Mit zunehmender Popularität von Thunderbird wächst auch das Interesse an anderen Open-Source-Tools zur Mailverwaltung. ZDNet hat untersucht, welche es gibt und ob sie sich für den Einsatz in Firmen eignen.
Der Studie Information Technology Use and Productivity at the Individual Level[1] (PDF) zufolge sind die Angestellten mit dem größten E-Mail-Netzwerk innerhalb der Firma am produktivsten. Vermutungen, es seien diejenigen mit den intensivsten E-Mail-Kontaken, dem größten sozialen Netzwerk außerhalb der Firma oder dem höchsten Zeitaufwand für die Bearbeitung von E-Mails, erwiesen sich als falsch. Einerseits lässt sich daraus auch ablesen, dass die E-Mail-Nutzung nicht nur die Kommunikation mit externen Gesprächspartnern fördert, sondern in erster Linie den Austausch innerhalb einer Firma. Andererseits zeigt die Studie aber auch die Notwendigkeit, für diese Aufgabe ein effizientes und breit akzeptiertes Werkzeug auszuwählen.
Gerade in kleinen und mittleren Unternehmen hat sich Outlook quasi als Standard-E-Mail-Client etabliert. Die Gründe dafür sind selten technologischer Natur: Häufig wurde das Programm mit all den anderen Microsoft-Tools einfach mitgekauft. Oft nutzen die Besitzer die recht weitreichenden Funktionen jedoch überhaupt nicht. Es könnte also durchaus sein, dass es ein anderes Produkt gibt, das die Anforderungen besser erfüllt - vielleicht sogar eines, das kostenlos ist?
Dieser Überlegung dürfte wohl Thunderbird[2] seine Popularität verdanken. Der E-Mail-Client lässt sich nicht nur um Kalender, Browser, Verschlüsselung und ein Verwaltungstool erweitern. Eine große Entwicklergemeinschaft sorgt zudem ständig für Nachschub an neuen Zusatzfunktionen. Haben da die anderen Open-Source-Konkurrenten zu Outlook überhaupt noch eine Chance?
Michael Palamountain von ZDNet Australien hat die Open-Source-Angebote KMail, Novell Evolution 2 und Qualcomm Eudora 8 im Hinblick auf ihre Vorzüge und Nachteile gegenüber Microsoft Outlook untersucht. Thunderbird, die wahrscheinlich am weitesten verbreitete Open-Source-Alternative zu Outlook, hat er bereits in einem früheren Beitrag[3] unter die Lupe genommen. KMail gehört zur Linux-KDE[4]-Plattform. Daher findet sich der Client eigentlich auf jedem Linux-Rechner, der mit dieser Benutzeroberfläche arbeitet. In diesem Test wurde eine Fedora Core-Distribution verwendet, die zusätzlich noch mit Evolution und Thunderbird ausgerüstet war.
Wer mit einem alten System arbeitet, dessen Videoauflösung kleiner als 1024 mal 768 Pixel ist, sollte die Finger von KMail lassen. Die Dialogbox für die Konfigurationsmöglichkeiten ist riesig - obwohl der Mail-Client mit Reitern arbeitet. Oberflächlich betrachtet handelt es sich bei KMail um ein flexibles und vielseitiges Produkt, mit dem seine Entwickler eine vielschichtige Zielgruppe ansprechen wollen.
Aber der Teufel steckt im Detail: Trotz einer Vielzahl an Möglichkeiten, die Darstellung einer E-Mail auf dem Bildschirm zu konfigurieren, gelingt es während des Tests nicht, KMail dazu zu bringen, Bilder in HTML-Mails anzuzeigen. Das ist wirklich schade, wenn man bedenkt, wie viel Zeit und Nerven die Entwickler aufgewendet haben müssen, um einen Struktur-Viewer für HTML-Mails zu integrieren. Diese Energie hätte sich besser einsetzten lassen.
Ergänzend zu KMail gibt es ein KDE-Kalender-Tool namens KOrganizer. Es lässt sich in Groupware-Server wie OpenGroupware[5] und Kolab[6] einbinden. Via KMail versandte Einladungen oder Kalendereinträge kann KOrganizer direkt übernehmen.
Zudem bietet KMail bietet die Möglichkeit, Spam- oder Viren-Filter zu erstellen. Die Optionen für Filterregeln sind ähnlich wie bei Evolution, was belegt, dass die Mitglieder des Open-Source-Universums regen Ideen- und Gedankenaustausch pflegen.
Beim Filtern geht es letztendlich um zwei Aspekte: strukturierte Organisation und Sicherheit. KMail bewältigt beide gut. HTML kann gesperrt werden und Nachrichten lassen sich mit PGP[7] verschlüsseln. Es ist zwar möglich, dass die Filterfunktionen mit dem Standard-IMAP[8]-Protokoll nicht funktionieren, aber mit dem neueren KMail-Feature "Disconnected IMAP" dürfte das Problem behoben sein.
Disconnected IMAP speichert die Mails auch lokal und wird daher auch manchmal als "Cached IMAP" bezeichnet. Das ist ziemlich praktisch, wenn man keine dauernde Verbindung hat, etwa weil man mit einem Notebook arbeitet und viel unterwegs ist. Es kann aber, wie der eine[9] oder andere[10] Erfahrungsbericht zeigt, recht ressourcenhungrig sein.
Außerdem lassen sich bei KMail für bestimmte Identitäten Filter einrichten und diese Identitäten wiederum mit E-Mail-Konten verknüpfen. Nachrichten können so von einer E-Mail-Adresse an unterschiedliche Benutzer-Identitäten geschickt werden - je nachdem, welche Inhalte die Filter erkennen.
Die Hilfedatei von KMail ist direkt verfügbar - was bei kostenloser Software ein Plus und nicht selbstverständlich ist. Die Gestaltung des Benutzerhandbuchs lässt jedoch sehr zu wünschen übrig: Es gibt jede Menge Text, aber weder Grafiken noch Screenshots. Die Hilfe ist zwar nicht schwer zu verwenden, aber Anfänger dürften sich leicht abschrecken lassen. Evolution wurde ursprünglich von der später durch Novell übernommenen[11] Firma Ximian für Linux-Systeme entwickelt. Das Open-Source-Paket ist standardmäßig Bestandteil aller Linux-Systeme, die mit Gnome[12] arbeiten – einschließlich Suse und Red Hat. (Fedora Core beinhaltet ebenfalls Evolution.) Mittlerweile gibt es Ximian auch in einer Mac-Version (von Novell) und in einer Windows-Version (von Tor Lillqvist[13]).
Im ZDNet-Vergleich muss sich eine Windows-Version mit MSI Installer[14] von DIP Consultants[15] bewähren. Die Linux-Version wurde ebenfalls kurz analysiert, ohne dass sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Plattformen ergeben.
Die Benutzerschnittstelle erinnert stellenweise stark an Microsoft Outlook. Aber da die Informationen sich auch nicht immer noch übersichtlicher und noch benutzerfreundlicher darstellen lassen, weil irgendwann das Optimum erreicht ist, ist es durchaus sinnvoll, sich nicht allzu weit von der etablierten Konkurrenz zu entfernen. Die Anwender wollen schließlich nicht zu viel Zeit darauf verwenden, sich mit der Handhabung vertraut zu machen.
Der Client bietet eine beeindruckende Anzahl an Such- und Filteroptionen. Mit den Filterregeln lassen sich auch Anwendungen starten, Töne wiedergeben oder E-Mails an eine andere Anwendungen weiterleiten. Nachrichten sind farbig markierbar und lassen sich in Prioritätsstufen einordnen.
Evolution unterstützt sowohl Aufgaben als auch Memos. Memos sind in dem Fall Notizen, für die sich ein Datum und eine Kategorie hinterlegen lässt. Über die Aufgaben ist ein detailliertes Projektmanagement möglich, da zusätzlich zu Kategoriemarkierungen auch Start- und Enddaten sowie Statusmarkierungen zur Verfügung stehen. Beide Merkmale zusammen zu verwenden mag vielleicht etwas übertrieben erscheinen. Im einen oderen anderen Fall ist aber es ist doch gut zu wissen, dass zumindest die Möglichkeit dazu besteht.
Leider gibt es bei Evolution erhebliche Formatierungsfehler bei einigen HTML/CSS-Elementen. Das Ergebnis: Ein großer Teil der Stilelemente findet sich bei manchen Nachrichten ganz unten am Textende als reiner Quellcode.
Evolution unterstützt die Protokolle POP3 sowie IMAP und kann auch auf Microsoft-Exchange- und Novell Groupwise-Server zugreifen. Außerdem unterstützt der Client Hula- und Usenet-News-Feeds. Durch gemeinsam nutzbare Online-Kalender eignet sich Evolution auch für Arbeitsgruppen oder ganze Abteilungen.
Es ist zwar schwieriger, Evolution auf den neuesten Stand zu bringen, als das bei Microsoft-Produkten der Fall ist. Dennoch muss man sich um diesen Punkt bei Evolution weniger Sorgen machen, da Sicherheitsupdates nur sehr selten durchzuführen sind. Evolution bietet zudem die Möglichkeit, Filter für Spam-E-Mails einzurichten. Im Funktionsumfang unterscheidet sich Evolution kaum von Outlook - hinsichtlich Preis und Wartungsaufwand gibt es jedoch deutliche Unterschiede.
Wie bei viel Open-Source-Software ist auch bei Evolution im Basis-Installationspaket keine Hilfedatei enthalten. Und in der FAQ-Rubrik auf der Homepage zeigen sich noch mehr Open-Source-Macken. Während bei kommerziellen Anwendungen eingeschränkt wird, dass eine Funktion nicht individuell zu konfigurieren ist, heißt es hier gerne, dass unter Evolution eine Funktion durchaus konfigurierbar ist – vorausgesetzt, dass man sich die Anwendung selber kompiliert. Eudora[16] zu testen, ist zwar interessant, aber auch nicht ganz einfach. Denn Eudora verändert sich gerade grundlegend: von einem kommerziellen Produkt zu einem Open-Source-Produkt. Es erhält dabei tatkräftige Unterstützung von der Mozilla-Community. Etwas vereinfacht ausgedrückt lautet der Plan so: Den Quellcode von Mozilla Thunderbird soll so verändert werden, dass er das Aussehen, das Benutzererlebnis und - irgendwann einmal - auch den Funktionsumfang von Eudora 7 bietet.
Im Wesentlichen äußert sich diese Änderung[17] an der Thunderbird-Software in einem Add-on namens Penelope[18]. Die Eudora-Mail-Server-Software bleibt jedoch kommerziell und wird nicht Open Source. Die Lizenzen gehören nach wie vor den ursprünglichen Entwicklern der Versionen für Windows und Mac OS.
Im Hauptfenster ist kaum ein Unterschied zwischen den beiden Eudora-Versionen zu erkennen. Bei genauerem Hinsehen kann Version 8 jedoch mit einigen klaren Verbesserungen aufwarten. Leitet man beispielsweise eine Nachricht weiter, dann erscheint diese in einem bearbeitbaren Fenster, ohne dass man ausdrücklich angeben müsste, dass man noch etwas zur Nachricht hinzufügen möchte (und sei es nur ein "zur Info").
Ein Blick in das Eudora-Online-Forum zeigt, dass die Reaktionen auf den Übergang zur Thunderbird-Engine sehr unterschiedlich ausfallen. Die heftigste Kritik kommt aus der Apple-Fraktion: Diesen Nutzern stehen häufig nicht so viele Anwendungen zur Verfügung wie Windows-Anwendern, und viele der neuen, fortschrittlichen Funktionen von Eudora wurden in der neuen Version (noch) nicht implementiert. Insbesondere ärgert sich das Apple-Lager, dass es für Macs keine Script-Tools gibt.
Bei Eudora für Mac und Eudora für Windows handelte es sich um zwei getrennte Anwendungen. Mit der neuen Version wird nur noch eine Anwendung für sämtliche Plattformen (einschließlich Linux) angeboten. Derzeit ist Eudora zwar noch ein Add-on, am Ende wird der Code aber tiefer in den Basiscode eingebunden sein. Damit verbessert sich dann hoffentlich auch die derzeit nicht überzeugende Geschwindigkeit von Version 8 im Vergleich zur Vorgängerversion.
Da der alte Eudora-Code nun allen Entwicklern und Tüftlern offensteht, dürfte die Eudora-Community bald wieder über alle Funktionen verfügen, die sie sich wünscht. Und das ist wichtig: Denn die Oberfläche unterscheidet sich im Grundsatz kaum von der anderer Mail-Clients. Was Eudora so besonders machte, war die Flexibilität.
Nach dem aktuellen Stand der Dinge hat Eudora 8 eine übersichtliche Oberfläche und bietet einen Großteil der üblichen Funktionen eines Mail-Clients. Dazu zählen mehrere Postfächer, Sortier- und Suchfunktionen, ein Nachrichtenfilter, ein Wörterbuch, ein Thesaurus und die Möglichkeit, E-Mails mit Etiketten zu versehen, aber leider kein integrierter Kalender. Bedauerlich ist auch, dass nicht alle Wörterbuch-Add-ons für Thunderbird zu Eudora 8 kompatibel sind – was man angesichts der engen Zusammenarbeit eigentlich annehmen könnte. Ein polnisches Wörterbuch funktioniert im Test etwa nur mit Thunderbird, aber nicht mit Eudora.
Anwendern, die Mail geschäftlich nutzen wollen, muss insgesamt davon abgeraten werden, ihre bisherige Anwendung über Bord zu werfen und ab sofort KMail als standardmäßigen E-Mail-Client zu verwenden. Das gilt selbst für den seltenen Fall, dass alle Anwender bereits an Linux-Rechnern arbeiten. Zwar ist der Durchschnitts-Büromitarbeiter heute technisch weitaus bewanderter als noch vor ein paar Jahren, aber die meisten werden keine Lust dazu haben, sich mit unzähligen Konfigurationsoptionen zu befassen - so toll diese auch sein mögen.
Firmen, die für Suse Linux Geld bezahlt haben, dürfte Novell vermutlich ein paar Hilfestellungen zu Installationen auf dieser Plattform geben. Ansonsten gilt: Wer mit Evolution arbeiten will, muss zwar kein Geld investieren, sollte aber in dem Thema recht bewandert sein, wenn er es zum Laufen bringen und am Laufen halten will.
Angesichts der Umstellungsphase bei Eudora ist momentan sicherlich ein schlechter Zeitpunkt für Firmen, auf Eudora umzusteigen. Um sich ein richtiges Bild von diesem Produkt machen zu können, sollte man lieber eine alte Version herunterladen. Und egal für welche Version man sich entscheidet, sollte man nie vergessen, dass nur die Community Hilfestellung leistet. Und Hilfe bekommt man, weil einem jemanden einen Gefallen tut, und nicht, weil man Anspruch darauf hat. Dafür ist die Software kostenlos.
Thunderbird ist und bleibt ein gut und sorgfältig zusammengestelltes Produkt - auch wenn es nicht ganz so viele Möglichkeiten bietet und noch nicht so ausgereift ist wie Microsoft Outlook. Die größten Mankos sind sicherlich die Unterteilung in zwei Anwendungen (Thunderbird für Mail und Sunbird für Kalenderfunktionen) und für etwas größere Firmen das Problem mit dem Support. Ein Gebiet, in dem die Open-Source-Community jedoch absolut ungeschlagen an der Spitze steht, ist die Sprachunterstützung. Wörterbücher und Sprach-Pakete für Thunderbird stehen derzeit in über 60 Sprachen oder Dialekten zur Verfügung.
Insgesamt überzeugen die Open-Source-Tools nicht so, dass sie Firmen vorbehaltlos empfohlen werden können. Es könnte sich aber lohnen, sie in Teilbereichen probeweise zu verwenden und die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen - denn alle drei Programme sowie Thunderbird entwicklen sich in die richtige Richtung. Erstens ließe sich so das für den Betrieb notwendige Know-how aufbauen. Zweitens könnte man so möglicherweise Arbeitsplätze identifizieren, die mit den heute noch eingschränkten Möglichkeiten durchaus auskommen und gar keine höheren Ansprüche stellen. Und drittens gibt Firmen der Hinweis auf eine echte Alternative, die sich bereits im Haus befindet, eine deutlich bessere Verhandlungsposition für die nächsten Lizenzgespräche mit Microsoft. Und je nachdem, wie viel man bezahlt, könnte sich der Aufwand allein dafür schon lohnen.
URLs in diesem Artikel:[1] = http:/
[2] = http:/
[3] = http:/
[4] = http:/
[5] = http:/
[6] = http:/
[7] = http:/
[8] = http:/
[9] = http:/
[10] = http:/
[11] = http:/
[12] = http:/
[13] = http:/
[14] = http:/
[15] = http:/
[16] = http:/
[17] = http:/
[18] = https:/