Wer bei kostenloser Desktop-Virtualisierung nicht auf Funktionalität verzichten möchte, sollte sich Suns VirtualBox einmal näher anschauen. ZDNet zeigt, dass einige ihrer Features selbst der Marktführer VMware vermissen lässt.
Vor ein paar Jahren noch interessierten sich höchstens Programmierer und Administratoren, die Betriebssysteme und Anwendungen ausprobieren wollten, für Emulationssoftware. Mit ihrer Hilfe war es möglich, vollwertige, mit Intel-Prozessoren ausgestattete PCs als virtuelle Maschinen (VMs) in separaten Fenstern nachzubilden. Inzwischen hat sich das Bild gründlich gewandelt: Die zur Virtualisierung weiterentwickelte Technologie ist in aller Munde.
Für Windows-Desktops gibt es eine Reihe von Virtualisierungslösungen. Die bekanntesten sind VMware Workstation 6.5.2[1], deren Listenpreis bei rund 190 Euro liegt, sowie der wesentlich funktionsärmere, dafür aber kostenlose Virtual PC 2007 SP1[2] von Microsoft.
Ein interessante Alternative ist mittlerweile VirtualBox[3] von Sun Microsystems. Denn dieses Produkt, das ursprünglich von der deutschen Firma Innotek stammt, unterstützt nicht nur x86- und x64-Host- und Gast-PCs, sondern ist auch noch kostenlos erhältlich. ZDNet hat die Version 2.2.2, die Ende April 2009 erschienen ist, einem Praxistest unterzogen.
Positiv fällt auf, dass VirtualBox-Ausführungen für Nicht-Windows-Plattformen erhältlich sind. Installer-Pakete stehen ebenfalls als x86- und x64-Variante für eine Reihe von Linux-Distributionen zum Download bereit. Dasselbe gilt für das hauseigene Sun-Solaris-Betriebssystem sowie den OpenSolaris-Abkömmling.
Genauso kommen Apple-Fans auf ihre Kosten: Mac OS X wird als Hostbetriebssystem unterstützt. Wer auf dem Apple-Betriebssystem also mal etwas anderes als die kostenpflichtigen Virtualisierer Parallels Desktop und VMware Fusion ausprobieren möchte, wird bei VirtualBox fündig.
Die Liste der offiziell unterstützten Gastbetriebssysteme kann sich sehen lassen. Alle verbreiteten Microsoft-Plattformen werden direkt unterstützt - angefangen bei MS-DOS und die darauf basierenden Windows-Versionen 3.x, 95 und 98 sowie alle seit Windows NT 4.0 erschienenen Client- und Server-Betriebssysteme.
Linux mit Kernel 2.6 und höher eignet sich ebenso selbstverständlich für Gäste wie Solaris 10 und OpenSolaris. Neben Free- und OpenBSD nennt das Handbuch sogar noch das exotische OS/2 Warp 4.5 als direkt unterstütztes Gastbetriebssystem.
Für alle direkt unterstützten Gastbetriebssysteme außer den BSD-Derivaten bietet Sun Erweiterungen an, die den Komfort bei der Arbeit verbessern. Die Installation dieser betriebssystemspezifischen Software, die vor allem aus Treiberdateien besteht, erfolgt von einer mitgelieferten, virtuellen CD-ROM.
Theoretisch lassen sich in Gästen andere Betriebssysteme einsetzen, solange diese auf x86-Prozessoren zugeschnitten sind. Ein Kandidat hierfür ist Novell Netware. Dafür sind von Sun aber keine Erweiterungen zu haben.
Gasterweiterungen ermöglichen es unter anderem, den generischen VGA-Treiber durch einen Gerätetreiber mit höherer Auflösung zu ersetzen und den Mauszeiger auf dem Host aus dem Fenster eines laufenden Gastbetriebssystems bequem heraus zubewegen, ohne die Maus per Tastendruck erst loslösen zu müssen. Des Weiteren gestatten es die Erweiterungen dem Host und seinen Gästen, den Inhalt der Zwischenablage zusammen zu nutzen. Gemeinsame Ordner erlauben einen bequem Austausch von Dateien, ohne dafür Netzwerkfreigaben beim Host oder den Gästen konfigurieren zu müssen.
Nützlich ist der sogenannte nahtlose Modus, der ebenfalls nur bei installierten Gasterweiterungen bereitsteht. Aktiviert der Anwender diesen durch Drücken der Tastenkombination <Strg-rechts> + <L>, blendet VirtualBox zunächst den Desktop-Hintergrund des Gastes aus. Anschließend werden die im Gast geöffneten Fenster auf dem Host-Desktop als eigenständige Fenster dargestellt. Zudem zeigt der Virtualisierer die Gast-Taskleiste auf dem Desktop des Hosts an, indem er sie gleich über dessen Taskleiste oder am oberen Bildschirmrand platziert.
Als Ergebnis dieser optischen Verwandlung lassen sich im Gast laufende Programme Seite an Seite mit Anwendungen verwenden, die auf dem physischen Host installiert sind. Wechsel zwischen Host- sowie Gast- und somit zwei unterschiedlichen Desktops entfallen dadurch. Auf diese Weise lässt sich auf dem Host mit Programmen, die im virtuellen Gast laufen, in fast derselben Weise wie mit Anwendungen arbeiten, die auf dem Host installiert sind.
Wie nahtlos das Ergebnis in der Praxis ist, offenbart der Blick auf den Host-Desktop: Beim flüchtigen Hinsehen ist nicht zu erkennen, ob eine geöffnete Anwendung ihre Arbeit auf dem physischen Host-Computer oder aber im virtuellen Gast-PC verrichtet. Je nach Betriebssystem gibt die Art der Rahmen preis, ob das betreffende Fenster zum Host- oder Gast-Desktop gehört. Arbeitet ein Gast mit Windows XP oder Ubuntu-Linux, zieren Fenster im dementsprechenden Design den Desktop des Hosts.
VirtualBox 2.2.2 wartet mit einer breiten Palette an Funktionen auf. Sicherungspunkte erlauben es, Snapshots vom aktuellen Zustand des virtuellen Gast-PCs per Knopfdruck zu erstellen, um später binnen weniger Sekunden wieder an diese Stelle zurückkehren zu können.
In den Details einer vorhandenen VM ist erkennbar, dass weit mehr als derlei Basisfunktionalität in VirtualBox steckt. Bei der Änderung der Konfiguration zeigt sich beispielsweise, dass die Software für Gäste bis zu 16 GByte Arbeitsspeicher vom x64-Host requirieren kann. Auf diese ist es möglich, Betriebssysteme wie Windows Small Business Server 2008 in einer VM aufzuspielen, die für sich alleine bereits 4 GByte RAM beanspruchen.
Geräte wie Smartcard-Reader oder UMTS-Modems, die über USB-1.1/2.0 an den Host angeschlossen sind, lassen sich in Gäste einbinden. Dabei bietet VirtualBox die Flexibilität, USB-Geräte herauszufiltern, auf die frei wählbare Kriterien zutreffen. Hierdurch ist zum Beispiel einstellbar, dass spezifische Peripherie ausschließlich dem Host oder einem bestimmten Gast zur Verfügung steht.
Außerdem enthält VirtualBox Features, deren Existenz erst beim Studium des Handbuchs offenkundig wird. In diese Kategorie fällt die eingebaute iSCSI-Unterstützung: Der im Produkt enthaltene Initiator kann Speicherplatz, der auf einem iSCSI-Target beheimatet ist, als virtuelle Festplatte für Gast-PCs nutzen. Für das Gastbetriebssystem ist dieser Vorgang transparent, sodass dieses gänzlich ohne eigene iSCSI-Unterstützung auskommt.
Insgesamt kann ein Gast mit bis zu vier virtuellen Netzwerkadaptern ausgestattet werden. Zur Auswahl stehen verschiedene Modelle, was die Chancen darauf erhöht, dass ein passender Treiber im bzw. für das Gastbetriebssystem existiert. Die MAC-Adresse ist dabei ebenso einstellbar wie der Modus, in dem der virtuelle Netzwerkadapter agieren soll: NAT, Host-only, Bridging zum Host-LAN oder nur intern.
Als praktisch erweist sich die Möglichkeit der Fernsteuerung von Gästen. Hierzu setzt Sun auf das von Microsoft stammende RDP[5] (Remote Desktop Protocol). Da alle neueren Windows-Versionen die dazu passende Clientsoftware in Form der Remotedesktopverbindung schon von Haus aus mitbringen, lassen sich Gast-PCs ohne separate Installation einer zusätzlichen Software sofort fernsteuern. Um Kollisionen mit der Remotedesktopsteuerung des Host-Computers zu vermeiden, darf ein fernzusteuernder VirtualBox-Gast jedoch nicht über den standardmäßigen RDP-Port 3389, sondern nur über einen anderen Port kommunizieren, der auf dem Host nicht bereits belegt ist.
Die Installation von VirtualBox auf einem Windows-PC geht zügig vonstatten. Sowohl unter Windows Vista als auch unter Windows 7 RC, jeweils x86 und x64, gibt es keine Probleme. Vielmehr war das Aufspielen rasch erledigt. Dazu trägt die im Vergleich zum Konkurrenten von VMware geringe Größe der Setupdatei bei: Während VirtualBox 2.2.2 gerade mal 65 MB umfasst, belegt das Workstation 6.5.2-Pendant mit rund 512 MB das Achtfache an Speicherplatz.
Wer VirtualBox 2.2.2 ohne Installation einsetzen möchte, kann auf die portable Version zurückgreifen. Diese ist über German-Winlite-Website[6] beziehbar. Diverse Gastbetriebssysteme, die testweise installiert wurden, liefen einwandfrei. Selbst mit den brandneuen Release-Candidates von Windows 7 und Windows Server 2008 R2 kam der Proband anstandslos zurecht.
Probleme bereitet lediglich Windows Small Business Server 2008 - zumindest zeitweilig. Denn auf einem mit VirtualBox 2.2.0 arbeitenden Host hängt die Gast-VM bereits während der ersten Installationsphase des Betriebssystems in einer endlosen Fehlerschleife. Mit VirtualBox 2.2.2 scheint Sun diesen Fehler jedoch behoben zu haben, da hier die Installationsroutine von SBS 2008 fehlerfrei durchläuft.
Die Geschwindigkeit der Gäste bewegt sich auf relativ hohem Niveau. Offensichtlich hat der Hersteller hier seine Hausaufgaben gut gemacht. Die Konfiguration und Verwaltung von VirtualBox und seinen Gästen lässt sich bequem aus einer grafischen Oberfläche heraus erledigen. Doch auch Kommandozeilen-Fans haben ihre Freude: Über die von Sun mitgelieferten Tools lassen sich alle Aufgaben von der Befehlszeile aus erledigen.
Mit VirtualBox 2.2.2 bietet Sun ein Virtualisierungsprodukt mit zahlreichen ausgefeilten Merkmalen. Vom Funktionsumfang her ist das Produkt dem VMware-Platzhirsch Workstation 6.5.2 dicht auf den Fersen. Allerdings kostet VirtualBox nichts. Zwar ist nicht allein der Preis entscheidend, doch sind viele fortschrittliche Funktionen, die einst VMware vorbehalten waren und für die VMware auch heute noch Geld sehen will, von Sun nunmehr kostenlos zu haben.
Im direkten Vergleich zum anderen Hauptkonkurrenten Virtual PC 2007 SP1 zieht Microsoft den Kürzeren. VirtualBox kann nicht nur weitaus mehr, sondern scheint auch flotter zu arbeiten.
Der nahtlose Modus hinterlässt ebenfalls einen guten Eindruck. Damit stellt sich auf dem Desktop eine ähnliche Optik ein, die Microsoft für Windows 7 Professional, Enterprise und Ultimate mit dem XP-Mode (XPM) in Aussicht stellt. XPM setzt jedoch die Hardwarevirtualisierungstechniken AMD-V beziehungsweise VT-d im Host-Prozessor voraus. Da VirtualBox diese Hardwarevirtualisierung nicht erfordert, kann der nahtlose Modus auch auf Windows-7-Host-PCs genutzt werden, deren CPUs AMD-V oder VT-x nicht beherrschen.
Somit bringt VirtualBox zahlreiche gute Ansätze für eine hohe Verbreitung mit. Wie es mit dem Produkt allerdings langfristig weitergeht, ist nach der Sun-Übernahme durch Oracle derzeit noch ungewiss. Die nächsten Wochen dürften aber Klarheit bringen.
URLs in diesem Artikel:
[1] = http:/
[2] = http:/
[3] = http:/
[4] = http:/
[5] = http:/
[6] = http:/