Auch nach seinem Rückzug bei Microsoft ist Bill Gates weiterhin einer der einflussreichen Männer in dem Konzern. Außerdem hält er als einer der reichsten Menschen der Welt Kontakt zu Politikern und Wissenschaftlern weltweit. Im Interview plaudert Gates aus dem Nähkästchen und erzählt, was ihn gerade bewegt.
Es ist nun ein Jahr her, dass Bill Gates[1] seine Vollzeitbeschäftigung bei Microsoft aufgegeben und das Ruder des Unternehmens an Steve Ballmer übergeben hat[2]. Wie so viele andere Rentner hat jedoch auch Gates genügend Vorhaben und Projekte gefunden, die ihn auf Trab halten. Im Gegensatz zu manchem anderen Pensionär sind Gates Aktivitäten aber auch im Ruhestand von weitreichender Bedeutung. Grund genug für Ina Fried, von der ZDNet-Schwesterpublikation CNET.com, den arbeitsamen Ex-Firmenchef im Detail auszufragen[3].
Gates engagiert sich bei vielen Projekten: Etwa im Kampf gegen Kinderlähmung, bei der Eindämmung der Malaria, oder bei Versuchen, das marode US-Bildungssystem wieder in Ordnung zu bringen. Zwischendurch konnte er sich aber auch noch einen ganz privaten Traum erfüllen, indem er eine auf Videoband aufgezeichnete Vorlesungsserie des amerikanischen Physikers und Nobelpreisträgers Richard Feynman[4] kostenlos im Web verfügbar machte[5].
Gates hat dazu die Rechte an den Videos erworben und Microsoft Research[6] gebeten, eine interaktive Software zu entwickeln, welche die Videos begleitet. Aber alte Freundschaft verpflichtet: Um das Angebot nutzen zu können, benötigt man Microsoft Silverlight[7]. Die Vorlesungen stehen aber auch bei Youtube[8] zur Verfügung.
Bill Gates erzählt im Interview mit CNET[3], dass er die Videos vor 20 Jahren entdeckt habe. Damals sei er begeistert gewesen: "Die waren einfach unglaublich gut." Mit der Aktion wolle er mehr Menschen dazu bringen, auf ganz einfache Art Wissenschaft mit Tiefgang zu erleben beziehungsweise überhaupt an Wissenschaft heranführen. In den Vorlesungen werden etwa Begriff wie "Schwerkraft" anschaulich erklärt und deren Bedeutung für die Zusammenhänge im Universum leicht verständlich dargestellt.
In dem ausführlichen Interview nimmt Gates sowohl zu allgemeinen Problemen von Entwicklung und Technologie sowie zu den Veränderungen bei Microsoft Stellung, gibt Einblicke in die Absichten mit dem derzeit bei Microsoft unter dem Codenamen "Natal" entwickelten Produkt und äußert sich eingehend zu Googles gerade erst angekündigtem Chrome OS. ZDNet: Der Physiker Fritjof Capra[9] hat in den siebziger Jahren eine Reihe von Büchern über Ökologie und die aus seiner Sicht bestehenden Grenzen des die westlichen Vorstellungen prägenden Denkansatzes von Descartes[10] geschrieben. Laut Capra ging dadurch, dass man sich von Descartes inspiriert auf die Details konzentrierte und diese bis ins Allerletzte zu verstehen versuchte, der Blick für das Ganze verloren – wodurch Themen wie Ökologie und sehr komplexe Systeme aus dem Blickfeld der Wissenschaft gerieten. Ist das tatsächlich die Ursache einiger unserer aktuellen Probleme?
Gates: Die schwierige Situation, von der Sie sprechen, sieht doch so aus: Wir haben Elektrizität, Medikamente, Impfungen – all das gerade wegen des wissenschaftlichen Fortschritts, der durch dieses Denken angestoßen wurde. Und wenn wir uns neue Materialien erschließen, neue Batterien erfinden, Solar- oder Kernenergie entwickeln, die die Umwelt nicht schädigen, dann auch das aufgrund dieses wissenschaftlichen Denkens.
Der unglaubliche Fortschritt und die enormen Verbesserungen des Lebensstandards, der Lebenserwartung, der Alphabetisierung und so weiter sind alle auf das bessere wissenschaftliche Verständnis der Welt zurückzuführen. Bei der Betrachtung der Geschichte unterschätzen die Menschen in der Regel, wie die Vorarbeit der Wissenschaft diese enormen Fortschritte möglich gemacht hat.
ZDNet: Haben wir ein Problem, wenn wir es nicht schaffen, breiten Gesellschaftsschichten wenigsten ein Grundverständnis von den Wissenschaften und ihren Werkzeugen zu vermitteln?
Gates: Wenn man tiefer in die Materie eindringt, werden natürlich auch die Probleme komplexer. Was zählt, sind aber dennoch die Werkzeuge zur Modellierung und Simulation. Wichtig ist auch, genügend politisch aktive Menschen, die dennoch ausreichend Verständnis für Wissenschaft aufbringen, in die Diskussion einzubeziehen. Es gab einmal ein Buch mit dem Titel "Physik für künftige Präsidenten[11]", das einige Grundlagen über Energie, Kosten und Gefahren von Strahlung sowie Nuklearwaffen ziemlich unumwunden aufgriff. So etwas braucht man.
Ja, wir haben ein Problem, wenn es uns nicht gelingt, breiten Gesellschaftsschichten zumindest ein Grundverständnis von Wissenschaft und deren Methoden zu vermitteln. Mit den großartigen Vorlesungen, die jetzt Online verfügbar sind, verfolge ich mehrere Ziele: Die Bildung zu verbessern, mehr Menschen für ein umfassenderes Interesse an der Wissenschaft zu begeistern, aber auch mehr Menschen überhaupt an die Grundzüge der Wissenschaft heranzuführen. ZDNet: In unserem Interview vor einem Jahr sprachen wir auch darüber, wie Sie sich Ihr Leben vorstellen, wenn Sie nicht mehr den ganzen Tag für Microsoft arbeiten. Wenn Sie Bilanz ziehen: Was kam anders, als sie es erwartet haben? Und was haben Sie so erwartet?
Gates: Die Arbeit in der Stiftung[12] ist sehr befriedigend und mit ihr geht eine interessante Komplexität einher. Im Großen und Ganzen entspricht meine Tätigkeit jetzt den Vorstellungen, die ich davon hatte - sie unterscheidet sich aber natürlich stark von dem, was ich vor meinem Jobwechsel getan habe. Mit Microsoft beschäftige ich mich noch 20 Prozent meiner Zeit. Dabei stehen Dinge wie die kommende Office-Version, Suche oder andere Dinge, für die mich Steve (Ballmer) um meine Meinung gebeten hat, auf der Tagesordnung.
Die vergangenen drei Monate verbrachte ich komplett in Europa. Sogar die Familie zog mit rüber. Ich war in Cambridge und Oxford. In dieser Zeit fokussierte ich mich stark auf Wissenschaft und Partner - sowohl bei Regierungen als auch bei Firmen -, sowie auf Dinge, die in Europa angesiedelt sind.
Das ist vorerst abgeschlossen, mein Programm wird sich in den nächsten sechs Monaten jedoch nicht ändern, denn dann werde ich mich in Indien und Afrika mit Firmen und Wissenschaftlern treffen. Die Arbeit für die Stiftung ist aufregend und glücklicherweise habe ich Jeff Raikes, der sie als CEO betreut, so dass meine Rolle für die Stiftung der gleicht, die ich bei Microsoft hatte, als Steve bereits den Posten des CEO übernommen hatte und ich mich mehr mit dem Forschungsbereich, den Fortschritten und den neuen Ideen beschäftigte.
ZDNet: Und Sie engagieren sich bei Intellectual Ventures[13]. Ich weiß, dass jedes Mal, wenn Ihr Name auf einer Patentanmeldung erscheint, die Leute aufhorchen - ganz gleich, ob es darum geht, wie man Hurrikane aufhält[14], um Bierfässchen oder was sonst auch immer.
Gates: Stimmt. Wir werden Kühe dazu bringen, nicht mehr zu furzen[15]. Suchen Sie sich ein Thema aus- wir sind schon dran... Es hat wirklich Spaß gemacht, Top-Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenzubringen und darüber nachdenken zu lassen, wie Probleme unserer Zeit gelöst werden können.
Was die Stiftung anbelangt, hat Nathan (Myhrvold[16]) die Möglichkeit, große Wissenschaftler zu versammeln, dazu genutzt, darüber nachzudenken, wie sich Impfstoffe mit weniger Kühlschränken vor Ort bringen lassen oder wie sich Milch besser pasteurisieren lässt.
Daraus entstehen aber auch Fortschritte für den reichen Teil der Welt, etwa rund um die Energieversorgung. Beispielsweise führte ein Ansatz zur Gründung[17] der Firma TerraPower[18], die sich auf eine radikal neue, grundlegend verbesserte Funktionsweise für Kernkraftwerke konzentriert. Das umzusetzen ist furchtbar schwer - aber es wird unschätzbar wertvoll sein, wenn es funktioniert.
ZDNet: Mich würde interessieren, wie Sie jetzt, nachdem Sie das Unternehmen verlassen haben, Microsoft als Firma einschätzen. Und was denken Sie über Googles Bemühungen, bei Betriebssystemen mitzuspielen?
Gates: Um den zweiten Teil Ihrer Frage kurz und bündig zu beantworten: Es gibt sehr, sehr viele Formen von Linux-Betriebssystemen im Markt, die unterschiedlich paketiert sind und unterschiedlich gebootet werden. Im Detail bin ich nicht darüber informiert, was Google macht. Irgendwie bin ich aber schon darüber erstaunt, dass die Leute so tun, als ob daran etwas Neues wäre. Es gibt doch schon Android auf Netbooks - und da wird der Browser auch mitgeliefert. Auf jeden Fall sollte man Google dazu bringen, konkrete Aussagen dazu zu machen, was sie tun wollen. Das ist doch typisch: Jedes Mal, wenn Google etwas tut, ist die Aufregung groß. Und umso unklarer die Ankündigung ist, desto interessanter erscheint sie den Medien.
ZDNet: Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass eine Ahnung da ist - und ich weiß, dass Microsoft Research sich auch damit beschäftigt hat –, dass der Browser, weil er inzwischen eine so zentrale Stellung besetzt, mehr Charakteristiken eines Betriebssystems annehmen muss.
Gates: Das zeigt nur, dass das Wort "Browser" weitgehend bedeutungslos geworden ist. Was ist denn ein Browser und was ist kein Browser? Ist es ein Browser, wenn Sie einen Film abspielen? Wenn Sie Anmerkungen schreiben - ist das dann ein Browser oder kein Browser? Und Texte zu bearbeiten: Ist das ein Browser oder kein Browser? In vielen Bereichen ist es mehr der Missbrauch der Terminologie als eine echte Veränderung.
ZDNet: Und der erste Teil der Frage: Wie geht es Microsoft?
Gates: Ich denke immer: Warum macht Microsoft nicht noch mehr, weil das jahrelang mein Credo war: Schnell etwas bewegen, rasch neue Dinge tun. Aber - auch das muss man sagen - Windows 7 ist ein ausgezeichnetes Stück Arbeit. Ich würde sogar soweit gehen, dass es verglichen mit anderen Betriebssystemen und mit anderen Windows-Versionen ein außergewöhnlich schönes Stück Arbeit.
Was Microsoft bei den neuen Office-Versionen macht? Ich glaube, sie haben neulich gezeigt, wie die Web-Angebote sich einklinken lassen. Aber es gibt da noch einiges in der neuen Version, über das in den nächsten neun Monaten viel gesprochen werden wird. Die Arbeit an der Suche geht auch gut voran. Mit Bing haben wir da jetzt etwas sehr Ansehnliches vorgestellt, und man nimmt uns nun im Markt wahr. Wir stellen außerdem neue Top-Leute ein, die bereit sind, die Probleme von einer neuen Seite aus anzupacken.
Am meisten Verbindung habe ich wahrscheinlich noch zur Forschungsabteilung. Ich war vor ein paar Wochen in den Labors in Cambridge und Indien. Die beiden sind sozusagen die Kronjuwelen, wenn es darum geht, sich nette neue Sachen für Microsoft auszudenken. Ein Beispiel, dass Sie sicher erstaunen wird, ist diese neuartige, räumlich sehende Kamera, die in etwas über einem Jahr fertig sein wird. Sie eignet sich nicht nur für Spiele, sondern für den Medienkonsum überhaupt.
Wenn sie für interaktive Meetings mit einem Windows-PCs verbunden wird, macht sie Zusammenarbeit und Kommunikation zu einer coolen Sache. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Microsoft Research grundlegend daran arbeitet, und um zu zeigen, dass sich mit räumlichen Informationen großartige Sachen machen lassen. Als das da war, haben sich sowohl die Xbox- als auch die Windows-Leute darauf gestürzt. Seitdem sind die Ideen, wie es sich im Office-Umfeld nutzen lässt, viel konkreter geworden. Da kommt noch viel Aufregendes auf uns zu.
ZDNet.de für mobile Geräte: m.zdnet.de [19]
ZDNet.de steht nun auch in einer für mobile Geräte optimierten Version zur Verfügung. Unter m.zdnet.de[19] finden Sie Nachrichten, Blogs und Testberichte.
ZDNet: Habe ich den letzten Punkt richtig verstanden? Es geht um 3D-Kameras, ähnlich denen im Spielecontroller Natal[20]?
Gates: Genau, wie bei Natal. Es geht um die Software-Bibliotheken und die Anwendungen, die wir rund um Natal entwickeln.
ZDNet: Und das wird überwiegend für Spiele verwendet? Oder auch in anderen Einsatzszenarien?
Gates: Ich denke, der Nutzen ist im privaten Umfeld sehr hoch, aber auch beim Einsatz im Büro, in Verbindung mit einem Windows-PC. Microsoft Research und die einzelnen Produktabteilungen sind da an vielen Sachen dran, denn sinkende Kosten werden im Lauf der Zeit dazu führen, dass man sich überlegt, warum man die Technologie nicht auch in den meisten Büroumgebungen nutzen kann.
Die geplanten Möglichkeiten von Natal zeigt Microsoft mit mehreren Videos bei Youtube. ZDNet.de hat zwei davon ausgesucht.
URLs in diesem Artikel:
[1] = http:/
[2] = http:/
[3] = http:/
[4] = http:/
[5] = http:/
[6] = http:/
[7] = http:/
[8] = http:/
[9] = http:/
[10] = http:/
[11] = http:/
[12] = http:/
[13] = http:/
[14] = http:/
[15] = http:/
[16] = http:/
[17] = http:/
[18] = http:/
[19] = http:/
[20] = http:/