Digitale Dividende: endlich Breitbandversorgung für alle?

(http://www.zdnet.de/magazin/41003463/digitale-dividende-endlich-breitbandversorgung-fuer-alle.htm)

von Stefan Gneiting, 29. April 2009

Bisher dem Rundfunk zugeteilte Frequenzen sollen neu vergeben und für die ländliche Breitbandversorgung genutzt werden. Die Mobilfunkbetreiber begrüßen dies, doch es regt sich auch Widerstand - ZDNet erklärt, warum.

Digitale Übertragungstechnologie geht effizienter mit Frequenzen um als analoge. Deshalb macht der Umstieg bei der terrestrischen Rundfunkausstrahlung von analoger auf digitale Technologie Frequenzbereiche frei, die nun anderweitig zur Verfügung stehen. Dieser Prozess wird Digitale Dividende[1] genannt. Davon betroffen sind laut Bitkom [2] insgesamt 336 MHz in den Bändern III-V[3]. Auf Beschluss der World Radiocommunication Conference[4] (WRC-07) soll nun in Europa der Frequenzbereich zwischen 790 und 862 MHz für den Mobilfunk geöffnet werden, von dem in Deutschland ein Teil (790 – 814 MHz und 838 – 862 MHz) aber derzeit noch militärischen Anwendungen vorbehalten ist.

Die Bundesnetzagentur möchte die Vergabe schnellstmöglich erledigen und erwägt, die Umverteilung des Spektrums aus der Digitalen Dividende in die laufende Vorbereitung des Verfahrens für die Frequenzbereiche bei 1,8 GHz, 2 GHz und 2,6 GHz einzubeziehen. "Wenn alle Beteiligten intensiv und zügig zusammenarbeiten, kann das Vergabeverfahren noch in 2009 starten", erklärt Matthias Kurth, Präsident der Bundesnetzagentur. Allerdings steht noch die Zustimmung des Bundesrats zur Änderung der – Achtung Wortungetüm - Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung[5] aus, die für Mitte Mai erwartet wird.

Ein Eckpunktepapier[6], das die Rahmenbedingungen der Vergabe darstellt, hat die Bundesnetzagentur bereits veröffentlicht. Demnach sollen die Lizenzen keine Festlegung auf eine Technologie enthalten und überdies zur Versorgung der ländlichen Gebiete ohne Breitbandanschluss verpflichten. Die Mobilfunkbetreiber unterstützen die Umwidmung der frei werdenden Bereiche. Nicht nur wegen der Aussicht auf zusätzliche Frequenzen, sondern vor allem wegen der Lage der Pakete im Spektrum. Mit 790 bis 862 MHz liegen sie deutlich unter den bisher für UMTS genutzten Frequenzen zwischen 1900 und 2170 MHz. Weil die Übertragung auf den tieferen Frequenzen eine höhere Reichweite erwarten lässt, könnten die Anbieter die ländlichen Gebiete mit weniger Anntennenstandorten versorgen. In Australien gelang Ericsson und Telstra[7] eine 850-MHz-Übertragung über eine Entfernung von 200 Kilometern bei einer Peak-Datenrate von 1,9 MBit/s im Uplink und 14,4 MBit/s im Downlink. Mit den bisher genutzten Frequenzen erreicht man typischerweise eine maximale Reichweite von 50 Kilometern.

Bei einem Feldversuch in Mecklenburg-Vorpommern soll die Technologie von Ericsson allerdings nicht ausgereizt werden. Seit März unterziehen der Netzwerkhersteller und E-Plus[8] mit 50 repräsentativ ausgewählten Firmen und privaten Nutzern die Funkbreitbandversorgung mit Rundfunkfrequenzen einem Praxistest. In einem Umkreis von rund 20 Kilometern zu der Sendestation in Grabowhöfe erhalten die Teilnehmer über HSDPA mit maximal 7,2 MBit/s Zugang zum Internet. Aufschluss erwarten sich die Projektbeteiligten vor allem zum Nutzungsverhalten der Tester und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Netzleistung.

Explizit auf die Untersuchung möglicher Störungen zwischen Mobilfunk- und Rundfunkübertragung berufen sich Vodafone und die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg bei ihrem Feldversuch[9], der im Mai anlaufen soll und ebenfalls Frequenzen aus der Digitalen Dividende nutzt. In einem ersten Schritt erhalten rund 100 Test-Haushalte im württembergischen Ostalbkreis per Funk Zugang zum Internet. Das Modellprojekt soll neben Erkenntnissen über das Potenzial der Funktechnik in der hügeligen Topographie im Südwesten auch Informationen über die Auswirkungen beim DVB-T- und DVB-C-Fernsehempfang liefern.

"Mit der Unterstützung des Modellversuchs mit Know-how wollen wir auch zeigen, dass es nicht um Konfrontation zwischen Rundfunk- und Mobilfunkanbietern geht, sondern um ein Miteinander bei der Versorgung der ländlichen Räume mit Breitbandzugängen", erläutert LfK-Sprecher Axel Dürr. Vor allem den Rundfunkanbietern missfallen nämlich das vorgelegte Tempo bei der Umwidmung und das Vorpreschen der Mobilfunkbetreiber. Sie verweisen auf erwartete Störungen durch die mobile Breitbandnutzung auf ihre Dienste und verlangen Berücksichtigung ihrer Belange bei der Neuordnung. Die LfK möchte aber keine Blockade und arbeitet an Lösungsvorschlägen. "Wir wollen die in der Praxis gewonnen Erkenntnisse nutzen, um möglichen Störungen zwischen den verschiedenen Diensten vorzubeugen", sagt Dürr. Aufklärung über die Störungen erhofft sich auch der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V. ANGA[10] von dem Modellversuch von Vodafone und LfK. Laut dem technischen ANGA-Leiter Carsten Engelke[11] hat eine gemeinsam mit dem Institut für Rundfunktechnik IRT[12] durchgeführte Untersuchung herausgefunden, "dass eine Gleichkanalbelegung von Rundfunkdiensten im Kabel und mobilem Internet im Frequenzbereich 790 – 862 MHz zu massiven Störungen des Fernsehempfangs beim Endkunden führt". Genauer sind die Verfasser der Studie. Sie schreiben[13]: "Die Ergebnisse zeigen, dass die Kabel selbst unempfindlich gegenüber Einstrahlungen im Downlink/Uplink sind, während die Endgeräte (Settop-Boxen und TV-Geräte) durch die Einstrahlung zum Teil massiv beeinflusst wurden." Die Störungen treten schon bei Leistungen von 10 mW auf, was etwa einem Hundertstel der heute üblichen Spitzenleistungen von Mobiltelefonen entspricht.

Die Forderung der ANGA: "Vor einer Zuteilung dieser Frequenzen für mobiles Internet müssen die Auswirkungen auf die drahtgebundene Rundfunkverbreitung umfassend geprüft und Szenarien für eine verträgliche Nutzung entwickelt werden". Das scheint aber vor allem Säbelrasseln vor der bevorstehenden Neuordnung der Frequenzen zu sein. Genau eine solche Prüfung wird bereits im Eckpunktepapier der Bundesnetzagentur erwähnt. Erste Ergebnisse könnten schon im Sommer vorliegen, also lange vor einer Vergabe der Frequenzen.

Mikrofonanbieter sprechen laut gegen Neuordnung

Die Association of Professional Wireless Production Technologies[14] befürchtet Störungen der von ihren Mitgliedern hergestellten oder eingesetzten Funkmikrofone durch die Vergabe der Digitalen Dividende an die Mobilfunkbetreiber. Denn die meisten Funkmikrofone arbeiten in den betroffenen Frequenzbereichen[15]. Von dieser Entscheidung seien rund 700.000 Funkmikrofone[16] und sonstige drahtlose Produktionsmittel betroffen. Sie müssen durch neue Geräte, die in einem anderen Frequenzbereich arbeiten, ersetzt werden. Dadurch entstehen Kosten in Höhe von deutlich mehr als 1 Milliarde Euro.

Auch die Deutsche TV-Plattform warnt vor einer übereilten Vergabe der Frequenzen für die Breitbandübertragung – allerdings in erster Linie aus Sorge um die Entwicklungsperspektive der Rundfunkanbieter mit Hinweis auf die HD-Übertragung von TV-Programmen über Antenne in anderen Ländern. "Wollen wir diesen Fortschritt den deutschen Antennenhaushalten in ein paar Jahren nicht vorenthalten, braucht der Rundfunk Frequenz-Reserven", schreibt der Pressesprecher der Deutschen TV-Plattform in einem Editorial[17] und würde die Digitale Dividende offenbar lieber erst einmal brach liegen lassen.

URLs in diesem Artikel:
[1] = http://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Dividende
[2] = www.bitkom.org/files/documents/Bitkom_Eckpunkte_Digitale_Dividendel.pdf
[3] = http://de.wikipedia.org/wiki/Frequenzband
[4] = http://www.itu.int/ITU-R/index.asp?category=conferences&rlink=wrc-07&lang=en
[5] = http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/gesetze,did=22012.html
[6] = http://www.bundesnetzagentur.de/media/archive/16000.pdf
[7] = http://www.ericsson.com/ericsson/press/releases/20070212-1104433.shtml
[8] = http://www.eplus-gruppe.de/Presse/Presseinformationen/Presseinformationen.asp
[9] = http://www.lfk.de/aktuelles/pressecenter/pressemitteilungen/detail/artikel/vodafone-testet-funk-internet-zur-versorgung-laendlicher-gebiete-in-baden-wuerttemberg.html
[10] = http://www.anga.de
[11] = http://www.anga.de/index.php?id=detail&tx_ttnews[tt_news]=306&tx_ttnews[backPid]=1&cHash=099e22543f
[12] = http://www.irt.de
[13] = http://www.anga.de/uploads/media/2009-04-08_LTE-Kabel-Abschlussbericht_01.pdf
[14] = http://www.apwpt.org
[15] = http://www.apwpt.org/downloads/drahtlosemikrofoneinfopapier01042009.pdf
[16] = http://www.evvc.org/de/aktuelles/news-aus-verband-und-branche/digit-dividende.html
[17] = http://www.tv-plattform.de/download/TV-Zknft/y09/TVZ_091.pdf