"Die CMS-Branche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem"

(http://www.zdnet.de/magazin/41502746/die-cms-branche-hat-ein-glaubwuerdigkeitsproblem.htm)

von Peter Marwan, 16. September 2009

Jörn Bodemann, Vorstandsvorsitzender der E-Spirit AG, geht mit einigen Kollegen im CMS-Markt hart ins Gericht: Allzu oft hätten Anbieter in einem unübersichtlichen Markt viel versprochen, um dann viel Geld ihrer Kunden in Projekte zu versenken, die scheiterten. Aktueller Fall: Open Text. Der Anbieter will das nicht auf sich sitzen lassen.

Viel Feind, viel Ehr' – auf Marktsegmente in der IT-Branche passt der Spruch normalerweise nicht. Zwar belebt Konkurrenz prinzipiell das Geschäft, für viele Firmen ist aber eine gewisse Größe und Beständigkeit ihrer Lieferanten durchaus wünschenswert. Sie sehen daher Marktkonsolidierung nicht immer zwangsläufig negativ. Vorausgesetzt, bestehenden Kunden werden gangbare und vernünftige Wege aufgezeigt, wie sie mit dem Käufer ihres bisherigen Anbieters auch künftig weiterarbeiten können.

Das war für viele auch die erste Frage, als Open Text[1] im Frühjahr das amerikanische CMS-Flaggschiff Vignette übernahm. Hatte das Unternehmen doch erst kurz zuvor das ebenfalls eingekaufte Red Dot als das CMS-Referenzprodukt des Konzerns positioniert. Mit Vignette gab es nun plötzlich einen zweiten Kandidaten.

Jörn Bodemann, Vorstandsvorsitzender des deutschen CMS-Anbieters E-Spirit AG[2], hält das Vorgehen für schlecht - nicht nur für Open Text, sondern für die gesamte Branche. Denn, so Bodemann, die Unternehmen würden dadurch das Vertrauen in die Anbieter verlieren.

Dagegen kämpft Open Text an. In der Mitteilung[3] zum Abschluss des Vignette-Kaufs heißt es: "Open Text wird die Vignette-Produkte weiter unterstützen und den entsprechenden Kunden-Support leisten, auch für Anwender älterer Versionen von Vignette Content Management. Die bestehenden Web Solutions-Produkte von Open Text werden ebenfalls weiter unterstützt."

Allerdings betont CEO John Shackleton in der Mitteilung auch, dass Vignette eine entscheidende Rolle spielen wird. Welche ist noch unklar, dass soll erst auf der Hausmesse im Oktober[4] näher erläutert werden.

Eine parallele Weiterentwicklung beider Plattformen ist nach Bodemanns Ansicht aus wirtschaftlichen Gründen jedoch nicht zu erwarten. Aber auch die Verschmelzung beider Lösungen hält er für unwahrscheinlich, basiert die eine doch auf .NET, die andere auf Java. "Die Frage, welche nun weiterentwickelt wird und in welche Richtung die Migration gehen soll, drängte sich geradezu auf."Die Antwort[5], die Open Text auf der jüngsten Analystenkonferenz zu seinen Quartalszahlen gab, dass die Migration eher Richtung Vignette gehen wird, dürfte indes für weitere Verwunderung sorgen. Müssen Anwender, die gerade erst den offiziell empfohlenen Weg von Gauss zu Red Dot gegangen sind, damit einen weiteren Umstieg einplanen? Und haben Neukunden, die sich kürzlich für Red Dot entschieden haben, auf das falsche Pferd gesetzt?

"Aus meiner Sicht dürfte eine Migration von Red Dot zu Vignette technisch kaum möglich sein", so Bodemann. Diese könne zwar für Daten gelingen, für ganze Projekte jedoch nicht. Dafür sei die Architektur beider Systeme zu unterschiedlich. Aus Perspektive eines CMS-Anbieters sei zu kritisieren, dass die Kunden verunsichert werden.

"Sie investieren heute in eine Technologie, die morgen vielleicht schon obsolet sein wird. Diese strategische Ungewissheit ist schädlich für die gesamte Content Management Branche." Auch wenn Open Text in seiner neuesten Mitteilung[6] wieder zusagt, beide Produkte weiterentwickeln zu wollen, bleibe laut Bodemann doch unklar, wie lange dieser Kurs tatsächlich aufrecht erhalten werden kann.

Warum fällt Bodemanns Reaktion so heftig aus? Könnte er sich nicht zurücklehnen und abwarten, was sich seinem Unternehmen durch den Schlingerkurs des Mitbewerbers für Möglichkeiten bieten? "Nach wie vor kämpfen die CMS-Hersteller dafür, dass ihre Lösungen den Anstrich des 'nice to have' verlieren", so Bodemann.

"Content Management Systeme sind ein wesentlicher Baustein der Unternehmenskommunikation und damit der gesamten Unternehmensstrategie. Gerade heute, da die Anforderungen des Marktes an CMS-Lösungen bis in den Compliance-Bereich hinein reichen, bekommt die Technologie einen immer höheren Stellenwert. Ein produktstrategisches Hin-und-Her wie bei Open Text trägt in keiner Weise dazu bei, das Vertrauen in die Branche zu stärken."Jens Rabe, Vice President Web Solutions Group bei Open Text, weist die Kritik weitgehend zurück. Er räumt zwar ein, dass es nach der Vignette-Übernahme einige Zeit dauern wird, bis das Unternehmen den Kunden einen klaren Fahrplan vorlegen kann, aber das sei normal. "Es wäre doch fahrlässig, wenn wir nach so einer bedeutenden Übernahme mit einer unterschiedlichen Technologie nach ein oder zwei Wochen eine Aussage treffen." Spätestens im Oktober, bei der Hausmesse Open Text Content World, wolle man jedoch eine detaillierte Roadmap bekannt geben.

Ganz ohne Strategie sei die Übernahme aber natürlich nicht erfolgt. Derzeit differenziere man jedoch in erster Linie nach den Anwendungsfällen, weniger nach der technologischen Basis. Die von Red Dot stammenden Produkte verfolgten einen "seitenorientierten Ansatz". Darunter versteht Rabe, dass einem Autor der Inhalt im Kontext einer Seite zur Verfügung gestellt wird - bei Bedarf auch in unterschiedlichen Sprachen oder lokalisierten Versionen. Rund 2300 Kunden nutzten diese Produkte derzeit.

Vignette dagegen biete einen Ansatz, der von den Inhalten ausgehe. Sowohl Autoren als auch Administratoren sehen primär die Inhalte, statt der Seite. Anschaulich werde der Nutzen dieses Ansatzes bei der hochkomplexen Site von Mercedes Benz in den USA: Dort fließen etwa bei der Konfigurationsseite für Fahrzeuge so viele Informationen zusammen, dass ein Autor unmöglich alle aktuell halten kann. Dies geschieht daher verteilt, die Inhalte werden bedarfsgerecht in jeweils anderen Zusammenhängen verwendet.

"Wettbewerb schafft in Wild-West-Manier Unruhe"

"Beide Ansätze haben ihre Berechtigung", sagt Rabe. Daher werde man auch keine Produkte streichen. "Wir wären ja verrückt, angestammte Kunden nicht mehr mit den Ihnen vertrauten Konzepten zu bedienen."

Mittelfristig werde man jedoch dafür sorgen, dass die Technologien, die hinter den einzelnen Produkten stehen, zusammenwachsen. "Wir werden uns jedoch die Zeit nehmen, das gründlich zu tun. Dass der Wettbewerb in der Zwischenzeit in Wild-West-Manier versucht Unruhe in der installierten Basis zu schaffen, lässt sich nicht verhindern." Ohnehin, so Rabe, stünde etwa alle fünf Jahre eine gründliche Erneuerung der Technologieplattform an.

Da bei den Web Solutions (ehemals Red Dot) das Datenmodell und damit die Definition der Inhalte sehr weitgehend sei, erwartet Rabe, dass sich Umstellungen dank XML[7] relativ einfach vornehmen lassen. Beim Templating für die Erstellung der Website seien die Editoren nicht mehr der neueste Stand der Dinge, aber auch daran arbeite man bereits. Und über APIs, wo ReST[8]-basierter Zugriff mehr und mehr Standard wird, lasse sich ebenfalls viel vereinfachen und vergleichsweise unkompliziert regeln.

"Ich sage nicht, dass das ein Upgrade auf die nächste Technologiegeneration schmerzfrei geht", räumt Rabe ein, "aber ich glaube auch nicht, dass es für Kunden aufwändiger wird, als der Wechsel von einem Major Release zu einem anderen - sei es nun bei Open Text oder einem Mitbewerber."

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.opentext.de
[2] = http://www.e-spirit.com/de/
[3] = http://www.opentext.de/3/global/press-release-details.html?id=2235
[4] = http://www.opentext.com/contentworld/2009
[5] = http://seekingalpha.com/article/157446-open-text-corporation-f4q09-qtr-end-06-30-2009-earnings-call-transcript?page=5
[6] = http://www.opentext.de/3/global/press-release-details.html?id=2249
[7] = http://de.wikipedia.org/wiki/XML
[8] = http://de.wikipedia.org/wiki/ReStructuredText