Cloud-Computing kommt langsam, aber gewaltig

(http://www.zdnet.de/magazin/41005211/cloud-computing-kommt-langsam-aber-gewaltig.htm)

von Peter Marwan, 15. Juni 2009

Trotz allen Wirbels steckt Cloud Computing noch in den Kinderschuhen. Es wird, wie Umfragen zeigen, diesen aber schnell entwachsen. Firmen müssen sich deshalb rechtzeitig darauf einstellen - auch wenn sie es erst später nutzen wollen.

Cloud Computing ist derzeit zwar in aller Munde, in der Praxis ist es in deutschen Unternehmen aber noch längst nicht angekommen, so das Ergebnis einer aktuellen IDC[1]-Studie. Das Thema abhaken und einfach zur Tagesordnung übergehen können IT-Verantwortliche aber deshalb dennoch nicht. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern glaubt nämlich, dass sich Cloud Computing in zwei bis fünf Jahren als Ergänzung bei der Beschaffung von IT fest etabliert.

Weitere 26 Prozent sind der Ansicht, dass Cloud Computing dann zwar Alltag ist, aber nur für vorübergehende Zwecke zum Einsatz kommt. Sechs Prozent gehen sogar davon aus, dass die Technik spätestens in fünf Jahren umfangreich von Unternehmen genutzt wird. 23 Prozent denken, dass es länger dauern wird.


"Insgesamt schätzen deutsche Unternehmen die Entwicklung von Cloud Computing und die Möglichkeiten, die diese Services bieten, positiv ein", sagt IDC-Analyst Matthias Kraus (Bild: IDC).

Damit sind die potenziellen Anwender im deutschen Mittelstand wesentlich zurückhaltender in ihrer Einschätzung als die Marktforscher. IDC hat Anfang des Jahres prognostiziert, dass Unternehmen in den nächsten fünf Jahren ihre Budgets für das Cloud Computing verdreifachen werden. Bereits für 2012 rechnen die Analysten mit einem Volumen von rund 42 Milliarden US-Dollar weltweit.

Gartner[2] erwartet ebenfalls, dass Cloud Computing schnell an Bedeutung gewinnen wird. Beispielsweise sollen Cloud-Anbieter für SaaS (Software as a Service), von denen Anwendungen zeitlich begrenzt aus einer Cloud heraus angeboten und nur entsprechend der tatsächlichen Nutzung bezahlt werden, 2012 rund 15 Milliarden Dollar erwirtschaften. 2008 waren es laut Gartner weltweit rund 6,4 Milliarden, 27 Prozent mehr als 2007.

Wichtigstes Argument für die Nutzung sind laut den Marktforschern fast immer die erhofften geringeren Kosten. Forrester[3] hat etwa im Rahmen einer Studie unter Telekommunikationsanbietern ermittelt, dass sich mit Cloud Computing die Kosten für gehostete Anwendungen um 30 Prozent senken lassen würden. Auch für die von IDC befragten deutschen Unternehmen, die sich bereits mit Cloud Computing beschäftigen, sind mögliche Kosteneinsparungen der am häufigsten genannte Grund. An zweiter Stelle stehen die Anforderungen der Fachabteilungen und an dritter die des Managements.

IDC-Analyst Matthias Kraus weist darauf hin, dass die drei wichtigsten Gründe somit alle nicht von der IT-Abteilung ausgehen, sondern von extern an sie herangetragen werden. Das könnte seiner Meinung nach damit zu tun haben, dass IT-Abteilungen durch Cloud Computing den Abbau von Arbeitsplätzen befürchten. Es könnte aber auch daran liegen, dass sich IT-Abteilungen einfach noch nicht gut genug informiert fühlen - so wie die Unternehmen überhaupt. 43 Prozent finden "jeder Anbieter kommuniziert etwas anderes", 36 Prozent vermissen konkrete Informationen zum Nutzen von Cloud Computing und 35 suchen vergeblich nach konkreten Anwendungsszenarien.

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Cloud Computing in Deutschland[4]

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Das vage Gefühl der Unternehmen, "jeder Anbieter kommuniziert etwas anderes", ist durchaus begründet[5]. Noch sind auch die meisten Anbieter in einer Phase, in der sie für sich selbst definieren müssen, was Cloud Computing eigentlich ist und wie sie welche Angebote am Markt positionieren wollen.

In diesem Prozess am weitesten fortgeschritten[6] ist Google. Allerdings kranken die Angebote des Internet-Giganten aus Sicht von Unternehmen daran, dass sie zu sehr auf Privatanwender zugeschnitten sind. Zwar bemüht sich Google gerade, dies zu ändern[7], bis aber alle Anforderungen von Firmenkunden berücksichtigt sind, wird es sicher noch eine Weile dauern.

Die Wall-Street-Analysten von Bernstein Research[8] haben sich kürzlich die Mühe gemacht, eine Übersicht über Cloud-Computing-Angebote zu erstellen (siehe Grafik weiter unten). Zwar hat diese aus deutscher Sicht den Mangel, sehr US-zentrisch zu sein, der Tenor ist jedoch weltweit gleich: Noch ist die viel beschworene Cloud keine dunkel drohende, schwarze Gewitterwolke, die IT-Angebote wie man sie bisher kannte, vom Markt fegt. Noch ist Cloud Computing eine Ansammlung vieler kleiner, verstreuter Schäfchenwolken.

Diese Einschätzung belegen auch die IDC-Zahlen zur aktuellen Nutzung von Cloud-Angeboten. Ganz oben stehen Geschäftsanwendungen, etwa Salesforce.com mit seinen CRM-Angeboten. Besonders beliebt ist diese Nutzung bei Firmen mit 500 bis 1000 Mitarbeitern.

IDC-Analyst Kraus begründet das damit, dass sich dort Skaleneffekte firmenintern nur schwer erreichen lassen. Die zweithäufigste Cloud-Nutzung ist der bedarfsweise Zukauf von Rechenkapazitäten. Überdurchschnittlich oft setzen Firmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern darauf.

E-Mail-Tools (30 Prozent) und Office-Anwendungen (25 Prozent) rangieren auf Platz drei und vier. Storage (25 Prozent) und Backup (20 Prozent) sind ebenfalls bereits vergleichsweise häufig in der Cloud. Die eigentlich prädestinierten Kollaborations-Werkzeuge und Business-Community-Tools rangieren dahinter.

Zu etwas anderen Ergebnisse kommt eine Umfrage des IT-Beratungsunternehmens Avanade[9], einem Joint Venture von Accenture und Microsoft. Demnach sind die am häufigsten genutzten Cloud-Computing-Dienste in Deutschland Storage (63 Prozent), HR-Dienstleistungen wie Recruiting-Management-Systeme (50 Prozent) und Collaboration-Seiten wie Wikis (50 Prozent). Erst danach folgen CRM, E-Mail sowie Social Media (je 38 Prozent).

Ein Bericht von Bernstein Research fasst die als
Ein Bericht von Bernstein Research[8] fasst die als "Cloud Computing" im Markt vorhandenen Angebote übersichtlich zusammen. Als Komplettanbieter kann sich demnach noch keiner der Marktteilnehmer bezeichnen, Google ist aber am nächsten dran (Bild: Bernstein Research).
Die wichtigsten in der IDC-Studie sowohl von Cloud-Nutzern, -Interessenten als auch -Skeptikern genannten externen Hemmfaktoren sind Sicherheitsbedenken, die Angst vor dem Verlust der Kontrolle über die Daten sowie die Sorge, gegen gesetzliche Regelungen zu verstoßen. Dazu passt, dass der insgesamt wichtigste interne Bremsklotz bei den Firmen die fehlende Genehmigung ist, Daten extern zu speichern.

Das bestätigt auch eine weltweite Umfrage des IT-Beratungsunternehmens Avanade. Demnach sehen Firmen beim Cloud Computing zwar wirtschaftliche Vorteile, Sicherheitsbedenken bremsen den Einzug der Technologie in Unternehmen jedoch aus. Auch in dieser Studie stand die Mehrheit der deutschen Befragten dem Ansatz vorerst skeptisch gegenüber.

72 Prozent aller Befragten weltweit und 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland vertrauen ihren bestehenden internen Systemen mehr als Cloud-basierten Lösungen. Grund sind Sicherheitsbedenken und die Angst davor, die Kontrolle über Daten und Systeme zu verlieren. Dennoch wollen Unternehmen weiter in bereits existierende Cloud-Computing-Systeme investieren um IT-Einstiegskosten zu reduzieren und die Flexibilität zu erhöhen.

In der Anfang des Jahres durchgeführten Umfrage sahen weltweit 71 Prozent der Befragten in Cloud Computing eine echte Chance. Allerdings sind 65 Prozent der deutschen Entscheider noch nicht überzeugt. Sie sind der Meinung, dass Cloud Computing nur ein "Hype" ist: Über 80 Prozent der Unternehmen, die Cloud Computing noch nicht einsetzen, planen dies auch in den nächsten zwölf Monaten nicht.

Fast ein Drittel aller Unternehmen, die bereits Cloud-basierte Systeme nutzen, haben laut der Avanade-Umfrage den Einsatz erweitert. In Deutschland trifft dies sogar auf die Hälfte aller Unternehmen zu. Diese Ergebnisse stimmen ungefähr mit denen der IDC-Befragung überein: Laut ihr wollen 56 Prozent der Cloud-Erfahrenen in nächster Zeit mehr für Cloud-Angebote ausgeben.

Deutlich unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Studien allerdings bei der Nutzerquote: Während es bei IDC nur 14 Prozent sind, setzen schon 40 Prozent der Teilnehmer an der Avanade-Studie Cloud Computing ein. Das kann daran liegen, dass Avanade tendenziell größere Firmen als IDC und vor allem weltweit gefragt hat.

In den USA (57 Prozent), Großbritannien(48 Prozent), Norwegen (48 Prozent) und Dänemark (44 Prozent) ist Cloud Computing nämlich schon weiter verbreitet als hierzulande. Mit Finnland, Schweden und Österreich liegt Deutschland gleichauf. Von den deutschen Unternehmen, die Cloud Computing noch nicht nutzen, planen 42 Prozent sich langfristig dafür zu entscheiden - allerdings noch nicht in den nächsten zwölf Monaten.

"Eine gewisse Skepsis deutscher Unternehmen ist gerechtfertigt - Entscheider sollten Umstellungen nicht voreilig zustimmen", sagt Heiko Leicht, Director Infrastructure bei Avanade. "Es gibt verschiedene Sicherheitsaspekte zu beachten und sind die Daten erst einmal in der Wolke, ist es nicht leicht, sie wieder zurückzuholen. Die Entscheidung für den richtigen Cloud-Betreiber und die richtige Strategie sollten sich Unternehmen also gut durch den Kopf gehen lassen."

Frank Fischer, Chef der bei Microsoft-Deutschland als "Evangelists" bezeichneten technologischen Vordenker, sieht ebenfalls keinen Grund zur Eile. Microsoft sei mit seiner Plattform Azure[10] zwar gut im Cloud-Computing-Rennen positioniert, aber Cloud Computing stecke noch in den Kinderschuhen.

Vielfach werde von den Anbieter einfach Hardware virtualisiert zur Verfügung gestellt. Das alleine reiche aber nicht aus. Doch um umfassender Angebot machen zu können, müssten zwei Voraussetzungen geschaffen werden: Erstens gelte es, die geeigneten Rechenzentren aufzubauen, zweitens müsse geklärt werden, wie eine Softwareplattform auszusehen hat, die all das leisten kann, was vom Cloud Computing erwartet wird. Wie der Microsoft-Vorschlag - mit teilweise noch in Arbeit befindlichen Komponenten - im Detail aussieht, zeigt die Grafik weiter unten.

Microsoft-Experte Frank Fischer meint, Programmieren sei heute noch nicht auf Cloud Computing ausgerichtet und Client-Software habe auch künftig ihren Platz, etwa um Servicelücken auszufüllen (Bild: Microsoft).
Microsoft-Experte Frank Fischer meint, Programmieren sei heute noch nicht auf Cloud Computing ausgerichtet und Client-Software habe auch künftig ihren Platz - etwa um Servicelücken auszufüllen (Bild: Microsoft).

Die Crux sei zudem, so Fischer, dass Programmieren heute noch nicht auf die Anforderungen des Cloud Computing ausgelegt ist. Es sei immer noch sequentiell statt parallel. Nur sehr wenig Software könne stark verteilt arbeiten. Diese Voraussetzung müsse aber geschaffen werden, um die notwendige Redundanz zu gewährleisten, die Firmen verlangen, wenn sie wichtige Dienste in die Cloud bringen wollen. Lösungsansätze und Preise will Microsoft anlässlich seiner Partnerkonferenz noch in diesem Jahr vorstellen.

Ganz ohne Client-Software - beziehungsweise nur mit einem Browser[11] – werde man auch in der Zukunft in Unternehmen nicht auskommen. Lokale Software sei für das Cloud Computing auch langfristig vergleichbar mit der USV für das Rechenzentrum: Während sie kurze Stromausfälle überbrücken und bei längeren dafür sorgt, dass kein größer Schaden entsteht, soll Client-Software helfen, auch während Service-Lücken arbeiten zu können.

Ein Beispiel, bei dem das schon heute praktiziert werde, ist laut Fischer der Zugriff auf die CRM-Lösungen von Salesforce.com. Das Outlook-Plug-In bieten gegenüber dem Web-Frontend der reinen Cloud-Lehre nämlich genau diesen Vorteil.

Microsoft sieht sich für Cloud Computing gut gerüstet. Angefangen von Systemen mit hoher Kontrolle und geringer Skalierbarkeit (links) bis zu solchen mit nahezu endloser Skalierbarkeit (rechts) will der Softwareriese Unternehmen auch im neuen Zeitalter ein möglichst komplettes Angebot aus einer Hand liefern (Bild: Microsoft).
Microsoft sieht sich für Cloud Computing gut gerüstet. Angefangen von Systemen mit hoher Kontrolle und geringer Skalierbarkeit (links) bis zu solchen mit nahezu endloser Skalierbarkeit (rechts) will der Softwareriese Unternehmen auch im neuen Zeitalter ein möglichst komplettes Angebot aus einer Hand liefern (Bild: Microsoft).

Naturgemäß kritisch steht Jan Wildeboer - seines Zeichens nach ebenfalls "Evangelist" - dem Microsoft-Zukunftsentwurf gegenüber. Der Red-Hat-Mitarbeiter hält die Visionen aus Redmond für zu monolithisch und für wirklichkeitsfremd.

Seine Ansicht belegt er mit aktuellen Zahlen: 30 Prozent aller Server in Unternehmen seien heute Linux-Server, weitere 30 Prozent Windows-Server, der Rest verteile sich auf Unix und Speziallösungen. Gerade die großen Hosting-Provider wie United Internet oder Host Europe würden für ihre Infrastrukturen Linux verwenden. Und heute bereits tätige, wichtige Cloud-Anbieter wie Amazon[12], Flexiscale[13], Eucalyptus[14] oder Mosso[15] würden mit Linux arbeiten. "Es gibt schon einen Grund, warum die Microsoft-Cloud von Microsoft betreiben werden soll", stichelt Wildeboer.

Jan Wildeboer, EMEA Evangelist bei Red Hat, sieht im Ausbau der Cloud-Computing-Infrastrukturen auch eine Chance zur größeren Verbreitung von Open-Source-Betriebssystemen (Bild: Red Hat)
Jan Wildeboer, EMEA Evangelist bei Red Hat, sieht im Ausbau der Cloud-Computing-Infrastrukturen auch eine Chance zur größeren Verbreitung von Open-Source-Betriebssystemen (Bild: Red Hat).

Für Wildeboer sind die geringeren Kosten von Open Source der ausschlaggebende Faktor, warum sich quelloffene Software beim Cloud Computing durchsetzen wird. Schließlich seien Kostensenkungen der wichtigste Anreiz für Firmen, Dienste aus der Cloud zu beziehen. Außerdem wären die Angebote extrem gut vergleichbar. Nur durch Skaleneffekte ließen sich die erwünschten Einsparungen aber nicht erzielen. Da viele Cloud-Anbieter bereits Open Source nutzen, bliebe den anderen letztendlich gar nichts anderes übrig, als dies, um konkurrenzfähig zu sein, ebenfalls zu tun.

Auch in einem anderen Punkt widerspricht Wildeboer Microsoft-Mann Fischer: Vielleicht nicht alle, aber doch viele Anwendungen könnten auf einer neuen Art von Thin Clients im Browser laufen, wenn sie ohnehin über ein Web-Frontend in der Cloud genutzt werden. Das müsse nicht der altbekannte Thin Client sein, auch Geräte wie ein Blackberry seien aus dieser Sicht eine Art von Thin Client. Und dabei spielt die durchgängige Integration des Betriebssystems mit anderen Anwendungen nur noch eine untergeordnete Rolle. Das sei ebenfalls vorteilhaft für Open Source.

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[1] = http://www.idc.com/germany
[2] = http://www.gartner.com
[3] = http://www.forrester.com
[4] = http://www.zdnet.de/galerie/41005206/cloud-computing-in-deutschland.htm#sid=41005211
[5] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_cloud_computing_zwischen_wunsch_und_wirklichkeit_story-11000009-39202000-1.htm
[6] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_google_ideenschmiede_oder_zerstoererischer_moloch_story-11000006-41004954-1.htm
[7] = http://www.zdnet.de/it_business_technik_google_macht_seine_cloud_angebote_unternehmenstauglicher_story-11000009-41003080-1.htm
[8] = http://www.bernsteinresearch.com/
[9] = http://www.avanade.com
[10] = http://www.microsoft.com/azure/default.mspx
[11] = http://www.zdnet.de/it_business_hintergrund_leben_wir_schon_in_der_nach_windows_aera_story-11000006-41003361-1.htm
[12] = http://aws.amazon.com/ec2/
[13] = http://www.flexiscale.com/
[14] = http://www.eucalyptus.com/
[15] = http://www.mosso.com/