Im Vergleich: Studien zur Stellung der Unternehmens-IT in der Krise

(http://www.zdnet.de/magazin/41502382/im-vergleich-studien-zur-stellung-der-unternehmens-it-in-der-krise.htm)

von Peter Marwan, 8. September 2009

Eine britische Studie bescheinigt deutschen Firmen einen Vorsprung bei der Bewältigung der Krise durch IT. Eine deutsche Studie zeigt eklatante Mängel bei der Ausrichtung der IT auf das Geschäft auf. ZDNet vergleicht die Ergebnisse.

Lässt es sich in der Krise noch strategisch denken? Oder bestimmt taktisches Handeln die Geschicke der Firmen-IT? Anders gesagt: Geht es in der Krise nur darum, Kosten zu senken und die Effizienz zu erhöhen, oder haben IT-Verantwortliche trotz allem noch Zeit und Geld, um sich Gedanken über die langfristige Planung zu machen? Diesen Fragen gingen zwei aktuelle Studien nach - mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Einen positiven Tenor für deutsche Unternehmen hat die von BMC Software[1] beim englischen Marktforschungsunternehmens Loudhouse Research[2] in Auftrag gegebene Studie. Für sie wurden 300 CIOs, IT-Leiter und Manager aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland aus unterschiedlichen Branchen befragt. Der durchschnittliche Umsatz ihrer Firmen beträgt zwei Milliarden Euro.

Weniger freundlich fällt eine von Detecon International[3] zusammen mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg für den deutschsprachigen Raum durchgeführte Umfrage[4] aus. Sie zeigt bei der Synchronisierung von IT und Business ("IT-Business-Alignment") in den meisten Unternehmen erheblichen Nachholbedarf. Befragt wurden Mitarbeiter im IT-Bereich, überwiegend in leitenden Positionen. Die Umfrageteilnehmer stammen zwar aus unterschiedlichen Branchen, ein Großteil ist jedoch in Unternehmen tätig, in denen die IT von hoher Bedeutung für den Geschäftserfolg ist. Über 70 Prozent arbeiten in Großunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, 35 Prozent sogar in multinationalen Konzernen mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Aus kleinen und mittelständischen Unternehmen stammen 29,2 Prozent der Befragten.

Die Studien unterscheiden sich aber nicht nur durch den Hintergrund der jeweils befragten Personen, sondern auch durch die Zielsetzung – zumindest vordergründig. Während Loudhouse im Auftrag von BMC nach Strategien zur Krisenbewältigung fragte, wollte Detecon den Stand des IT-Business-Alignments erfahren. Letztendlich geht es aber um dieselbe Frage: Hilft IT dem Unternehmen zu überleben, oder ist IT eher eine Bremse im Rennen um Kunden, Marktanteile, Umsätze und Gewinne?

72 Prozent der von Loudhouse für BMC befragten halten IT-Investitionen in jeder Wirtschaftslage für notwendig. 60 Prozent gestehen Investitionen in neue Technologien einen wesentlichen Einfluss auf die höhere Effizienz der Geschäftsabläufe zu. Dennoch hat europaweit die Bereitschaft für Ausgaben in IT-Innovationen durchschnittlich um 11 Prozent nachgelassen. Die Marktforscher führen das auf kurzfristigen Druck zur Kostenkonsolidierung zurück.

In Deutschland haben selbst in der Krise nur acht Prozent der Befragten ihre Ausgaben für IT-Innovationen heruntergefahren. 24 Prozent der deutschen Firmen investieren weiterhin. Das sind mehr als in Großbritannien (17 Prozent) und Frankreich (15 Prozent). Zudem haben die Marktforscher bei 46 Prozent aller befragten deutschen Unternehmen einen Trend zur Automatisierung der Geschäftsprozesse festgestellt. Dieser sei insbesondere auf die Optimierung der bestehenden IT-Infrastruktur zurückzuführen und daher wahrscheinlich eine kurzfristige Reaktion auf die Krise.

Seit Beginn der aktuellen Krise haben bereits 77 Prozent der von Loudhouse befragten Unternehmen durch Einsatz von Informationstechnologie Kostenoptimierungen in der IT-Abteilung erreicht. 64 Prozent konnten durch IT-Einsatz Kosten in anderen Geschäftsbereichen senken.

Im Rahmen der Auswertung der Studienergebnisse haben sich drei Strategien herauskristallisiert, mit denen die Befragten die Krise meistern wollen. Es gibt risikobereite, pragmatische und zurückhaltende Firmen.

Zu den risikobereiten Unternehmen zählen Loudhouse und BMC solche, die die Krise als Chance sehen, sich neu zu sortieren und in IT-Prozesse zu investieren. Die Ausgaben für IT-Innovationen werden bei ihnen um maximal 0,5 Prozent reduziert. Dazu zählen rund ein Viertel der Firmen.

Die als "pragmatisch agierend" definierten Unternehmen begegnen der Krise zumeist mit kurzfristig angelegten Maßnahmen zur Kostenreduzierung. 39 Prozent der Befragten bevorzugen Projekte, die einen schnellen ROI garantieren.

41 Prozent der befragten Firmen zählen zum Typ der zurückhaltenden Firmen. Diese führen ihr Geschäft zunächst wie gewohnt weiter. Sie geben wenig Geld für die Rationalisierung ihrer Infrastruktur aus. Zurückhaltende Organisationen sehen auch keinen direkten Mehrwert der IT für die Optimierung ihrer Prozesse.

Die von der Managementberatung Detecon International[3] zusammen mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg für den deutschsprachigen Raum durchgeführte Studie[4] sieht bei der Synchronisierung von IT und Business ("IT-Business-Alignment") in den meisten Unternehmen erheblichen Nachholbedarf. Nur 13,8 Prozent der Befragten attestieren ihrer IT eine optimale Unterstützung bei Herausforderungen wie hohem Preis- und Wettbewerbsdruck sowie dem Zwang zu Flexibilisierung und Innovation. 65 Prozent der Befragten bezeichnen das Business-IT-Alignment immerhin als "ausreichend". 18,1 Prozent jedoch als "unzureichend".

Das schlechte Business-IT-Alignment sei auch Folge einer großen Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in den Unternehmen, so Marc Laszlo, Senior-Berater bei Detecon und Mitautor der Studie. 79,4 Prozent der Befragten wissen, dass ihr Unternehmen eine IT-Strategie verfolgt. Deren Inhalt ist 41,2 Prozent der Mitarbeiter in den IT-Bereichen aber nicht bekannt. Trotz der hohen Bedeutung, die der IT-Strategie beigemessen wird, geben zudem knapp die Hälfte an, dass in ihrem Unternehmen kein Prozess zu deren systematischer Weiterentwicklung vorhanden ist.

Diese Ergebnisse sind ernüchternd - vor allem wenn man berücksichtigt, was die Befragten sonst noch so denken. 77 Prozent messen einer optimalen IT-Unterstützung ihres Geschäfts "hohe" bis "sehr hohe" Bedeutung zu. Und die 160 im Rahmen der Studie befragten Personen rekrutierten sich überwiegend aus Mitarbeitergruppen, die nach Angaben der Marktforscher aufgrund ihrer Tätigkeitsbereiche mit den Aspekten des Business-IT-Alignments vertraut sind. Das aber offenbar auch sie nicht genau wissen, was eigentlich gerade passiert, wirft kein gutes Licht auf die Firmen.

Verständlicher wird das Ergebnis auch dadurch nicht, dass die Hälfte der Befragten das Potenzial als "hoch" oder "sehr hoch", bezeichnet und 35,6 Prozent es immerhin noch als "mittel" einschätzen. Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass der durch systematisches IT-Business-Alignment erzielte Mehrwert in 56,3 Prozent der Fälle gar nicht gemessen wird. Das, so Detecon, wäre aber wichtig, um Investition vor der Geschäftsführung rechtfertigen zu können.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.bmc.com
[2] = http://www.loudhouse.co.uk/
[3] = http://www.detecon.com
[4] = http://www.detecon.com/business_it