Wie Google die Cloud in Firmen bringen will

(http://www.zdnet.de/magazin/41516538/wie-google-die-cloud-in-firmen-bringen-will.htm)

von Stephen Shankland und Peter Marwan, 27. Oktober 2009

Wenn es nach Google geht, verwischt die Grenze zwischen Web-Angeboten für Privat- und Firmenanwender bald. Durch Dienste wie Google Apps und Google Wave hofft CEO Eric Schmidt, diesen Wandel zu beschleunigen. Wie, verrät er im Interview.

Google[1] geht es gut - hauptsächlich, weil das Unternehmen einen Weg gefunden hat, wie man mit attraktiven Diensten für eine große Zahl von Anwendern eine riesige Werbemaschine betreiben kann. Die Verknüpfung von Diensten und Werbung funktioniert aber bislang fast ausschließlich im Rahmen der privaten Nutzung.

Das soll sich jetzt ändern. Schmidt hat am Rande des Gartner-Symposiums in Orlando[2] erklärt, dass sein Unternehmen ein Teil des Lebens der Menschen werden will, ganz egal in welchem Umfeld Menschen die Google-Dienste nutzen. Im Klartext heißt das aber nichts anderes, als dass Google künftig mehr für die professionelle Nutzung seiner Angebote werben wird. Erste Erfolge haben sich schon eingestellt. So nutzt seit kurzem etwa Jaguar Land Rover[3] Google Apps. 15.000 Anwender weltweit migrieren auf E-Mail und Kalenderdienste der Google Apps Premier Edition.

Google-CEO Eric Schmidt (Bild: Stephen Shankland/CNET)
Google-CEO Eric Schmidt (Bild: Stephen Shankland/CNET)

Da Google für Enterprise Accounts 50 Dollar pro Person und Jahr verlangt, ist es nur eine Frage der Nutzeranzahl, bis dieser Geschäftszweig ein "sehr profitables" Geschäft wird - ein Milliardengeschäft, wie Schmidt betont. Stephen Shankland sprach nach der Präsentation beim Gartner-Symposium mit Eric Schmidt über dessen Pläne.

ZDNet: Sie waren viele Jahre Chief Technology Officer bei Sun Microsystems und CEO bei Novell. Was mussten Sie lernen - oder was mussten Sie sich abgewöhnen –, als Sie bei Google angefangen haben?

Schmidt: Google wurde nicht mit einer Enterprise-Ausrichtung gegründet, ich hatte aber diese Ausrichtung auf Firmenkunden. Ich erinnere mich, wie ich in den ersten Jahren bei Google lang und breit die XML-Architektur der Daten-Strukturen darlegte, die Großunternehmen nutzen. Larry Page und Sergey Brin fanden das eher witzig: Wozu sollte so etwas gut sein? Natürlich gibt es Gründe, warum man das benötigt, aber das sind letztendlich Spezialfälle. Der Schlüssel für mich war, zu verstehen, dass der Browser sich gleichermaßen für die Anforderungen von Unternehmens- und Privatanwendern eignet. Die Architektur wird vom Browser bestimmt. Das ist der springende Punkt der Firmen-IT heutzutage.

Was habe ich daraus gelernt? Consumer-Angebote sind genauso anspruchsvoll wie Firmen-Angebote - oder sogar noch anspruchsvoller. Früher dachte ich, der Enterprise-Markt sei schwieriger. Aber Verbraucher sind nicht nur sehr wankelmütig, sondern auch sehr empfindlich: Services für sie müssen immer verfügbar sein. Die grundlegenden Architektur-Ideen der IT-Landschaften der neunziger Jahre taugen daher nicht mehr für die Zukunft.ZDNet: Google ist ein großer Verfechter des Cloud Computing. Ein Großteil der diesbezüglichen Skepsis im Markt hat mit fehlendem Vertrauen zu tun. Was muss getan werden, damit Cloud-Angebote vertrauenswürdig und sicher genug sind, dass viele große Unternehmen sie nutzen?

Schmidt: Einige Firmen werden Cloud-Angebote nie nutzen. Sie wollen die absolute Kontrolle und sind bereit, dafür einen Aufschlag zu bezahlen. Das heißt, sie müssen ihre eigenen Rechenzentren, ihre eigene Sicherheitsarchitektur, ihr eigenes Risikomanagement und so weiter betreiben. Der überwiegende Großteil wird jedoch zu dem Schluss kommen, dass es sich damit genau so verhält wie mit Geldautomaten: Es ist einfach bequemer, eine Bank und Geldautomaten zu nutzen, als all sein Geld ständig mit sich herumzuschleppen.

Am Anfang denkt man doch darüber nach, warum man der Bank vertrauen sollte. Dieses Problem löst sich aber mit der Zeit: Die Erfahrung zeigt, dass eventuell auftretende Schwierigkeiten gemeistert werden. In unserem Fall scheint die Verfügbarkeit unserer Server und Services höher zu sein als bei Firmen. Wir erreichen etwa 99,99 Prozent. Die wenigsten IT-Abteilungen in Firmen können das von sich behaupten.

Google reif für Unternehmen?

ZDNet: Bei vielen ist es aber doch eher eine absolute als eine relative Fragestellung. Man könnte auch sagen: In der Cloud wird irgendwann etwas Schlimmes passieren, in der eigenen IT könnte irgendwann etwas Schlimmes passieren.

Schmidt: Das ist ein Wettlauf, bei dem wir einfach besser sein müssen. Unsere Kostenstruktur und unsere Flexibilität sind heute schon deutlich besser. Cloud wird sich durchsetzen. Die Firmen werden kommen, je nachdem, wo sie in der Adaptionskurve stehen: Sind sie tendenziell aufgeschlossen für neue Technologien, eher zurückhaltend oder irgend etwas dazwischen?

ZDNet: Das Vertriebsmodell für Dienstleistungen an Firmen ist anders, ebenso die Anforderungen an den Support. Sie brauchen mehr Mitarbeiter, bei denen die Firmen einen Vertrag unterschreiben können, und sie brauchen auch mehr Mitarbeiter, um Kunden zu betreuen, wenn etwas schiefgeht. Man hört oft Beschwerden, dass es bei Google niemanden gebe, den man anrufen könne.

Schmidt: Da muss man zwischen zahlenden Kunden und Nutzern der kostenlosen Angebote trennen. Deren Service-Level unterscheiden sich stark voneinander.

ZDNet: Als zahlender Kunde kann ich also nicht nur eine E-Mail schicken oder ein Web-Formular ausfüllen? Ich habe tatsächlich Ansprechpartner, die ich anrufen kann?

Schmidt: Das ist ein Teil dessen, wofür Sie bezahlen. Wenn Sie als IT-Leiter Ihr E-Mail-System hinauswerfen, werden Sie in dem Fall, dass etwas schiefgeht, nicht eine E-Mail an jemanden schicken wollen, den Sie nicht einmal kennen. Wenn man keinen guten Service anbietet, werden die Leute nicht dafür bezahlen. ZDNet: Die erste Version des iPhone war recht interessant. Richtig spannend wurde es aber mit dem App Store und für Firmen vor allem mit der Exchange-Anbindung. Braucht Googles Mobilfunkbetriebssystem Android das auch, oder werden Sie sich aus Drittanbieter verlassen, die das bereitstellen?

Schmidt: Ich will hier nicht über Produktfeatures sprechen. Aber wir müssen das Problem aus demselben Grund lösen wie Apple auch: Android wird ein sehr, sehr häufig verkauftes Smartphone für Anwender in Firmen sein. Also benötigen wir eine umfassende Integration mit den dort gängigen Services, etwa von Blackberry.

ZDNet: Google Voice bietet einige nette Funktionen für Privatkunden. Was haben Unternehmen davon?

Schmidt: Google Voice ist ein außerordentlich interessantes Angebot für CIOs. Aber wie sorgen wir dafür, dass der Turbolader zündet? Möglichkeiten gibt es mehrere. Eine davon wäre, eine tiefere Integration mit Telefonanlagen zu suchen. Eine andere, mehr VoIP-Dienste einzubinden. Beides sind gangbare Wege für Unternehmen.

ZDNet: Lohnt sich das Firmengeschäft angesichts des höheren Aufwands, den Google für Vertrieb und Support treiben muss, bei 50 Dollar pro User pro Jahr wirklich? Oder sind die Gewinne dabei geringer als beim gegenwärtigen, consumerorientierten Geschäftsmodell?

Schmidt: Die Gewinnmarge ist sicher geringer. Das Geschäft mit Textanzeigen ist sehr lohnend. Aber wir kalkulieren das so, wie Sie in Ihrer Frage das gerade getan haben. Wir überlegen uns, ob wir die Kosten decken können. Das können wir. Der Preis von 50 Dollar wurde zugegebenermaßen recht willkürlich festgelegt. Da es vor allem auf die Größenordnung ankommt, in der wir das Geschäft betreiben, ist anfangs eigentlich egal, welchen Preis wir verlangen. Irgendwann werden wir ohnehin so weit sein, dass es sich lohnt. Und im großen Maßstab wird es ein sehr profitables Geschäft sein.

ZDNet: Das Interesse an Google Mail ist sehr groß, das an Google Docs deutlich geringer. Vermutlich liegen die Kalenderfunktionen irgendwo dazwischen. Wird sich das in Zukunft angleichen, oder bleibt Google Docs ein Zusatzfeature?

Schmidt: In der Praxis beinhaltet nahezu jeder erste Verkaufsabschluss beim Kunden E-Mail, Kalenderfunktionen und Instant Messaging. Mit Google Docs beginnt die Geschäftsbeziehung so gut wie nie. Mit E-Mail, Kalenderfunktionen und Instant Messaging sind die meisten Firmen erst einmal eine Weile beschäftigt. Sie probieren einiges aus, migrieren das bisherige System, lernen die Nutzer an und schulen die Support-Mitarbeiter. Google Docs werden dann allmählich mit den E-Mail-Accounts genutzt, die bereits eingerichtet sind. Oft vergleichen die Leute Microsoft Office mit Google Docs. Aber die beiden sind nicht vergleichbar.

ZDNet: Warum?

Schmidt: Microsoft Office ist teuer, Google Docs kostenlos oder günstig. Andererseits gibt es in Microsoft Office eine Vielzahl von Workflow-Features, die wir heute noch nicht haben. Wir ergänzen Google Docs nach und nach um passende Funktionen. Dabei fangen wir mit den am häufigsten benötigten an. Wir versuchen nicht, eine komplette Kopie von Microsoft Office zu erstellen. Ich denke, damit würden wir unsere Zeit nicht gut nutzen. Firmen werden immer für eine Übergangszeit beide Systeme nebeneinander benutzen. Man kann Microsoft Office einfach auch als das etablierte Modell betrachten. Wir verfolgen dagegen einen andern Ansatz, um Probleme zu lösen.

ZDNet: Google baut eigene Server, eigene Software, eigene Netzwerke. Warum nutzt man nicht fix und fertig verfügbare Standardtechnologien? Sind Firmen, die das tun, auf dem Holzweg?

Schmidt: Was sind denn für Sie "fix und fertig verfügbare Standardtechnologien"?

ZDNet: Server unterschiedlicher Anbieter beispielsweise.

Schmidt: Jeder denkt, wir setzen PCs ein. Tatsächlich bauen wir aber Supercomputer. Zwar sind die aus PC-Komponenten zusammengesetzt, aber auch hochgradig an die Daten-Architektur angepasst, die wir bei Google verwenden. Es ist einfach ein ganz pragmatischer Kosten-Nutzen-Ansatz.

ZDNet: Also sind die meisten Firmen auf dem Holzweg?

Schmidt: Ich würde nie eine andere Firma kritisieren. Das Google-Modell ist hinlänglich speziell, so dass es sich wohl nicht ohne weiteres vergleichen lässt. Es gab einige Firmen, die versucht haben, die Google-Server-Architektur als universell einsetzbaren Rackserver zu bauen. Ich kann Ihnen aber nicht sagen, wie es denen heute geht.

Vielleicht sind wir die Speziallösung, von der Firmen mit generelleren Anforderungen lernen können. In vielen Märkten gibt es eine vielleicht sogar zu ausgefeilte große Lösung, die alles dominiert. Aber die in deren Rahmen praktizierten Ideen setzen sich allmählich nach unten durch.

ZDNet: Können Sie in ein paar Worten Googles Strategie für Firmen zusammenfassen?

Schmidt: Wir versuchen, die Vorteile des Internets, die in den Angeboten für Privatanwender schon offensichtlich sind, allen Anwendern zur Verfügung zu stellen, die heute Enterprise-Services nutzen, und dabei mindestens dasselbe Niveau an Sicherheit und Kontrolle zu gewährleisten. Wir konzentrieren uns dabei auf horizontale Services, also die, die jeder im Unternehmen braucht. Solche mit spezieller Geschäftslogik versuchen wir zu vermeiden. ERP-Systeme sind beispielsweise sehr interessant – aber es ist unwahrscheinlich, dass Google so etwas implementiert.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.google.com/
[2] = http://blogs.gartner.com/symposium-times/
[3] = http://www.jaguarlandrover.com/