SharePoint 2010: Microsofts neue Wunderwaffe

(http://www.zdnet.de/magazin/41516250/sharepoint-2010-microsofts-neue-wunderwaffe.htm)

von Peter Marwan, 26. Oktober 2009

SharePoint ist derzeit das Microsoft-Produkt mit den am schnellsten wachsenden Umsatzzahlen. Dennoch fragen sich viele, was SharePoint eigentlich kann und bezweckt. Das jetzt angekündigte Release 2010 soll das ändern.

Im Windschatten der Vorstellung und Markteinführung von Windows 7 in der vergangenen Woche fand in Las Vegas Microsofts SharePoint Conference[1] statt. Dass die Medien über diese Veranstaltung eher stiefmütterlich berichteten, ist angesichts des Rummels um das neue Microsoft-Betriebssystem nachvollziehbar. Rückblickend könnte es sich jedoch als Fehler erweisen. Zwar gehört das Betriebssystem zu Microsofts Brot-und-Butter-Geschäft, aber angesichts der zunehmenden Bedeutung von Browsern[2], Cloud Computing[3], Virtualisierung[4] und dem wachsenden Interesse an alternativen Office- und Mail-Lösungen[5] – etwa von IBM[6] oder Google[7] - nimmt seine Bedeutung langfristig ab. SharePoint hat seine beste Zeit dagegen noch vor sich.

Das Problem: So ganz genau hat wohl auch Microsoft anfangs nicht verstanden, was sich mit SharePoint alles machen lässt. Die Positionierung schwankte daher zwischen einer Art Intranet-Ersatz, einem Tool zur Zusammenarbeit von Projektteams und einem Dokumentenmanagementsystem. Letzteres wurde inzwischen ad acta gelegt – was zu einer enormen Akzeptanzzunahme[8] bei den Spezialanbietern von Systemen für Dokumentenmanagement, Archivierung und Enterprise Content Management geführt hat. Inzwischen zählen sie sogar zu den eifrigsten Verfechtern der Microsoft-Lösung, sehen sie darin doch einen Katalysator für ihr eigenes Geschäft[9].

Das hilft auch Microsoft. Das Geschäft mit SharePoint ist inzwischen das am schnellsten wachsende in der Geschichte des Unternehmens, repräsentiert ein Volumen von 1,3 Milliarden Dollar und steht quasi als Symbol für Microsoft in der Ära nach Bill Gates. Manche Kommentatoren haben das bereits vor einiger Zeit vorausgesagt. So spekulierte etwa ZDNet-Autor Dana Blankenhorn vor zwei Jahren darüber, ob SharePoint Microsofts neue Geheimwaffe im Kampf um die Bindung der Kunden[10] an den Softwareriesen wird.

Seine Argumentationskette: Die Abhängigkeit von Microsoft, die einst (und vielfach wohl auch noch heute) durch Client-Anwendungen wie Office gegeben war, wird künftig durch die Serverprodukte und SharePoint zementiert. Damals war SharePoint oberflächlich gesehen nur ein Dokumentenmanagementsystem, das jedem Mitarbeiter in einem Unternehmen erlaubte, Kollegen Dokumente einfach zugänglich zu machen und für ihn selbst relevante Dokumente zu finden.

Diese Funktionalität ließe sich problemlos mit Open-Source-Komponenten nachbilden. Etwa durch Alfresco[11] für das Content Management, Liferay[12] als Portal, JasperSoft[13] für das Reporting, Jive[14] für die Forenfunktionen sowie Zimbra[15] als E-Mail-Server. Aber was kostet es, all das zusammenzubringen und zusammenzuhalten, verglichen mit der Möglichkeit, einfach etwas von Microsoft zu nutzen, das zudem noch reibungs- und nahtlos mit den vorhandenen Office-Anwendungen zusammenarbeitet?

Die Kehrseite der Medaille: Sobald Firmen anfangen, SharePoint wirklich zu nutzen, ist es nahezu unmöglich, sie jemals wieder davon zu überzeugen, andere Microsoft-Anwendungen oder Dateiformate aus dem Unternehmen zu verbannen. Denn SharePoint ist an diese Formate und Anwendungen gebunden, und mit zunehmender SharePoint-Nutzung steigen auch die Kosten eines Umstiegs exponentiell. So gesehen hatten die während der Ansprachen von Steve Ballmer und des SharePoint-Vaters Jeff Taper auf der Konferenz in Las Vegas im Hintergrund eingeblendeten, sich langsam drehenden, animierten und abstrahierten Spinnennetze eine hohe Symbolkraft – und sagten vielleicht mehr, als Microsoft wirklich wollte.

SharePoint 2010 ist im Grunde genommen ein Business-Processes-Betriebssystem, das online wie offline funktioniert und als Grundlage für alle künftigen Geschäftsabläufe dienen kann und soll. Noch ist es aber nicht so weit. Das 64-Bit-System muss wahrscheinlich noch bis zum Herbst kommenden Jahres reifen, bis es ein allgemein verfügbares und käufliches Produkt ist.

Noch stehen daher Allgemeinplätze im Vordergrund. So auch in einem Gespräch von ZDNet-Autor Matthew Brown mit Steve Ballmer[16] am Rande der SharePoint-Konferenz. Darin verglich Ballmer die Entwicklung von SharePoint mit der Entwicklung des PCs: "Der PC begann als Tabellenmaschine, dann wurde er eine Programmiermaschine, später eine Textverarbeitungsmaschine. SharePoint ist eine breit einsetzbare Infrastruktur, die Menschen miteinander und mit Informationen verbindet."

Diese Analogie sagt viel über die Ambitionen aus, die Microsoft mit SharePoint verfolgt. Natürlich sind Millionen von SharePoint-Lizenzen angesichts über einer Milliarde an PC-Nutzern[17] weltweit im Augenblick noch nicht sonderlich beeindruckend. Aber das Rezept für SharePoint ähnelt dem Rezept für den modernen PC in hohem Maße: Man mische Programmierbarkeit, breit verfügbare Entwicklertools, Nutzungsgewohnheiten der Anwender (zum Beispiel das "Ribbon"-Interface) und ein paar nützliche Anwendungen für Kommunikation, Lesen, Schreiben und das Speicher von Informationen. Fertig ist die Laube.

"Developers, developers, developers ..."

Noch sind nicht alle Zutaten wirklich verwendungsfähig. Aber man arbeitet daran. Ein Schwerpunkt der SharePoint-Konferenz in Las Vegas waren die Angebote und Möglichkeiten für Entwickler. Ballmers Affinität zu dieser Zielgruppe ist ja bekannt ("Developers, developers, developers[18] ..."). Ganz so enthusiastisch ging Ballmer dieses Jahr in Las Vegas zwar nicht zu Werke, aber an Ernsthaftigkeit stehen seine Aussagen dem früheren Bemühen in nichts nach. "Ich denke, SharePoint wird schon als vollwertige Entwicklungsplattform für die schnelle Anwendungsentwicklung wahrgenommen." Viele dieser Anwendungen basierten auf Microsoft-Technologien, etwa Microsoft Access, Visual Basic oder Active Server Pages[19]. Aber auch Lotus Notes, Java Server Pages[20] und andere würden genutzt.

Während die Top-Middleware-Anbieter der Welt sich um die vergleichsweise wenigen großen, transaktionalen und sehr prozesslastigen Anwendungen balgen, scheint Ballmer zumindest derzeit damit zufrieden zu sein, wenigstens einen Teil des Marktes für kleinere Anwendungen zu besetzen. Aber selbst um das zu erreichen, muss Microsoft Planer überzeugen, dass Tools wie InfoPath Forms[21] und SharePoint Designer[22] genutzt werden können, ohne ganze SharePoint-Serverfarmen in die Knie zu zwingen.

Bisher ist Microsoft das noch nicht gelungen. Ob sich das mit SharePoint 2010 ändert, wird sich erst mit der irgendwann im November verfügbaren Beta-Version herausstellen. Aber Ballmers Andeutungen, eine "SharePoint-Sandbox in der Cloud" schaffen zu wollen, lassen die Vermutung zu, dass eine große Zahl freischaffender Programmierer im kommenden Jahrzehnt zu "SharePoint-Developern" wird - ganz egal, ob das den IT-Strategen in den Firmen nun passt oder nicht.

Microsoft hat zwar bereits im Juli Testern eine "Private Beta" von SharePoint 2010 zugänglich gemacht, bisher ist aber relativ wenig über die kommende Generation der Kollaborationsplattform durchgesickert. Der nächste Schritt wird der interne Roll-out von SharePoint 2010 sein. Noch diesen Monat sollen alle 100.000 Microsoft-Mitarbeiter damit versorgt werden. Bisher waren es 5000. Eine "Public Beta" erwarten Experten im November.

Wie bei vielen anderen großen Technologiefirmen spiegelt auch bei Microsoft das Angebot an Kollaborationssoftware die internen Bemühungen, diesen Bereich zu optimieren. Zumindest darin unterscheidet sich SharePoint nicht von IBMs Lotus Suite oder Googles Angeboten für Firmen. Kunden kaufen eben nie nur ein Produkt, sondern immer auch die Firmenkultur des Anbieters mit.

Erstmals ausgeliefert werden soll SharePoint 2010 in der ersten Hälfte des kommenden Jahres, höchstwahrscheinlich[23] im Mai oder Juni, möglicherweise gleichzeitig wie Office 2010[24]. Vorgesehen sind zwei Varianten für Anwender, die Inhalte auch im Internet publizieren möchten: eine On-Premise-Version für Firmen mit kleinen und mittelgroßen Sites sowie eine bei Microsoft gehostete Version.

Technische Voraussetzungen[25] für SharePoint 2010 sind Windows Server 2008 oder Windows Server 2008 R2. Microsoft empfiehlt mindestens 8 GByte Speicher. Außerdem ist SQL Server 2005 SP3 mit dem Cumulative Update 3 oder SQL Server 2008 mit Service Pack 1 sowie Cumulative Update 2 oder SQL Server 2008 R2 notwendig. Letzterer ist zwar noch in Beta, wird aber bei der Markteinführung zur Verfügung stehen.

Die wichtigsten neuen Features

Jeff Teper, Corporate Vice President und Leiter von Microsofts SharePoint-Geschäft, hat in einem aktuellen Blogbeitrag 40 SharePoint-Funktionen[26] hervorgehoben, die er für besonders wichtig hält. Sein Chef, Steve Ballmer, suchte sich für seine Ansprache auf der SharePoint-Konferenz davon noch einmal die wichtigsten heraus.

Ballmer sprach unter anderem das "Ribbon"-Interface, neue Features für das Content Management, die Integration mit Visual Studio 2010, neue Angebote für Developer sowie die Unterstützung von Silverlight, REST[27] und LINQ[28] an. Außerdem wies er auf die verbesserte Office-Integration hin, zu der unter anderem Social Tagging und die Verwaltung der Lebenszyklen von Dokumenten gehören. Interessant daran ist, dass Microsoft neue Produkte ankündigt, die REST in jedem Browser unterstützen. Das könnte ein kleiner Hinweis auf eine offenere Zukunft sein - oder einfach nur das Eingeständnis, dass Firefox und Safari inzwischen auch in Firmen so verbreitet sind, dass Microsoft sie nicht mehr ignorieren kann.

Zwei Theorien, warum SharePoint so erfolgreich ist

Rob Koplowitz, Analyst bei Forrester[29], führt den Erfolg von SharePoint darauf zurück, dass das zunächst als Kollaborationstool positionierte Produkt sich zu einer Suite gemausert hat, die als Portal fungieren kann, Suchfunktionen, Contentverwaltung und Business Intelligence mitbringt und auch die Anwendungsentwicklung unterstützt – damit also weit über das sonst von Kollaborationsplattformen bereitgestellte Angebot hinausgeht.

Der SharePoint-Spezialist Janus Boye[30] hat eine andere, etwas profanere Erklärung parat. Seiner Ansicht nach ist das rasante Wachstum des SharePoint-Umsatzes bislang in erster Linie auf clevere Vertriebs- und Marketingstrategien zurückzuführen. Etwa die Bündelung anderer Microsoft-Produkte wie Office mit SharePoint und im Rahmen von Lizenzvereinbarungen für Firmen. Dadurch seien Projektmanager und andere Verantwortliche in der Situation gewesen, dem Management erklären zu müssen, warum sie SharePoint nicht nutzen wollen. Da viel Entscheider den Eindruck gehabt hätten, dass sie für SharePoint bereits bezahlt haben, sei es schwer gewesen, weitere Budgets für Alternativen locker zu machen.

Was als nächstes passiert

In den kommenden Monaten ist damit zu rechnen, dass Microsoft die Möglichkeiten der Anwendungsentwicklung mit SharePoint in den Vordergrund stellt. Auch über die Synergien zwischen der On-Premise- und der Online-Version von SharePoint wird man wahrscheinlich einiges hören. Denn obwohl die Neuerung von SharePoint 2010 alle notwendig und nützlich sind und obwohl Microsoft-Sprecher SharePoint 2010 als eine größeres, neues Release verkaufen, finden sich bei genauerer Betrachtung keine revolutionären neuen Features. Neue Merkmale, darin sind sich Beobachter weitgehend einig, sind eher evolutionärer Natur, also Verbesserungen von bereits vorhandenen.

Forrester-Analyst Koplowitz etwa hält SharePoint für ein ausgereiftes Kollaborationstool, sieht aber noch Schwächen bei den derzeit heiß diskutierten Social-Networking-Möglichkeiten und beim Enterprise Content Management sowie bei der Anwendungsentwicklung. Da all das Aspekte sind, die Microsoft für das 2010er-Release in den Vordergrund stellt, könnte sich die Geschichte wiederholen - nämlich dass SharePoint wieder einmal als etwas verkauft wird, was es (noch) gar nicht ist. Die Dokumentenmanagementbranche lässt grüßen. Insgesamt sieht Koplowitz SharePoint eher als einen schnellen Nachahmer als einen Erfinder neuer Funktionen. Aber damit stünde das Produkt ja durchaus in einer langjährigen Microsoft-Tradition.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.mssharepointconference.com/Pages/default.aspx
[2] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_leben_wir_schon_in_der_nach_windows_aera_story-11000006-41003361-1.htm
[3] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_die_zukunft_des_pcs_in_der_cloud_story-11000009-41503885-1.htm
[4] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_betriebssysteme_in_der_virtuellen_saftpresse_story-11000009-39188713-1.htm
[5] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_outlook_alternativen_sechs_loesungen_im_vergleich_story-11000009-41001499-1.htm
[6] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_software_ibm_foerdert_den_microsoft_freien_desktop_story-39001022-39194565-1.htm
[7] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_google_apps_verlassen_betaphase_story-39002364-41006314-1.htm
[8] = http://www.zdnet.de/it_business_strategische_planung_dms_compliance_und_sharepoint_befluegeln_den_markt_story-11000015-39196090-1.htm
[9] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_sharepoint_braucht_die_hilfe_der_content_spezialisten_story-11000009-41502921-1.htm
[10] = http://blogs.zdnet.com/open-source/?p=1363
[11] = http://www.alfresco.com/
[12] = http://www.liferay.com/
[13] = http://www.jaspersoft.com/
[14] = http://www.jivesoftware.com/
[15] = http://www.zimbra.com/
[16] = http://blogs.zdnet.com/forrester/?p=311
[17] = http://www.silicon.de/hardware/netzwerk-storage/0,39039015,39192538,00/ueber+eine+milliarde+computer+weltweit+im+einsatz.htm
[18] = http://www.youtube.com/watch?v=8To-6VIJZRE
[19] = http://de.wikipedia.org/wiki/Active_Server_Pages
[20] = http://de.wikipedia.org/wiki/JavaServer_Pages
[21] = http://office.microsoft.com/de-de/sharepointserver/HA101672841031.aspx
[22] = http://office.microsoft.com/de-de/sharepointdesigner/FX100487631031.aspx
[23] = http://blogs.zdnet.com/microsoft/?p=3418
[24] = http://www.zdnet.de/bildergalerien_microsoft_office_2010_screenshots_der_neuesten_vorabversion_story-39002386-41500041-1.htm
[25] = http://blogs.msdn.com/opal/archive/2009/10/19/sharepoint-2010-what-does-that-mean-for-it-pros.aspx
[26] = http://blogs.msdn.com/sharepoint/archive/2009/10/19/sharepoint-2010.aspx
[27] = http://de.wikipedia.org/wiki/Representational_State_Transfer
[28] = http://de.wikipedia.org/wiki/LINQ
[29] = http://www.forrester.com/rb/research
[30] = http://www.jboye.com/