Interview: So geht es weiter mit Visual Studio und .NET

(http://www.zdnet.de/magazin/41002004/interview-so-geht-es-weiter-mit-visual-studio-und-net.htm)

von Adrian Bridgwater, 16. April 2009

Cloud Computing, Virtualisierung und Parallelisierung stellen ganz neue Anforderungen an Entwicklungsumgebungen. ZDNet hat mit zwei Microsoft-Experten über die nächsten Veränderungen bei Visual Studio 2010 und .NET 4.0 gesprochen.

Microsoft bewirbt die nächste Version seines Visual-Studio-Toolsets (Codename "Rosario") damit, dass es bei der Entwicklung von Anwendungen ganz neue Analysemöglichkeiten geben wird. Redmond hat ja schon oft versprochen, den Verwaltungsprozess des Anwendungslebenszyklus zu demokratisieren. Jetzt will Microsoft aber den Worten auch Taten folgen lassen: Eine Reihe von Produktverbesserungen soll alle Anforderungen bei der Softwareentwicklung erfüllen, die neue Trends wie Virtualisierung, Cloud und Parallel Computing zwangsläufig mit sich bringen.

Jason Zander, General Manager von Visual Studio, und Matt Carter, Group Product Manager von Visual Studio, reisten von Redmond nach Großbritannien, um dort die neuen Tools vorzustellen. ZDNet traf die beiden zu einem Gespräch in den Räumen von Microsofts Londoner Niederlassung.

ZDNet: Was genau haben die neuen Tools aus technologischer Sicht zu bieten? Und inwieweit vereinfachen sie die alltägliche Arbeit von Entwicklern?

Carter: Bei VS2010 (Visual Studio 2010) liegt ein Schwerpunkt ganz klar darauf, einen tieferen Einblick in den Entwicklungsprozess hinsichtlich der Struktur und der Funktion des Programmcodes zu gewähren. Außerdem soll die Erstellung von Webanwendungen erheblich einfacher werden. Wir möchten damit die Entwicklung bereichsspezifischer Unternehmensanwendungen vorantreiben, die eine Office-Schnittstelle verwenden. Und wir wollen, dass sich die Anwendungsentwicklung mit SharePoint genauso anfühlt wie mit Visual Studio. Das sorgt für mehr Benutzerfreundlichkeit.

Außerdem möchten wir damit auch zu C++-Entwicklern vordringen. Umfangreicher C++-Programmcode lässt sich jetzt in eine Visual-Studio-Umgebung übertragen. In VS2010 wird sich zeigen, dass wir im Bereich Visual C++ sehr viel getan haben, um die Entwicklung nativer Windows-7-basierter Anwendungen zu vereinfachen. Das heißt, Windows-7-kompatible Neuerungen wie Multitouch-Benutzerschnittstellen werden nun unterstützt.

ZDNet: Können Sie erläutern, wie Entwickler mit zunehmend komplexen Anwendungen kompetent umgehen können, wenn sie die neuen Tools im Rahmen des .NET-4.0-Framework implementieren?

Zander: Wer sich mit einer Programmiersprache wie C# oder Visual Basic vertraut macht und gleichzeitig lernt, mit einem Framework wie .NET zu arbeiten, kann in Zukunft das Ganze mit Visual Studio kombinieren. Mit diesen drei Elementen verfügt er dann über eine sehr konsistente Umgebung. Sie ermöglicht ihm die Arbeit mit mehreren Plattformen - ob komplex oder nicht. Das ist zwar auch jetzt schon möglich, doch mit .NET 4.0 gehen wir noch einen Schritt weiter.

ZDNet: Wenn wir die Integrationselemente von Rosario so dringend brauchen, warum kam es dann in einem so hohen Maße zu einer isolierten Entwicklung? Bei dieser Segmentierung war ja sicherlich auch die Verwendung eines Großteils Ihrer bereits vorhandenen Technologie ausschlaggebend.

Zander: In einem großen Unternehmen existieren immer mehrere Entwicklungsschichten. Einerseits werden etliche Faktoren von außen bestimmt, andererseits gibt es auch unternehmensinterne Bedürfnisse. Daher lassen sich, zumindest bis zu einem gewissen Grad, isolierte Entwicklungen nicht vermeiden.

Nehmen wir aber einmal an, die Abteilung Beschaffungswesen in einem Unternehmen braucht einen neuen, externen Webservice, gleichzeitig soll sie aber auch enger mit dem Rest des Unternehmens verknüpft sein. Wir versuchen nun mit unseren Tools sicherzustellen, dass die Programmerstellung für diese verschiedenen Segmente vereinfacht wird - und selbstverständlich auch deren Verknüpfung. ZDNet: Ihre Marketingleute betonen immer wieder, dass VS2010 die "Verwaltung des Anwendungslebenszyklus von Architekten über Entwickler, Projektmanager bis hin zu Anwendungstestern demokratisieren" wird. Was kann man sich darunter vorstellen?

Carter: Im Bereich Informationsbereitstellung und Transparenz gibt es erhebliche Verbesserungen. Wir haben uns sehr intensiv mit dem Problem nicht reproduzierbarer Fehler beschäftigt. Was passiert, wenn ein Tester vergeblich versucht, gemeldete Fehler zu replizieren? Ein neues Test-Tool bietet jetzt dem Entwickler die Möglichkeit, eine Videoaufzeichnung des Bildschirms mit der Fehlermeldung anzusehen. Gleichzeitig kann er auch Informationen zum Debugging-Verlauf und zum Gerätestatus zum Zeitpunkt des Fehlers einsehen. Barrieren herabzusetzen und sicherzustellen, dass allen die gleichen Informationen zur Verfügung stehen, steigert den Teamgeist und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Darin besteht unserem Verständnis nach die Demokratisierung.

ZDNet: Es heißt, die Architektur von Visual Studio Team System (VSTS) 2010 soll auch Anwender außerhalb des technischen Bereichs in den Modellierungsprozess einbinden, um Geschäfts- und Systemfunktionen zu definieren. Wie können die Verantwortlichen verschiedener Geschäftsbereiche die Kontrolle über ihre spezifischen Anforderungen behalten?

Carter: Transparenz ist hier das A und O. Mit VSTS wollen wir Geschäftsanwendern sämtliche Reporting-Funktionen und Unternehmensinformationen zu Verfügung stellen, um den Status eines Projekts zu verfolgen. Wenn die Anwender auf diese Reporting-Funktionen mittels vertrauter Tools wie Excel oder Outlook zugreifen können, dann ist das eine erhebliche Verbesserung.

ZDNet: Ihre nächsten Windows-Azure-Tools sind auf die Entwicklung im Bereich Cloud Computing ausgerichtet. Wie sieht das in der Praxis aus?

Zander: Wir wollen, dass Entwickler für die Cloud auf all ihre Kenntnisse in der .NET-Programmierung zurückgreifen können. Es wird ein neues Sicherheitsmodell auf Sandbox-Basis geben, ähnlich wie damals beim ASP.NET-Framework für Webanwendungen. Die Erfahrungen mit dieser Technologie werden auch Azure beim Cloud Computing zugute kommen.

Carter: Das besondere an Azure ist, dass es allen Visual-Studio-Entwicklern sehr vertraut sein wird. Denn das Programmiermodell ist in beiden Fällen das gleiche. Deshalb hoffen wir, dass die Entwickler die Bewegung hin zum Cloud Computing als ganz natürliche Entwicklung betrachten.

ZDNet: Welche Ihrer Tools helfen Entwicklern bei den Methoden und Verfahren, die laut Chip-Herstellern bei der Multicore-Verarbeitung nötig sind?

Zander: Was VS2010 und Parallel Computing anbelangt, gibt es einige neue Bibliotheken. Sie wurden eigens dafür erstellt, Entwicklern das Schreiben parallelen Codes zu ermöglichen. Da haben wir einmal eine neue Laufzeitumgebung, die sogenannte Concurrency Runtime. Damit kann ein Entwickler sämtliche Prozessorkerne nutzen, die auf dem Rechner vorhanden sind. Außerdem werden die Werkzeuge von VS2010 so verbessert, dass sowohl der Debugger als auch der Profiler sämtliche Zusatzaufgaben, die für den Prozessor einplant sind, nachverfolgen und die Ausführung überprüfen können.

ZDNet: Die neuen Produkte sollen ja auch besonders für Webentwickler interessant sein. Was gibt es, abgesehen von der erwarteten vollständigen Silverlight-Unterstützung, Neues?

Zander: Selbstverständlich beschränkt es sich nicht auf die Silverlight-Unterstützung. Aber da wir uns Version 3.0 nähern, ist das sehr wichtig. Mit den neuen Produkten kommen auch neue MVC-Muster (Model-View-Controller) hinzu. Und VS2010 beinhaltet auch die Javascript-Bibliothek jQuery, einschließlich kompletter Intellisense-Unterstützung für Auto-Complete-Funktionen.

ZDNet: Die Test- und Debugging-Funktionen von VSTS 2010 werden als Blackbox-Rekorder bezeichnet, mit dem sich nicht reproduzierbare Bugs beseitigen lassen. Glauben Sie, dass Sie mit dieser Technologie - ganz nach dem Motto "Kehr zuerst vor deiner eigenen Tür!" - Ihre eigenen Betaversionen verbessern werden?

Zander: Selbstverständlich. Eine der Präsentationen, die Stephanie Saad auf der PDC und der TechEd vorgestellt hat, zielte ganz speziell darauf ab. Sie dokumentierte sämtliche Fälle, bei denen Microsoft eben genau nach diesem Motto VS2010 und VSTS weiterentwickelt. Intern wird bei uns nach dieser Devise teamübergreifend gearbeitet. In der Microsoft-Office-Abteilung beispielsweise leisten Tausende von Entwicklern jeweils ihren Programmcode-Beitrag. Die Redewendung ist bei Microsoft mittlerweile sogar schon zum geflügelten Wort geworden und wird häufig verwendet. Und wir kommen gut damit zurecht.