Machtfaktor Mainframe

(http://www.zdnet.de/magazin/41515778/machtfaktor-mainframe.htm)

von Rudi Kulzer, 14. Oktober 2009

Es ist ein Widerspruch in sich: Einerseits wird der Markt für Mainframes immer wieder totgeredet, andererseits IBM vorgeworfen, seine Monopolstellung zu missbrauchen. ZDNet untersucht die Hintergründe der Vorwürfe und zeigt, wie es zur marktbeherrschenden Stellung von IBM kam.

Nach Berichten aus der US-Presse könnte IBM eine Kartellklage drohen[1]. Deutsche Medien haben das Thema entsprechend übernommen. Dabei geht es um IBMs Vorherrschaft bei Großrechnern vom Typ "Mainframe" - einem Bereich, der als Saurier der IT-Steinzeit immer wieder totgesagt wurde, der im Kampf um die Rechenzentren der Zukunft aber offensichtlich nach wie vor eine wichtige Rolle in der elektronischen Datenverarbeitung spielt.

Die Nachricht: Die Kartellwächter des US-amerikanischen Justizministeriums haben eine Untersuchung zur Stellung des IT-Konzerns IBM auf dem Markt für Großrechner eingeleitet[1]. Sowohl die New York Times[2] als auch das Wall Street Journal haben sich in größeren Artikeln ausführlich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Demnach liegt dem US-Justizministerium eine Beschwerde des Branchenverbandes Computer and Communications Industry Association (CCIA[3]) vor, laut der IBM die Konkurrenz behindert und sich geweigert hat, seine Technik an Mitbewerber und potenzielle Partnerunternehmen zu lizenzieren. Nun sucht das Justizministerium Informationen zu den Geschäftspraktiken des IT-Konzerns. Im Frühjahr stand das Thema bereidst einmal auf der Tagesordnung: Damals wurde von einer geplanten Untersuchung der EU-Kartellbehörden gesprochen[4].

Seit Ende vergangenen Jahres will IBM mit der
Seit Ende vergangenen Jahres will IBM mit der "System z10 Business Class" neue Kundengruppen für Mainframes gewinnen (Bild: IBM).

Realistisch betrachtet hat die IBM schon seit Jahren praktisch keine direkten Konkurrenten beim Einsatz seiner aus den sechziger Jahren stammenden und seither systematisch weiter entwickelten Mainframe-Architektur. Der bekannteste Herausforderer war in den siebziger Jahren der aus Norwegen stammende Gene Amdahl[5], der als ehemaliger IBM-Mitarbeiter maßgeblich an der Großrechnerentwicklung beteiligt war. Mit der Unterstützung des japanischen Konzerns Fujitsu gründete er die Amdahl Corporation in Sunnyvale in Kalifornien und stieg in den Markt für Großrechner ein. 1975 lieferte er seine erste Maschine aus. Damit ließen sich System/360-Applikationen ohne IBM-Hardware ausführen.

Die Amdahl-Maschinen bildeten auch die Grundlage für die Mainframe-Rechner von Fujitsu-Siemens, die unter dem Betriebssystem BS2000 laufen und beispielsweise von der Deutschen Rentenversicherung eingesetzt werden. Seit der Trennung von Siemens und Fujitsu sowie dem damit verbundenen Ausstieg von Siemens aus dem IT-Geschäft steht hier ein großes Fragezeichen im Raum. Hitachi, ein weiterer Mitbewerber, hat sich 2001 aus der Mainframe-Welt verabschiedet.

Als weitere Maschine der Mainframe-Klasse ist das ehemalige "Himalaya"-System von Tandem[6] erwähnenswert. Es fristet nach der Übernahme durch Compaq und später Hewlett-Packard heute als NonStop Integrity Server[7] trotz seiner starken Leistung unter dem Dach von HP ein eher bescheidenes Dasein für bestimmte Anwendungen. Das System arbeitet ähnlich wie IBMs Mainframe mit eigener Betriebssystem- und Datenbank-Software.

In jüngster Zeit haben einige kleinere Unternehmen im Zusammenhang mit Mainframe-Anwendungen von sich Reden gemacht. So hat 2007 die EU-Wettbewerbsaufsicht das Großrechnergeschäft der IBM untersucht. Anlass war ein Beschwerde des von ehemaligen Amdahl-Mitarbeitern gegründete Start-Ups Platform Solutions (PSI). Die Untersuchung endete allerdings ergebnislos. Im Juli 2008 übernahm[8] IBM dann das Unternehmen PSI.

Ebenfalls 2007 tauchten in diesem Zusammenhang zwei weitere kleine Unternehmen in der Fachpresse auf. So wollte IBM Lizenzen für das in Arbuckle, Kalifornien, angesiedelte Unternehmen Fundamental Software[9] nicht erneuern, das Software für die Mainframe-Emulation herstellt. Gleiches galt für die Firma QSGI[10], aus Bloomington im US-Bundesstaat Minnesota, einem Spezialisten für generalüberholte, gebrauchte Mainframe-Rechner.

Im Januar dieses Jahres reichte die Firma T3 Technologies[11], aus Tampa, Florida, von 1992 bis 2002 ein Mainframe-Reseller, bei der EU-Kommission eine Beschwerde über IBM ein und klagte in den USA vor einem Zivilgericht in New York. Letzteres hat die Klage vorige Woche abgewiesen.

Die Begründung: IBM habe sehr viel Geld in die moderne Großrechnertechnik investiert. Die Technik nicht zu lizenzieren, sei kein Vergehen gegen das Wettbewerbsrecht. T3 will dagegen in Berufung gehen, schreibt die New York Times. IBM habe nun eine Aufforderung des Justizministeriums erhalten, Informationen zu seinem Marktverhalten herauszugeben.

Auf Anfrage von ZDNet erläutert IBM-Manager Roland Trauner technisch und wettbewerbsrechtlich die Situation: Technisch arbeiten die genannten Anbieter mit einer Emulation des von IBM entwickelten Mainframe-Betriebssystems zOS auf Intel-Prozessoren. Dazu brauchen sie eine Lizenz von IBM. Diese hatte T3 zwar für Maschinen erhalten, die von Entwicklern eingesetzt wurden, nicht aber für den Einsatz zusammen mit Anwendungen bei Endkunden. Umgekehrt kann IBM weder Solaris noch Windows auf der Mainframe-Architektur laufen lassen. Zusätzliche Anwendungen auf IBMs Mainframes laufen unter Linux.

Angesichts der anscheinend wieder aufgeflammten Grabenkämpfe am totgesagten Mainframe-Markt drängt sich die Frage auf, warum dieser immer noch attraktiv zu sein scheint. Nach Angaben der Marktforscher von IDC trug der Umsatz mit Mainframes 2008 immer noch 9,9 Prozent zum ingesamt rund 53 Milliarden Dollar schweren Server-Markt bei. Und das ist nur die Hardware, die "Big Irons" (große Eisen), wie sie in der Branche spöttisch bewundernd genannt werden.

Viel wichtiger scheint die Tatsache zu sein, dass unzählige Anwendungen unseres Alltags auf die Struktur der Mainframe-Architektur zurückgreifen. Vor allem im Banken- und Versicherungswesen sind die auf Transaktionen und Stapelverarbeitung spezialisierten "Big Irons" nicht wegzudenken. Überweisungen, Abhebungen am Bankautomaten oder Kartenzahlungen laufen über Mainframe-System, die lange schon auch auf Echtzeitanwendungen aufgerüstet wurden.

Viel Verwirrung entsteht dadurch, dass der begriff Mainframe häufig als Synonym für Großrechner im Allgemeinen genutzt wird. Das ist aber falsch. Es gibt mehrere Großrechnertypen. So sind Mainframes im Gegensatz zu sogenannten Supercomputern - früher Number Cruncher, heute HPC (High Performance Computer) genannt, die auf hohe Rechenleistungen (computing) hin entwickelt werden, als General-Purpose-Maschine auf Zuverlässigkeit und hohen Datendurchsatz ausgelegt. Die typischen Anwendungen eines Mainframes sind wie erwähnt in Banken, Versicherungen, großen Unternehmen und in der öffentlichen Verwaltung zu finden. Dazu kommen noch große Unix-Rechner von Herstellern wie Sun Microsystems und HP.

Dieser Server-Markt ist als Basis der Unternehmens-IT schon seit Jahren heftig umkämpft. Dabei konnten für viele Anwendungen Server nach dem sogenannten Industriestandard (Prozessoren von Intel oder AMD, Software von Microsoft oder Open Source) als preiswerte Lösungen punkten. Dies gilt vor allem für die sogenannten Blade-Server, die auch mit ihren guten "grünen" Werten und der leichteren Verwaltung gegenüber schwer zu verwaltenden Serverfarmen von sich Reden machten. Doch der "grüne" Vorteil gilt auch für Mainframes.

Die Herausforderung scheint zu sein, inwieweit diese Technik sich auch für die genannten geschäftskritischen Anwendungen der bisherigen Mainframe-Welt einsetzen lassen. Intel und Microsoft glauben jedenfalls daran, dass es geht. Sie unterstützen Firmen wie T3. Der bekannteste Anbieter für Mainframe-Migration ist jedoch das britische Unternehmen Micro Focus. Dessen "Enterprise Application Modernization Software" erlaubt es, "Mainframe- Applikationen mit modernen Technologien und Architekturen wie Java, Linux, .NET oder SOA zu verbinden". Enterprise-Anwendungen ließen sich so mit weniger Risiko und geringeren Kosten betreiben, so die Werbung. Überall scheint das noch nicht gelungen zu sein. Das belegen fast zehn Prozent vom Server-Markt für die Mainframes.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://news.cnet.com/U.S.-begins-inquiry-of-IBM-in-mainframe-market/2100-1014_3-6250147.html
[2] = http://www.nytimes.com/2009/10/08/technology/companies/08antitrust.html
[3] = http://www.ccianet.org/
[4] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_ibm_droht_angeblich_eu_kartellklage_story-39001020-39201388-1.htm
[5] = http://de.wikipedia.org/wiki/Gene_Amdahl
[6] = http://de.wikipedia.org/wiki/Tandem_Computers
[7] = http://h20341.www2.hp.com/integrity/cache/415174-0-0-82-150.html
[8] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_ibm_kauft_platform_solutions_story-39001020-39192966-1.htm
[9] = http://www.funsoft.com/
[10] = http://www.qsgi.com/index.htm
[11] = http://www.t3t.com/