehauses Navision kaum nutzbringend für den Kunden verdaut - und das war im Vergleich zum Pottwal SAP maximal eine Forelle.
Suchmaschinen-König Google stößt zwar aggressiv[8] ins Online-Geschäft mit Unternehmen[9] vor, eine Übernahme von SAP wäre aber ein grundlegender Strategiewechsel. Dennoch haben die Walldorfer Google selbst als Interessenten ins Spiel gebracht. Aber auch bei Google-Chef Eric Schmidt und seiner Mannschaft in Mountain View ist fraglich, ob sie diese Aufgabe überhaupt bewältigen könnten.
Bleiben noch die beiden großen Hardware-Anbieter IBM und HP. HP-Chef Mark Hurd könnte strategisch SAP gut gebrauchen, hat doch der am Umsatz gemessen größte IT-Anbieter im Vergleich zu IBM trotz Milliardeninvestitionen in den vergangenen Jahren[10] noch zu wenig Software an Bord.
Doch anders als der monolithische Block "Big Blue" besteht HP in Wirklichkeit aus drei Firmen: einem Druckerhaus, einem PC-Laden und einem Computerhaus mit Servern und Speichern. Um letzteres wettbewerbsfähiger gegenüber IBM[11] zu machen, hat Hurd bereits EDS gekauft[12] und ist nun damit beschäftigt, den Dienstleister zu integrieren. SAP wäre wohl ein zu großer Brocken, hat HP doch den Merger mit Compaq gerade so überlebt - wobei sich Compaq letztendlich an der Übernahme von Digital Equipment verschluckt hatte.
IBM dagegen ist das Mutterhaus, aus dem SAP 1972 als Ausgründung für Finanzsoftware hervorgegangen ist. Heute ist Big Blue für SAP ein wichtiger Partner, vor allem bei Großkunden, die ihre Anwendungen auf dem Mainframe[13] "System z" laufen lassen. Kulturell würde SAP am besten zu IBM passen. Aber auch hier bleibt die Frage offen, ob IBM das verdauen könnte und ob SAP als IBM-Tochter nicht zu viele Kunden auf anderen Plattformen verprellen würde.
Fazit
Ein Gedanke zu SAP selbst: Hasso Plattner muss seine Aussage wohl überdenken, dass nur schiere Größe durch Wachstum das Überleben eines Weltkonzerns sichert. Wie das Beispiel Toyota derzeit zeigt, kann das sehr schnell ins Auge gehen. Ein altes Sprichwort heiß: "Schuster bleib bei deinen Leisten". Vielleicht sollten die Walldorfer sogar noch einmal die Frage überdenken, ob sie sich nicht von ihren Plänen, denn Mittelstand zu bedienen, verabschieden sollten. Das können Firmen wie Infor[14] und Sage[15] besser - und nicht nur besser als SAP, sondern auch besser als Oracle.
Unterm Strich bleibt festzuhalten: Keiner, der theoretisch derzeit die nötige Summe aufbringen könnte, um SAP zu übernehmen, würde das langfristig überleben. Für die SAP-Kunden, die zum großen Teil in hohem Maße von ihrem Anbieter abhängig sind, wäre es in jedem Fall eine Katastrophe. Ins Fäustchen lachen würde sich in allen Fällen die zweite Reihe der Standardsoftwareanbieter. Firmen wie Epicor[16], Infor oder Sage sind heute schon so gut aufgestellt, dass sie SAP den einen oder anderen Kunden abspenstig machen können. Für sie wäre ein SAP-Kauf ein Festtag.
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