Alle Welt redet davon, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und Energie zu sparen. Und wer macht es? Die IT jedenfalls nicht. Dabei geht es bei Green-IT doch nur um eines: Kosten sparen. Das scheinen die Unternehmen aber noch nicht verstanden zu haben.
Green-IT ist immer noch ein schwammiger Begriff, der nicht annähernd mit Leben gefüllt ist. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie, die die Experton Group[1] gerade vorgelegt hat. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 85 Prozent der befragten IT-Verantwortlichen können den konkreten Energiebedarf ihrer Abteilung überhaupt nicht beziffern.
"Das ist ein katastrophales Ergebnis", konstatiert Wolfgang Schwab, Senior Advisor und Programm Manager Efficient Infrastructur bei der Experton Group. "Im Vergleich zum Vorjahr hat sich hier kaum etwas zum Positiven geändert. Ein Umweltbewusstsein existiert praktisch nicht."

"Green-IT ist in erster Linie ein ökonomisches Thema, das der IT helfen könnte, die eigenen Betriebskosten zu senken und die knappen Budgets zu entlasten", meint Experton-Analyst Wolfgang Schwab (Bild: Experton Group).
Eine Entschuldigung gebe es dafür nicht. Sicherlich habe die Finanzkrise ihren Anteil daran, dass die Unternehmen ökologische Projekte derzeit in den Hintergrund drängen. "Green-IT ist aber in erster Linie ein ökonomisches Thema, das der IT helfen könnte, die eigenen Betriebskosten zu senken und damit die knappen Budgets zu entlasten", erklärt Schwab.
Anscheinend haben die Unternehmen das aber nicht verstanden. Sie rechnen zwar damit, dass der Energiebedarf und damit die Kosten weiter steigen - das erwartet gemäß Studie fast die Hälfte -, genauer beziffern kann das allerdings niemand.
Völlig grotesk wird es dann bei der Antwort auf die Frage, ob die System-Management-Suite beispielsweise ein Energie-Monitoring aller aktiven Komponenten unterstützt und ob dieses auch genutzt werde: 46 Prozent haben ein solches Feature, machen aber keinen Gebrauch davon. Eine Erklärung für diese fast schon ignorante Haltung könnte der geringe Anteil der IT-Stromkosten an den gesamten Energieausgaben der Unternehmen sein. Im produzierenden Gewerbe beträgt er gerade einmal drei Prozent. Geht man davon aus, dass das Einsparungspotenzial bei zehn oder zwanzig Prozent der Gesamtkostenliegt, bewegt es sich hier also im Promille-Bereich.
Aber selbst in Branchen, in denen 80 Prozent des Strombedarfs zu Lasten der IT geht, sieht es nicht viel besser aus. Laut Experton verbraucht ein Mitarbeiter einer Versicherung etwa 32.000 Kilowattstunden im Jahr. Im Vergleich dazu könnte man eine vierköpfige Familie mit einem durchschnittlichen Bedarf zwischen 10.000 und 12.000 Kilowattstunden fast schon als Öko-Enthusiasten bezeichnen. "Bei einigen Versicherungen tut sich zwar inzwischen etwas," sagt Schwab. "Doch von einem flächendeckenden Bewusstsein kann bei weitem nicht die Rede sein."
Schuld an der Misere sei vor allem, dass der CIO seine Stromrechnung nicht selbst bezahlen muss. Wie die Studie ergab, begleichen bei Unternehmen mit 200 bis 499 Mitarbeitern lediglich drei Prozent der IT-Verantwortlichen die Rechnung für den von ihrer Abteilung verbrauchten Strom selbst. Bei Firmen mit 500 bis 999 Mitarbeitern sind es sechs Prozent und bei Firmen mit 1000 bis 4999 Mitarbeitern 13 Prozent. Bei größeren Betrieben mit mehr als 5000 Beschäftigten muss es fast die Hälfte tun.
"Die Kosten für die Einrichtung eines grünen IT-Betriebs amortisieren sich bei richtigem Ansatz innerhalb von zwei Jahren - allein durch die Energieeinsparung", sagt Isabel Richter, Referentin Umwelt und Nachhaltigkeit beim Bitkom[2].
"Allerdings kommt dies in der IT-Abteilung oft nicht an, denn die Stromkosten von Unternehmen laufen noch immer in der Regel nicht dort, sondern im Gebäudemanagement als Kostenpunkt auf. Wer Green-IT zum Durchbruch verhelfen will, der sollte die Verantwortung für den Energieverbrauch der IT-Systeme dorthin legen, wo die Entscheidungen getroffen werden: in das IT-Management."
Dabei sind erste Ansätze zu Einsparungen so einfach. "Mit Green-IT verbinden die meisten in erster Linie das Rechenzentrum und dort insbesondere die IT-Infrastruktur. Aber auch die Klimatechnik und die Anlage zur unterbrechungsfreien Spannungsversorgung (USV) gehören dazu", sagt Experton-Mann Schwab.
Knapp 45 Prozent der Kosten gingen zu Lasten der Klimatechnik. Dieser Löwenanteil ließe sich schon allein dadurch reduzieren, dass die Server-Racks richtig aufgestellt werden. Die Einsparungen liegen hier zwischen 10 und 30, teilweise sogar bei bis zu 40 Prozent - und das meist völlig ohne Investitionen in neue Hardware. Ein ordentliches Virtualisierungsprojekt ermögliche zudem, die Stromkosten um weitere 20 bis 30 Prozent zu senken.

"Die Kosten für die Einrichtung eines grünen IT-Betriebs können sich sich allein durch die Energieeinsparung innerhalb von zwei Jahren amortisieren", sagt Isabel Richter, Referentin Umwelt und Nachhaltigkeit beim Bitkom (Bild: Bitkom).
Um ein Green-IT-Projekt erfolgreich anzustoßen, braucht es allerdings schon ein bisschen Fingerspitzengefühl. Nicht jede Geschäftsführung springt bei diesem Vorschlag vor Freude in die Luft. "Energieeffizienz muss sich finanziell rechnen", sagt Richter. "Nur selten nehmen Anwender höhere Kosten in Kauf, um bewusst die Umwelt zu schützen."
Auch andere, vergleichsweise einfache Maßnahmen führen teilweise zu enormen Einsparungen. Beispielsweise konnte die Bundesagentur für Arbeit bereits im vergangenen Jahr ihre Stromkosten durch ein Energiesparkonzept für PCs um über über vier Millionen Euro jährlich reduzieren[3]. Ebenfalls ohne Neuanschaffungen oder veränderte Arbeitsabläufe.
Seit dem Frühjahr gibt es auch die Möglichkeit, staatliche Gelder zu beantragen. Das "Beratungsbüro Green-IT" des Bitkom informiert IT-Anwender über neue Technologien, Einsparpotenziale und Fördermöglichkeiten. Wer seinen Energieverbrauch optimieren will, wird zu bundesweiten Fördermaßnahmen des Umweltministeriums und der KfW Bankengruppe beraten - und zwar herstellerneutral, kompetent und vor allem kostenfrei.
"Die Resonanz ist bisher sehr hoch und vielfältig, mit stark wachsender Qualität," resümiert Richter. "Wir haben viele Anfragen aus der öffentlichen Hand, zum Beispiel Verwaltung, Schulen, Hochschulen." Der Mittelstand habe bislang aber nur zögerlich reagiert.
Seit fast drei Jahren ist Green-IT das große Thema. Die Marketing-Anstrengungen der Anbieter sind immens. So überbieten sich etwa HP[4] und Dell[5] beinahe in monatlichem Rhythmus mit Meldungen, wo sie wieder einmal wieviel Energie und CO2 eingespart haben. Greenpeace zeigt sich davon unbeeindruckt: Beide Firmen erhalten in den Rankings der Umweltaktivisten fast ebenso regelmäßig schlechte Noten[6].
Und seit kurzem beteiligt sich auch Microsoft[7] am Energiesparwettlauf: Seit Anfang Juli hat der Softwarekonzern unter www.microsoft.de/umwelt[8] einen Bereich eingerichtet, mit dem Privatkunden und Firmen informiert werden sollen, wie sie durch den geschickten Einsatz von Informationstechnologie zur Energieeinsparung und damit zur Verringerung des globalen CO2-Ausstoßes beitragen können. Außerdem will Microsoft dort darstellen, wie es sich als Unternehmen und Arbeitgeber selbst für den nachhaltigen Schutz der natürlichen Ressourcen einsetzt.
Glaubt man den Ergebnissen der Experton-Umfrage, haben alle diese Bemühungen der Hersteller bisher jedoch nur mäßigem Erfolg. Vielleicht sollten die Anbieter demnächst ganz auf den Begriff "Green-IT" verzichten und lieber wieder von dem reden, um was es eigentlich geht: Vom Geld. Ganz ohne zusätzliches, hehres moralisches Mäntelchen.
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