Microsoft ist besonders stolz auf die Touch-Funktionen von Windows 7. Das neue OS soll der Fingerbedienung von PCs zum Durchbruch verhelfen. Im ZDNet-Test zeigen sich aber einige prinzipbedingte und hausgemachte Schwächen.
Finger weg vom Display – diese goldene Regel bei der Computernutzung soll sich nach den Vorstellungen von Microsoft bald erübrigt haben. Denn Windows 7 unterstützt nicht nur ganz allgemein Touchscreens, sondern sogar Multitouch. Es kann also gleichzeitig mehrere Eingaben verarbeiten.
Dieses Konzept hat mit dem iPhone seinen Durchbruch erlebt und ihm Millionen begeisterte Nutzer beschert. Einen vergleichbaren Effekt erhoffen sich die Redmonder auch für Windows 7 und die PC-Plattform.
Die Herausforderungen ist aber deutlich größer: Während Apple sein Smartphone konsequent für die Fingerbedienung optimieren konnte - andere Eingaben werden nicht unterstützt -, muss Microsoft weiterhin Maus und Tastatur berücksichtigen. Die seit langem bekannte GUI konnte man auch nicht einfach über Bord werfen. Vielmehr ging es um deren Optimierung für den Finger.
Der Test von Windows Touch wird auf einem Dell Latitude XT2[1] durchgeführt. Dabei handelt es sich um einen Convertible-Tablet-PC mit Stifteingabe und kapazitivem Touchscreen. Letzterer reagiert nicht auf Druck, sondern schon bei Berührung – was sehr viel feinfühliger ist. Bessere Gegebenheiten als beim XT2 kann man nicht vorfinden. Um Multitouch zu nutzen, ist die Installation des Panel-Treibers[2] von N-trig[3] notwendig. Windows 7 erkennt dann bis zu vier Eingabepunkte. Geräte im Handel sind üblicherweise vorkonfiguriert.
Für die Bedienung mit dem Finger empfiehlt es sich, die Windows-Oberfläche um 25 Prozent größer zu skalieren. Nur so sind viele Schaltflächen überhaupt groß genug. Der Nachteil: Nicht alle Anwendungen kommen damit gleichermaßen zurecht. Manchmal gibt es Darstellungsprobleme, beispielsweise in Form leicht verschobener Schriften.
Beim Log-in steht zur Eingabe des Passworts eine On-Screen-Tastatur mit großen Tasten zur Verfügung. Dass sie sich beim Tippen farblich nicht verändern, ist kein bloßer Schönheitsfehler. Da das Passwort mit Punkten verschleiert wird, kann man zunächst nicht sehen, ob man die richtigen Tasten ausgelöst hat.
Nach dem Log-in gibt Windows 7 aber bei jeder Berührung des Displays ein visuelles Feedback – was eine bessere Interaktion ermöglicht. Die neue, etwas höhere Taskleiste mit größeren Icons eignet sich gut für die Fingerbedienung. Selbst Funktionen wie Aero Peek, die temporäre Vollbilddarstellung von Fenstern, bleiben erhalten. Dazu muss man einfach ohne abzusetzen über die Thumbnails streichen.
Eine längere Berührung der vergrößerten Schaltfläche rechts neben der Uhr erlaubt den Blick auf den Desktop. Die üblicherweise per Rechtsklick aufrufbare Sprungliste wird ebenfalls schnell und einfach durch eine Wischbewegung nach oben aufgerufen. Seltsamerweise sind die Abstände zwischen den Einträgen für eine bessere Wählbarkeit mit dem Finger nur im Windows-Explorer vergrößert, nicht aber in anderen Programmen.
Schwierigkeiten bei der Auswahl machen kleine Icons wie Lautstärke und Netzwerk. Man braucht meist mehrere Versuche, um sie richtig zu treffen. Gleiches gilt in etwas abgemilderter Form für die Buttons Schließen, Minimieren und Maximieren. Um diese richtig zu treffen, müsste man das Interface noch größer skalieren. Auch das Verändern der Größe durch Ziehen an den Ecken – mit der Maus ein Klacks – gelingt selten auf Anhieb.
Bei der Interaktion mit Fenstern fällt einem ein weiterer Nachteil von Windows Touch auf: die mangelhafte Geschwindigkeit. Während die iPhone-GUI quasi am Finger klebt – was den Eindruck erweckt, mit physikalischen Objekten zu interagieren – , genehmigt sich Windows 7 eine Gedenksekunde: Der Finger ist immer schon etwas weiter als das zu bedienende Objekt. Das Scrollen durch längere Dokumente, beispielsweise in Word oder Adobe Reader, wird durch nervige Ruckler gestört. Schön dagegen: Ist man am Ende oder ganz oben angelangt, zeigt Windows 7 einen optischen Widerstand.
Der Internet Explorer 8 wurde in mehrerlei Hinsicht für die Fingerbedienung optimiert: Die Abstände zwischen den Einträgen der Favoritenliste sind größer, aus der Adressleiste lässt sich eine Liste mit den zuletzt eingegebenen Adressen quasi herausziehen, und die Inhalte sind durch Spreizen der Finger zoombar. Letzteres geschieht aber ruckelig in Stufen. Eine kurze Wischbewegung ermöglicht Vor- oder Zurückblättern. Verwirrend dabei: Sie geht in die jeweils andere Richtung als der Pfeil, den man dafür benutzen würde. Damit Windows 7 die Geste richtig erkennt, muss man etwas üben.
Das Surfen per Tablet auf dem Sofa ist auf diese Weise komfortabel möglich. Zumindest so lange, bis man eine URL eingeben muss. Dann macht man Bekanntschaft mit der On-Screen-Tastatur, die hier zwar optisches Feedback gibt, aber eben nicht so bequem wie eine echte Tastatur funktioniert. Wenn es anders geht, greift man darauf nicht zurück.
Auch die Windows-Fotogalerie kann nicht vollends überzeugen: Zum Blättern von Bildern werden wie im Internet Explorer nur relativ kurze, unnatürliche Wischbewegungen akzeptiert. Lässt man den Finger zu lange auf dem Display, tut sich nichts. Beim Drehen von Bildern springen diese in 90-Grad-Schritten, anstatt ein echtes Feedback zu geben.
Dank seiner einfachen Oberfläche mit großen Bedienelementen ist das Media Center im Prinzip ein idealer Kandidat für die Fingerbedienung. Aber auch hier trüben Detailschwächen das Bild: Zwar lässt es sich in Menüs und Bibliotheken flüssig navigieren, das Weiterblättern von Bildern ist aber nicht durch die bereits mehrfach erwähnte Wischbewegung, sondern nur über Schaltflächen möglich. Dazu kommt, dass relativ wenig für die Steuerung mit dem Finger spricht: Mit den vier Pfeil-Tasten klappt es schneller und komfortabler.
Beim Schreiben mit dem Stift in Windows Journal nervt die fehlende Handflächenerkennung: Hat man den Ballen auf das Display gelegt, bevor der Stift erkannt wird, registriert die Software Punkte und Striche.
Abgesehen von den Schwächen bei der Implementierung stellt sich die Frage, ob und wann Finger- und Stiftbedienung überhaupt sinnvoll sind. Die Antwort: selten. Bei der Nutzung feststehender Touch-Displays, egal ob Standalone oder als Teil eines Notebooks, wird der Arm nämlich schon nach kurzer Zeit schwer. Zudem gibt das Notebook-Display bei der Berührung kurz nach, was die präzise Auswahl erschwert.
Anders sieht es dagegen bei einem Convertible-Tablet-PC aus, dessen Display sich klappen lässt. In dieser Konstellation kann die Nutzung eines Touchscreens sinnvoll sein. Allerdings bemerkt man auch hier schnell, dass Tastatur und Touchpad deutlich überlegen sind.
Die Tatsache, dass ein Multitouch-Displays nach der Bedienung mit Fingerabdrücken übersät ist, wird bei den meisten Nutzern wenig Anklang finden. Was schon beim 3,5-Zoll-Screen des iPhone nervt, stört beim 15-Zoll-Display eines Notebooks erst recht.
Angesichts des insgesamt überzeugenden Auftritts von Windows 7 überrascht die teilweise inkonsistente und lieblose Umsetzung der Touch-Funktionen. Maus und Tastatur sind die besten Freunde von Windows, der Finger bleibt dagegen nur ein guter Bekannter. Zwar ist es für eine halbe Stunde interessant, Windows einmal anders zu steuern, man verliert aber schnell das Interesse daran.
Selbst wenn Microsoft die hausgemachten Defizite beseitigen würde, wäre der Praxisnutzen zweifelhaft. Windows mit dem Finger zu bedienen ist eigentlich nur dann sinnvoll, wenn die Nutzung von Tastatur und Maus nicht vernünftig möglich ist. Beispielsweise beim Surfen auf der Couch oder zum Nachschlagen von Rezepten in der Küche.
Um der Fingerbedienung zum Durchbruch zu verhelfen, wäre eine konsequent auf diese Eingabeform ausgelegte Oberfläche nötig. Auch bei Microsoft gehen offenbar die Überlegungen in diese Richtung: Kürzlich ist eine Studie namens Courier[5] aufgetaucht, die wie ein PC in Buchform wirkt und so diesen Ansatz beherzigt. Auch beim Computertisch Surface schlägt diesen Weg ein. Mit einer Windows-Oberfläche hätte das Produkt wohl kaum Aufsehen erregt.
Trotz aller Kritik ist es eine sinnvolle Entscheidung, Touch ins Betriebssystem einzubinden. So können ISVs einfach Applikationen erstellen, die diese Eingabeform nutzen.

Der Tablet-PC "Courier" ist einer von mehreren Prototypen, die Microsoft intern diskutiert (Bild: Gizmodo).
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