Auf der Anwenderkonferenz "Lotusphere" hat IBMs Lotus-Sparte einen neuen General Manager und eine Vision für die künftige Integration ihrer Produkte präsentiert. Jetzt müssen den Ankündigungen Taten folgen.
Der neue Chef kam und übernahm sofort das Ruder. Nachdem der bisherige General Manager Bob Picciano die einleitenden Worte gesprochen hatte, führte sein Nachfolger Alistair Rennie durch die Eröffnungsveranstaltung der diesjährigen Lotusphere. Noch ist es nicht möglich zu sagen, welchen Stempel er der Lotus-Sparte[1] von IBM[1] aufdrücken wird. Doch die Wahl scheint gut getroffen, denn Rennie ist schon lange bei Lotus und hat dort bereits verschiedene Positionen durchlaufen.
Er selbst möchte - wenig überraschend - in den Mittelpunkt seiner Arbeit die Anwender und ihren Erfolg stellen. Und er möchte ihnen verdeutlichen, welch wichtige Rolle Collaboration-Technologien - also Werkzeuge für die Zusammenarbeit - im täglichen Geschäft spielen.

Alistair Rennie, der neue General Manager von IBMs Lotus-Sparte (Bild: Markus Strehlitz).
Ein Instrument soll dabei die sogenannte Collaboration-Agenda spielen. Dieses Konzept umfasst eine Reihe von Workshops, in denen IBM Unternehmen eigene Experten, Best Practises und Werkzeuge anbietet, um deren Geschäft mithilfe von Collaboration-Lösungen voranzubringen. Die Initiative fokussiert sich zunächst auf das Gesundheitswesen, Banken, Versicherungen sowie die öffentliche Verwaltung in Nordamerika, Großbritannien und Deutschland.
Darüber hinaus bleibt die Ankündigung jedoch noch ziemlich vage - ebenso wie das Projekt "Vulcan", das ebenfalls auf der Anwenderkonferenz in Orlando vorgestellt wurde. Laut Rennie ist Vulcan die Roadmap, an der sich in den kommenden Jahren sämtliche IBM-Produkte orientieren sollen. Das Ziel: Anwender sollen über alle Produkte und Endgeräte hinweg auf einer Oberfläche die Funktionen und Informationen erhalten, die sie ihre Arbeit benötigen.
Im Kern geht es bei "Vulcan" darum, die Vielzahl von Werkzeugen aus dem IBM-Portfolio stärker miteinander zu integrieren. Insofern sorgt Vulcan nach Darstellung von IBM für die Konvergenz von Cloud- und lokal installierten Systemen, von Collaboration-Funktionen, Geschäftsanwendungen und sozialen Netzen, sowie von Desktops, Netbooks und mobilen Geräten.
Die entscheidende Rolle kommt dabei der sogenannten Social-Analytics-Technologie zu. Mit ihrer Hilfe erkennt das System, welche Informationen oder Ansprechpartner der Endanwender innerhalb eines bestimmten Kontextes benötigt und schlägt ihm diese vor. Unabhängig davon, ob diese Informationen in Geschäftsanwendungen, internen oder externen Netzwerken liegen. IBM bringt dabei unter anderem seine Erfahrung mit Data Mining und semantischen Technologien ein.
Nach Meinung von Gartner[1]-Analyst Tom Austin hat Vulcan das Zeug dazu, die Art und Weise, wie Menschen arbeiten, fundamental zu verändern: "Der Desktop ist nicht mehr nur ein passives Werkzeug und wird selbst aktiv."
Bisher jedoch ist Vulcan lediglich eine Vision von IBM. Auf der Lotusphere selbst gab es "keine einzige Session zu Vulcan", wie Austin zu Bedenken gibt. Insofern müssen die Verantwortlichen bei Big Blue in den kommenden Jahren erst noch zeigen, dass das Konzept mehr als eine Marketing-Blase ist.
Zudem besteht die Gefahr, dass IBM mit dem Projekt die eigene Anwenderbasis verschreckt - ähnlich wie vor einigen Jahren mit dem Workplace-Konzept, das dem hauseigenen Produkt Notes Konkurrenz machte. Lotus-Chef Rennie weist daher besonders darauf hin, dass es sich bei Vulcan um ein evolutionäres Konzept handelt und nicht um eine Revolution.
In der zweiten Jahreshälfte will IBM für Vulcan eine Entwicklungsumgebung zu Verfügung stellen. Als Plattform dient Lotus Live Labs. Das ist ein neues Angebot innerhalb des Cloud-Portfolios von Lotus. Über Lotus Live Labs sollen Administratoren künftig die Möglichkeit haben, Technologien für ihr Unternehmen zu testen, die quasi direkt aus den IBM-Labors kommen. "Wir wollen interessante Entwicklungen unserer Forschungsteams schnell zur praktischen Nutzung bringen", sagt Sean Poulley, Vice President für Online Collaboration Services bei IBM.
Eine der ersten Anwendungen, die über Live Labs angeboten wird, ist die Möglichkeit, Audio- und Videokonferenzen aufzuzeichnen und diese zu transkribieren. Aufgrund der Transkriptionen ist es dann im Nachhinein möglich, nach bestimmten Stellen in den Aufzeichnungen zu suchen und diese abzuspielen.
Neuerungen gibt es auch beim Cloud-Service Lotus Live Notes. Das erweiterte Angebot umfasst Funktionen für E-Mail, Kalender, Kontaktmanagement und Instant Messaging. Die kommende Version soll laut Anbieter noch besser auf die Unterstützung von hybriden Umgebungen aus Cloud- und lokal installierten Systemen ausgerichtet sein. Vor allem für kleinere Unternehmen eine gute Nachricht: IBM senkt die Mindestzahl der Nutzer für Live Notes von 1000 auf 25.
Durch Kooperation mit Partnern fügt IBM seinem Cloud-Angebot weitere Funktionen hinzu - etwa die Möglichkeit, elektronische Signaturen zu erstellen. Die Weiterentwicklungen von Lotus Live finden die Zustimmung der Analysten. Laut Gartner-Experte Austin bewegt sich der Anbieter damit nun auf Augenhöhe mit der Konkurrenz. Seit der Einführung vor zwei Jahren - noch unter dem Namen Bluehouse – habe es diesbezüglich einigen Nachholbedarf gegeben.
Nachgebessert hat IBM auch bei der Arbeit mit mobilen Betriebssystemen. So wird der Notes Traveler, der E-Mails, Kalender und Kontakte von Notes/Domino auf dem Handy bereitstellt, im Laufe der ersten Jahreshälfte auch für Android-Plattformen - sowohl Version 2.0 als auch 2.1 - verfügbar sein. Das Nexus One von Google[1] wird als erstes Gerät unterstützt. Außerdem können Notes-Anwender, die ein iPhone nutzen, künftig auch verschlüsselte E-Mails auf ihrem Mobilgerät lesen.
Bessere Anbindung mobiler Geräte
Desweiteren baut IBM seine Kooperation mit dem Blackberry-Hersteller RIM aus. Eine Integration mit Quickr[1] und Connections[1] erlaubt nun auch über den Blackberry einen Zugriff auf die Social-Software-Systeme von Lotus. Ebenso haben Nutzer eines Symbian-Smartphones Zugang zu Quickr und Connections. Diese Möglichkeiten werden eine wachsende Zahl von Anwendern interessieren. Laut IBM ist die Nutzerzahl hauseigener Social Software im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2009 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 34 Prozent gestiegen.
Auf der Lotusphere gab der IT-Anbieter schon mal einen Ausblick auf die kommenden Versionen von Lotus Quickr und Lotus Connections. Conncetions wird bereits einen Vorgeschmack auf die Möglichkeiten geben, die das Projekt Vulcan bieten soll. Denn die Web-2.0-Plattform soll laut Hersteller in der kommenden Version Funktionen für Social Analytics bereitstellen und somit dem Nutzer Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes vorschlagen. Ebenfalls geplant sind die Integration von Compliance- und Auditing-Funktionen.
Gegengewicht zu SharePoint
Für Lotus Quickr versprechen die IBM-Verantwortlichen eine verbesserte Nutzbarkeit der Dokumentenplattform. So sei etwa die Versionskontrolle für Dokumente vereinfacht worden. Besonders interessant dürfte für manch ein Unternehmen aber die Verknüpfung[1] von Quickr mit dem quelloffenen Content-Management-System von Alfresco[1] sein. Die Integration[1] wird über die Spezifikation CMIS[1] erfolgen, die von den Anbietern als der kommende Content-Management-Standard propagiert wird.
Somit könnte Quickr künftig auch für Unternehmen attraktiv werden, die mit vielen verschiedenen Content-Systemen arbeiten und nach einer Plattform für die Austausch von Dokumenten suchen, die mit diesen integrierbar ist. Die neue Version von Connections wird laut IBM in der zweiten Jahreshälfte auf den Markt kommen, die kommende Variante von Quickr bereits in der ersten.
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