Neue Top Level Domains: Tiefe Taschen entscheiden

(http://www.zdnet.de/magazin/41005809/neue-top-level-domains-tiefe-taschen-entscheiden.htm)

von Max Freitag, 29. Juni 2009

Schon lange bastelt die ICANN an einem Bewerbungsverfahren für zusätzliche Top-Level-Domains. Es ist kompliziert, teuer und wenig transparent. Die erste Runde soll Anfang 2010 anlaufen. ZDNet erklärt den Ablauf und die Kritik.

Internetnutzer haben sich daran gewöhnt, das Webadressen mit .com, .org, .net, .biz, .info oder Länderkürzeln enden. Doch das ändert sich ab 2010. Dann kann sich - wer die umfangreichen Bewerbungsbedingungen erfüllt - um eine der neuartigen generischen Top-Level-Domains (gTLDs[1]) bemühen. Eine gTLD darf aus dem Firmen- oder Organisationsname des Bewerbers bestehen, zum Beispiel .siemens, oder aber ein generischer Begriff wie .auto oder .pharma sein. Nur eines darf sie nicht: weniger als drei Buchstaben haben. Unternehmen wie VW oder HP müssen sich also etwas einfallen lassen.

Alleinige Entscheidungsinstanz über die Vergabe der neuen TLDs ist die ICANN[2] (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers). Dieses Gremium wiederum wird allein vom amerikanischen Handelsministerium beaufsichtigt. Letzten Endes heißt dass, das die Regierung der Vereinigten Staaten maßgeblich beeinflussen kann, wer eine der publicityträchtigen neuen Domains bekommt.

Bei einer globalen Ressource von der Bedeutung des Internets ist das zumindest bemerkenswert. "Das Internet gehört eigentlich in die Verwaltung der Vereinten Nationen", meint daher beispielsweise Friedrich Bernreuther, Rechtsanwalt der Sozietät Curos[3] aus München. Er greift damit eine Forderung auf, die 2005 schon einmal im Raum stand, aber vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan abgelehnt wurde.

Annan hielt die Verwaltung des Netzes durch die amerikanische Stiftung damals für sinnvoll und die Vereinten Nationen nicht für die geeignete Institution. Aktuell steht die Frage aber wieder im Raum, denn zum 30. September läuft das Abkommen aus, das der US-Regierung die Hoheit über die ICANN einräumt. Die Europäische Kommission beispielsweise drängt (PDF[4]) auf eine Neuregelung.

Aber wer auch immer ab dem 1. Oktober die ICANN kontrolliert, die Vergabe der neuen Top Level Domains wird das voraussichtlich nicht ändern. Und das Bewerbungsverfahren für eine gTLD hat es in sich. So ist das Bewerbungsfenster in jedem Jahr nur 45 Tage geöffnet. Wer sich mit einer gTLD schmücken will, muss zunächst Hunderte von Seiten lesen - so lang ist das Bewerberhandbuch - , einen 60 Fragen umfassenden Fragebogen im Internet ausfüllen und umfangreiche technische Voraussetzungen schaffen.

"Das alles kostet leicht eine halbe Million Euro", sagt Dirk Krischenowski von Dotzon[5] aus Berlin. Dieser Dienstleister hat sich zum Ziel gesetzt, potenziellen Bewerbern durch den Dschungel des Verfahrens zu helfen. Ist die Domain erst einmal beschafft, fallen jährlich Kosten von rund 100.000 Euro für den Betrieb an. Interessenten sollen eine hochverfügbare, sichere Rechnerinfrastruktur vorweisen, die selbst dann einige Jahre funktioniert – angepeilt werden fünf bis sieben -, wenn der Besitzer der gTLD zum Beispiel pleite geht. Dafür muss die Organisation oder das Unternehmen entsprechende Gelder hinterlegen. Nachzuweisen ist auch, was genau der Bewerber mit der gTLD plant. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Begriff "Community", also die angepeilte Zielgruppe.

Die kann sehr heterogen sein, besonders deshalb, weil Betreiber einer gTLD ihrerseits als Registrare Second-Level-Domains vergeben können. Siemens könnte zum Beispiel für seine Medizintechnik-Produkte die Adresse www.medizintechnik.siemens erfinden oder IBM für seine Vertriebspartner Adressen nach dem Muster www.computer-mueller.ibm.

Das Nachsehen haben, falls es mehrere Bewerber gibt, immer diejenigen, die eine eher indifferente Zielgruppe ansprechen. Wer zum Beispiel die gTLD .computer beantragt und als Ziel angibt, man wolle damit einfach alle ansprechen, die einen Computer besitzen, dem wird jeder Computerproduzent, aber auch jede Vereinigung von Computerhändlern vorgezogen, weil deren Community (die jeweiligen Kunden respektive Geschäftspartner) besser abgegrenzt ist. Ansonsten zählen die Technik und die "Story" - so diffus dieses Kriterium auch sein mag.

Immerhin kann ein Domain-Bewerber die technischen Auflagen auch erfüllen, wenn die Infrastruktur durch einen Dritten vorgehalten wird – hier wittern Profi-Hoster wie Internetwire[6] aus München oder Epag[7] aus Bonn bereits ein neues, lohnendes Geschäftsfeld. "Mit Sicherheit wird sich nicht jeder Bewerber um eine gTLD um die gesamte Technik kümmern wollen", meint Stefan Legner, Berater bei dem Münchner Hoster. Erhalten zwei Bewerber um die gleiche Domain eine ähnliche Punktzahl, wird die begehrte gTLD meistbietend versteigert.

Die Organisationsstruktur der ICANN zeigt, dass es in dem Gremium trotz zahlreicher Meetings und Diskussionen im Grunde wenig demokratisch zugeht. Im ungünstigsten Fall kann zudem dass
Die Organisationsstruktur der ICANN zeigt, dass es in dem Gremium trotz zahlreicher Meetings und Diskussionen im Grunde wenig demokratisch zugeht. Im ungünstigsten Fall kann zudem dass "Governmental Advisor Commitee" (oben rechts) immer noch den gewünschten Einfluss auf die Vorstände nehmen (Screenshot: ZDNet.de).

Marken wie .daimler oder .tesa genießen Markenschutz, generische Begriffe wie .auto können von beliebigen Bewerbern erworben werden. Sie haben dann die Kontrolle über diese Domain und bestimmen selbst, wem sie eine Second-Level-Domain zugestehen. Hat ein Bewerber zum Beispiel die Domain .auto für sich erworben, dann gehört sie ihm exklusiv, andere Interessenten, zum Beispiel Autohersteller, sind also von ihrem Gebrauch ausgeschlossen.

Andererseits werden an den Markenschutz sehr hohe Ansprüche gestellt - so dürfte es allen außer dem Unternehmen Daimler so gut wie unmöglich sein, .Daimler als gTLD zu erwerben. Nach den ICANN-Regularien sollen Streitigkeiten um gTLDs entsprechend amerikanischem Recht geregelt werden, sprich: sie werden teuer, und zwar unabhängig von Recht oder Unrecht. Denn Kläger und Beklagter zahlen zu gleichen Teilen.

Doch ob die Praxis dieser Vorstellung entsprechen wird, ist unklar. Niemand kann beispielsweise einen deutschen Markeninhaber daran hindern, vor einem deutschen Gericht gegen die Verletzung seiner Rechte durch eine gTLD zu klagen. Wie die hiesigen Rechtsinstanzen in solchen Fällen entscheiden werden, ist vollkommen unklar. Den Fachanwälten für Internetrecht dürfte sich hier mittelfristig ein interessantes neues Geschäftsfeld eröffnen.

Die Firmen - selbst die großen - wissen noch nicht so recht, was sie mit der neuen Möglichkeit anfangen sollen. Disney, Shell und Yahoo haben schon mal eine Dot-Marke-Domain registriert. Susan Kawaguchi, Global Domain Managerin bei Ebay, hält .ebay, für eine "praktibale Option" - beispielsweise, um später einmal Namen nach dem Muster www.my-shop.ebay anzubieten.

Lego ist noch unentschieden. Wenn man sich zu einer Registrierung entschließen würde, dann höchstens, um die Marke zu verteidigen - sozusagen präventiv. Diese Argumentation zeigt auch eine Problematik der neuen gTLDs. Nach den bisherigen Erfahrungen mit Domain-Grabbing und anderen Auswüchsen sind die Firmen vorsichtig geworden. Wahrscheinlich stecken sie erst einmal ihre Claims ab und schauen danach, ob dort tatsächlich Gold verborgen ist. Denn sobald die ersten Nuggets gefunden werden, dürfte es zu spät sein - oder sehr, sehr teuer werden.

Die neuen gTLDs sind also auch eine gigantische Gelddruckmaschine für die ICANN: Denn welche Firma von Weltruf - und dafür halten sich zumindest selbst ja sehr viele - wird schon darauf verzichten wollen, sich angemessen im Internet zu präsentieren und mit eigener Domain zu glänzen? Und im Gegensatz zu den bisherigen länderspezifischen oder genrespezifischen Domainendungen ist die Zahl der Dot-Brand-Domains nahezu grenzenlos.

Nimmt man als Minimum einmal an, dass sich wenigsten die Fortune-1000-Firmen[8] so eine Adresse zulegen werden, sind damit einmalige Einnahmen von 500 Millionen Euro für die ICANN garantiert. Nicht zu vergessen die jährlichen Kosten von 100.000 Euro pro Domain - was jedes Jahr noch einmal 100 Millionen in die Kassen spülen würde. Damit lässt sich schon ein ganz ansehnlicher Bürokratieapparat aufbauen und unterhalten.Aber noch ist ja unklar, ob das erste Bewerbungsverfahren überhaupt schon, wie geplant, im Frühjahr 2010 beginnen kann. Denn wenn auch im Konfliktfall oft das amerikanische Handelsministerium die Entscheidungen im Hintergrund maßgeblich beeinflussen wird - rein numerisch sind alle Interessengruppen in den Führungs- und Entscheidungsgremien des ICANN und der untergeordneten Instanzen vertreten.

Und so befindet sich das gesamte Bewerbungsprozedere wieder einmal[9] in einer angeblich letzten[10] Kommentierungsrunde - die sich aber durchaus auch als die vorletzte entpuppen könnte. Einmal ganz abgesehen davon, ob, und wenn ja, welchen Einfluss das derzeitige wirtschaftliche Krisengeschehen auf die Abläufe bei der ICANN hat. Denkbar wäre beispielsweise, dass die ICANN der "Buy-Chinese"-Aufforderung der Pekinger Regierung die Verweigerung von gTLDs für chinesische Bewerber entgegensetzt.

Bei deutschen Unternehmen ist derzeit noch nicht viel Aktivität in Sachen TLD zu verzeichnen. "Die meisten glauben wohl immer noch, eine gTLD zu bekommen wäre so einfach wie heute eine .de-Domain", spekuliert Krischenowski. Er rechnet daher im Jahr 2010 mit einer relativ ruhigen Bewerbungsrunde. Sobald aber die ersten Marken mit einem "Dot-Brand" ihre Sichtbarkeit im Internet erfolgreich erhöhen werden, könnte der Run auf die neuen Domains einsetzen, meint der Berater.

Einen Einblick in die Tiefen der zu erwartenden Dispute liefert die geplante gTLD .berlin, um deren Errichtung sich die junge Firma Dotberlin bemüht. Auch Krischenowski ist an ihr beteiligt. Dotberlin will für bezahlbare Preise im zweistelligen Euro-Bereich Second-Level-Domains vergeben, die schon in der Top Level Domain eindeutig auf den Standort in der Bundeshauptstadt verweisen.

ICANN verlangte von Dotberlin zunächst eine schriftliche Einverständniserklärung jeder anderen Gemeinde der Welt mit dem Ortsnamen "Berlin". Allein in den USA gibt es zehn weitere Berlins. Nach langem Hin und Her einigte man sich schließlich darauf, dass von dieser Anforderung wenigstens die Hauptstädte der Staaten verschont bleiben sollen.

Ob Hamburg, wo auch Bestrebungen[11] für eine eigene Top-Level-Repräsentanz laufen, ähnliches Glück beschieden sein wird, ist höchst zweifelhaft. Die Hansestadt an der Elbe hat schließlich laut Wolfram Alpha vier Namensvettern in der Neuen Welt und das Pech, nicht Hauptstadt zu sein.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://icann.org/en/topics/new-gtld-program.htm
[2] = http://icann.org/
[3] = http://www.curos-recht.de/
[4] = http://ec.europa.eu/information_society/policy/internet_gov/docs/communication/comm2009_%20277_fin_de.pdf
[5] = http://www.dotzon.com/
[6] = http://www.internetwire.de
[7] = http://www.epag.de
[8] = http://money.cnn.com/magazines/fortune/fortune500/2008/full_list/index.html
[9] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_telekommunikation_icann_entscheidet_ueber_staedte_und_firmen_als_domainnamen_story-39001023-39192553-1.htm
[10] = http://www.zdnet.de/news/digitale_wirtschaft_internet_ebusiness_icann_diskutiert_bewerbungsmodalitaeten_fuer_tlds_story-39002364-39198438-1.htm
[11] = http://www.dothamburg.de/