Vista ist Mist, Windows 7 wird super. Mac OS ist besser als Windows, Linux sowieso. Bald könnten diese Diskussionen müßig sein, denn das Betriebssystem verliert rasant an Bedeutung. Zählen wird vor allem ein guter Browser.
Microsoft[1] wusste, dass dieser Tag kommen würde. Deshalb ließ der Konzern 1996 auch nichts unversucht, um Netscape[2] niederzuringen. Netscape hat damals nämlich nicht nur versucht, ein Programm zu entwickeln, um in einem Computernetzwerk Texte zu lesen und Bilder zu betrachten. Netscape hat versucht, eine neue Plattform zu schaffen - die ultimative Plattform -, um Software zu nutzen und Informationen weltweit zu verteilen. Verstanden hat das damals kaum einer. Ausgenommen Bill Gates[3] und die Netscape-Mitarbeiter.
Eine ähnlich einschneidende Veränderung hatte Gates auch fast eine Dekade vorher richtig erkannt, als er das erste Mal Steve Jobs' Apple Macintosh und dessen grafische Benutzeroberfläch sah. Gates wusste sofort, dass MS-DOS[4], sein eigenes, textbasierendes Betriebssystem, dadurch irrelevant werden würde. Also schuf er Windows und überflügelte Jobs damit sogar.
Bis Gates die Kraft erkannt hatte, die im Web steckt, dauerte es etwas länger. Aber sobald er sie verstand, sah er auch, dass sie das Potenzial hat, um Windows überflüssig zu machen. Daher setzte er alles daran, dass Microsoft den Internet Explorer entwickelte und Netscape in Vergessenheit geriet. 2000 hatte Microsoft die Wende geschafft: Der Internet Explorer beherrschte den Browser-Markt mit einem Anteil von 80 Prozent. Nur vier Jahre zuvor war es Netscape gewesen, das auf einen ähnlich dominanten Marktanteil verweisen konnte.
Der Grund für die Heftigkeit der Auseinandersetzung zwischen Microsoft und Netscape war, dass beide davon ausgingen, dass der Browser künftig die allumfassende Computing-Plattform werden würde. Die breite Öffentlichkeit sah das damals nicht, sie konnte sich nur darüber wundern. Viele taten die strategischen Winkelzüge und taktischen Atacken der beiden Kontrahenten daher als lustige Spinnereien ab.
Bis die Zeit dafür reif war, dauerte es auch wesentlich länger, als Gates oder die Netscape-Chefs damals dachten. Die Welt war noch nicht einmal 2007 so weit, dem Jahr, in dem Windows Vista[5] vorgestellt wurde und in dem die technologische Avantgarde begann, sich mit Web 2.0 und "Cloud Computing" zu beschäftigen. Für das Scheitern von Windows Vista[5] lassen sich viele Gründe[6] anführen. Der wichtigste ist rückblickend wahrscheinlich, dass Betriebssysteme inzwischen einfach nicht mehr so eine große Rolle spielen wie früher. Die meisten Privatanwender, die irgendwann dann doch anfingen, Vista zu nutzen, taten dies hauptsächlich, weil es auf ihrem neuen Rechner vorinstalliert war. Es zu entfernen, wäre ihnen zu mühsam gewesen. Die große Mehrheit hat sich so aber nie ausdrücklich für Vista entschieden.
Für oder gegen Vista[7] konnten sich jedoch Unternehmen entscheiden. Sie entschlossen sich zum großen Teil[8], es zu ignorieren. Der Grund dafür war aber in erster Linie nicht - wie so viele Microsoft-Gegner spotteten -, dass Vista so schlecht wäre.

Der Desktop von Windows-7-Build 7068 ist im Vergleich zum Vorgänger auf den ersten Blick unverändert (Screenshot: ZDNet).
Nachdem Microsoft mit dem Service Pack 1[9] die gröbsten Schnitzer behoben hatte und nachdem sich Anfang 2008 die anderen Hersteller endlich bequemten, Software und Treiber anzupassen, lässt es sich auch mit Vista ganz ordentlich arbeiten. Das Problem war vielmehr, dass es kein wirklich ansprechendes Argument dafür gab, sich die Mühe eines Upgrades auf Vista zu machen.
Um einen Vergleich zu bemühen: Der Wechsel auf Vista hätte den meisten ungefähr so viel gebracht, wie ihr Zimmer neu zu streichen und die Möbel umzustellen. Das ist ab und zu ganz nett - wirklich notwendig ist es in den seltensten Fällen.
Zahlreiche Technologieexperten singen jetzt das Hohelied des Vista-Nachfolgers Windows 7[10], der voraussichtlich noch im Laufe des Jahres auf den Markt kommt. Wie Tests zeigen[11], läuft es ganz ordentlich und stabil.
Was man bisher über Windows 7 weiß, lässt sich dennoch in zwei Worten zusammenfassen: Na und? Es gibt nichts neues an Windows 7, was wirklich wichtig wäre. Aber um ehrlich zu sein: Egal, um welches Betriebssystem es geht, nie waren sie so unwichtig wie heute.
Das war früher einmal anders. Ein neues Betriebssystem aufzuspielen, war nahezu gleichbedeutend damit, einen neuen Computer zu erhalten. Und lohnt sich daher. Der Schritt von Windows 3.1 zu Windows 95 war eine riesige Verbesserung. Auch der Unterschied von Windows 95 zu Windows 2000 war enorm. Damals gab es Gründe für ein Upgrade:
- Windows 95: deutlich verbessertes Interface, für den Durchschnittsuser deutlich einfacher zu benutzen
- Windows 98: stark verbesserte Multimedia-Fähigkeiten und integrierte Internet-Funktionen
- Windows 2000: die industrieerprobte, stabile Code-Basis von Windows NT, aber in einem deutlich hübscheren Gewand
- Windows XP: vereinheitlichte die Code-Basis von Win9x und Win NT/2000, erlaubte es Unternehmen auf einem Betriebssystem zu standardisieren
- Windows Vista: ???
- Windows 7: ???
Dass bei Vista und Windows 7 nur Fragezeichen stehen, liegt zum Teil daran, dass die Entwicklung von Computer-Betriebssystemen eine gewisse Reife und Effizienz erreicht hat. Man könnte sogar sagen, die Arbeit an einem Betriebssystem ist an einem Punkt angelangt, wo immer mehr Aufwand immer weniger Ergebnisse bringt. Um wie viel lässt sich die Effizienz noch steigern? Welche zusätzlichen, bahnbrechenden Innovationen lassen sich erreichen?

Dieser interaktive Tisch ist die erste Implementierung von Microsoft Surface. An ihm können mehrere Anwender gleichzeitig digitale Informationen nur durch Berührung des Displays editieren, ohne Maus und Tastatur (Bild: Microsoft).
Der eine oder andere meint, dass Betriebssysteme mit berührungssensitiven Oberflächen den nächsten großen Schritt nach vorne bringen werden. In der Tat sind die Versuche der Hersteller in dieser Touch-Technologie hat aber sehr eingeschränkte Einsatzfelder. Etwa in Anwendungsszenarien, wo Programme kurz, aber intensiv genutzt werden. Das ist oft bei mobilen Geräten der Fall. Für längere Arbeiten oder die Eingabe großer Datenmengen eignet sie sich dagegen sicher nicht.
Vielleicht könnte die Kombination aus Spracherkennung und Touch-Technologie das User-Interface (und damit auch das Betriebssystem) revolutionieren. Möglich wäre auch, dass eine andere, völlig neue Erfindung es für Menschen leichter und schnell machen könnte, mit Computern zu arbeiten. Stand heute sind Tastatur und Maus aber unübertroffen. Und da das schon lange so ist, stagniert auch die Entwicklung der Betriebssysteme.
Parallel dazu passiert jetzt allmählich das, was Gates und Netscape bereits vor über zehn Jahren vorausgesehen haben: Der Browser verdrängt das Betriebssystem als Universalplattform. Wichtig: Es geht dabei nicht um Cloud-Computing oder Software-as-a-Service (SaaS). Obwohl die Bereitstellung von Applikationen und Diensten über das Internet natürlich Teil der Erfolgsgeschichte des Browsers ist, haben beide Trends doch im Geschäftsleben noch lange nicht die kritische Masse erreicht.
Außerdem geht die Entwicklung weit darüber hinaus. Viele Firmen nutzen den Browser bereits als Frontend, um persönliche Anwendungen oder Back-End-Systeme zu nutzen. Die Palette reicht von Datenbanken über CRM- und ERP-Lösungen bis zur Gehaltsabrechnung und dem Firmenportal. Warum auch nicht? Die meisten Anwender sind vertraut und versiert im Umgang mit einem Browser, mit der dort erwarteten Navigation und mit dem Ausfüllen von Formularen im Web.
Die firmeneigenen Anwendungen profitieren davon. Die Mitarbeiter verstehen sie deutlich schneller und benötigen deutlich weniger Unterstützung bei der Benutzung, als dies bei herkömmlichen, windowsbasierenden Business-Anwendungen der Fall ist, die jeweils ihre eigenen Menüs, Oberflächen und oft eine nur ihnen eigene Benutzungslogik mitbringen.
Dazu kommt, dass immer mehr Anwender ihre privaten E-Mails und ihre privaten Dateien in webbasierenden Systemen wie Yahoo Mail oder Google Text & Tabellen vorhalten und verwalten. Das führt dazu, dass der durchschnittliche Anwender den größten Teil der Zeit, die er vor dem Computer verbringt, mit einem Browser arbeitet. Daher wurden auch Tabs ein Standard-Feature aller gängigen Browser: Die meisten Benutzer verwenden heute mehrere Websites gleichzeitig, so wie sie in einem Betriebssystem mehrere Anwendungen gleichzeitig laufen lassen.
Wer heute ein neues System installiert oder auch nur ein neues Betriebssystem aufspielt, braucht eigentlich nur zwei Dinge zu tun: Firefox[14] als Browser und Xmarks[15] für die Synchronisierung seiner Bookmarks zu installieren.
Mit den so importierten Lesezeichen hat er Zugriff auf alle von ihm genutzten, webbasierenden Anwendungen. Danach kann er rund 80 Prozent seiner Arbeit erledigen - ohne auch nur eine weitere Anwendung zu installieren. Und das gilt sowohl für Nutzer von Mac OS X und Linux als auch Windows XP und Windows 7: Das Betriebssystem ist für diesen Anwender völlig nebensächlich.

Der historische Vergleich für den deutschsprachigen Raum zeigt, dass es Firefox gelungen ist, das Erbe von Netscape anzutreten. Andere Browser konnten die Lücke nicht besetzen (Bild: Fittkau & Maaß).
Es gibt jedoch Ausnahmen. Eine sind die sogenannten Netbooks. Dieser Markt startete zwar mit Linux, hob aber erst richtig ab, als Asus und seine Konkurrenten optional auch Windows XP anboten. Das liegt aber weniger an den tatsächlichen Möglichkeiten als vielmehr daran, dass Kunden XP schlichtweg vertrauter ist als die Linux-Oberflächen, die sie auf den ersten Netbooks sahen.
Da es bei Netbooks hauptsächlich um Surfen und E-Mail-Nutzung geht, könnte sich mittelfristig Googles Android als Netbook-Plattform[17] etablieren. Scheinbar arbeitet mit HP[18] auch eine ansonsten recht Microsoft-freundlicher Hardware-Anbieter an entsprechenden Plänen. Es kommt nun darauf an, wie einfach sich Android benutzen lässt und was die Hardware-Anbieter die Installation kostet. Und vielleicht auch, wie die Möglichkeit von den Entwicklern angenommen wird, kostenpflichtige Zusatzprogramme anzubieten.
Ein zweiter Bereich, in dem das Betriebssystem noch eine Rolle spielt, ist der Smartphone-Markt[19]. Nach den jüngsten Zahlen von Gartner rangiert Windows Mobile (11,8 Prozent) nur noch knapp vor Mac OS (8,2 Prozent), das seinen Anteil zudem viel schneller ausbauen kann. Während Windows Mobile 2008 nur um 12 Prozent zulegte, konnte Mac OS seinen mehr als verdoppeln.
Symbian[20] bleibt trotz eines Rückgangs um 6,1 Prozent unangefochtener Spitzenreiter und ist auf über der Hälfte der verkauften Geräte installiert. Auf Platz zwei folgt das Blackberry-Betriebssystem von RIM[21] mit 16,6 Prozent, das seinen Anteil im vergangenen Jahr nahezu verdoppeln konnte. Einziger Verlierer unter den fünf gängigsten Betriebssystemen ist Linux (minus 4,2 Prozent).
Andererseits sind Entwicklungssstadium und Verbreitungsrate von Smartphones mit der Situation bei PCs vor zwanzig Jahren vergleichbar. Beides wird sich aber schneller ändern, als es bei PCs der Fall war. Plattformen wie das iPhone[22] und Palms in den Startlöchern stehendes Web OS[23] haben gezeigt, dass es im Smartphone-Segment noch viel Raum für Innovationen gibt.
Der größte Vorteil beider Plattformen ist jedoch der einfache und standardisierte Umgang mit dem Web. In dem Maße, wie auch andere Smartphones diesen Weg gehen, wird auch die Einzigartigkeit und die Bedeutung der einzelnen Smartphone-Betriebssysteme zurückgehen. Im Gegenzug wird es immer wichtiger, dass ein Besitzer über sein Smartphone auf Outlook, seinen Webmail-Account, eventuell Twitter und Online-Communities genau so einfach zugreifen kann, wie er dies von seinem PC aus gewohnt ist.
Vor zwanzig Jahren dachte die IT-Branche, der Computer sei eine Revolution gewesen. Er war es aber nicht. Die echte Revolution war das Internet. Der Browser half dabei, indem er das Internet für eine große Zahl von Anwendern nutzbar machte. Das Internet veränderte die Kommunikationsgewohnheiten und die Art und Weise, wie sich Informationen verbreiten.
Der Computer spielt in diesem Szenario - anders als lange gedacht - eben nicht die Hauptrolle. Er hat lediglich eine der bedeutenderen Nebenrollen. Oder um einen Vergleich aus der Technikgeschichte heranzuziehen: Der Computer ist für die informationelle Revolution das, was das Fließband für die Industrielle Revolution[25] war: Ein Katalysator, der dazu beitrug, dass sie möglich wurde.

1984 kam der Apple Macintosh 128K auf den Markt. Er bot unter anderem eine grafische Benutzeroberfläche mit Maussteuerung - zu einer Zeit, als der IBM-PC noch auf Tastatur, kryptische DOS-Befehle und Kommandozeile setzte. (Bild: Apple).
Daher kommt dem Betriebssystem nicht die Bedeutung zu, die ihm ursprünglich beigemessen wurde. Aber das wissen wir alle (auch Bill Gates) eigentlich schon lange. Ausgesprochen hat es der amerikanische Informatikprofessor Mark Weiser[26] in seinem Aufsatz The Computer for the 21st Century[27] bereits Anfang der neunziger Jahre. Erlebt hat es der 1999 gestorbene Weiser nicht mehr. Recht behalten wird er trotzdem.
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