Im Smartphone-Bereich musste sich Microsoft von Apple und Google regelrecht vorführen lassen. Mit Windows Phone 7 will der Konzern wieder zur Konkurrenz aufschließen. ZDNet stellt das Mobil-Betriebssystem vor.
Die Einlassungen von Steve Ballmer zum iPhone[1] sind bekannt und gut dokumentiert[2]. Der Microsoft-CEO spottete über den hohen Preis und die fehlende Tastatur.
Zwar hatte gerade die erste Generation des Apple-Smartphones zahlreiche Schwächen, etwa fehlendes 3G, trotzdem reichte es, um Windows Mobile über Nacht ziemlich alt aussehen zu lassen. Dass Apple jährlich mit neuer Hard- und Software aufwarten konnte, vergrößerte den Abstand zusätzlich. Bis auf etwas Kosmetik herrschte bei Windows Mobile in dieser Zeit nämlich Stillstand. Die Folge waren sinkende Marktanteile.
Mittlerweile mischt auch Googles Android-OS kräftig mit, das das iPhone in einigen Bereichen überflügelt. Gerade bei Anwendern, die Leistung und Flexibilität über Einfachheit stellen, kommen Android-Handys gut an.
Das 2009 auf dem Mobile World Congress[3] vorgestellte Windows Mobile 6.5[4] hat die Wettbewerbsposition von Microsoft kaum verbessert: Die Fortschritte erschöpfen sich in einer leicht modifizierten Oberfläche, die besser mit dem Finger bedient werden kann, und einem überarbeiteten Browser.
In diesem Jahr präsentierte Steve Ballmer das nach vielen Verzögerungen lange erwartete Betriebssystem Windows Phone 7 Series, das den Redmondern ein Comeback im Mobilfunkbereich bescheren soll.
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Windows Phone 7: Microsofts neues Smartphone-OS im Überblick[6]
» zur Bildergalerie ...[6]Windows Mobile hat derzeit mit mehreren technischen und strategischen Problemen zu kämpfen: Die Oberfläche, seit Jahren kaum verbessert, wirkt verglichen mit iPhone und Android antiquiert und ist nicht durchgängig auf die heute gefragte Fingerbedienung optimiert.
Die meisten Handyhersteller, etwa HTC, liefern ihre Geräte daher mit einem Aufsatz aus, der die größten Schwächen beseitigt. Nach ein paar Klicks landet man aber doch schnell wieder in der tristen Windows-Mobile-Welt. Auch die Gestaltung optisch ansprechender GUIs ist mit den derzeit angebotenen Technologien kompliziert und zeitaufwändig.
Die Defizite von Windows Mobile sind aber nicht nur oberflächlicher Natur: Auch Windows Mobile 6.x basiert auf dem veralteten Embedded-OS Windows CE 5.0, das mit seinem Threading- und Interrupt-Handling-Modell selbst flotte Hardware ausbremst. Dazu kommt, dass Handyhersteller nicht immer die notwendige Arbeit investieren, um das ohnehin eingeschränkte Performance-Potenzial auszuschöpfen.
Seit Ende 2006 steht mit Windows CE 6.0 übrigens ein deutlich leistungsfähigerer Nachfolger bereit, der die meisten Probleme beseitigt. Das Windows-Mobile-Team hat bislang aber keinen Gebrauch davon gemacht.
Kaum möglich ist es für Microsoft bislang, Windows-Mobile-Handys regelmäßig mit größeren Updates zu versorgen. Ob und wann der Umstieg erlaubt ist, hängt nämlich vom Hardwarehersteller und Netzbetreiber ab - zumindest, wenn man den regulären Weg geht. Dadurch verzögern sich Neuerungen oft um mehrere Monate oder werden überhaupt nicht eingeführt.
Microsoft-intern wurde Windows Mobile lange stiefmütterlich behandet. Eine ausgefeilte Anbindung an Produkte wie Media Center, Xbox, Bing Maps oder Zune ist nie erfolgt.
Das Fehlen eines App Store zur einfacheren Beschaffung von Anwendungen haben die Redmonder mittlerweile korrigiert. Die Auswahl ist mit gut tausend Applikationen aber noch sehr überschaubar. Marktbeobachter sind sich einig: Microsoft hat im Smartphone-Bereich nur eine Zukunft, wenn Windows Mobile durch etwas komplett neues ersetzt wird. Mit kleinen Retuschen sei nichts mehr zu machen. Zu weit ist die Konkurrenz mittlerweile voraus.
Tatsächlich wagt Microsoft den Neustart: Das auf dem Mobile World Congress präsentierte OS hat nichts auf den ersten Blick mit Windows Mobile 6.x zu tun.

Homescreen von Windows Phone 7 (Bild: Microsoft).
Den Startscreen zieren so genannte Live Tiles. Das sind quadratische oder rechteckige Felder, die Informationen wie verpasste Anrufe, Facebook-Bilder oder anstehende Termine anzeigen. Tippt man ein Tile an, gelangt man zur jeweiligen Funktion – beispielsweise zur Telefon-Anwendung. Tiles lassen sich beliebig anordnen, hinzufügen und entfernen.
Windows Phone 7 bildet die wichtigsten Basisfunktionen Kontakte, Musik und Videos, Office, Spiele sowie Bilder in Hubs ab. Das sind optisch und logisch zusammenhängende Bereiche, durch die man mit einer Geste navigiert. Der Hub People (Kontakte) zeigt beispielsweise zunächst die Menschen an, mit denen man zuletzt interagiert hat. Eine Wischbewegung von rechts nach links bringt einen zum kompletten Adressbuch, eine weitere zu einem Feed, der die neuesten Infos aus Facebook und Windows Live anzeigt.

People-Hub in Windows Phone 7. Mit einer Geste navigiert man zwischen den einzelnen Bereichen. Kontakte lassen sich als Live Tile auf dem Homescreen anzeigen (Foto: Microsoft).
Überhaupt wird die Integration von sozialen Netzwerken in Windows Phone groß geschrieben: Hat man sich einmal authentifiziert, erscheinen beispielsweise im Hub Bilder die neuesten Fotoalben aus Facebook. Auch das Kommentieren ist möglich. Das OS kümmert sich um die Synchronisation.
Die meisten Elemente in den Hubs, beispielsweise ein Kontakt, lassen sich als Live Tile auf dem Homescreen ablegen. So hat man die wichtigsten Funktionen und Informationen im schnellen Zugriff.
Wie Microsoft Multitasking in Windows Phone 7 umsetzt, ist derzeit noch nicht klar. Da das OS stark von eine flüssigen Bedienung abhängt, ist mit deutlichen Einschränkungen zu rechnen. Während der Demo wurde beim Surfen im Hintergrund Musik abgespielt - Multithreading wird also unterstützt. Ob das nur für OS-nahe Awendungen gilt oder generell, muss sich in Zukunft herausstellen.
Berichten zufolge ist Windows Phone 7 Series auf häufigere Updates vorbereitet. Dafür steht das Wort "Series" in der offiziellen Produktbezeichnung. Man darf gespannt sein, wie das ist der Praxis umgesetzt wird.
Microsoft integriert in Windows Phone 7 einen neuen Browser, der technisch eine Mischung aus Internet Explorer 7 und 8 sein soll. Wie bei vielen anderen Mobilbrowsern lassen sich die wichtigsten Websites auf der Startseite ablegen. Flash-Unterstützung bietet die Software zunächst nicht, soll aber später nachgereicht werden.
Der Hub für die Wiedergabe von Videos und Musik weist eine starke Ähnlichkeit zur Software des Zune HD auf. Dort können über den Marketplace auch Musik und Videos gekauft werden. Microsoft hat angekündigt, den bislang nur in den USA verfügbaren Zune Store auch in Europa einzuführen.
Die Synchonisation von Bildern, Musik und Videos soll künftig von der Zune-Desktop-Software vorgenmommen werden. Andere Daten wie E-Mails kommen per Internet auf das Telefon.
Spielen widmet Windows Phone 7 einen eigenen Hub. Die 23 Millionen Mitglieder von Xbox Live können sich mit dem Dienst verbinden und so vom Smartphone auf Informationen wie Gamercard oder den Avatar zugreifen können. Es soll sogar möglich sein, mit anderen Anwendern zu spielen. Vermutlich gilt das aber nur im Zusammenhang mit anderen Windows-Phones.
Auf das Thema Anwendungen von Drittherstellern ist Microsoft bislang kaum eingegangen. Die Entwicklungsmöglichkeiten für Windows Phone 7 sollen nächsten Monat auf der MIX 10[7] ausführlich vorgestellt werden. Sicher ist bislang, dass es einen App Store geben wird. Mit welchen Technologien für das neue Windows Phone programmiert wird, haben die Redmonder nicht offiziell bekannt gegeben. Eine modifizierte Version von Silverlight gilt als heißer Kandidat. In Umlauf befindliche Dokumente bestätigen das.
Offen ist bislang, ob Windows-Mobile-6.x-Anwendungen auch unter Windows Phone 7 laufen. In den letzten Tagen gab es dazu unterschiedliche Aussagen und Gerüchte. Offizielle Informationen sind auch hier erst zur MIX 10 zu erwarten.
Zu den Hardwareanforderungen schweigt sich Redmond weitgehend aus. Pflicht sollen ein kapazitiver Touchscreen (vier gleichzeitige Kontakte), eine 5-Megapixel-Kamera, ein FM-Tuner, GPS, sowie die drei Hardware-Buttons Zurück, Homescreen und Suche sein.
Während der Präsentation bekräftigten die anwesenden Microsoft-Manager, künftig sehr eng mit den Hardwarepartnern zusammenarbeiten zu wollen. Nur so könne man sicherstellen, dass jedes Windows Phone die gewünsche Nutzererfahrung bietet. Bislang handhabt Microsoft die Beziehungen sehr lax. Nach Zahlung der Lizenzgebühr ist der Fall für die Redmonder erledigt. Das hat zu einer ganzen Reihe von Windows-Mobile-Geräten führt, die eine mangelhafte Leistung zeigen.
Mit umfangreichem Skinning, wie man es von Windows Mobile kennt, soll künftig Schluss sein. Zwar können Anwender und Netzbetreiber Anpassungen vornehmen und beispielsweise die Live Tiles beeinflussen. Die Windows-Phone-GUI soll jedoch nicht mehr unter der HTC-Sense-Oberfläche oder ähnlichen Lösungen verschwinden.
Windows Phone verwendet als Basis weiterhin Windows CE, das mittlerweile Windows Embedded Compact heißt. Microsoft will bislang aber nicht verraten, um welche Version es sich handelt. Wahrscheinlich ist eine Weiterentwicklung von 6.0.
Die ersten Smartphones mit Windows Phone 7 sollen zum Weihnachtsgeschäft in den Handel kommen. Offen ist, ob das September, Oktober oder November bedeutet.
Journalisten, die das neue OS bei Microsoft zumindest kurz ausprobieren konnten, berichten, dass es sich bei der aktuellen Version noch um eine Alpha handelt. Immer wieder kommt es zu Hängern und schwarzen Bildschirmen. Wie es aussieht, benötigt das OS deutlich mehr als nur etwas Feinschliff. Viele Bereiche, beispielsweise die Einstellungen, waren überhaupt nicht zu sehen. Man darf gespannt sein, ob Microsoft den angekündigten Termin halten kann.
Hardwarepartner sind Dell, Garmin-Asus, HTC, HP, LG, Samsung, Sony Ericsson und Toshiba - wobei bislang nicht klar ist, wer wann welches Gerät vorstellt. Qualcomm spielt bei den Referenzdesigns eine wichtige Rolle. Interessanterweise fand nVidia keine Erwähnung. Deren System on a Chip Tegra[8] sorgt für die gute Performance des Zune HD und könnte auch für die neuen Windows Phones eine passende Lösung darstellen.
Smartphones mit Windows Phone 7 sollen bei AT&T, Deutsche Telekom, Orange, SFR, Sprint, Telecom Italia, Telefónica, Telstra, T-Mobile USA, Verizon Wireless und Vodafone zu haben sein.Apple hat mit dem Anfang 2007 vorgestellen iPhone die Grundlagen moderner Smartphones definiert: Großer Touchscreen, Multitouch, schickes Design, Gestensteuerung sowie einfache Bedienung und Softwarebestückung per App Store sind die Eckpunkte. Mit Windows Phone 7 bewegt sich Microsoft in diesem Koordinatensystem und ist damit nach Android der zweite Nachzügler.
Den Demos und ersten Erfahrungen mit Geräten zufolge verfolgen die Redmonder aber ein eigenständiges Konzept, das im Vergleich zu iPhone zu Android neue Akzente setzt. Den vielfach geforderten Neuanfang hat Microsoft tatsächlich gewagt. Ob das neue OS tatsächlich besser ist, müssen Tests des fertigen Produkts zeigen. Und davon ist Windows Phone offenbar noch ein ganzes Stück entfernt. Dazu kommt, dass sich die Konkurrenz mit großen Schritten weiterentwickelt.
Windows Mobile ist ist mit der Vorstellung von Windows Phone 7 Series praktisch Geschichte - was für Microsoft einige Probleme mit sich bringt. Denn wer setzt jetzt noch auf eine Plattform, die in zehn Monaten abgelöst wird. Dem Verkauf der aktuellen Geräte dürfte das nicht zuträglich sein, zumal unklar ist, ob und für welche Geräte es ein Upgrade geben wird. Weitere Marktanteilsverluste sind also vorprogrammiert.
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