Infor: ein unterschätzter ERP-Anbieter

(http://www.zdnet.de/magazin/41527133/infor-ein-unterschaetzter-erp-anbieter.htm)

von Peter Marwan, 11. Februar 2010

Nachdem das Unternehmen durch zahlreiche Übernahmen groß geworden ist, positioniert sich Infor jetzt als dritte Kraft im weltweiten ERP-Markt: neben SAP und Oracle sowie vor den regional erfolgreichen Anbietern.

Auf den ersten Blick könnte man die Aussagen der Führungsriege des Softwareanbieters Infor[1] zum Auftakt einer Reihe von Kundenveranstaltungen in Europa etwa so zusammenfassen: Die gute Nachricht ist, dass es keine schlechte Nachricht gibt. Das ist nicht wirklich viel, in diesen Tagen aber schon mehr, als andere sagen können.

Auf den zweiten Blick ist dann aber doch noch ein bisschen mehr zu vermelden. Zuerst einmal die nackten Zahlen: Die in Privatbesitz befindliche Firma erwirtschaftete 2009 mit rund 8000 Mitarbeitern weltweit einen Umsatz von rund zwei Milliarden Dollar. Damit kommt das amerikanische Unternehmen gemessen am Umsatz in den meisten Marktübersichten auf den dritten Platz - hinter SAP und Oracle -, ist aber weitaus weniger bekannt, als einige umsatzschwächere Mitbewerber.


"Während beim Wettbewerb noch fleißig an Business by Design und Fusion Applications gebastelt wird, haben wir in einem vergleichbar kritischen Bereich das Entwicklungsstadium bereits hinter uns gelassen", sagt Infor-Deutschlandchef Wolfgang Kobek (Bild: ZDNet).

Das ärgert Deutschland-Chef Wolfgang Kobek sicher manchmal, denn er hat ein paar Zahlen parat: "Von den rund 1500 mittelständischen Unternehmen in Deutschland, die in ihrem Segment Weltmarktführer sind, den sogenannten "hidden champions", nutzen 500 Infor-Lösungen." Die Statistik soll Infors Anspruch unterstreichen, erfolgreich auf dem schmalen Grat zu wandeln, einerseits tatsächlich mittelstandstauglich zu sein, andererseits die Anforderungen weltweit agierender Unternehmen erfüllen zu können.

Ein zweiter Grund für die vergleichsweise geringe Bekanntheit von Infor ist sicherlich, dass das Unternehmen sich aus einer Reihe von übernommenen Anbietern zusammensetzt. Die waren jeweils in erster Linie in einer Region oder Branche bekannt. Die damit einhergehenden technologischen Schwierigkeiten sieht Kobek heute überwunden: "Während beim Wettbewerb noch fleißig an Business by Design und Fusion Applications gebastelt wird, haben wir in einem vergleichbar kritischen Bereich das Entwicklungsstadium bereits hinter uns gelassen."

Auch von Infor-CEO Jim Schaper[2] gabe es auf den Kundenveranstaltungen eine gehörige Portion Kollegenschelte: Die Softwarebranche habe in den vergangenen Jahren "einen furchtbar schlechten Job gemacht". Konkret rügte er Produktabkündigungen, die Kostenexplosion bei Projekten und hemmungslos überzogene Zeitbudgets für die Implementierung.

Seine Vorwürfe belegte er mit einer Studie der Panorama Consulting Group[3]. Demnach haben 93 Prozent aller ERP-Einführungen länger gedauert als gedacht, nur 35 Prozent haben das geplante Budget nicht gesprengt und lediglich bei 21 Prozent sind die Vorteile für den Kunden nachvollziehbar.


"Die Softwarebranche hat in den vergangenen Jahren einen furchtbar schlechten Job gemacht", sagt Infor-CEO Jim Schaper (Bild: ZDNet).

Die Gründe für das miserable Abschneiden sind laut Schaper, dass traditionelle ERP-Software proprietär, komplex und komplex konzipiert sowie für größtmögliches Volumen entworfen sei. Die Folge: Zwangsweise Upgrades und Migrationen, die Firmen nicht nur wieder Geld und Zeit kosten, sondern auch viel Arbeit machen. Damit kritisiert Schaper ähnliche Punkte wie sein Kollege Große-Kreul vom europäischen ERP-Anbieter Agresso[4]: Auch er hält die meiste ERP-Software nach der Anschaffung für zu wenig flexibel[5].

Nach so viel Kritik sind natürlich konstruktive Lösungsvorschläge gefragt. Laut Schaper kann Infor die auch unterbreiten: "Bei uns sind Updates und Migrationen in den Wartungsgebühren enthalten. Wir verdienen also nichts extra daran und haben daher auch kein Interesse, Kunden den Zeitpunkt aufzuzwingen. Darin unterscheiden wir uns von allen anderen großen ERP-Anbietern". Zusammenfassend beschreibt Schaper das mit den Worten "manage your business, not our software".Auch bei den anderen Ankündigungen stellt Infor Flexibilität in den Vordergrund. So will der Anbieter – entgegen seiner lange andauernden Skepsis gegenüber dem Thema – nun doch mit SaaS-Lösungen im Markt mitspielen. Dafür soll nun sogar eine eigene Geschäftseinheit gegründet werden, die im Juni die Arbeit aufnehmen wird. Die neue Business Unit soll bestehende Firmenteile zusammenfassen und mit neuem Personal verstärkt werden.

Zu den genauen Inhalten des SaaS-Angebots wollte sich Infor noch nicht äußern. Schaper meinte aber, es werde "den Bedarf der CFOs mittelständischer Unternehmen" abdecken. Ein komplettes ERP-Paket gehört da sicher nicht dazu, eher wohl die vergleichsweise neuen Performance- und Asset-Management-Werkzeuge von Infor.

Mit dem Slogan
Mit dem Slogan "Down with Big ERP" positioniert sich Infor zwar mit etwas Humor aber doch ganz klar als Alternative zu Oracle und SAP (Bild: ZDNet).

Im ersten Schritt sollen Kunden in den USA angesprochen werden. Über die Schwierigkeiten des SaaS-Marktes in Deutschland ist sich Infor im Klaren. Dennoch ist der Strategiewechsel bemerkenswert, da die Angebote früher oder später auch in Europa verfügbar sein werden. Und er zeigt, dass die Standardsoftwareunternehmen inzwischen um SaaS nicht mehr herumkommen. Auch wenn erst wenige Kunden kaufen, wollen offenbar viele zumindest künftig die Option dafür haben und drängen die Anbeiter, eine entsprechende Perspektive aufzuzeigen.

Ohnehin steht bei SaaS weniger die technische Faszination als die Notwendigkeit im Vordergrund, vorab zu zahlende Lizenz- und Implementierungskosten zu vermeiden sowie kalkulierbarere laufende Kosten zu erhalten. Diese Ziele verspricht Infor Firmen auch mit dem Angebot Infor Financing[6] erreichen zu können. Damit lassen sich neue Software-Lizenzen, begleitende Services und die Implementierung von Infor-Lösungen finanzieren. Die Zahlung lässt sich auf mehrere Jahre verteilen. Die Aktion ist zunächst bis Ende Mai befristet.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.infor.de/
[2] = http://www.infor.com/company/leadership/boardofdirectors/jimschaper
[3] = http://panorama-consulting.com/
[4] = http://www.agresso.de/
[5] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_erp_systeme_flexibilitaet_entscheidet_story-11000015-41003450-1.htm
[6] = http://sn.im/inforfinancing