Hat Microsoft seinen Zenit überschritten?

(http://www.zdnet.de/magazin/41524692/hat-microsoft-seinen-zenit-ueberschritten.htm)

von Rudi Kulzer, 22. Dezember 2009

Der 1975 von Bill Gates und Paul Allen gegründete Softwarekonzern ist in die Jahre gekommen. Früher kämpfte Microsoft gegen Kartellvorwürfe, heute muss es zusehen, dass es in einer sich wandelnden Welt nicht an Bedeutung verliert.

Es war ein Schock für die IT-Branche, als Microsoft im Januar 2009 die Zahlen des zweiten Quartals seines Geschäftsjahres bekannt gab[1]. Zum ersten Mal in der 34-jährigen Geschichte des mächtigen Softwarehauses waren die Zahlen so schlecht, dass es gezwungen war, die Entlassung von bis zu 5000 Mitarbeiter anzukündigen. Im gesamten Fiskaljahr sah es auch nicht besser aus[2]: Erstmals nach 23 Jahren schloss Microsoft ein Geschäftsjahr wieder mit einem Umsatzrückgang ab.

Schnelle Maßnahmen nach schlechten Zahlen sind in den USA üblich, gilt es doch, den Analysten an der Wall Street sofort zu signalisieren, dass man handle und die Situation im Griff habe. Dass sich jedoch der Softwaregigant zu einem derartigen Schritt gezwungen sieht, war bis dahin undenkbar. Erschwerend kommt hinzu, dass vergleichbare IT-Unternehmen wie IBM und Apple, ja sogar die etwas angeschlagenen Häuser Yahoo und Ebay sich in der Krise deutlich besser behauptet haben.

Die Ergebnisse der anderen Branchengrößen machen klar, dass Microsoft seine schlechte Bilanz nicht mit der Finanz- und Wirtschaftskrise erklären kann. Die Probleme sind unübersehbar hausgemacht. Die konjunkturellen Rahmenbedingungen können höchsten als Faktor gewertet werden, der erschwerend hinzukam und sie ans Licht gebracht hat. Wo hakt es beim ehemaligen Musterunternehmen der IT?

Der Hauptgrund für die Misere in Redmond war wohl das Betriebssystem. Trotz fünfjähriger Entwicklungszeit hatte Microsoft es geschafft, mit Windows Vista einen schweren Flop hinzulegen. Das trotz netter Features für den Verbraucher in seinen strukturellen Grundzügen schlecht entwickelte Betriebssystem war vom Start im Jahr 2007 weg ein Rohrkrepierer[3]. Microsoft wollte das lange nicht sehen und versuchte, mit vollmundigen Marketingversprechen darüber hinwegzutäuschen. Der Streit mit Analysten[4] um Details der Zahlen zur Marktdurchdringung machte das Ganze nicht besser, sondern verschlimmerte in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit das Debakel noch, ebenso wie die Erfolge von Apple[5] auf dem Desktop-Markt in den USA.

"Unerträglich langsam und schwere Mängel bei den Gerätetreibern" - so das Urteil der Branche. Dies führte dazu, dass die IT-Entscheider in den Unternehmen sich fast geschlossen weigerten, Vista einzusetzen. Das war eine schwere Niederlage für das Softwarehaus, das bis dahin seinen Kunden die Migrationszyklen auf neue Betriebssysteme fast nach Belieben vorschreiben konnte. Und da auf neun von zehn weltweit eingesetzten PCs das Betriebssystem Windows läuft, ging mit dem wirtschaftlichen Schaden durch Ausfälle eigentlich schon als sicher geglaubter Einnahmen auch ein erheblicher Imageverlust einher. Solche Flops kann sich ein Unternehmen mit dieser Bedeutung für die Wirtschaft nicht oft leisten.

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Microsoft Office 2010: Screenshots der neuesten Vorabversion[6]

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Mittlerweile hat sich die Situation deutlich gebessert. Mit dem Marktstart des Vista-Nachfolgers "Windows 7[7]" konnte Microsoft die Scharte[8] wieder auswetzen[9]. Bei dem in nur drei Jahren entwickelten neuen Betriebssystem wurden die Fehler der jüngeren Vergangenheit vermieden. Es ist deutlich entschlackt, haben es doch die Bosse und ihre Entwicklertruppe in Redmond endlich gelernt, sich auf die für den Einsatz im Alltag wichtigen Elemente zu konzentrieren.

Bis dahin wurden immer neue Funktionen in das Betriebssystem gepackt, um Softwarekonkurrenten vom Markt zu verdrängen. Windows 7 ist nun deutlich leichter und schneller als Vista und wird – so wie es derzeit aussieht - von den Entscheidern angenommen.

Auch bei der Serversoftware hat Microsoft mit Windows Server 2008 Service Pack 2 und der Groupware- und Dokumentmanagementsoftware SharePoint[10] wichtige Produkte im Angebote, die gut angenommen werden. Zusammen mit dem neuen Windows 7 scheint hier zumindest für die nächsten 18 Monate ein guter Umsatzzuwachs gesichert zu sein, da viel Unternehmen nachrüsten müssen.

In dem - in unterschiedlichen Abstufungen und auf mehreren Schauplätzen - seit einem Jahrzehnt währenden Streit zwischen der EU-Kommission und Microsoft sind die Fronten geklärt[11], das Verfahren soll nun eingestellt werden. Brüssel hat zwar auch diesmal gewonnen, doch entgeht das Unternehmen vermutlich einer weiteren Kartellstrafe - frühere Strafgelder aus Brüssel gegen Microsoft summierten sich auf rund 1,7 Milliarden Euro. Microsoft verpflichtet sich ab kommenden März dazu, den Nutzern seiner Betriebssysteme alternative Browser anzubieten[12].

Die Position des einst das WWW nahezu unumschränkt beherrschenden Microsoft-Browsers ist jedoch nachhaltig erschüttert[13]. Firefox hat ihn im November erstmals als meistgenutzter Browser in Deutschland abgelöst. Der Marktanteil des Mozilla-Browsers liegt bei 45,6 Prozent, der IE kommt auf 44,4 Prozent. Weltweit ist das Kräfteverhältnis zwar noch umgekehrt, aber die frühere dominante Position definitiv verloren.

Nächste Baustellen für Microsoft ist die Arbeit an der Zukunft seines zweiten Flaggschiffangebots, dem Büropaket Office[14]. Mit der Version 2010, die im kommenden Jahr ihren Stapellauf erleben soll, müssen neue Zeichen gesetzt werden. Daher soll Office künftig nicht nur im "Kartonpaket", sondern auch als Mietservice aus der Internetwolke angeboten werden. Office 2010 und Microsofts Cloud "Azure[15]" werden wohl die beherrschenden Themen des Microsoft-Standes auf der CeBIT im März sein - auf der sich übrigens die Microsoft-Gegner prominent in Halle 2[16] in einem Open-Source-Forum und erstmals in einem "OS X Business-Park" zusammenfinden. Auch das ein Zeichen für die wackliger gewordene Position Microsofts.

Einer W3B-Umfrage zufolge kommt Firefox hierzulande auf 45,6 Prozent Marktanteil. Auf die verschiedenen Versionen des Internet Explorer entfallen insgesamt 44,4 Prozent (Bild: Fittkau & Maaß).
Einer W3B-Umfrage zufolge kommt Firefox hierzulande auf 45,6 Prozent Marktanteil. Auf die verschiedenen Versionen des Internet Explorer entfallen insgesamt 44,4 Prozent (Bild: Fittkau & Maaß).
Mit der gesamten Palette an Angeboten steht Microsoft bei den Analysten in den USA allerdings weiter stark in der Kritik. Zu viele Baustellen, lautet zusammengefasst der Vorwurf. Während die Konkurrenten Google und Apple punkten, rennt der auf dem Desktop so mächtige Quasi-Monopolist[17] Microsoft auf wichtigen Feldern hinterher.

Geht es um Kommunikation im Internet oder Mobilfunk[18], spielt Redmond nur eine untergeordnete Rolle. "Microsoft verschwindet langsam aus dem Bewusstsein", so Marketingguru Regis McKenna[19], der einst Apple aus der Wiege hob.

Der Softwareriese ist auf den am zukunftsträchtigsten erscheinenden Wettbewerbsfeldern mächtig unter Druck geraten. So ist Google es mit seiner Suchmaschine gelungen, ein lukratives Werbesystem im Internet aufzubauen, das viel Geld einspielen kann. Microsoft kann nur das Suchabkommen[20] mit Yahoo und erste Teilerfolge seit dem Start der Suchmaschine Bing im Mai vorweisen. Dabei geht es weniger um die Qualität der Suche im Detail als vielmehr um die Verknüpfung mit einer Reihe von Diensten.

Apple-Chef Steve Jobs konnte mit dem heute schon legendären smarten Handy iPhone, gerade im so beliebten Lifestyle-Umfeld, unübersehbare Zeichen setzten. Aber wo bleiben die Zeichen von Microsoft?

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_microsoft_meldet_gewinnrueckgang_und_streicht_5000_stellen_story-39001020-39201544-1.htm
[2] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_microsofts_umsatz_und_gewinn_brechen_im_vierten_fiskalquartal_ein_story-39001020-41500533-1.htm
[3] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_fuenf_gruende_fuer_das_scheitern_von_vista_story-11000006-39197363-1.htm
[4] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_neuer_streit_um_den_erfolg_von_vista_story-11000006-39194066-1.htm
[5] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_knapp_die_haelfte_der_umsaetze_am_us_desktop_markt_geht_an_apple_story-39001020-41523533-1.htm
[6] = http://www.zdnet.de/galerie/41500041/microsoft-office-2010-screenshots-der-neuesten-vorabversion.htm#sid=41524692
[7] = http://www.zdnet.de/artikel_zum_thema_windows_7_thema-39002356-39001236o0o0-1.htm
[8] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_windows_7_verkaufszahlen_uebertreffen_die_von_vista_um_234_prozent_story-39001022-41522407-1.htm
[9] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_steve_ballmer__windows_7_verkauft_sich_besser_als_jedes_andere_os_story-39001022-41523186-1.htm
[10] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_sharepoint_2010_microsofts_neue_wunderwaffe_story-11000015-41516250-1.htm
[11] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_eu_einigt_sich_im_browserstreit_mit_microsoft_story-39001022-41524589-1.htm
[12] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_bericht_eu_plant_aenderungen_an_microsofts_browser_auswahlbox_story-39001022-41523933-1.htm
[13] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_umfrage_firefox_ist_deutschlands_beliebtester_browser_story-39001022-41523779-1.htm
[14] = http://www.zdnet.de/software_programme_loesungen_fuer_unternehmen_pdc_2009_microsoft_will_den_anschluss_nicht_verlieren_story-20000001-41523028-4.htm
[15] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_pdc_microsoft_startet_regelbetrieb_von_windows_azure_story-39002364-41522980-1.htm
[16] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_cebit_stellt_detaillierten_hallenplan_fuer_2010_vor_story-39001020-41524492-1.htm
[17] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_windows_7_gewinnt_marktanteile_von_xp_und_vista_story-39001022-41523805-1.htm
[18] = http://www.zdnet.de/mobiles_arbeiten_blog_windows_mobile_schafft_microsoft_das_comeback_story-39002399-41502242-1.htm
[19] = http://www.regis.com/
[20] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_microsoft_und_yahoo_unterzeichnen_suchabkommen_story-39001020-41524031-1.htm