RAAD Research sieht derzeit eine auffällige Zurückhaltung bei SAP, die eigene, früher als Enterprise SOA propagierte serviceorientierte Architektur zu bewerben und wertet das als Aufgabe des Walldorfer Sonderweges. Zahlreiche Umfragewerte sollen diese Einschätzung belegen.
Anfang des Jahres hat die Burton-Analystin Anne Thomas Manes mit harscher Kritik[1] an SOA eine neue Diskussion um das Schlagwort entfacht. Einst als Heilsbringer der IT gefeiert, habe sich SOA inzwischen als großes, fehlgeschlagenes Experiment entpuppt - zumindest für die meisten, die es damit versucht haben. SOA-Bemühungen hätten in der Regel alles nur noch schlimmer gemacht: Die Kosten seien höher, die Projekte dauerten länger, und am Ende seien die Systeme auch noch anfälliger als je zuvor. Kein Wunder, so Manes, dass bei reduzierten Budgets 2009 auch die Mittel für SOA-Initiativen drastisch gekürzt werden.
Für SAP schien diese Kritik nicht zu gelten, hatte der Walldorfer Konzern doch einen Sonderweg eingeschlagen. Er propagierte seine Version der Serviceorientierung als "eSOA" oder Enterprise SOA - und wollte sie damit als eine höherwertige SOA mit Geschäftslogik positionieren.
"Für SAP, das im Vergleich zu IBM, BEA oder der Software AG im Bereich Middleware ein Neuling war, war dies ein guter Schachzug", urteilen die Analysten des deutschen Marktforschungsunternehmens RAAD Research[2] rückblickend. Denn dadurch habe sich der Walldorfer Konzern aus Technikdiskussionen bezüglich Middleware in den IT-Abteilungen herausgehalten und das Thema gleich dort platziert, wo es nach Meinung vieler Experten auch hingehöre: im Business. SAP habe sich so stark vom Wettbewerb abgegrenzt und einen eigenen Markt geschaffen.
"Auch wenn technisch längst nicht alles ausgereift war, was SAP an Produkten und Konzepten im ersten Schritt anbot, hatte es doch einen großen Teil der Aufmerksamkeit für sich", so die Analysten[3] weiter. Inzwischen müsse man aber schon etwas suchen, bevor man auf der SAP-Site den Begriff "Enterprise SOA" finde. SAP spreche heute vordergründig 'nur noch' von SOA. Erst wer sich intensiver umsehe, finde auf der Site Broschüren aus dem Jahr 2006, die die "Enterprise-Service-Oriented-Architecture" erklären.
"Vielleicht hat SAP erkannt, dass ein Sonderweg - so er technologisch überhaupt einer ist - zwar Aufmerksamkeit beschert, aber die Kunden eventuell mehr verwirrt als begeistert", mutmaßen die Analysten. Regelmäßige Umfragen von RAAD innerhalb der SAP-Bestandskundschaft zeigten, dass die SOA-Adaption der SAP-Klientel, gemessen am Einsatz des Enterprise Service Bus XI/PI und der Business Prozess Plattform des SAP Netweavers, nur langsam voranschreite. SAP[4] will diese Kritik an seiner SOA-Strategie[5] nicht auf sich sitzen lassen. "Von Verwirrung auf Kundenseite kann keine Rede sein", sagt Carsten Linz, Global Head of SOA Adoption Program und Senior Vice President bei den Walldorfern, auf Anfrage von ZDNet.
"Aus den Gesprächen mit unseren Kunden erhalten wir laufend das Feedback, dass die Business-Process-Platform-Strategie von SAP schlüssig ist. Denn sie umfasst sowohl die Lieferung von Lösungen für besseren Business Insight (Business Objects) als auch von Best Practices (Suite Best Practices). Zudem ermöglicht sie Own Practices des Kunden zur weiteren Differenzierung durch SOA-enabled Business Processes und damit ein Mehr an Flexibilität und Integrationsfähigkeit."
Linz nennt als weitere Vorteile, dass die SAP-SOA-Einführung sowohl die Middleware als auch den "Business Content" umfasse. Außerdem biete SAP im Gegensatz zu anderen Anbietern semantisch angereicherte Services - sogenannte Enterprise Services - an. Auch die Kritik der Analysten, dass die SOA-Einführung der SAP-Klientel nur langsam voranschreite, will Linz so nicht stehen lassen.
Er kontert damit, dass über 1200 SAP-Kunden SOA mit SAPs SOA-Angebot nutzen. Über ein Viertel davon seien sogar Referenzkunden. Soll wohl heißen: Es ist davon auszugehen, dass sie mit dem Angebot zufrieden sind, sonst würden sie sich ja nicht vor den SAP-Karren spannen lassen.
Allerdings gliedert Linz SOA in mehrere Anwendungsszenarien auf. Deren Verteilung schätzt der Manager auf Basis der Referenzkundenprojekte folgendermaßen ab. Gut die Hälfte betrifft Prozessinnovation mit User Interface, ein weiteres knappes Drittel hat die Vereinfachung des User Interfaces zum Ziel. Jedes siebte Projekt strebt sogennante "Business Network Enhancements" an. Weitere fünf Prozent sind "technische Implementierungen".
Möglicherweise trägt also doch die unterschiedliche Nomenklatur zur Verwirrung bei - wenn nicht bei den SAP-Kunden, so doch in der Kommunikation zwischen SAP, Analysten, Presse und potzenziellen Kunden. Das würde zumindest die voneinander stark abweichenden Zahlen der unterschiedlichen Marktbeobachter erklären.
Eine Umfrage von RAAD Ende 2008 bei über 2500 IT-Leitern von SAP-Kunden in Deutschland ergab, dass lediglich 14 Prozent die SAP Netweaver Komponente XI/PI aktiv einsetzen und damit technologisch und von der Mitarbeiterkompetenz her überhaupt den Weg in Richtung SOA im Sinne von SAP gehen können. Nur zwei Prozent der Kunden gaben an, die Business Process Plattform zu nutzen, welche die Grundlage für "Enterprise SOA" ist. Beide Anteile sind innerhalb der letzten beiden halbjährlich von RAAD durchgeführten Befragungen in Deutschland annähernd konstant geblieben.
Die Analysten erklären sich die von ihnen festgestellte Zurückhaltung damit, dass für viele Unternehmen in den letzten zwei Jahren vor allem die Migration auf SAP-ERP-6.0-Technologie im Vordergrund gestanden hat. Die Umsetzung eines neuen IT-Paradigmas musste dahinter zurückstehen. Den Zahlen von RAAD zufolge nutzt zudem ein großer Teil der SAP-Anwender auch heute noch R/3-Systeme, für die die Umsetzung einer SOA mit dem SAP Netweaver als zentraler Komponente noch in weiter Ferne liegt.
Zwar seien viele Unternehmen jetzt auf dem Weg, SOA technologisch umzusetzen zu können. Häufig mangele es aber noch an den organisatorischen Voraussetzungen. Diese Behauptung belegen die RAAD-Analysten mit einer in Zusammenarbeit mit dem IT-Service-Managment-Forum (itSMF[6]) zum Thema IT-Service-Management[7] durchgeführten Umfrage[8] im vergangenen Jahr. Demnach setzen 30 Prozent der Unternehmen im gehobenen Mittelstand und aufwärts noch kein definiertes IT-Service-Management ein.
Weiter nutzten weniger als 10 Prozent der befragten Unternehmen sowohl operativ als auch strategisch Methoden des IT-Service-Managements, um Geschäftsprozesse bestmöglich durch die IT-Organisation zu unterstützen. Ihr Fazit deshalb: Im Bereich IT- und SOA-Governance haben die deutschen Unternehmen noch reichlich Nachholbedarf.
Wolfgang Martin, Analyst und Inhaber des Beratungshauses Wolfgang Martin Team[9], kommt bei dem in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich KOM der TU Darmstadt[10] erarbeiteten "SOA Check 2009" dagegen zu ganz anderen Ergebnissen[11]. Laut dieser Studie befinden sich 15 Prozent der im deutschsprachigen Raum befragten Unternehmen bereits in der Endphase der Umsetzung. 43 Prozent sind demnach auf dem Weg der Umsetzung. 38 Prozent beschäftigen sich seit über zwei Jahren mit SOA.
Außerdem hätten Unternehmen auch den Nutzen von SOA inzwischen klar verstanden. 27 Prozent der Umfrageteilnehmer versprechen sich von der Einführung, die Flexibilität ihres Unternehmens zu steigern. 21 Prozent wollen ihre Prozesse optimieren, 14 Prozent damit die Markteinführung von Produkten beschleunigen.

Lediglich ein Content-Management-Problem der SAP-Website oder ein Strategieproblem? Die Google-Suche nach "SAP SOA" ergibt als Top-Treffer den Link zur "Enterprise-SOA-Site" des Unternehmens: www.sap.com/germany/plattform/enterprisesoa/index.epx ...

... dort ist aber nicht viel geboten. Die Informationen sind auf die Site http://www.sap.com/platform/soa/index.epx (ohne "Enterprise") umgezogen.
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