Durch Desktop-Virtualisierung Kosten und Aufwand senken

(http://www.zdnet.de/magazin/41523942/durch-desktop-virtualisierung-kosten-und-aufwand-senken.htm)

von Jakob Jung und Peter Marwan, 7. Dezember 2009

Vor allem Citrix und VMware bemühen sich derzeit, das Einsatzspektrum für Desktop-Virtualisierung zu erweitern. Bisher vorhandene Einschränkungen - etwa bei Multimedia - verschwinden, die Verwaltung wird einfacher.

Alle vier Komponenten einer IT-Infrastruktur - also Desktop, Server, Netzwerk und Storage - zu virtualisieren, wird zusehends zum Trend. Bei Servern ist die Integration dieser Technik am weitesten fortgeschritten, bei Netzwerk und Storage fängt sie an, und die nächste Welle an Projekten ist bei der Virtualisierung von Desktops zu erwarten.

Das besagt auch eine Umfrage der Unternehmensberatung Centracon[1] unter mehr als 300 Mittelstands- und Großunternehmen. Demnach hat die Akzeptanz der Client-Virtualisierung in Deutschland innerhalb eines Jahres deutlich zugenommen. Die Firmen sehen sie zum großen Teil als konsequente Fortsetzung ihrer Strategien zur IT-Konsolidierung und versprechen sich davon eine höhere Flexibilität und einfacheres Desktop-Management. Zumindest in naher Zukunft, denn aktuell sind mobile Rechner noch das bevorzugte Einsatzgebiet für die Client-Virtualisierung.


"Wir setzen derzeit viele Projekte zur Desktop-Virtualisierung bei Banken um", sagt Oliver Tuszik, CEO und Vorstandsvorsitzender von Computacenter (Bild: Computacenter).

Laut der Umfrage erwartet fast die Hälfte der Firmen, dass Client-Virtualisierung ihnen hilft, die IT-Verhältnisse effizienter und wirtschaftlicher zu gestalten. Vor einem Jahr waren dies erst 34 Prozent. Der Kreis der Unternehmen, die skeptisch sind, ist von 27 auf 21 Prozent gesunken. 44 Prozent der Unternehmen würden mit Projekten zur Client-Virtualisierung bei mobilen Geräten ansetzen, 37 Prozent bei stationären Desktops. Der Anteil der Unternehmen, die kein Interesse an der Virtualisierung auf Desktop-Ebene haben, hat sich binnen Jahresfrist von 14 auf 8 Prozent reduziert. Stärkstes Motiv für die Client-Virtualisierung ist bei den von Centracon Befragten der Gewinn an Flexibilität. Bei einer vergleichbaren Erhebung vor zwei Jahren hatte noch das einfachere Desktop-Management die Rangliste der Vorteile angeführt, das aber für fast zwei Drittel immer noch mit ausschlaggebend ist. Drei von fünf Firmen hoffen zudem, Kostenersparnisse zu erzielen. Für etwas weniger als die Hälfte der Befragten ist höhere Sicherheit ein wichtiger Aspekt.

Nach Einschätzung des Centracon-Geschäftsführers Robert Gerhards wird die Technologie in der Praxis aber immer noch unter ihren Möglichkeiten bewertet. Der Grund dafür liege hauptsächlich darin, dass Virtualisierungstechnologien noch zu wenig aus der Perspektive der Business-Anforderungen betrachtet würden und eher als Problemlöser dienten. Notwendig sei aber ein breiterer Blickwinkel mit konsequenter Integration in die Gesamtorganisation. "Dann treten plötzlich Nutzenaspekte der Client-Virtualisierung zutage, die bei einem rein technologischen Fokus gar nicht erkennbar sind."

Eine Zunahme des Interesses an Desktop-Virtualisierung sieht auch Falk Tettner, Executive Director des IT-Dienstleisters Cema AG [2]: "Allein auf der ansonsten enttäuschenden Discuss & Discover haben wir an einem Tag vier Kundengespräche zum Thema Desktop-Virtualisierung geführt."

Aktuell arbeitet Cema vor allem in den Branchen Behörden, Banken und Kliniken an Desktop-Virtualisierungsprojekten. Oliver Tuszik, CEO und Vorstandsvorsitzender von Computacenter[3], hat ähnliche Erfahrungen gemacht: "Gerade in Banken haben wir in letzter Zeit erfolgreiche Desktop-Virtualisierungsprojekte ausgerollt."

"In EMEA gibt es aktuell schon mehr Desktop- als Server-Virtualisierungsprojekte", sagt Jürgen Dick, Desktop-Experte bei VMware[4]. "In Deutschland erfolgt ungefähr jede vierte Order im Desktopbereich." Ein großes Problem sieht Tuszik aber nach wie vor. Das ist aber weniger technischer als vielmehr organisatorischer Natur: Der Manager rügt die unflexible Lizenzpolitik von Microsoft und anderen großen Software-Firmen: "Es müsste möglich sein, beispielsweise 1000 Lizenzen an einem Tag und zehn an einem anderen zu nutzen. Aber so weit sind wir noch nicht."

Für die Anwender sind laut einer Umfrage des Beratungshauses Centracon mehr Flexibilität, die einfachere Verwaltung der Clients und Kostenersparnisse 2009 die wichtigsten Beweggründe, sich mit Desktop-Virtualisierung zu beschäftigen (Grafik: Centracon)
Für die Anwender sind laut einer Umfrage des Beratungshauses Centracon mehr Flexibilität, die einfachere Verwaltung der Clients und Kostenersparnisse 2009 die wichtigsten Beweggründe, sich mit Desktop-Virtualisierung zu beschäftigen (Grafik: Centracon)

Im Rahmen von Desktop-Projekten empfiehlt VMware, Thin-Clients oder sogenannte Zero-Client-Hardware einzusetzen: "In der Realität überwiegen aber immer noch PCs. Für deutsche Unternehmen sind Abschreibungsfristen entscheidend", sagt Dick. Für Unternehmen, die sich für Desktop-Virtualisierung interessieren, sei es ratsam, diese gleichzeitig mit einer Windows-7-Migration anzugehen, da so zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden könnten und echte Kostenvorteile zu erzielen seien.

Die meistgenutzte Software zur Desktop-Virtualisierung stammt von VMware. Der Anbieter hat Mitte November mit "View 4[5]" ein Produkt vorgestellt, das vereinfachtes Desktop-Provisioning und Desktop-Management sowie höhere Flexibilität bietet. Die Desktop-Umgebung ermöglicht auch "PC over IP" ( PCoIP[6]): Das Display-Protokoll der Firma PCoIP[7] erkennt dynamisch Endgeräte, Netzwerkkomponenten und Speicherstellen.

Zahlreiche Anbieter von Hard- und Software- haben dieser Ankündigung auch Taten folgen lassen. Zusammen mit der PCoIP-Software verkaufen beispielsweise Dell die Rack-Workstation Precision R5400 zusammen mit dem Zugriffsgerät FX100[8], IBM das BladeCenter HC10[9] sowie das CP20 Workstation Connection Device[10] und Fujitsu seine Celsius Remote Access Solution[11]. Von Wyse gibt es den P20 Zero Client[12] mit der PCoIP-Technologie und von Samsung mehrere Thin-Client-Monitore[13].

VMware View Display erlaubt die Darstellung auf mehreren Monitoren, die optimale Auflösung für jeden Bildschirm und die Möglichkeit, die Display-Ausgabe zu drehen und zu schwenken. Außerdem bietet VMware View Display Unterstützung von Rich Audio und Video.

Drucken ist laut VMware ohne vorherige Installation von Druckertreibern möglich – und das gelte auch bei Verbindungen mit geringer Bandbreite. Und schließlich reicht nun ein Authentifizierungsvorgang für VMware-View-Umgebungen, Windows Terminal Server, Blade PCs oder sogar entfernte physikalische PCs.

Client-Virtualisierung wird laut der Centracon-Umfrage von IT-Verantwortlichen nach wie vor hauptsächlich für mobile Rechner geplant. Aber stationäre Desktops rücken immer mehr ins Blickfeld (Grafik: Centracon).
Client-Virtualisierung wird laut der Centracon-Umfrage von IT-Verantwortlichen nach wie vor hauptsächlich für mobile Rechner geplant. Aber stationäre Desktops rücken immer mehr ins Blickfeld (Grafik: Centracon).
Auch Citrix hat erst kürzlich die aktuellste Version seiner Desktop-Virtualisierungslösung XenDesktop[14] vorgestellt. Laut Daniel Liebisch, Business Development Manager Central Europe bei Citrix, wurde unter anderem die Unterstützung für CAD/CAM- und Videodateien stark verbessert: "An vielen CAD/CAM-Arbeitsplätzen werden derzeit physische Blade-PCs verwendet. Das ist sehr teuer, und eine Desktop-Virtualisierung bietet echte Kostenvorteile."

Vor allem die in der Auto- und Luftfahrtindustrie oft eingesetzt Software "CATIA" von Dassault Systèmes kann mit XenDesktop 4 jetzt ohne Funktionseinschränkungen virtualisiert werden: "Bei dieser Art von Dateien sind die Erwartungen an die Interaktivität und die Dateigrößen sehr hoch. Sie konnten wir früher nicht erfüllen, jetzt aber sehr wohl", sagt Liebisch.


"Desktop-Virtualisierung bietet jetzt auch bei CAD/CAM-Arbeitsplätzen echte Kostenvorteile", sagt Daniel Liebisch, Business Development Manager Central Europe bei Citrix (Bild: Citrix).

Das Dilemma bei den Zulieferern, die diese Software einsetzen, ist es, dass die Daten extrem wertvolles geistiges Eigentum darstellen, das geschützt werden soll, gleichzeitig aber die Konsistenz der Konstruktionskette aufrechterhalten werden muss. Eine ähnliche Problemstellung, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, gibt es bei der Software-Entwicklung, wo mittlerweile typischerweise Entwicklungsteams aus der ganzen Welt zusammenarbeiten.

Virtualisierte Desktops bieten in solchen Fällen mehr Flexibilität und Kompatibilität. Desktops lassen sich als On-Demand-Service auf jedem beliebigem Gerät bereitstellen. Das Einbinden neuer Mitarbeiter nimmt so nur noch wenige Minuten in Anspruch.

Außerdem ist die Verwaltung virtualisierter Arbeitsplätze einfacher geworden. Citrix setzt dabei auf seine langjährige enge Kooperation mit Microsoft und nutzt das Microsoft System Center sowie die Neuerungen des Windows Server 2008 R2: Remote Desktop Services, Hyper-V und Microsoft VDI Suites[15]. Daneben hat Citrix auch die Kompatibilität zu VMware verbessert.

Anwenderunternehmen sehen Client-Virtualisierung ganz klar als konsequente Fortetzung ihrer Konsolidierungsbemühungen der vergangenen Jahre (Grafik: Centracon).
Anwenderunternehmen sehen Client-Virtualisierung ganz klar als konsequente Fortetzung ihrer Konsolidierungsbemühungen der vergangenen Jahre (Grafik: Centracon).

Neben den beiden Großen haben auch kleinere Anbieter ihre Angebote für Desktop-Virtualisierung überarbeitet. Dazu zählt etwa das Dortmunder Softwarehaus Materna[16] mit DX-Union[17]: Mit der neuen Version können Unternehmen jetzt beispielsweise die Migration auf Windows 7 auf Knopfdruck durchführen.

Neu ist auch die Integration von Applikations-Virtualisierung. DX-Union automatisiert den Lebenszyklus einer virtuellen Maschine - von der Bereitstellung bis zur Stilllegung. Darüber hinaus lassen sich jetzt sowohl virtuelle als auch physische Desktops unter einer einheitlichen Management-Konsole administrieren.

Das Konzept von Materna basiert auf den Virtualisierungstechnologien von Citrix und VMware, nutzt aber das hauseigene Produkt DX-Union als Managementoberfläche. Das hat den Vorteil, dass die Komplexität der verschiedenen Technologien reduziert wird und sie für Administratoren einfacher zu handhaben sind. Administratoren können beispielsweise auf Knopfdruck einen neuen Mitarbeiter hinzufügen.

Red Hats Angebot zur Desktopvirtualisierung[18] steht zwar im Vergleich zu den Mitbewerbern noch am Anfang, spielt aber eine immer wichtigere Rolle in der Strategie des Open-Source-Spezialisten. Es setzt sich aus vier Komponenten zusammen: einem Hypervisor auf Basis des Red Hat-Enterprise-Linux-Kernels, der Verwaltungskonsole Virtualization Manager, dem Connection Broker, über den sich Anwender bei ihren virtuellen Desktops anmelden, und dem Protokoll SPICE (Simple Protocol for Independent Computing Environments.

Letzteres soll - in etwas abgewandelter Form - die Aufgaben übernehmen, für die bei VMware "PCoverIP" zuständig ist. Es unterscheidet sich von anderen Protokollen, etwa RDP und ICA, laut Red Hat dadurch, dass es von Anfang an auf die Unterstützung von Multimedia-Desktop-Funktionen ausgelegt ist - eine bekannte Schwachstelle der älteren Übermittlungstechnologien. SPCIE ermittelt beispielsweise für die Verarbeitung von Grafiken jeweils den am besten geeigneten Ort, um so die Systemlast zu minimieren.

Ist der Client (etwa ein PC) leistungsstark genug, erhält er die Grafikbefehle und verarbeitet sie, damit die Last auf dem Server reduziert wird. Kann der Client das nicht leisten (etwa ein Thin Client), veranlasst SPICE die Grafikverarbeitung auf Host-Ebene. Es werden dann lediglich Bildschirminhalte übertragen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.centracon.com/
[2] = http://www.cema.de/
[3] = http://www.computacenter.de/
[4] = http://www.vmware.com/de/
[5] = http://www.vmware.com/de/products/view/
[6] = http://www.teradici.com/pcoip/pcoip-technology.php
[7] = http://www.teradici.com/
[8] = http://www.desktop-virtualisierung.info/dell.html
[9] = http://www-03.ibm.com/systems/bladecenter/hardware/workstation/hc10/index.html
[10] = http://www-03.ibm.com/systems/bladecenter/hardware/workstation/cp20/
[11] = http://ts.fujitsu.com/products/deskbound/workstations/remote_access.html
[12] = http://www.wyse.com/products/hardware/zeroclients/P20/index.asp
[13] = http://www.desktop-virtualisierung.info/samsung-thin-client.html
[14] = http://www.citrix.de/produkte/schnellsuche/xendesktop/
[15] = http://www.microsoft.com/virtualization/en/us/products-desktop.aspx
[16] = http://www.materna.de/
[17] = http://www.materna.de/site_DE/DE/Pages/Loesungen/BUI/ITM/Virtualisierung/Virtualisierung_n.html
[18] = http://www.de.redhat.com/virtualization/rhev/desktop/components/