Intel und Nokia: die Hintergründe der Partnerschaft

(http://www.zdnet.de/magazin/41005753/intel-und-nokia-die-hintergruende-der-partnerschaft.htm)

von Brooke Crothers und Peter Marwan, 24. Juni 2009

Sowohl Intel als auch Nokia haben mehr als nur ein paar Lücken in ihrem Angebot mobiler Technologien. Kann die jetzt angekündigte Partnerschaft sie stopfen? Und ist sie weitgehend genug, um beiden auch mittelfristig technologische Vorteile zu verschaffen?

Die Ausgangssituation ist einfach: Nokia[1] baut Mobiltelefone. Intel[2], der weltweit größte Chip-Hersteller, schafft es nicht, seine Produkte in Mobiltelefonen unterzubringen. Intel hat bei PC-Prozessoren eine nahezu eine monopolartige Stellung. Nokia hat dagegen nicht die geringste Ahnung von PCs.

Die gestern angekündigte[3] Partnerschaft der beiden Firmen ist nicht nicht gerade dazu angetan, Begeisterungsstürme zu entfachen. Dazu sind ihr einfach zu wenig Details zu Produkten und konkreten Maßnahmen zu entnehmen. Darum geht es aber wahrscheinlich – zumindest derzeit – auch noch gar nicht. "Das ist einfach die Ankündigung einer neuen Beziehung", sagt Jeff Orr, Senior Analyst für den Bereich Mobilität bei ABI Research[4]. Seiner Ansicht nach geben Intel und Nokia mit der Mitteilung einfach bekannt, dass sie künftig lieber zusammenarbeiten als konkurrieren wollen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nokias Vizepräsident Kai Öistämö[5] lüftet den Vorhang immerhin ein bisschen, als er im Telefoninterview mit CNET.com[6] sagte: "Die Zusammenarbeit dreht sich nicht um Smartphones, es geht vielmehr darum, eine neue Gerätekategorie zu schaffen." Damit weiß man ungefähr genau so viel, wie einer, der am Weihnachtsabend schon vor der Bescherung einen Blick ins Wohnzimmer erhaschen konnte, aber lediglich das bunte Geschenkpapier zu sehen bekommen hat.

Diese geheimnisvollen Geräte der Zukunft werden aller Voraussicht nach mit Intel-Chipsätzen ausgeliefert. Aber was steckt für Intel darüber hinaus in der Kooperation drin? Die greifbarsten Vorteile dürften sich beim Thema 3G ergeben. "Hier hat Intel eine große Lücke, da sich das Unternehmen auf Bluetooth, Wifi und Wimax konzentriert hat", meint Analyst Orr. "Ein Ergebnis könnte etwa sein, dass Intel bei der Entwicklung künftiger Architekturen für MIDs (Mobile Internet Devices), zum Beispiel der Atom-Plattform, Herstellern bei der Konnektivität mehr Flexibilität bieten kann als heute."

Oder anders gesagt: Mit 3G in seinen Chipsätzen wäre Intel künftig zu Produkten wie dem iPhone[7] oder dem Palm Pre[8], die 3G standardmäßig beherrschen, wettbewerbsfähiger. Bisher wurden Intel-basierende Notebooks und Netbooks nur selten mit 3G als Standardoption angeboten.

"Wir sprechen heute noch nicht über bestimmte Produkte. Aber wir wären ganz bestimmt nicht Lizenznehmer von Nokia, wenn wir nicht die Absicht hätten, ein konkretes Produkt zu bauen und anzubieten" sagt Anand Chandrasekher, Intels Senior Vice President und verantwortlich für die Ultra Mobility Group des Konzerns. Er spielt damit auf Nokias HSPA/3G-Modem-Technologie an.

Wireless-Technologien der vierten Generation, wie Wimax, sind für die meisten Regionen wahrscheinlich einfach zu fortschrittlich. ABI Research listet beispielsweise rund 100 Länder auf, in denen gerade einmal 3G Fuß fasst. Marktbeobachter erwarten jedoch, dass Long Term Evolution (LTE[9]) binnen der nächsten drei bis fünf Jahre bedeutende Marktanteile gewinnt.

Richtig genutzt, sollte LTE Intels Wimax-Angebote eher ergänzen als ersetzen, so zumindest die Einschätzung von Jack Gold von der Technologieberatungsfirma J.Gold Associates[10]. Da Nokia auch zahlreiche Patente und viel Know-how für 4G habe, sei laut Gold eine Ausweitung der Partnerschaft mit Intel auf diesen Bereich in den kommenden Jahren, wahrscheinlich.


"Wir wären ganz bestimmt nicht Lizenznehmer von Nokia, wenn wir nicht die Absicht hätten, ein konkretes Produkt zu bauen und anzubieten", sagt Anand Chandrasekher, Intels Senior Vice President und verantwortlich für die Ultra Mobility Group des Konzerns (Bild: Intel).

Intels Partnerschaft mit Nokia muss aber auch im Zusammenhang mit weiteren Verträgen und Abkommen gesehen werden, die der Chipriese in den vergangenen Monaten geschlossen hat. So wurden etwa Erklärungen zur Zusammenarbeit mit LG Electronics[11] und der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company [12] unterzeichnet sowie die Übernahme von Wind River[13] vereinbart. Wichtiger Bestandteil dieser Verträge sind immer auch Passagen, die Intels Bedarf nach größerer Wettbewerbsfähigkeit im Marktsegment ultramobiler Geräte widerspiegeln.

"Intel hat immer noch keine Vorstellung davon, wie es im Smartphone-Markt mit dem, was es heute hat, erfolgreich sein könnte", glaubt Orr. "Daher ist eine Partnerschaft mit jemandem wie Nokia wichtig, um neue Ideen zu bekommen, wie die Lücke zwischen Notebooks und Smartphones gefüllt werden kann." Außerdem glaubt Orr, dass Intel aus der Ecke “Lieferant für Notebook-Prozessoren” herauskommen will. "Intel wurde mit den Netbooks gegen seinen Willen zusammengeknetet", sagt Orr, was es dem Konzern schwer mache, in anderen Produktkategorien mitzuspielen. Was springt für Nokia bei der Kooperation heraus? Einmal natürlich, dass es Intel als Lizenznehmer gewinnt. Das eröffnet die Aussicht auf einen zukünftigen, kontinuierlichen und mühelosen Einnahmestrom - vorausgesetzt, die Intel-Chipsätze, die mit Nokia-Technologie arbeiten, werden erfolgreich.

Noch wichtiger dürfte aber sein, dass Nokia sich den PC - für die Finnen bisher ein unbekanntes Wesen - erschließt. Nokia war bisher zwar mit Smartphones und Mobiltelefonen erfolgreich und konnte im Softwarebereich mit Symbian und seinen Linux-Initiativen für Aufsehen sorgen. Bei den sogenannten Mobile Internet Devices ist der Weltkonzern aber bisher gescheitert. Die Partnerschaft mit Intel könnte auch ein Versuch sein, hier einen neuen Anlauf vorzubereiten.

Außerdem eröffnet sie Nokia die Möglichkeit, sich neben ARM[14], der derzeit unter anderem auch im iPhone und in Palms Pre genutzten Architektur, weitere Plattformen zu erschließen. Heute nutze Nokia laut Öistämö in seinen Produkten ausschließlich ARM-basierende Prozessoren.

Zur Frage, ob Nokia in kommenden Produkten Intels x86-Chips einsetzen will, wollte Öistämö zar keien Stellung nehemn, er räumte jedoch ein, in der Partnerschaft gehe es auch darum, "die mobile Welt und die Welt der Computer zusammenzubringen".

ARM ist zwar eine sehr energieeffiziente Chiparchitektur, die Leistungsfähigkeit von Intel-Prozessoren erreicht sie aber nicht. Analyst Gold glaubt daher, dass Nokia durch die Zusammenarbeit mit Intel Einfluss auf das Design von Atom-Chips erhält, so dass deren künftige Genrationen danach richten, für welche Zwecke Nokia sie einsetzen will.

In die ähnliche Richtung geht die Einschätzung von Adam Leach, Analyst bei Ovum[15]. Er sieht in dem Abkommen zwischen Intel und Nokia vor allem einen Beleg dafür, dass die Finnen von Intels Fähigkeiten überzeugt sind, nun doch bald einen Chipsatz vorstellen zu können, der beim Verhältnis zwischen Leistung und Stromverbrauch mit den auf der ARM-Architektur basierenden Prozessoren konkurrieren kann.

Und zu guter Letzt ergänzen sich beide Firmen auch bei Software. Intel und Nokia wollen[16] auch bei ihren jeweiligen, auf mobile Geräte ausgelegten Open-Source-Angeboten - Moblin und Maemo - besser zusammenarbeiten.

Bildergalerie

Moblin 2.0 in Bildern[17]

» zur Bildergalerie ...[17]

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://www.nokia.de/
[2] = http://www.intel.de
[3] = http://www.intel.com/cd/corporate/pressroom/emea/deu/424424.htm
[4] = http://www.abiresearch.com
[5] = http://www.nokia.com/A4720030
[6] = http://news.cnet.com/8301-13924_3-10271192-64.html?part=rss&subj=news&tag=2547-1_3-0-20
[7] = http://www.zdnet.de/artikel_zum_thema_iphone_thema-39002356-39001022o0o0-1.htm
[8] = http://www.zdnet.de/mobiles_arbeiten_mit_handheld_pda_handy_smartphone_getestet_palm_pre_mit_dem_neuen_betriebssystem_webos_review-20000153-41005058-1.htm
[9] = http://de.wikipedia.org/wiki/Long_Term_Evolution
[10] = http://www.jgoldassociates.com
[11] = http://de.lge.com/
[12] = http://www.tsmc.com/english/default.htm
[13] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_unternehmen_business_intel_uebernimmt_embedded_spezialist_wind_river_story-39001020-41004940-1.htm
[14] = http://de.wikipedia.org/wiki/ARM-Architektur
[15] = http://www.ovum.com
[16] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_hardware_angriff_auf_apple_intel_und_nokia_entwickeln_mobile_linux_geraete_story-39001021-41005697-1.htm
[17] = http://www.zdnet.de/galerie/41004440/moblin-2-0-in-bildern.htm#sid=41005753