Citrix schmiedet Allianzen, um Vmware auszubooten

(http://www.zdnet.de/magazin/41005548/citrix-schmiedet-allianzen-um-vmware-auszubooten.htm)

von Peter Marwan, 22. Juni 2009

Noch steht Vmware nahezu als Synonym für Virtualisierung. Citrix will das aber bald ändern: Mächtige Allianzen mit Microsoft und Intel sollen dem Server-Based-Computing-Pionier helfen, den Virtualisierungskönig vom Thron zu stoßen.

Jahrelang war die Citrix[1]-Hausmesse iForum eine Veranstaltung, die nur absolute Insider anlocken konnte: Man unterhielt sich darüber, wie sich die eine oder andere für das Unternehmen wichtige Anwendung doch noch in das Citrix-Korsett zwängen lassen könnte und schaute sich ein paar neue Thin Clients an - nur um zurück im Unternehmen dann doch wieder Microsoft-Desktop-PCs auszurollen und daran zu feilen, dass selbst einfache Druckjobs nicht den ganzen Betrieb zum Erliegen bringen.

Das änderte sich in den letzten zwei oder drei Jahren allmählich: Da ging der eine oder andere Besucher kopfschüttelnd nach Hause, weil er sich fragte, ob die hunderte von Millionen Dollar teuren Übernahmen von Citrix im Sicherheits- und Netzwerkbereich sich auch für ihn als Kunden jemals auszahlen würden, oder ob es nur Hirngespinste der Citrix-Chefetage sind, die sich in den Kopf gesetzt hat, künftig mit dem Stichwort "Access" den großen Reibach zu machen.


"Wenn wir es nicht schaffen, Mitarbeiter einfach und schnell mit Anwendungen zu versorgen, wird die Unternehmens-IT von den Angeboten im Internet überrollt", prophezeit Gordon Payne, Senior Vice President bei Citrix (Bild: ZDNet.de)

Dieses Jahr bekamen die Besucher auf viele dieser Fragen - teilweise sehr überraschende - Antworten. Und sie erfuhren außerdem vieles, nach dem sie noch gar nicht gefragt hatten. Oder anders gesagt: Es gab richtig aufregende Neuerungen. Im Mittelpunkt standen dabei zwei Themen: Wo geht es bei Virtualisierung hin? Und wie lassen sich Anwender künftig mit Anwendungen versorgen?

Letzteres, so Simon Crosby, CTO von Citrix, in seiner Ansprache während der Veranstaltung, sei die zentrale Aufgabe der IT überhaupt. Alles andere sei nur Beiwerk, wer sich zu sehr damit beschäftige, verzettele sich. Als Vorbild, wie diese Aufgabe zu bewerkstelligen ist, nannte Crosbys Kollege Gordon Payne, Senior Vice President bei Citrix, die Anbieter von Pay-TV-Programmen: Ihnen sei letztendlich egal, welches Endgerät der Kunde benutze. Die Kontrolle über die Übertragungswege würden sie durch eine leistungsfähige Sendezentrale und einen Receiver beim Kunden sicherstellen. Und ihr Angebot lasse sich nahezu überall nutzen.

Eine ähnlich einfache Versorgung der Anwender im Unternehmen müsse auch durch die IT gewährleistet sein. "Wenn wir das nicht schaffen, wird die Unternehmens-IT von den Angeboten im Internet überrollt", prophezeite Payne. Dort würde die nachwachsende Generation heute schon vorleben, was sie sich in wenigen Jahren auch von der Unternehmens-IT erwartet: Die problemlose und umgehende Bereitstellung von Anwendungen und Ressourcen im Selbstbedienungsmodus.

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Bilder vom Citrix-iForum 2009[2]

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Die Antwort von Citrix auf diese Anforderungen heißt "Dazzle". Selbstkritisch fragte Payne beim iForum in die Runde: "Wann haben Sie das letzte Mal von einer Infrastruktursoftware für Unternehmen gehört, die einen Namen wie Dazzle hat?" Mit der humorvollen Frage charakterisierte er aber zugleich auch gut die neue Citrix-Strategie: Das Komplizierte nicht kompliziert erklären, sondern einfach aussehen lassen.

In den Gesprächen am Rande der Veranstaltung fiel auch sofort das Schlagwort vom "App Store für Firmenanwender" - begleitet übrigens von der für viele neuen Erkenntnis, dass letztendlich auch Firmenanwender irgendwie einfach Menschen sind, also Benutzer wie Du und ich - und es eigentlich nicht einzusehen ist, warum sie mit drögen Benutzeroberflächen und schwer nachvollziehbaren, stark verschachtelten Menüstrukturen gequält werden sollen. Allein dafür dürfte sich der Besuch der Veranstaltung schon gelohnt haben.

Für die Oberfläche von
Für die Oberfläche von "Dazzle" - dem noch im Laufe dieses Jahres kommenden Software-Selbstbedienungsportal für Firemnanwender - bekam Citrix von den Besuchern der Kundenveranstaltung iForum spontanen Applaus (Bild: ZDNet.de).

Um ihre daheimgebliebenen Kollegen von "Dazzle" zu überzeugen, bleibt den Citrix-Gästen nicht mehr viel Zeit. Die Lösung soll bereits im vierten Quartal 2009 marktreif sein. Bei der Überzeugungsarbeit dürfte helfen, dass Dazzle ebenso kostenlos ist wie der zum Betrieb notwendigen Merchandise Server und der als Grundlage vorausgesetzte XenServer[3].

Dazzle bildet im neuen Citrix-Unternehmensszenario aus Anwendersicht sozusagen die Fernbedienung, die ihm das problemlose Auswählen und Umschalten zwischen Unternehmensanwendungen ermöglicht. Der in der Fernsehwelt notwendige Receiver ist bei Citrix ebenfalls eine Softwarekomponente und heißt schlicht und einfach "Citrix Receiver". Er soll sicherstellen, dass die Vielfalt der möglichen Endgeräte unterstützt wird und das für den Firmeneinsatz notwendige administrative Werkzeug bereitsteht.

Während für Windows-PCs und das iPhone bereits eine erste Receiver-Variante vorgestellt wurde, müssen Anwender von Windows-Mobile-, Symbian- oder Android-Geräten voraussichtlich noch bis nächstes Jahr warten. Das zeigt, dass doch einiger Aufwand dahinterstecken muss. Beispielsweise musste für den iPhone-Receiver extra eine Applikation namens "Docfinder" erstellt werden, da das iPhone keine Navigation im Explorer-Stil erlaubt. Details dazu zeigt das Video.

Was in der Demonstration so einfach aussieht, erfordert im Hintergrund viel und gut funktionierende Infrastruktursoftware. Deren Kern ist Virtualisierungstechnologie - sowohl was Server als auch Arbeitsplatzrechner anbelangt. "Die Technologie ist im Markt angekommen", sagt Citrix Deutschland-Chef Karl-Heinz Warum. Nun sei es wichtig, die Sprache des Kunden zu sprechen: "Es geht nicht mehr nur um Kostenreduzierung, sondern auch darum, die Sache einfach zu machen."

Auch der als Experte zum iForum eingeladene Fujitsu[4]-CTO Joseph Reger findet, "Desktop-Virtualisierung ist ein Hype in gutem Sinne. Die Aufregung klingt zwar ab, aber jetzt kommt die Implementierung." Ausschlaggebende seien für die Unternehmen die Kostenvorteile. Die machen sich seiner Ansicht nach aber nur bei einer End-to-End-Betrachtung wirklich bemerkbar. Lediglich ein paar Server zu virtualisieren reiche nicht aus. Bisher sei es aber schwer gewesen, mehr daraus zu machen: Einige technsiche Bestandteile fehlten noch und würden erst jetzt verwirklicht. Als Beispiel nennt Reger die durch Desktop-Virtualisierung entstehende, nicht zu vernachlässigende Zusatzlast im Rechenzentrum.


"Die zentrale Aufgabe der IT ist es, Mitarbeiter mit Anwendungen zu versorgen. Alles andere ist nur Beiwerk", sagt Simon Crosby, CTO von Citrix (Bild: ZDNet.de)

Klaus Rumsauer, Leiter von HPs[5] Enterprise-Storage- und -Server-Organisation in Deutschland, schließt sich Reger an: Auch er meint, "Virtualisierung ist aus einem Hype zu einer soliden Lösung geworden." Er betont, dass etwa die Hälfte der Citrix-Software auf HP-Hardware läuft und beschwört die enge Partnerschaft, die sich etwa auch darin äußere, dass HP als OEM Citrix-Lösungen vermarkte. Ein kleines bisschen schwingt dabei aber wohl auch die Angst mit, dass sich schon in absehbarer Zeit kaum ein Kunde noch für die unter der Virtualisierungsschicht liegende Hardware interessieren wird.

Denn Citrix greift inzwischen tiefer als auf die Server-Ebene. Das mit Intel[6] gestartete "Project Independance" soll es Unternehmen erlauben, mit Citrix-Software in einem bisher so nicht gekannten Umfang von den Virtualisierungs- und Sicherheitsfunktionen in Intel-CPUs zu profitieren.

Voraussetzung dafür sind Desktops mit Intel-Core-2- und Notebooks mit Intel-Centrino-2-Prozessoren, die für Intels vPro-Technologie konzipiert sind. Marktreif soll die gemeinsame Lösung irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2009 sein. Wichtigstes Ziel der neuen Virtualisierungslösungen ist es, die Kosten für die Desktopadministration beträchtlich zu senken.

Zwar hat auch Konkurrent Vmware im Frühjahr bereits eine als "Client Virtualization Platform" bezeichnete Lösung angekündigt[7], die den Einsatz virtueller Maschinen auf Notebooks und Desktops mit Intels vPro-Technologie erleichtern soll. Citrix nimmt für sich aber in Anspruch, dass der eigene Ansatz wesentlich weitgehender sein soll.

Herzstück des Citrix-Konzeptes ist ein Xen-basierter, für die Intel-Virtualisierungstechnologie und alle anderen Features der Intel-vPro-Chiptechnologie optimierter Bare-Metal-Desktop-Hypervisor. Er erlaubt es, einen zentral verwalteten Corporate-Desktop mit allen nötigen Anwendungen direkt in einer sicheren, isolierten, Client-basierenden virtuellen Maschine bereitzustellen. Daneben kann der Anwender auf demselben Rechner seine personalisierte PC-Umgebung betreiben - ohne Einbußen bei Sicherheit, Performance oder Mobilität, wie Citrix behauptet.

Die vPro-Plattform bringt auch bisher schon Vorteile bei der Verwaltung und Absicherung von Clients sowie der Hard- und Software-Inventarisierung. Beispielsweise lassen sich anders als bei herkömmlicher Fernverwaltungssoftware PCs und Notebooks auch im ausgeschalteten Zustand und ohne gestartetes Betriebssystem verwalten. Die in der vPro-Plattform integrierte Active-Management-Technologie 3.0 (Intel AMT 3.0) erleichtert die Erstkonfiguration von Clients. Sie müssen nicht mehr wie bisher durch die IT für den Einsatz im Netzwerk direkt eingerichtet werden: Auch dieser Prozess kann nun aus der Ferne erledigt werden.

So sieht das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Intel und Citrix stark vereinfacht dargestellt aus: Anwender bekommen auf ihrem Rechner ein offenes und flexibles persönliches Image und ein stark abgeschottetes und standardisiertes Firmenimage (Bild: Intel).
So sieht das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Intel und Citrix stark vereinfacht dargestellt aus: Anwender bekommen auf ihrem Rechner ein offenes und flexibles persönliches Image und ein stark abgeschottetes und standardisiertes Firmenimage (Bild: Intel).

Intels Trusted-Execution-Technologie (TXT) sorgt als weitere Komponente der vPro-Plattform für die Integrität der Daten zwischen Prozessor, Betriebssystem und Anwendung. So lassen sich etwa Viren erkennen, die noch nicht in der Definitionsdatei des Virenscanners enthalten sind. Und schließlich können mit Hilfe der Intel-Virtualisierungstechnik auf vPro-PCs bestimmte Applikationen in einer eigenen virtuellen Maschine ablaufen, um unabhängig vom Betriebssystem den Netzwerkdatenverkehr auf Viren überprüfen.

Genutzt werden diese Möglichkeiten aber bisher nur von einem kleinen Teil der Firmen - obwohl sie für Desktops schon seit Herbst 2006[8] und für mobile Geräte etwas länger als ein halbes Jahr verfügbar sind[9].

Citrix und Intel wollen das ändern, indem sie mit der Intel-Virtualisierungstechnik nicht mehr nur bestimmte Applikationen in einer eigenen virtuellen Maschine laufen lassen, sondern ein ganzes Image. So kommen Anwender ohne jegliches Know-how über Virtualisierung zu einem Rechner mit einem privaten und einem der Firma vorbehaltenen Bereich, die für sie transparent sind: Ein Klick auf eine Verknüpfung öffnet die benötigte Anwendung. Aus Sicht der IT handelt es sich aber um zwei völlig getrennte Systeme. Auch hier scheint Citrix das Kunststück gelungen zu sein, das schwere einfach aussehen zu lassen.

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Alle Desktops unter Kontrolle: Client-Verwaltung mit Intel vPro[10]

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Bereits im Frühjahr hat Citrix mit Citrix Essentials[11] für XenServer und Hyper-V ein neues Werkzeug vorgestellt, das Automatisierungs- und Managementfunktionen für virtualisierte Rechenzentren, automatisiertes Lifecycle-Management sowie die Storage-Integration und dynamisches Provisioning in virtualisierten Microsoft- und Citrix-Umgebungen erlauben soll. Gleichzeitig weitete das Unternehmen mit dem "Project Encore" die Kooperation mit Microsoft auf Server-Virtualisierung aus.

Citrix positioniert die kostenpflichtigen "Essentials" einerseits als Ergänzung zum kostenfreien XenServer, wirbt aber auch damit, dass die Suite die Managementfunktionen von Microsoft Windows Server 2008 Hyper-V und Microsoft System Center erweitert. Vorteil gegenüber anderen Angeboten sei eindeutig, so Citrix, dass "Essentials" die Verwaltung physischer und virtueller Maschinen mit einem Tool erlaube und Speichersysteme unterschiedlicher Anbieter abdecke.

Robert Helgerth, Senior Director Mittelstand und Partner bei Microsoft Deutschland, nutzte die Citrix-Kundenveranstaltung iForum, um die als V-Alliance bezeichnete vertriebliche Kooperation zwischen Microsoft und Citrix vorzustellen (Bild: Citrix).
Robert Helgerth, Senior Director Mittelstand und Partner bei Microsoft Deutschland, nutzte die Citrix-Kundenveranstaltung iForum, um die als V-Alliance bezeichnete vertriebliche Kooperation zwischen Microsoft und Citrix vorzustellen (Bild: Citrix).

Da Virtualisierung seit kurzem als Standardkomponente in die Windows-Serverplattform integriert ist, benutzen künftig voraussichtlich viele Microsoft-Kunden verstärkt Hyper-V. Peter Levine, Senior Vice President und General Manager der Virtualization Management Division von Citrix geht davon aus, "dass XenServer und Hyper-V die beiden Virtualisierungsplattformen mit den größten Zuwachsraten sein werden und unterschiedliche Anforderungsprofile abdecken."

Mit dem "Project Encore" weitete Citrix die seit 20 Jahren bestehende Technologiepartnerschaft mit Microsoft auf Server-Virtualisierung aus. Technisch zumindest. Um die in Redmond beschlossenen und ausgeklügelten Feinheiten auch im Markt positionieren zu können, benötigen die beiden vom indirekten Vertrieb bestimmten Unternehmen aber die richtigen Partner. Schließlich wird es zum großen Teil deren Aufgabe sein, den Kunden die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten zwischen den Citrix- und den Microsoft-Virtualisierungsangeboten zu erklären.

Viele dürften darin schon geübt sein: Schließlich war die Problematik beim Microsoft Terminal Server und dem Citrix Presentation Server vor Jahren grundsätzlich ähnlich. Nur, dass es jetzt noch einmal komplizierter geworden ist.

Deshalb sollen aus dem bestehenden Partnerpool diejenigen herausgefiltert werden, die das schaffen. Unterstützt werden sie durch die in Deutschland ersonnene V-Alliance[12]. Sie wird in den kommenden Monaten durch Veranstaltungen und Ausbildungsangebote beworben. Eine neue Zertifizierung müssen Partner dafür nicht ablegen, wohl aber Kompetenz nachweisen. Auf der demnächst mit Inhalten gefüllten Website finden dann nicht nur Partner der beiden Unternehmen, sondern auch Endkunden weitere Informationen.

Zwar überlappen sich die Virtualisierungsangebote von Microsoft und Citrix teilweise, gestört fühlt sich dadurch jedoch keine der beiden Firmen: Je nach Anwendungsfall sei eben mal das eine oder das andere Angebote besser positioniert (Bild: ZDNet.de).
Zwar überlappen sich die Virtualisierungsangebote von Microsoft und Citrix teilweise, gestört fühlt sich dadurch jedoch keine der beiden Firmen: Je nach Anwendungsfall sei eben mal das eine oder das andere Angebote besser positioniert (Bild: ZDNet.de).

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[8] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_hardware_intel_fuehrt_vpro_offiziell_ein_story-39001021-39146986-1.htm
[9] = http://www.zdnet.de/news/wirtschaft_investition_hardware_intel_aktualisiert_vpro_story-39001021-39196684-1.htm
[10] = http://www.zdnet.de/galerie/39201801/alle-desktops-unter-kontrolle-client-verwaltung-mit-intel-vpro.htm#sid=41005548
[11] = http://www.citrix.com/essentials
[12] = http://www.v-alliance.de