Cobol: mit 50 Jahren noch kein bisschen müde

(http://www.zdnet.de/magazin/41004923/cobol-mit-50-jahren-noch-kein-bisschen-muede.htm)

von Rudi Kulzer, 5. Juni 2009

Eine der ältesten Programmiersprachen, Cobol, feierte jetzt ihren 50. Geburtstag. Noch heute spielt sie eine große Rolle: Jeder hat - meist ohne es zu wissen - zehnmal am Tag mit ihr zu tun. Sie hat aber auch ihre Probleme.

Am 29. Mai 1959 stellte eine vom amerikanischen Verteidigungsministerium eingesetzte Arbeitsgruppe einen Standard vor, der aus den damaligen Programmiersprachen Flow-Matic[1] von Sperry[2] Univac[3], Commercial Translator (Comtran[4]) von IBM und Fact von Minneapolis-Honeywell[5] entwickelt worden war. Das Treffen im Pentagon gilt als Start der Common Business Oriented Language (COBOL[6]).

1960 legte das damals gegründete Short Range Committee mit Cobol-60 eine erste gesicherte Beschreibung der Sprache vor, die in der Folgezeit von nationalen und internationalen Standardgremien weiterentwickelt wurde. Der aktuelle Standard stammt aus dem Jahr 2002. Die erste für den kommerziellen Einsatz entwickelte Programmiersprache bildet auf Grund ihrer Struktur und Stabilität noch immer das Rückgrat vieler Enterprise-Applikationen.

Doch den wenigsten Nutzern dürfte klar sein, wie oft sie jeden Tag mit Software zu tun haben, die auf Basis von Cobol arbeitet: Buchungen von Flügen, Abhebungen an Geldautomaten, Überweisungen, Berechnungen von Versicherungspolicen, Telefonrechnungen - überall, wo es um große Benutzerzahlen oder ein hohes Transaktionsvolumen geht, setzen Unternehmen noch immer auf Cobol.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Datamonitor[7], die im vergangenen Jahr durchgeführt wurde. Der britische Cobol-Experte Micro Focus[8] hatte zum Jubiläum in Großbritannien eine Umfrage über die Verwendung von Cobol in Auftrag gegeben. Demnach hat jede Person mindestens zehnmal am Tag mit Cobol-Programmen zu tun. Der Untersuchung zufolge findet man heute weltweit 200 Milliarden Zeilen an Cobol-Code. Ungefähr 1,5 bis zwei Millionen Entwickler befassen sich immer noch mit Cobol-Code.

David Stephenson von Micro Focus geht davon aus, dass heute täglich zweihundertmal mehr Cobol-Transaktionen als Suchanfragen bei Google durchgeführt werden. Deswegen gilt die Sprache zumindest in Finanzkreisen als "Klassiker für den Wirtschaftsinformatiker".

Allerdings wissen nur 18 Prozent der rund 2000 Befragten, was Cobol ist, so die Untersuchung. Cobol habe laut Micro Focus seinen Anwendern immer die nötigen Schnittstellen und Integrationstechniken zur Verfügung gestellt. So arbeiten viele E-Commerce-, Web-Shop- und Online-Systeme mit einer Cobol-Applikation im Hintergrund.

Diese große Flexibilität erlaube es Unternehmen, ihre bestehenden Cobol-Applikationen ohne großen Aufwand zu modernisieren und sie nicht nur auf Mainframe-Systemen, sondern auch auf aktuellen Plattformen wie Windows oder Linux zu betreiben, um dadurch in erheblichem Umfang Kosten zu sparen. "Cobol hat schon viele Technologien kommen und gehen sehen", erklärt Rainer Downar, Country Manager von Micro Focus Central Europe. "Cobol wird es auch dann noch geben, wenn die meisten der heute aktuellen Technologien schon wieder vom Markt verschwunden sein werden."

Dass Cobol langlebiger ist[9], als mancher - sogar seiner Entwickler - meinte, zeigte sich 1999. Mitentwicklerin[10] Grace Hopper[11] hatte 1959 aus Kostengründen und um wertvollen Speicherplatz zu sparen, die Datumsangaben beim Jahr auf zwei Stellen begrenzt. Zum Jahrtausendwechsel mussten daher alle Cobol-Programme überarbeitet oder ausgemustert werden - eine Mammutaufgabe, denn schließlich waren rund 80 Prozent aller betriebswirtschaftlichen Programme in Cobol geschrieben.

Die dadurch entstandenen Milliarden-Kosten haben Cobol jedoch mitnichten den Todesstoß versetzt. Vielmehr wurden für das Geschäft mit der Datumsumstellung überall Cobol-Veteranen reaktiviert und neue Kräfte ausgebildet.

Das Ergebnis: Die Umstellung gelang und die Lebensdauer der Uraltprogramme verlängerte sich um weitere Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Nach Schätzung ist der Prozentsatz der in Cobol laufenden Anwendungen durch die Jahr-2000-Umstellung lediglich von 80 auf 60 Prozent gesunken.

Dennoch ist mit der traditionellen Nutzung von Cobol schon seit Jahren eine Reihe von Problemen verbunden. Das größte davon ist die Nachwuchsfrage. Kaum ein Student der Informatik fühlt sich zu der mächtigen, zwar als sicher aber auch als starr geltenden "Großmutter der kommerziellen Programmiersprachen" hingezogen. Das Werkzeug der Stunde ist schon seit geraumer Zeit Java von Sun Microsystems, das nach der Übernahme[12] zu Larry Ellisons Oracle gehören wird.

Das objektorientierte Java ist im Vergleich zur mächtigen Maschine Cobol eine wesentlich leichter zu benutzende "Kurzschrift-Programmiersprache", erläutert der erfahrene HP-Kundenbetreuer Helmut Öhlinger die Situation in den Rechenzentren. Die Zukunft liege bei Java, allerdings müsse die Verbindung zur "Legacy-Sprache" Cobol über die Jahre aufgearbeitet werden.

Eine Auswertung des Projektportals Gulp zeigt, dass die zur Jahrtausendwende ausgebildeten Cobol-Spezialisten (blaue Linie) auch heute noch gefragt sind und Stundensätze über dem Durchschnitt (schwarze Linie) aller bei Gulp registrierten Freelancer verlangen können (Bild: Gulp.de)
Eine Auswertung des Projektportals Gulp[13] zeigt, dass die zur Jahrtausendwende ausgebildeten Cobol-Spezialisten (blaue Linie) auch heute noch gefragt sind und Stundensätze über dem Durchschnitt (schwarze Linie) aller bei Gulp registrierten Freelancer verlangen können (Bild: Gulp.de)

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://de.wikipedia.org/wiki/FLOW-MATIC
[2] = http://de.wikipedia.org/wiki/Sperry_Corporation
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/Universal_Automatic_Calculator
[4] = http://en.wikipedia.org/wiki/COMTRAN
[5] = http://de.wikipedia.org/wiki/Honeywell_International
[6] = http://de.wikipedia.org/wiki/COBOL
[7] = http://www.datamonitor.com/
[8] = http://microfocus.com/
[9] = http://www.zdnet.de/plattformen_die_sieben_leben_von_cobol_story-39002361-39138751-1.htm
[10] = http://news.zdnet.com/2100-9589_22-150547.html
[11] = http://de.wikipedia.org/wiki/Grace_Hopper
[12] = http://www.zdnet.de/it_business_bizz_talk_was_will_oracle_mit_sun_story-39002398-41003107-1.htm
[13] = http://www.gulp.de