Arbeitsverdichtung, Zeitdruck und wenig Privatleben - IT-Fachkräfte verausgaben sich häufig bis zur Erschöpfung und riskieren dabei ihre Gesundheit. ZDNet zeigt die Stressfaktoren und wie sich die Belastung verringern lässt.
Der Krankenstand ist niedrig wie selten, und viele Unternehmen der IT-Branche fördern die Gesundheit ihrer Mitarbeiter mit Vorsorgeuntersuchungen, Sportprogrammen oder Initiativen für eine bessere Work-Life-Balance. Doch der Schein trügt. Denn unter der Oberfläche sind bedenkliche Tendenzen auszumachen. Dies zeigen die Ergebnisse des Projekts DIWA-IT[1] (Demographischer Wandel und Prävention in der IT) zur Gesundheitsprävention in der IT-Wirtschaft.
"Viele Mitarbeiter der IT-Industrie haben die Grenzen ihrer Belastbarkeit erreicht, ihre Gesundheit hängt am seidenen Faden", sagt Andreas Boes[2] vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF[3]) München, der mit seinem Team im Rahmen von DIWA-IT zahlreiche Tiefeninterviews mit Beschäftigten in der IT-Industrie geführt hat. "Sie leiden verstärkt unter Stressfaktoren wie Arbeitsverdichtung, langen Arbeitszeiten oder dem Zwang zur permanenten Verfügbarkeit."
Besonders burnoutgefährdet seien IT-Berater, die viel auf Reisen sind, sowie vor allem Projektmanager, die gleichzeitig in mehreren Projekten arbeiten. Hier entsteht zusätzlicher Druck, wenn sich Termine überschneiden und individuell koordiniert werden müssen.
Die derzeitige Wirtschaftskrise verschärft die Situation. Personalabbau, permanente Reorganisationen und die Angst um den Arbeitsplatz sorgen dafür, dass sich IT-Fachleute in einem "System der permanenten Bewährung" befinden.
Die Frustration steige zusätzlich, wenn die Mitarbeiter wegen des Termindrucks am Wochenende arbeiten müssen und ihre Familien kaum mehr sehen. Krankheitsbilder wie Tinnitus[4], Depressionen und Burnout[5] seien daher in der IT immer häufiger anzutreffen, so der Wissenschaftler.
Wie kann man Stress reduzieren? Anja Gerlmaier[6] vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ[7]) der Universität Duisburg-Essen befasst sich seit Jahren mit der Stressprävention in IT-Berufen. Sehr wichtig seien regelmäßige "Bauchschmerz-Runden" in Meetings, bei denen die Projektmitarbeiter frei von der Leber weg über ihre Belastung und Hindernisse bei der Arbeit sprechen könnten. "Das ist bislang in vielen Unternehmen ein Tabu. Dabei ist offenes Sprechen die Basis jeder Veränderung der Arbeits- und Organisationskultur im Unternehmen."
Für Entlastung sorgen etwa Regeln zur Kontrolle der Arbeitszeit, Projektleiter-Tandems als allgemeines Organisationsprinzip, damit bei Krankheit der Druck nicht ins Extreme steigt, besseres Mentoring bei der Übernahme neuer Aufgaben, die Einrichtung von Ruheräumen, Tabuzeiten für Meetings (mittags, abends) und vor allem verbindliche Regelungen für Pausen zur Erholung.
"Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter und vor allem die Vorgesetzten diese Pausen unterstützen. Gut ist es auch, wenn die Teammitglieder die Möglichkeit haben, sich gemeinsam etwa beim Dart oder am Kicker zu entspannen. Optimal wäre es, wenn der Projektleiter die Pausen einhält oder als Zeichen auch mit zum Mittagessen geht", erläutert Gerlmaier.
Das Team des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung München rät Unternehmen zudem, die Personalentwicklung auf die Lebensphase der einzelnen Mitarbeiter abzustimmen, um die psychische Belastung zu reduzieren. Ein Beispiel sind Beschäftigte in der Familienphase. "Für diese Gruppe ist Work-Life-Balance sehr wichtig. Sie wollen Planbarkeit und vor allem auch ab und zu von zu Hause arbeiten. Häufige Reisen sind kaum mit der Familie vereinbar", erläutert Tobias Kämpf vom ISF.
Auch für ältere Arbeitnehmer[8] seien Reisen und lange Arbeitszeiten besonders belastend. Sie wünschten sich zudem individuelle Ausstiegsszenarien jenseits der Altersteilzeit. "Diese lebensphasenspezifischen Rollenkonzepte sind Teil einer nachhaltigen Gesundheitsförderung. Sie muss zum integralen Bestandteil der Unternehmenspolitik werden und darf sich nicht in einzelnen Sonderveranstaltungen erschöpfen", so Kämpf. Wie all dies in der Praxis funktionieren kann, zeigt Beiersdorf Shared Services[9], der IT-Dienstleister der Beiersdorf AG[10]. Die Vorgeschichte des sogenannten "In Balance"-Projekts reicht bis ins Jahr 2001 zurück, als das Unternehmen intern einen SAP R3-Rollout zu bewältigen hatte.
"Wir haben damals sehr viel gearbeitet und Wochenende, Freizeit und sogar Urlaub dem Go live des SAP-Systems untergeordnet", erinnert sich Hans-Jürgen Bossow, Betriebsratsvorsitzender von Beiersdorf Shared Services. Dabei kam es zu ersten krankheitsbedingten Ausfällen wegen Überbelastung. Nach dem Spin-Off der IT-Abteilung in die Beiersdorf Shared Services im Jahr 2003 startete der neu gewählte Betriebsrat 2006 das Projekt "In Balance".
Lange arbeiten heißt nicht effizient arbeiten
Unter dem Motto "Arbeit ohne Grenzen? - Nein danke" ging es darum, den Umgang mit der Arbeitszeit zu verändern und vor allem das Image des langen Arbeitens in Frage zu stellen. "Lange arbeiten heißt nicht unbedingt effizient arbeiten", betont Bossow. Ziel des Projekts ist es, die Balance zwischen Arbeits- und Berufsleben herzustellen und die Führungskräfte entsprechend zu schulen.
Die Erfolge können sich sehen lassen: Rund 85 Prozent der Mitarbeiter haben keine Probleme mit der Arbeitszeit, die Mehrprojektarbeit ist nennenswert reduziert, Pausen sind ein Muss, es gibt Ruhearbeitsräume, Oasen und Tischkicker, die Urlaube werden noch im selben Kalenderjahr genommen.
Für Hans-Jürgen Bossow waren zwei Dinge für den Erfolg entscheidend: "Die Basis für Veränderungen war und ist das offene Sprechen über die Belastung. Stress ist kein Tabuthema mehr. Zudem haben die Führungskräfte das Projekt unterstützt."
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