Olympia 2012: das sportlichste IT-Projekt der Welt

(http://www.zdnet.de/magazin/41523551/olympia-2012-das-sportlichste-it-projekt-der-welt.htm)

von Peter Marwan, 27. November 2009

Gerry Pennell ist CIO von Olympia 2012 in London, Michèle Hyron Chief Integrator beim IOC-Partner Atos Origin. Gemeinsam sollen sie für eine reibungslos laufende IT bei den Wettkämpfen sorgen. Mit ZDNet sprachen sie darüber, wie sie das schaffen wollen.

Auf den meisten offiziellen Fotos sieht sie etwas streng aus. Aber wer Michèle Hyron das erste Mal persönlich trifft, schätzt die kleine, zierliche Frau garantiert anders ein. Sie könnte Organisatorin des Weihnachtsbasars der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde oder Leiterin der Blockflötengruppe für Anfänger in der Musikschule sein. Sobald die Französin zu sprechen anfängt, spürt man jedoch die Energie und das Engagement, die von ihr ausgehen. Und man versteht, warum sie bei ihrem Arbeitgeber, dem IT-Dienstleister Atos Origin, nach Athen und Peking bereits das dritte Mal für die Organisation der IT der Olympischen Spiele zuständig ist.

Für Gerry Pennell, beim Londoner Organisationskomitee (LOCOG[1]) als CIO für Olympia 2012 zuständig, sind sportliche Großereignisse dagegen eine vergleichsweise neue Welt. Er war früher bei Software- und Beratungsfirmen tätig und kam als Technologiedirektor der Commonwealth-Spiele in Manchester 2002[2] erstmals mit der Sportwelt in Berührung. Auch ihm sieht man die Freude über seinen einzigartigen Job an. Als echter britischer Gentleman bleibt er aber trotz allen Trubels nüchtern und gelassen - so wie Phileas Fogg[3] bei seinen Abenteuern während der Reise um die Welt in 80 Tagen.

Michèle Hyron, Chief Integrator für die Olympischen Spiele in London 2012 (Bild: Atos Origin)
Michèle Hyron, Chief Integrator für die Olympischen Spiele in London 2012 (Bild: Atos Origin)

Die Ausrichtung der Olympischen Spiele ist eine Mammutaufgabe, bei der nichts, aber auch wirklich nichts schiefgehen darf. Für die IT gilt das in besonderem Maße. Man stelle sich nur einmal vor, bei der Eröffnungsfeier fällt die Datenleitung aus dem Medienzentrum aus, während der Einlasszeiten steht das Zugangssystem nicht zur Verfügung oder beim 100-Meter-Finale der Männer versagt die Übermittlung der gemessenen Zeiten. Die Liste ließe sich fast endlos weiterführen. Eine Abstufung, was schlimmer wäre, kommt erst gar nicht in Frage: Es darf einfach nichts passieren. Und dadurch, so sind Pennell und Hyron überzeugt, unterscheidet sich das "Projekt Olympia" von allen anderen IT-Projekten der Welt.

Der zweite große Unterschied: Es gibt keine zweite Chance. Die Eröffnungsfeier kann nicht einfach ein Wochenende später stattfinden, so wie die Migration auf die neue Version einer Software in einer Firma. Um dennoch eine Vorstellung von dem Projekt zu vermitteln, haben sich die Organisatoren ein paar Vergleiche ausgedacht. Ihrer Ansicht nach entspricht Olympia 2012 dem Aufwand, der für sechs gleichzeitig ausgetragene europäische Fußball-Finalspiele getrieben werden müsste - wenn diese 14 Tage hintereinander immer wieder stattfinden würden. Es sei außerdem mit dem Betrieb eines weltweit agierenden Online-Retailers in den vier Wochen des Weihnachtsgeschäftes oder der Organisation des gesamten Gesundheitswesens in einer der großen europäischen Hauptstädte mit etwa 50 Kliniken und 2000 angeschlossenen Arztpraxen vergleichbar.

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Megabaustelle Olympia 2012 in London[4]

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Zu den IT-Aufgaben bei Olympia 2012 gehören unter anderem der Rollout und die Verwaltung von rund 10.000 PCs und fast ebenso vielen anderen IT-Geräten, die Bereitstellung von ausgesuchten Videostreams der Ereignisse innerhalb des Olympiageländes, die weltweite Übermittlung der Ergebnisse innerhalb von maximal 0,3 Sekunden, die Online-Akkreditierung sowie das Identity Management von rund 200.000 Personen (Sportlern, freiwilligen Helfern, Journalisten und Mitarbeitern).

Als in den vorangegangenen Spielen erprobtes Erfolgsrezept sieht Hyron zwei Maßnahmen, zu denen sich auch Pennell ganz klar bekennt: Erstens, nur bewährte Standardtools und -Geräte zu benutzen, zweitens, alles ausgesprochen gründlich zu testen. Und "gründlich" ist in diesem Fall noch untertrieben: Für die Olympischen Spiele in Peking wurde die IT-Installation insgesamt 200.000 Stunden lang vorab erprobt. Der Zeitplan für London sieht ähnlich aus. Dazu gehört auch, dass jede Veranstaltung vorher zumindest einmal unter realen Bedingungen durchgespielt wird, entweder im Rahmen lokaler Wettbewerbe oder von extra dazu anberaumten sportlichen Vergleichen.

Gerry Pennell, CIO von Olympia 21012 in London (Bild: ZDNet.de)
Gerry Pennell, CIO von Olympia 21012 in London (Bild: ZDNet.de)

Auch in Bezug auf "bewährte Standardtools" fahren Hyron und Pennell eine sehr konservative Linie. Auf ihren eigenen Notebooks läuft derzeit noch Windows XP, während der Spiele wird es jedoch Windows 7 sein. "Wir glauben, dass das Betriebssystem bis dahin reibungslos funktioniert", sagt Pennell. Wäre es jedoch erst 2011 auf den Markt gekommen, hätte man das nicht gewagt, der Vorlauf sei einfach zu kurz gewesen. Auch die eingesetzte Hardware wird 2012 nicht brandneu sein. "Alles Neue ist ein Risiko", so Pennell. "Wir legen in der gerade auslaufenden Planungsphase fest, was eingesetzt wird. Ab der im Januar anlaufenden Aufbauphase wird daran dann nichts mehr geändert".

Für Identity Management, das außergewöhnlich wichtige Change Management, IT-Sicherheit und andere Aufgaben werden ebenfalls am Markt verfügbare Produkte zum Einsatz kommen. Man passt sie jedoch so an und konfiguriert sie, dass sie den hohen Anforderungen genügen. Ein Grund dafür ist, dass man ja schließlich nicht alle vier Jahre das Rad neu erfinden kann, der andere, dass sich die Organisatoren neben einem Stammteam auch auf mehrere hundert nur über einen kurzen Zeitraum beschäftigte IT-Experten verlassen müssen - und die zu finden fällt leichter, wenn profundes Wissen gängiger Qualifikationen statt Expertenwissen in proprietären Lösungen gefragt ist.

Das ebenfalls von Atos Origin aufgebaut
Das ebenfalls von Atos Origin aufgebaut "Total Operations Center" der Olympischen Winterspiele in Vancouver steht bereits. Das in London wird ähnlich aussehen, aber wesentlich größer sein (Bild: Atos Origin).

Auf welche Werkzeuge die Olympia-IT in den einzelnen Bereichen setzt, verraten Pennell und Hyron aber nicht - einerseits, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, andererseits, weil die Entscheidung noch nicht endgültig gefallen ist oder man sie aus Sicherheitsgründen geheim halten will.

Apropos Sicherheit: Um den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu gewährleisten, gehört auch ein umfassendes Sicherheitskonzept zu den Aufgaben der IT. Pennell und Hyron rechnen ähnlich wie 2008 in Peking mit rund 12 Millionen verdächtigen "Events" pro Tag. Über geschickte Filtermechanismen und Software-Tools lassen sich die auf etwa 100 "ernsthafte" Ereignisse reduzieren, die umfassenderes Eingreifen erfordern. Das kann zum Beispiel der Versuch eines Journalisten sein, trotz aller gegenteiligen Warnhinweise im Pressezentrum das eigene Notebook an das Netzwerk anzuschließen. Andere Beispiele wollen die beiden nicht geben: Man wolle ja niemanden auf Ideen bringen, sagt Hyron mit einem Lächeln.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.london2012.com/
[2] = http://de.wikipedia.org/wiki/Commonwealth_Games_2002
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/Phileas_Fogg
[4] = http://www.zdnet.de/galerie/41523547/megabaustelle-olympia-2012-in-london.htm#sid=41523551